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Full text of "Roeder, Günther - Volksglaube im Pharaonen (1968)"

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SAMMLUNG VÖLKERGLAUBE 


Qünther Roeder 


Volksglaube im Pharaonenreich 












VOLKSGLAUBE 
IM PHARAONENREICH 


A* 

ROE 


von 

Qünth er Ro e der 




W. SPEMANN VERLAG STUTTGART 




















MIT EINER FARBTAFFT 

UND 16 EINFARBIGEN KUNSTDRUCKTAFELN 
68 TEXTBILDERN UND UBER 
500 HIEROGLYPHEN 


w. Spemann Verlag, Stuttgart / 1952 
Alle Rechte Vorbehalten / Printed in Germanv / ^ 

Satz und Druck: Verlagsdntdcerei^SU^t^Tu^rt 0 


INHALTSVERZEICHNIS 


Seite 

Vorwort. ^ 

Chronologische Übersicht.11 

Die vorgeschichtliche Zeit.12 

Die geschichtliche Zeit der Pharaonen.12 

Vas Alte Reich .13 

Vas Mittlere Reich .14 

Vas Neue Reich . 15 

Vie Spätzeit mit Fremdherrschaften .... 16 

Die Qriechische Herrschaft .17 

Vie Römische Herrschaft .18 

Vie Byzantinische Herrschaft .19 

Vie Arabisch-Fürkische Herrschaft .... 19 

I DIE ENTSTEHUNG DER RELIGIÖSEN VOR¬ 
STELLUNGEN 

Vie Urzeit .21 

Vie Frühzeit .33 

Vie Frühgeschichte .39 

II DIE GEOGRAPHISCHEN GRUNDLAGEN 

Das Nildelta von Unter-Ägypten.53 

Vie westlichen Qaue des Veltas .... 61 

Vie mittleren Qaue des Veltas .68 

Vie östlichen Qaue des Veltas .75 

Das Niltal von Ober-Ägypten. 86 

"Mittel-Ägypten mit dem Fajjum .... 90 

D er nördliche Feil von Ober-Ägypten bis Fheben 101 

D er südlichste Feil von Ober-Ägypten . . . 114 

III DIE GOTTHEITEN UND IHRE MYTHEN 

Theologische Systeme.125 

Naturdienst: Himmel, Erde, Felsen und Bäume . . 128 

Die geliebten und die gefürchteten Tiere . . . 136 

Soziale Gliederung der göttlichen Mächte . . . 141 

Tempel und Priester.144 




























Seite 


IV DIE TOTEN UND IHR JENSEITS 

Vorstellungen vom Jenseits.151 

Die Totengötter.156 

Königsgräber.160 

Privatgräber.164 

V DIE FRÖMMIGKEIT IM TÄGLICHEN LEBEN 


Das Verhältnis der verschiedenen Stände 

zu den Gottheiten.171 

D er cjottähnlidhe Xönig .171 

Der vornehme Herr .174 

Der einfache Qläubige .177 

Glaube und Aberglaube.181 

Zauberei und Erotik.189 

Festfeiern und Mysterien.197 

Die örtlichen Geheimkulte.204 

Lebensweisheit und Ethik.217 

Der Zweifler und Spötter unter den Gläubigen . . 223 

IV DIE WIRKUNG AUF DAS AUSLAND 

Nubien und der Sudan.235 

Die westliche Wüste und die Libyer .... 241 

Die östliche Wüste und Vorder-Asien .... 247 

Das nördliche Mittelmeer und die Griechen . 254 

Die Auseinandersetzung mit dem Christentum . . 264 

Literaturverzeichnis.270 

Tafelnachweis.271 


VORWORT 


Als ich vor 4J/£ Jahrzehnten mit Analysen ägyptischer 
Götterpersönlichkeiten und mit Übersetzungen religiöser 
Texte begann, hatte ich gegen Zeitströmungen und gegen 
übermächtige Persönlichkeiten in der Forschung anzukämp¬ 
fen. Damals wurde es mir schwer gemacht, den ägyptischen 
Glauben aus geographischen Grundlagen und politischen 
Strömungen herauswachsen zu lassen. Gegenüber bedenk¬ 
lichem Kopfschütteln und herber Verurteilung suchte ich 
damals durch Quellenkritik, Erfassung der geschichtlichen 
Entwicklung und Einfühlung in die unbewußte Mystik ver¬ 
ständlich zu machen, was die Urkunden uns zu sagen hatten, 
und ich stellte mich deshalb zunächst ganz auf die Phäno¬ 
menologie ein, sammelte also Tatsachen. Heute sind solche 
Kämpfe aus der Kinderzeit der Ägyptologie überwunden. Als 
ich von der Forschung zu praktischen Museumsaufgaben und 
der Denkmalpflege, meist außerhalb der Ägyptologie, über¬ 
gehen mußte, haben andere die Arbeiten fortgesetzt, eine 
Fülle von Material zusammengetragen, eine ganze Reihe 
von Theorien zur Begründung der religiösen Wandlungen 
aufgestellt und ein Gebäude aufgerichtet, in dem man nun 
von Raum zu Raum gehen kann und die Lehren der ägyp¬ 
tischen Staatskirche wie des Volksglaubens für jede einzelne 
Epoche und Dynastie gesichtet findet. Da habe ich für dieses 
Büchlein kaum noch Eigenes hinzuzutun gehabt. 

Als der Verlag W. Spemann in Stuttgart an mich mit der 
Aufforderung zu einer allgemeinen Darstellung der ägyp¬ 
tischen Religion herantrat, habe ich begreiflicherweise ab- 
gelehnt. Weshalb sollte ich meine Zeit auf eine für den 
wissenschaftlichen Fortschritt nebensächliche Aufgabe ver¬ 
wenden in Jahren, in denen ich endlich einmal alle Kräfte 
auf die Veröffentlichung des seit Jahrzehnten in meinen 
Händen angesammelten Materials aus Grabungen, Expedi- 



















tionen, Reisen und Forschungen verwenden konnte, ehe mir 
die Feder aus der Hand sinkt? Wenn ich der wiederholten 
Aufforderung und dem verständnisvollen Entgegenkommen 
doch nachgegeben habe, so sind dafür zwar äußere Um¬ 
stände entscheidend gewesen, die ich aus meinem Leben 
entschwunden geglaubt hatte. Aber es war doch verlockend, 
am Ende des Lebens noch einmal zu überlegen und darzu¬ 
stellen, was aus den Wünschen des Jünglings inzwischen 
geworden war. Mögen meine Freunde, die meine Entschlüsse 
bestärkten und meine Niederschrift förderten, ihre Freude 
an dem Ergebnis haben. 

Dieses Ergebnis beruht nicht auf besonderen Studien, 
es ist nicht wissenschaftlich, und es ist nicht für Ägyptologen 
bestimmt. Ich habe sogar absichtlich den Weg vermieden, 
der für die kritische Forschung unbedingt erforderlich ist: den 
geschichtlichen. Ich habe vielmehr meinen Lesern die Belege 
für die maßgebenden Grundanschauungen der ägyptischen 
Gläubigen herausgegriffen, wo sie mir gerade zur Hand 
waren und bezeichnend erschienen, besonders aus erst kürz¬ 
lich veröffentlichtem Material, das in den vorhandenen Dar¬ 
stellungen noch nicht verwendet ist. Nachdem die Ägypter 
aus der Urzeit, die uns durch die vergleichende Religions- 
geschichte der primitiven Völker und durch die Völker¬ 
psychologie verständlich wird, in das Pharaonenreich hin¬ 
eingetreten sind, erlebten sie in den drei Jahrtausenden 
ihrer nationalen Geschichte viele Wandlungen, blieben als 
echte Afrikaner aber innerlich, was sie waren, und mit den 
Worten wie mit der Melodie und der Tonart ihrer Gesänge 
hat sich der gläubige Fanatismus ihrer religiösen Überzeu¬ 
gungen nicht geändert. Was für die landschaftliche Eigen¬ 
art des Niltales gilt, ebenso für den Rassencharakter seiner 
Bewohner, für ihre Volkslieder und für die Gebräuche des 
Bauernvolkes, das gilt auch für ihre Gläubigkeit: ihre Leiden¬ 
schaftlichkeit, ihre Mystik und Magie, und ihre bewußte 
Bindung an den Ritus haben die Ägypter aus ihrer Urzeit 
bis heute bewahrt. Da habe ich es als erlaubt angesehen, 


einmal nicht nur wissenschaftlich zu zergliedern, sondern 
aus der Einheit des Ägyptertums zu schöpfen, und ich habe 
Analyse durch Rekonstruktion ersetzt. 

Meinem Buch habe ich gegenüber den vorhandenen Dar¬ 
stellungen ein selbständiges Gepräge verliehen, indem ich 
es geographisch aufbaute und durchführte. Der Kenner wird 
durch einen Vergleich mit den bisherigen Bearbeitungen 
sehen, in wie vielen Punkten dadurch ein Fortschritt über 
die bisherigen Beurteilungen hinaus erzielt worden ist. 
Gewiß sind durch diese Anordnung und Betonung Wieder¬ 
holungen gleicher oder ähnlicher Vorstellungen und Götter¬ 
persönlichkeiten veranlaßt worden. Aber diese wären auch 
bei einer geschichtlichen Anordnung nicht zu vermeiden ge¬ 
wesen. Wenn ich diesem ersten Versuch einer geographi¬ 
schen Aufteilung der ägyptischen Religion eine Wirkung 
verschaffen wollte, mußte ich diese auf allen Gebieten in 
Erscheinung treten lassen. 

In den späteren Kapiteln wird der Leser bei vielen Tat¬ 
sachen einen Hinweis auf einen Gau von Unter- oder Ober- 
Ägypten „(Gau . . .)" mit einer Zahl I—XXII finden. An 
diesen Stellen setze ich voraus, was bei jenem zitierten Gau 
ausgesprochen ist, und leite von dort aus weiter. Der Leser, 
der sich unterrichten will, möge also jenen Gau nachlesen; 
ich habe ihm das Zurückschlagen typographisch durch die 
Voranstellung von Totem und Zahl des Gaues erleichtert. 

Wenn dem Buche die Angabe der Quellen fehlt, so spricht 
sich auch darin seine Bestimmung für Nichtfachleute aus. 
Wer Quellen zu lesen wünscht, greife zu den beiden Samm¬ 
lungen von Übersetzungen, die ich, ebenfalls für weitere 
Kreise hergerichtet, herausgegeben habe: die eine mit einer 
1914 getroffenen Auswahl „Urkunden zur Religion des 
alten Ägypten" (Jena, bei Eugen Diederichs, 1915, 2. Aus¬ 
gabe 1923), die andere mit dort nicht gegebenen Texten 
(Zürich, Artemis-Verlag 1952). Eine Erweiterung und Ver¬ 
tiefung der in meinen Kapiteln gegebenen Skizze kann man 
der großen Zahl der vorhandenen Darstellungen der ägyp- 


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9 






tischen Religion entnehmen. In ihnen spielen allerdings der 
Volksglaube und auch die Ortsgötter meist eine unterge¬ 
ordnete Rolle, da das Interesse der Ägyptologen sich stärker 
der Dogmatik der Priesterschaft und dem königlichen Kul- ) 

tus in den Tempeln zugewendet hat. 

Gern hätte ich meinen Lesern die ägyptischen Gottheiten 
und Menschen auch in der Form ihrer Namen nahe ge¬ 
bracht und sie ihnen nicht in der Entstellung durch die 
semitische, griechische oder lateinische Wiedergabe dar¬ 
geboten. Aber nachdem Schikaneder und Mozart „O Isis 
und Osiris!" unsterblich gemacht haben, durfte ich ihnen ( 

nicht mehr ihre ägyptischen Namen Eset und Usire geben. 

Das brachte ihren Sohn Horus (statt Hör), auch Harpo- 
krates, und den hundeköpfigen Anubis (statt Anüp) mit sich, 
und auch Nephthys wagte ich nicht Nebt-höt zu benennen, 
oder die verschleierte Neit von Sais richtiger Neret, oder 
den Stier Apis etwa Hapi. Bei den weniger Verbreiteten 
habe ich aber die ägyptischen Formen eingesetzt: Setech 
statt Seth, Im-hötep statt Imuthes, An-hüret statt Onuris. 

Ebenso sind bei den Königsnamen Ramses und Amenöphis 
nicht mehr zu vermeiden (statt Ra-mesesu und Amon-hötep) ; 
aber den Erbauern der drei Pyramiden von Giza (Gise) 
habe ich ihre ägyptischen Namen gegeben. Bei den Orts¬ 
namen glaubte ich die bekannten Formen Memphis und 
Theben, Heliopolis und Hermopolis bestehen lassen zu 
müssen, habe aber die ägyptischen Stadtnamen eingefügt. 

Hierin muß man einstweilen willkürlich Vorgehen, denn 
meine eigenen Bemühungen um eine Verständigung sind 
durch den Zusammenbruch unseres Staates stillgelegt, und 
die Ägyptologen haben es darin noch nicht zu einer natio¬ 
nalen, geschweige internationalen Regelung gebracht. 

Hildesheim, Frühjahr 1951 

Qüniher Roeder. ( 


CHRONOLOGISCHE ÜBERSICHT 

Die Zeitfolge der Ereignisse in der Geschichte der ägyp¬ 
tischen Religion ist naturgemäß von erheblicher Bedeutung 
bei einem Ablauf, der sich durch drei Jahrtausende schrift¬ 
licher Überlieferung erstreckt. Man könnte die ganze Dar¬ 
stellung der ägyptischen Religion auch in eine ausschließlich 
zeitlich geordnete Folge einspannen, und das haben 
die meisten Verfasser getan. Sie haben dabei von dem 
3. Jahrtausend vor Chr. ab immer wieder zu schildern, wie 
man alte Bilder und Texte hervorgesucht und in neu ge¬ 
stalteter Fassung vorgeführt hat, wie man Kulte alter 
Könige neu belebte und an ihre Leistungen für die Kirche 
anknüpfte, und wie die Vorstellungen der Urzeit in der 
pharaonischen Zeit immer wieder durch die politischen Ent¬ 
wicklungen beeinflußt, beseitigt oder durch neue Strömun¬ 
gen ersetzt wurden. Es ist begreiflicherweise nicht gleich¬ 
gültig, ob wir ein Original aus dem Alten Reich vor uns 
haben oder eine, naturgemäß meist umgestaltete Wieder¬ 
gabe derselben Urkunde aus der archaisierenden Spätzeit. 
In dem häufigen Falle, daß uns ein alter Text nur in einer 
späten Überarbeitung vorliegt, kann man ihn entweder bei 
der Zeit einordnen, aus der sein Urbild vermutlich stammt, 
oder bei der Spätzeit, die ihm die vorliegende Gestalt ge¬ 
geben hat. Das gilt für religiöse Texte ebenso wie für die 
schöne Literatur und auch für Arbeiten der bildenden Kunst; 
es liegt in der konservativen Natur der Ägypter bei einer 
langen Geschichte ihres Staates und Volkstums begründet. 
Wenn ich mich entschlossen habe, in diesem Buche nicht 
grundsätzlich in zeitlicher Folge darzustellen, so trat dadurch 
hier einmal eine andere Tendenz in den Vordergrund: 
die psychologischen Untergründe, und zwar auf geographi¬ 
scher Grundlage. Ich beschränke mich deshalb auf eine 
chronologische Tabelle, die betont, was zum Verständnis 
des Materials notwendig ist. 


* 


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DIE VORGESCHICHTLICHE ZEIT 
bis 4. Jahrtausend 

In der Urzeit werden die Nomaden der Wüste se߬ 
haft an den Ufern des allmählich austrocknenden Nilbettes; 
der Glaube der Wüstenhorden wandelt sich zur Religion 
der Bauern. Die Stämme schließen sich zu Gauen 
zusammen, und dabei bewahren sie ihre Totem, Fetische, 
Dämonen und endlich Gottheiten als Symbole ihrer Land¬ 
schaft. In der Frühgeschichte des 4. Jahrtausends haben 
sich durch Zusammenschluß mehrerer Gaue Staaten 
als wechselnde Vormacht gebildet unter Führung der 
unterägyptischen Städte Buto (Gau VI) mit dem Gott 
Horus (Falke), Sais (Gau IV—V) mit der libyschen Pfeil¬ 
schützin Neit (Neret), und Heliopolis (Gau XIII) mit dem 
Urgott Atum und der Sonne Re Hor-achti. Ferner unter 
Führung des mittelägyptischen Hnes Herakleopolis (oberäg. 
Gau XX) mit Hari-schaf Harsaphis (Bock). Endlich unter 
Führung der ober ägyptischen Städte Nubt Ombos mit 
Setech (phantastisches Wüstentier) in Gau V, sowie Nechen 
(Falke) und Nechab (Geier) in Gau III. Die Kämpfe zwi¬ 
schen den Nord- und Südstaaten wurden entschieden durch 
den aus Tine (Gau VIII) stammenden Ober-Ägypter Mena 
(Nar-mer), der Unter-Ägypten unterwarf. 

DIE GESCHICHTLICHE ZEIT 
DER PHARAONEN 

Die geschichtliche Zeit, beginnend mit dem Gebrauch der 
Schrift für amtliche Aufzeichnungen bis zu der Eroberung 
durch Alexander den Großen ist von dem Priester Meri-en- 
Thot, griechisch Manethos, aus Sebennytos (unterägyptischer 
Gau XII) um 300 vor Chr. gegliedert worden in 30 Herr¬ 
scherfamilien „Dynastien", die teilweise willkürlich 
zusammengefügt sind. 


DYN. I König Mena (Nar-mer) um 3200 

gründet Memphis mit Ptah als Gott der Hauptstadt 
des geeinten Reiches. 

DYN. II Seine Nachfolger, z.T. Diener des Setech von Nubt 
(Ombos, Gau V), werden bei Ab y dos (Gau VIII) be¬ 
stattet unter dem Schutz des Hundes Chenti Amentiu 
„Erster der Westlichen (Toten)". 

Vas Alte Reich 

DYN. III Zoser aus Memphis (?) um 2980 

ersetzt seine Mastaba bei Bet Challäf (oberäg. Gau VIII) 
durch eine Pyramide bei Sakkära (unteräg. Gau I), 
erbaut von dem Baumeister und Weisen Im-hotep (später 
Halbgott). 

DYN. IV Snofru, residiert in Memphis, um 2900 

erbaut sich im Süden von Gau I eine Stufenpyramide 
bei Maidüm und eine Knickpyramide bei Dahschür. Die 
drei Könige Chufu (griechisch Cheops), Chaf-Re (Chephren) 
und Men-kaw-Re (Mykerinos) erbauen sich ihre Gräber als 
echte Pyramiden auf der Wüste bei G i z a / Dedef-Re die 
nördlichste Pyramide bei Abu Rawäsch. 

Dyn. V Herrschergeschlecht „Sohn des Re" ab 2750 

aus der Familie des Re bei Heliopolis (?), betätigt sich 
durch Erbauung von offenen Sonnentempeln mit Obelisk 
bei A b u s l r (nördlich Memphis) neben ihren Pyramiden: 
Woser-kaf, Sahu-Re, Nofer-ar-ka-Re und Niwoser-Re. 
Unter dem letzten König Unas (griechisch Onnos) beginnt 
mit seiner Pyramide bei Sakkära die Sitte, die Wände der 
Sargkammer mit Toten texten zu bedecken. 

DYN. VI Könige in Memphis, ab 2600 

Teti, Pepi (Phiops) I.—II. und Mer-en-Re erbauen ihre 
Gräber bei Sakkära mit „Pyramidentexten" als reli¬ 
giöse Literatur für das Jenseits, überarbeitet durch die 
Priester von Heliopolis. Die Königsmacht wird zeitweise 
geschwächt durch die Gaugrafen, die sich ihre Gräber nicht 


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mehr neben dem Königsgrab anlegen, sondern unter dem 
Schutze ihres Gaugottes in ihrem heimatlichen Gau. In 
den Privatgräbern werden nach dem Vorbild des Königs¬ 
grabes Gebrauchsgegenstände sowie Speisen und Getränke 
beigegeben für das Leben im Jenseits, ferner eine 
Statue (ursprünglich unterägyptisch?) für den Empfang der 
Opfergaben. Die Totengötter sorgen nicht nur für den 
Pharao, sondern auch für den einfachen Mann, der sich 
den urzeitlichen Volksglauben an die Lenkung der Welt 
durch Götter und überirdische Mächte bewahrt hat, wäh¬ 
rend der Pharao als Haupt der Priesterschaft den Verkehr 
der Untertanen mit den Gottheiten vermittelte und vollzog, 
auch zunächst allein der Auffahrt zu den Gottheiten im 
Himmel teilhaftig geworden war. 

DYN. VII—X Verfall des Alten Reiches in Fürstentümer, 
zeitweise unter Führung der Gaugrafen von Hnes Herakleo- 
polis (oberäg. Gau XX) mit dem Schutzgott Hari-schaf 
Harsaphis als Bock. Emporkommen des bürgerlichen Mit¬ 
telstandes mit dem Anspruch auf eigene Götterver¬ 
ehrung und selbständiges Leben im Jenseits; das religiöse 
Individuum wacht auf, auch als spöttischer Kritiker. 

Das “Mittlere Reich 

DYN. XI Die Gaugrafen Montu-hötep, ab 2100 

aus Per-Montu (Armant) und Theben (Luksor) im 
oberäg. Gau IV, einigen ihren Südstaat mit dem Norden, 
tragen ihre Gaugötter Montu und Amon in das ganze 
Reich und lassen sich auf der Westseite von Theben in 
Pyramiden auf Terrassentempeln bestatten. 

DYN. XII Amon-em-het I.—IV. und Sesostris I—III. aus 
Theben, a b 2000 

bauen als Gräber Pyramiden bei Memphis im Süden 
des unteräg. Gaues I bis nach dem Fajjüm hin, das sie 
urbar machen (Gott Sobk als Krokodil). Dem Amon 
von Theben wird die Sonne Re angegliedert, und Amon 


Re als Staatsgott und Weltbeherrscher wird im ganzen 
Reich verehrt. Der Totendienst der Privatleute erhält seinen 
literarischen Ausdruck in den „Sargtexten" für das Jenseits. 
DYN. XIII Verfall des Mittleren Reichs, ab 1800 

in Fürstentümer, zeitweise zusammengehalten durch 
Könige Nofer-hötep, Sobek-hötep u. a. aus Theben. 
DYN. XIV—XVI Die Hyksos, ab 1700 

vorderasiatische Nomaden, unterwerfen die nördlichen 
Fürstentümer und nehmen den ägyptischen Gottes- und 
Totendienst an. Von Avaris T a n i s (unteräg. Gau XIV) 
aus erheben sie den Gaugott Setech, der den syrischen 
Kampfgöttern ähnelt, zu ihrem Staatsgott. 

Das Neue Reich 

DYN. XVII Die Gaugrafen von Theben, ab 1600 

zuletzt Jah-möse (Amösis), vertreiben die Hyksos und 
einigen Ägypten von neuem mit Amon als Schutzgott. 
DYN. XVIII Könige Amon-hötep I.—IV. und Thut-möse 
I.—IV. aus Theben, ab 1557 

üben eine glänzende Herrschaft über ein mächtiges 
Reich aus. Neben Amon Re von Theben werden Ptah 
von Memphis und Atum Re von Heliopolis als Staats¬ 
götter zusammen mit dem Königskult nach Nubien getra¬ 
gen, ebenso in die westlichen Oasen und nach Palästina. 
Die Könige erbauen sich Totentempel auf der Westseite 
von Theben und Felsengräber in dem Wüstental Bibän el- 
Mulük. Privatleute legen sich in allen Gauen künstlerisch 
ausgestattete Felsengräber mit Bildern und Inschriften an, 
vor ihnen eine Kapelle mit Pyramide. Auf den Wänden 
der Königsgräber wird eine religiöse Literatur in Wort und 
Bild angebracht; den Privatleuten wird das „Totenbuch" 
mit Sprüchen für das jenseitige Leben mitgegeben. 

König Amon-hötep IV. (Achnatön) sucht 1370—1352 die 
bestehende Religion durch die ausschließliche Verehrung 
der Sonne Atön in A m a r n a zu ersetzen, die ohne 

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menschliche Gestalt, ohne tierisdie Begleitung und ohne die 
hergebrachten Symbole im Freien angebetet wird. Seine 
Schwiegersöhne Smendt-ka-Re und anfangs auch Tut-anch- 
Aton dienen als Könige noch der revolutionären Refor¬ 
mation. Sein Schwiegervater Aja ist wieder ganz zu der 
Reaktion übergegangen. 

DYN. XIX General Hor-em-hab stellt ab 1350 

als König die Herrschaft der Landeskirche und des Heeres 
wieder her. Unter den Königen einer aus T a n i s (unteräg. 
Gau XIV, Schutzgott Setech) stammenden Dynastie, da¬ 
bei Ramses I.—II. und Sethos I.—II., wird das Kolonial¬ 
reich mit den ägyptischen Staatsgöttern in Syrien, Libyen 
und Nubien ausgebaut und verteidigt. Die gleiche Herr- 
scherfamilie hält als 

DYN. XX mit Ramses III.—XII. a b 1200 

die Blüte des Neuen Reiches äußerlich aufrecht. Innerlich 
geht die Staatsleitung an den Amon-Tempel in Theben 
über, dessen Hoherpriester Heri-Hör die Königswürde 
ergreift. Die Felsengräber der Könige sind ständig bei 
Theben angelegt worden; die Gräber reicher Privatleute, 
besonders der hohen Beamten und Priester, haben in allen 
Gauen und in den Kolonien eine reiche Ausstattung er¬ 
halten. Der volkstümliche Gottesdienst bringt seine Ver¬ 
ehrung der Naturmächte, Tiere und phantastischen Wesen 
zur Geltung. 

Die Spätzeit mit Jremdherrsdhaften 

DYN. XXI—XXIV Zerfall in Nord- und Südstaat, ab 1090 
in Ober-Ägypten hält sich eine einheimische Dynastie 
in Verbindung mit dem Amon-Tempel von Theben bis zur 
Unterwerfung durch die Nubier. In Unter-Ägypten 
wechselt die Vormacht zwischen Fürsten, meist libyschen 
Generalen, von Tanis, Bubastis und Sais. Die religiöse Über¬ 
lieferung des Neuen Reiches wird gepflegt. 


16 


DYN. XXV Nubische Könige ab 712 

erobern Ägypten und bringen ihre Verehrung der ägyp¬ 
tischen Gottheiten, besonders des Amon, nach Norden, 
meist unter Anknüpfung an das Neue Reich. 

DYN. XXVI Libysche Könige aus Sais ab 663 

wo sie auch bestattet werden, befreien das Land von 
der Herrschaft der Assyrer und beleben Religion und 
Kunst durch bewußte Anlehnung an das Alte Reich. Die 
Könige Psametik I.—III., Apries (hebräisch Hophra) und 
Jah-möhse (Amasis) herrschen mit Hilfe griechischer Söld¬ 
ner, die hellenische Kultur und Gottheiten in das 
Niltal bringen. 

DYN. XXVII—XXX Unter persischer 
Oberhoheit ab 525 

machen sich zeitweise ägyptische Deltafürsten unab¬ 
hängig, besonders aus Sais, Mendes, Sebennytos und 
Hebit (Iseion), auch oberägyptische Anführer. Die ägyp¬ 
tische Religion mit Magie und volkstümlichem Tierdienst 
wird von griechischen Reisenden beobachtet, zuerst von 
Herodotosum 440, der von Geheimkulten (Mysterien 
unter Beteiligung von Laien) berichtet. 

Die Qriedbisdbe J-lerrsdbaft ab 332 

Nach der Eroberung Ägyptens durch Alexander den 
Großen herrschen aus der Familie eines seiner Generäle 
(M a k e d o n i e r mit hellenischer Kultur und Religion) die 
Könige Ptolemaios I.—XVI. im Einvernehmen mit der 
Priesterschaft, die die einheimischen Gottheiten unverändert 
verehren. Priestersynoden beschließen besondere Ehrungen 
des regierenden Königs in Fortsetzung des einheimischen 
Königskultes. Die in der Spätzeit geplanten Neubauten 
der Tempel werden in allen Gauen in größtem Stile durch¬ 
geführt, an ihren Wanden werden religiöse Bilder und Texte 
eingemeißelt, die in den Archiven aus alter Zeit vorhanden 
waren. Die Königsfamilie beteiligt sich als Nachfolger der 


2 Roeder, Pharaonenreich 


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Pharaonen an dem Kultus der einheimischen Gottheiten, 
der von den Priestern nach alten Vorbildern aufrechter¬ 
halten wird. Von Alexandreia aus wird Sarapis = Osiris 
Apis als gemeinsamer Gott der Griechen und Ägypter ein¬ 
geführt. Die Königsgräber, z. T. in den Städten, sind fast 
unbekannt. In die Privatgräber dringt die von den Leben¬ 
den angenommene griechische Kultur und Kunst ein. Grie¬ 
chische Philosophen und Fachgelehrte reisen in das Niltal, 
um sich von ägyptischen Priestern in ihre Überlieferung von 
Religion und Wissenschaft einführen zu lassen/ die griechi¬ 
schen Mysterien sind unter dem Einfluß der ägyptischen 
Theologen erwachsen. 

Die Römische Herrschaft ab 30 v. C. 

Trotz der griechischen Kultur der Ägypter werden die 
römischen K a i s e r in den Tempeln von der Priesterschaft 
als Nachfolger der Pharaonen angesehen und in Anbetung 
vor den ägyptischen Gottheiten dargestellt. In den fest um¬ 
grenzten Kreisen der Tempel bleibt die ägyptische Religion 
mit der einheimischen Kunst und den Hieroglyphen ver¬ 
bunden. Ihre Gottheiten, teils mit archaisierender Ten¬ 
denz bewahrt, teils durch griechischen Einfluß umgestaltet, 
werden von Gläubigen verehrt, die sich in ihre mystischen 
Züge und in ihre geheimnisvollen Kulte versenken. Ägyp¬ 
tische Gottheiten, besonders Isis und Osiris, werden durch 
die Römer, deren Sprache im Niltal auf den amtlichen 
Verkehr beschränkt bleibt, in alle Teile ihres Reiches ge¬ 
tragen, auch in Italien von religiösen Suchern wie einhei¬ 
mische angebetet. Römische Gelehrte und Reisende be¬ 
richten ihre Beobachtungen über die Theologie der Ägypter 
und ihr Verhalten im Gottesdienst und im Totenkult. Aus 
der ägyptischen Religion gehen zahlreiche Vorstellungen in 
die miteinander kämpfenden Lehren des Mani aus Baby¬ 
lonien und des Jesus aus Palästina über. Das Christen¬ 
tum, zuerst in der einheimischen („koptischen") Sprache, 


dann durch griechische Übersetzungen verbreitet, erhält in 
Ägypten eine besondere Färbung durch Mönche und Ein¬ 
siedler. 

Die Byzantinische Herrschaft ab 395 

Durch die Teilung des römischen Reiches kommt Ägyp¬ 
ten zu dem Ostreich unter der Oberhoheit von Byzanz 
(Konstantinopel). Die christlich gewordene Bevölkerung 
bildet nach der Lehre der Monophysiten die koptische 
Kirche. Die Tempel der einheimischen Religion werden ver¬ 
wüstet und bleiben als Ruinen liegen, wenn sie nicht zu 
Kirchen oder Wohnhäusern umgebaut werden. Ägyptische 
Gottheiten tauchen in der volkstümlichen Literatur, beson¬ 
ders in den Beschwörungen der Zauberer, noch gelegentlich 
als mächtige Geister auf. 

Die Arabisch-türkische Herrschaft ab 640 

Die Eroberung Ägyptens durch die Araber bringt die 
arabische Sprache und für den größten Teil des Volkes als 
Religion den Islam. Die ägyptische Religion ist über¬ 
wunden, und nur literarische Berichte in den Werken der 
Historiker sprechen von ihr. 


18 


19 





SYRIEN 


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Dgmjel 

Alexandria — 


PALÄSTINA 


iRABIEN 


/ Mallen 


[•Amärna 


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Abb. 1. Die Wüste von Nordost-Afrika mit dem in sie eingebetteten Niltal. 


Kapitel I 


DIE ENTSTEHUNG DER 
RELIGIÖSEN VORSTELLUNGEN 


Die Urzeit 

Der nordöstliche Teil von Afrika ist eine Wüste von 
ungeheurer Ausdehnung, die sich von der Sahara aus nach 
Norden bis an das Mittelmeer erstreckt und nach Osten 
bis an das Rote Meer (Abb. 1 und Tafel 2). Diese Wüste 
mag vor 10 000 Jahren, als die Eiszeit sich aus Mittel- 
Europa nach Norden zurückzog, noch eine längere Regen¬ 
zeit als heute gehabt haben, so daß größere Grünflächen 
den Herden der Nomaden durch Monate hindurch Nah¬ 
rung boten. Damals können menschenreiche Stämme dort 
für einen längeren Teil des Jahres gezeltet haben, bis das 
Verdorren der Kräuter sie weitertrieb. Die durch die Wüste 
wandernden Stämme kannten in ihrem ärmlichen Dasein 
nur die Mächte, die ihnen ihre einsam-großartige Um¬ 
gebung darbot. Zuerst den ewig blauen Himmel, der ihnen 
bei Tage eine unerbittlich brennende Sonne zeigte, bei 
Nacht eine Fülle von Sternen leuchtender als irgendwelchen 
anderen Menschen. Dann den Wüstenboden mit seinem un¬ 
fruchtbaren Sande und mit seinen zerrissenen Felsen, deren 
Spitzen ihre Wegweiser durch die gleichmäßige Landschaft 
waren. Wo einmal ein Baum stand, dem tiefgehende Wur¬ 
zeln das Wachstum ermöglichten, war er ein Wahrzeichen, 
das weithin sichtbar die Menschen anlockte. Die Helfer der 
wandernden Stämme waren die Ziegen und Schafe ihrer 
Herden, in denen die anspruchsvolleren Rinder sich sel¬ 
tener fanden, überall waren sie von Feinden umgeben. 
Nachts wurden sie von Löwen und anderen Raubkatzen 
überfallen. Aus der Luft stießen Geier, Falken und sonstige 
Raubvögel auf das spärliche Federvieh herab. Schlangen 
und Skorpione bedrohten jeden Schritt auf dem ungewissen 


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W Boden. Im Winter brachte der Regen als einziger Wasser¬ 
spender neben dem Morgentau auf dem Lehmboden der 
Senken in der Wüstenfläche wohl einen Pflanzenwuchs her¬ 
vor. Aber wenn er, wie in der Wüste häufig, als Wolken- 
brucli niederging, wirkte er mehr zerstörend als befruchtend. 

In diese ungeheure Wüste hat nun die Natur, als ob sie 
dem Menschen einen Weg für seine Entwicklung bahnen 
wollte, eine Spalte von ein paar Tausend Kilometer Länge 
gerissen, und durch diese Spalte läßt sie das Wasser aus 
den Seen um den Äquator herum, von den Gebirgen Abes¬ 
siniens nach dem Mittelmeer zu abfließen. Die Spalte wird 
also dauernd von Wassermengen durchflossen, die einen 
Strom mit erheblichem Gefälle und mit bedeutenden Was¬ 
sermengen bilden: den Nil (Tafel 3 und 8). Jeder Fluß, 
der noch seinen von selbst entstandenen Lauf besitzt, strömt 
nicht zusammengeballt in einem einzigen Bett (wie der Nil 
heute), sondern fließt in mehreren Armen nebeneinander, 
die ihren Lauf von Zeit zu Zeit verlegen. In jenen frühen 
Jahrtausenden war das Niltal versumpft und unzugänglich. 
Wenn das Schmelzwasser von den abessinischen Gebirgen 
im Sommer für einige Monate allmählich nach dem Mittel¬ 
meer abfloß, war das ganze Tal überschwemmt, und das 
Wasser verhinderte als ein langgestreckter See jeden Ver¬ 
kehr zwischen der östlichen und der westlichen Wüste. 
Dann wirkte das Niltal nicht als eine Verbindung zwischen 
Süd und Nord, sondern als unüberwindliches Hindernis 
zwischen Ost und West. 

Das Niltal hat in der Urzeit eine Sperre zwischen der 
westlichen und der östlichen Wüste gebildet, die sich auf 
die rassische Entwicklung der Nomaden in ihnen entschei¬ 
dend ausgewirkt hat. Sie sprechen zwar sämtlich hamitische 
Sprachen, die aber recht verschieden voneinander sind, 
und ihre körperliche Beschaffenheit weicht noch mehr von¬ 
einander ab. Die Stämme in der westlichen Wüste 
sind immer Libyer gewesen, deren Verwandte bis heute als 
Berber auch das Küstenland bewohnen/ hellfarbige und 


schlichthaarige Leute, unter denen blaue Augen im Alter¬ 
tum nicht selten waren. Im Gegensatz zu ihnen waren 
die Stämme der östlichen Wüste, die heutigen Bega- 
Völker, wilde Gesellen mit buschigem Haar, mißtrauisch 
und unzuverlässig, zu allen Zeiten plündernde Räuber. Auf 
beiden Seiten des Niltals wanderten diese Stämme durch 
die Wüste bis an die tropischen Niederungen des Sudan 
heran, wo sie auf die auch noch hamitischen Nubier 
stießen, ein dunkelhäutiges und meist kraushaariges Volk. 
Dieses bildet den südlichen Abschluß des Völkerkreises, 
der für uns in Betracht kommt/ denn die eigentlichen Neger, 
nach Rasse und Sprache von den genannten Völkern völlig 
abgesondert, gehören zu Inner-Afrika und haben für die 
Urzeit Ägyptens nur mittelbare Bedeutung. 

Die ältesten Spuren menschlicher Besiedlung liegen 
in Ägypten an den Hängen des Wüstengebirges auf beiden 
Ufern des Nils, ziemlich weit oberhalb der heutigen Uber- 
schwemmungsgrenze. Sie sind an der Menge von Messern 
und Geräten aus Feuerstein kenntlich, die dort als unbrauch¬ 
bar zurückgelassen wurden. Wenn diese Stellen Dauersied¬ 
lungen waren, muß die Überschwemmung bis fast zu ihnen 
hinauf gereicht haben, und Bäche in den Wüstentälern führ¬ 
ten Frischwasser vorbei. Das Leben der urzeitlichen Ägypter, 
die sich dort ihre Flintgeräte aus den in der Nähe an¬ 
stehenden Feuersteinknollen anfertigten, hat in engem Zu¬ 
sammenhang mit dem Randgebiet der Wüste gestanden, 
und dort bildeten sich seine religiösen Vorstellungen. Dem 
Jäger drängte sich täglich die Sorge um die Gewinnung des 
Wildfleisches auf, und dazu die Furcht vor den Raubtieren, 
die ihn daran hinderten und ihn selbst bedrohten. 

Zu seiner Ernährung brauchte der jagende Nomade der 
Urzeit aber außer dem Fleisch auch schon Gemüse, Früchte 
und Brotgetreide, ganz abgesehen von dem Grünfutter für 
seine Herden. Alles dieses konnte er dem Wüstenboden 
nicht abgewinnen, sondern nur dem Alluvialboden, den der 
Nil durch seine Ablagerungen herstellte und zu dessen 



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Fruchtbarkeit der Strom fortgesetzt das nötige Wasser lie¬ 
fern mußte. Das war nicht leicht, denn die Strömung des 
Nils wühlte während der Überschwemmung ständig die 
Talsohle auf, und das Schwemmland veränderte sich 
in jedem Jahre durch die Verästelungen seines Abflusses. 
Der Streifen der fruchtbaren schwarzen Erde an den beiden 
Rändern des Niltals war schmal und durch die unberechen¬ 
baren Fluten der Überschwemmung in jedem Sommer von 
neuem gefährdet. Trotz aller natürlichen Hindernisse voll¬ 
zog sich aber dort doch der allmähliche Übergang von dem 
Jäger zu den Bauern in ständigem Kampf mit den Elemen¬ 
ten, mit bösen Nachbarn und mit gefährlichen Tieren. Hier¬ 
bei erhielten auch die religiösen Vorstellungen neue Nah¬ 
rung, getrieben durch das Gefühl der Abhängigkeit von den 
allmächtigen Kräften der Natur: der Erde, die er bebaute; 
dem Wasser, das ihm der Nil lieferte; und der Sonne, die 
ihm die Ernte reifen ließ. 

Die Sorge um das tägliche Brot und die Freude an der 
reichlichen Ernte hat die Nomaden seßhaft gemacht. 
Wenigstens einen Teil von ihnen, der dazu neigte; im all¬ 
gemeinen ist der Beduine unstet und der festen Wohnung 
abhold. Aber es war doch verlockend, durch das Frucht¬ 
land mit allem versorgt zu werden, was das Herz des ur- 
zeitlichen Menschen begehrte, und so siedelten sich immer 
mehr Horden an einzelnen Stellen der Talränder an. Ihre 
steigende Zahl und die günstige Gelegenheit ließen einige 
den kühnen Schritt in das Tal hinab wagen. Sie beobach¬ 
teten einen Hügel, der auch bei der Überschwemmung noch 
aus den Fluten des weit ausgedehnten Sees herausragte. 
Dort siedelten sie sich an. Allmählich sank der Höchststand 
des Wasserspiegels durch die fortgesetzte Aushöhlung der 
Talsohle, und die Talbewohner schützten ihr Gelände durch 
Mauern und Dämme. Schließlich wurde auch das Delta be¬ 
siedlungsfähig, teils durch Austrocknung, teils durch Ein¬ 
dämmung der sieben großen Mündungsarme. Und nun 
konnte sich der Bauer im ganzen Niltal als eine geschlos¬ 


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sene Masse von Dauerbewohnern entwickeln, die ihren 
Acker mit der Hacke bearbeiteten und in ihren Gärten 
einen üppigen Pflanzen wuchs züchteten. In den ägyptischen 
Bauern mußte sich eine andere Vorstellung von Göttern 
und ein anderer Glaube herausbilden, als die Jäger der 
Wüste sie geglaubt hatten. Anders als der Jäger mußte 
der Bauer sich an die göttlichen Mächte wenden, der auf 
dem Acker im Hackbau seine Feldfrüchte gewann, sich 
gegen den aus der Wüste herabrieselnden Sand wehrte, mit 
dem Schlangen und Skorpione zu ihm kamen, der in seinem ^ « 
Garten Sträucher und Bäume zog und bei dem Wasserholen ^ V ' 
von Krokodil und Nilpferd verjagt wurde. 

Zu den ersten nachdenklichen Regungen, die der primitive 
Ägypter gegenüber den Ereignissen des täglichen Lebens 
in sich spürte, gehörte das Staunen über den Ablauf 
der Dinge und seine Gründe. Er wunderte sich über das ^ 
ihm zunächst selbstverständliche Geschehen bei der Zu- /TTv 
bereitung der Nahrung, bei ihrem Verzehren und Ver¬ 
dauen, bei dem Ausstößen ihrer Reste. Er stand vor dem 
Rätsel der Zeugung, der Geburt und dem Wachstum der 
Kinder. Er wußte keine Antwort auf das Altern und Welk¬ 
werden der Pflanzen, der Tiere und der Menschen, und 
auf das endliche Erlöschen des Lebens bei ihnen. Bei diesem 
ersten Nachdenken überfiel ihn die Angst, der erzieherische 
Schöpfer so vieler Energien. Er fürchtete die Mächte, die 
ihm seine Hütte bedrohen, seinen Acker zerstören und sein 
Vieh vernichten konnten. Er sah mit Schrecken innere Ge¬ 
fahren, die als Krankheit seine Kräfte schwächten, oder 
äußere Einwirkungen, die ihm den Körper verletzten und 
seinen Widerstand unmöglich machten. Ihm graute vor 
dem unausweichlichen Verschwinden des Lebens aus seinem 
Leibe, denn keine Gelegenheit zu einem Genuß, die er 
einmal versäumt hatte, wollte wiederkommen. 

Dann stiegen dem primitiven Ägypter die Fragen 
auf, die das Geschehen in seiner Umwelt ihm immer wie¬ 
der stellte und die ständig von neuem eine Antwort von 


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ihm forderten, ohne daß er sie wußte. Woher kam das 
Leben, das mit dem ersten Schrei seines Kindes nach der 
Entbindung aus dem Mutterleibe ihm entgegentönte? Wer 
sandte die Gefahren, die aus dem Nichts heraus diesem 
Leben entgegen traten und es auf seinem ganzen Wege 
durch die Jahre und Jahrzehnte bedrohten? Wer war die 
gütige und unüberwindlich starke Macht, die dieses Leben 
täglich und stündlich erhielt und es auf rätselhafte Weise 
förderte, so daß der Körper wuchs und kräftig wurde? 
Wer war jene feindliche Kraft, die dem Guten entgegen¬ 
stand, und es angriff, um es zu zerstören, ohne daß der 
schwache Mensch etwas dagegen tun konnte? Welche böse 
Gewalt war es, die von der stillen Felswand Steine herab¬ 
rollen ließ, die ihn und sein Vieh erschlugen und seinen 
Acker verschütteten? Das alles waren Fragen, die dem 
Ägypter im ganzen Lande in gleicher Weise gestellt wurden. 

Allmählich kamen dem primitiven Ägypter auch Ant- 
w o r t e n auf solche Fragen, gefunden aus der Umgebung 
heraus, in der seine Horde lebte. Diese war in Ägypten 
von so einzigartiger Beschaffenheit, daß die ungewöhnliche 
Landschaft ihm Antworten nahe legte, die dem Menschen 
in anderen Gegenden der Erde nicht in gleicher Weise ein¬ 
gefallen wären, über der weiten Wüste und auch über 
dem in sie eingebetteten Niltal stand ein klarer Himmel, 
an dem bei Tage die Sonne, bei Nacht der Mond und die 
Sterne ihre regelmäßig wechselnde Bahn zogen. Mit ihnen, 
die das Dasein in eine helle und eine dunkle Hälfte zer¬ 
legten, mußten jene Mächte in Verbindung stehen, die das 
Leben schufen und erhielten. Da gestaltete er in seiner 
ehrfürchtigen Phantasie den Himmel zu den Flügeln eines 
mächtigen Falken, der über ihm schwebte (Abb. 2). 

Ein schöpferischer Erhalter war nicht minder jener ge¬ 
waltige Strom, der das lange Tal durchfloß, es in jedem 
Sommer überflutete, um es im Herbst befruchtet wieder 
für die Bestellung des Ackers freizugeben. Seine Quelle 
dachte sich der an die Scholle gebundene Bauer, dessen 



Abb. 2. Kamm aus dem Grabe des Königs „Schlange" (Dyn. I), Elfenbein; 
sein Name ist über die Palastfassade gesetzt, auf der ein Königsfalke steht. 
Oben schwebt auf zwei aus gebreiteten Flügeln das Schiff des Sonnengottes, 
der als Falke in ihm thront. 


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Abb. 3. In einer Höhle unter den Granitfelsen des 
ersten Kataraktes wohnt der Vater Nil, ein fetter 
Greis, der als Wassergott durdi die Papyrusstaude 
auf seinem Kopfe gekennzeichnet ist. Er gießt aus 
zwei Krügen das Wasser aus, das nun den Nil 
hinabströmt. Seine Höhle wird von einer Schlange 
bewacht. Auf der Spitze der Granitfelsen auf der 
öden Insel an den Nilquellen sitzt ein Falke und 
ein Geier, die Vögel der den Katarakt umgeben¬ 
den Wüste. 

Blick noch nicht weit über seinen Gau 
hinaus reichte, in den fernen Granit¬ 
felsen des ersten Kataraktes, dem Ende 
seiner Welt (Abb. 3). Von dort floß das 
Wasser nur noch in einem einzigen 
breiten Bett mit einigen schmalen 
Nebenarmen, von denen aus die 
Streifen schmalen Schwemmbodens be¬ 
wässert werden konnten. 

In dieser Religion schaffenden Urzeit, die jenseits aller 
geschichtlichen Zeugnisse liegt, war dem Ägypter, wie der 
griechische Philosoph Thaies es später ausdrückte, „Alles 
mit Göttern erfüllt". Auch was wir unbelebte Natur nennen, 
war ihm beseelt. In seiner Neigung zu ekstatischen Zustän¬ 
den nahm er, was ihm unbegreiflich entgegentrat, als gött¬ 
liche Offenbarung, und ihm wohnte ein mystischer Glaube 
an eine Seele in allen Dingen 
inne (Abb. 4a). Zu seiner Mystik, 
aus der für ihn geistige Kräfte 
als Träger des Weltgeschehens 
und persönliche Gestalten als ihre 

Abb. 4a. Eine Priesterin der Urzeit erhebt 
betend ihre Arme zum Himmel. Ihr halb¬ 
langes Haar verhüllt geheimnisvoll ihr 
Gesicht von beiden Seiten. Vorgeschicht¬ 
liche Figur aus Ton, mit der Hand ge¬ 
knetet und gebrannt. 




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Erscheinungsformen herauswuchsen, kam die Magie, jene 
dunkle Macht, die ihm drohend entgegentrat, wohin er 
sich bewegte, mit deren Besitz er sichtbare und unsicht¬ 
bare Feinde aber auch bezwingen konnte. So wurde ihm, 
noch unbewußt und wie ein Traum im Schlaf geschaffen, 
zuteil: 

„Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit, 
der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit" 

( Qoethe , Zueignung). 

Die Vorstellungen dieses urzeitlichen Glaubens sind keine 
bewußten Schöpfungen von Religionsstiftern, sondern sind 
aus bildhaften Eindrücken hervorgegangen, wie sie erregten 
Menschen kamen, die zu einer Erweckung durch übersinn¬ 
liche Empfängnis vorbereitet waren. 



Abb. 4 b. Eingeritzte Zeichnung auf einem vorge¬ 
schichtlichen Tongefäß: ein Rind, das durch die 
Sonne zwischen seinen Hörnern als Träger über¬ 
irdischer Kräfte gekennzeichnet ist. 


Dem seßhaft gewordenen Jäger und Nomaden in 
Ober-Ägypten lieferten seine Äcker das Futter für 
seine Herden, in denen die Rinder nun zahlreicher sein 
durften (Abb. 4b). Für die Zeit der Überschwemmung, die 
ihn auf seinem Wohnhiigel zu einem Inselbewohner in¬ 
mitten einer strömenden Wasserfläche machte, hatte er 
durch das Aufstapeln von Heu an hohen trockenen Stellen 
zu sorgen, und das im Frühjahr geerntete Getreide mußte 
er in tönernen Behältern für den heißen Sommer aufbe¬ 
wahren. Im Osten wie im Westen aber war ihm überall 


das Wüstengebirge nahe, bei Tage und im Mondschein 
auch bei Nacht als ein heller Streifen über dem dunklen 


Fruchtlande sichtbar. Von dort her bedrohten ihn und sein 


Vieh die Raubtiere der Wüste. Mehr noch schadeten die 


Herden der Antilopen und Gazellen, die in das Niltal ein¬ 


schwärmten und alles Grün abfraßen. Ebenso die Rudel 


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I 


der Paviane und Meerkatzen, die an den Felswänden nahe 
dem Fruchtlande hausten. So war das Leben des oberägyp¬ 
tischen Bauern noch in ständiger Verbindung mit der Wüste, 

in der seine Vorväter gezeltet hatten. Von ihnen her be¬ 
wahrte er unverändert weiter die religiösen Vorstellun¬ 
gen, die jene als Antwort auf ihre staunenden Fragen ge¬ 
funden hatten. Böse Dämonen waren es, die den Men¬ 
schen mit Gebrechen und Krankheiten anfielen. Konnte 
man ihrer auch nicht habhaft werden, so mußte man sie 
doch fernhalten oder austreiben. Es gab auch gute Geister, 
die man herbeirufen konnte, damit sie den Menschen 
schützten und ihm halfen, wie den Frauen bei der Geburt, 
den Männern im Kampfe mit Feinden oder mit wilden 
Tieren. Glaubte man einen wirksamen Zauberspruch zu 
haben, so wandte man ihn gern an, um die Kinder vor 
Schlangenbiß und Skorpionenstich zu bewahren. In den 
oberägyptischen Bauern blieb das Blut ihrer räuberischen 
Vorfahren erhalten, deren unmittelbare Nachkommen noch 
dicht neben ihnen zelteten und sie oft genug ausplünderten. 
Die oberägyptischen Stämme waren wilde Kämpfer, die 
niemals das Bewußtsein ihrer Flerkunft aus der Wüste 
und den Glauben verloren, der in der Eigenart dieser ge¬ 
waltigen Einöde wurzelte. 

Für die Bewohner des Deltas waren die Lebens¬ 
bedingungen andere. Sie saßen in einem weithin ausge¬ 
dehnten Ackerlande, fern der Wüste, die nur an dem west¬ 
lichen und östlichen Rande des großen Dreiecks gesehen 
werden konnte. Die täglichen Aufgaben des unterägyp- 
tischen Bauern wurden ihm durch Ackerbau, Gartenpflege 
und Viehzucht gestellt, alles ständig an dem gleichen Ort. 
Ihn bedrängten keine Einfälle aus der Wüste, weder durch 
Beduinen noch durch Raubtiere. Er war überall durch das 
Wasser des Nils umgeben, der in sieben Armen der Mün¬ 
dung zuströmte und vor dessen überfluten er sich durch 
Dämme schützte. War der Zufluß des Wassers geregelt, so 
wuchs ihm das Getreide fast ohne Mühe zu. Blieben ihm 


seine Herden mit zahllosen Rindern und wohlgenährten 
Schafen und Ziegen erhalten, so hatte er ein sorgloses 
Leben. In üppigen Gärten züchtete er die Kulturpflanzen, 
durch die er sich die Nahrung vielseitig und schmackhaft 
gestaltete. Geflügel verschiedener Art, teils in der freien 
Landschaft gefangen, teils in der Siedlung gezogen, berei¬ 
cherten seine Kochtöpfe. Hier waren die günstigen Be¬ 
dingungen von einer verschwenderischen Natur gegeben, 
um eine verfeinerte Kultur des Lebens entstehen zu las¬ 
sen, der dann auch die geistige Entwicklung folgte. Die 
Rasse der unterägyptischen Bauern wurde von Westen her 
ständig beeinflußt durch das Einströmen anderen Blutes von 
den Libyern, die aus der Wüste kamen und in dem be¬ 
gehrten Fruchtland siedelten. Von Osten her folgten der 
Versuchung die semitischen Beduinen, die aus Arabien 
ebenso nach dem Nildelta wie nach Palästina einschwärm¬ 
ten. Sie waren es, die der ägyptischen Sprache einen semi¬ 
tischen Einschlag in die hamitische Grundmasse gegeben 
haben. Der unterägyptische Bauer war also viel stärker 
als der oberägyptische das Ergebnis einer Blutmischung, 
die ihn hellfarbiger machte, ihn dem fremden Wesen 
gegenüber auf schloß und auch seinen religiösen Vorstel¬ 
lungen neue Elemente zuführte, die dem oberägyptischen 
Wüstenmenschen fremd waren und blieben. Will man die 
religiöse Veranlagung auf die gegebene Rassenmischung 
verteilen, so läge es nahe, in dem Unter-Ägypter den 
Mystiker zu sehen, den Empfindung und Phantasie seine 
Welt des Bauern mit übersinnlichen Mächten erfüllen ließ. 
Der Ober-Ägypter, der erdrückenden Kraft der Wüste 
näher, sah sich ständig und überall von Zauber und Dä¬ 
monen umgeben und verfiel stärker der Magie in Hingabe 
und Abwehr. 

Die ständige Verbundenheit des ägyptischen Bauern mit 
der ihn umgebenden T i e r w e 11 hat entscheidende Bedeu¬ 
tung für seine religiösen Vorstellungen gewonnen. Wo er in 
Ober-Ägypten von den Jägern der Wüste abstammte und 

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afW 










gelegentlich wieder in deren Lebensgewohnheiten zurück- 
fiel, waren ihm die Antilopen vertraute Weggenossen, von 
deren Fleisch er lebte. Ihr Bild meißelte er an die Fels¬ 
wände, und er legte es sich selbst bei oder wurde von 
seinen Nachbarn nach ihm benannt. Andere glaubten ihr 
Ansehen zu erhöhen, wenn sie sich als Löwe gebärdeten 
und mit ihm bezeichneten. So wurden diese Tiere zu Ab¬ 
zeichen bestimmter Horden, die ihnen auch verblieben, als 
sie längst seßhafte Bauern geworden waren, über das 
ganze langgestreckte Niltal von Ober-Ägypten hin treten 
die Tiere der Wüste als Totem von Stämmen auf: Anti¬ 
lope, Wolf und Hase, dazu die Falken in verschiedener 
Gestalt, stehend, hockend oder fliegend; ferner Schlangen, 
der Ibis und jenes phantastische Säugetier, das einen Kopf 
wie eine Giraffe hat und einen Pfeil als Schwanz. Der 


jr Totemismus ist eine Grundlage der ägyptischen Religion 

V geblieben, insofern man unter ihm die Verehrung eines 
Tieres als Abzeichen und Schützer der Horde versteht. 


< 0 > 


Die Schiffer und Fischer im ganzen Lande schätzten die 
Fische, die ihnen der Strom reichlich lieferte, und einer der 
Fische wurde zum Totem eines Stammes im Nordosten 
des Deltas. Andere erhoben das Krokodil zu ihrem Sym¬ 
bol, vielleicht weil sie dadurch seine Bösartigkeit zu mildern 


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Abb. 5—7. Drei urzeitlidie Tongefäße, von den Jägern geschmückt mit den 
Tieren, die sie umgaben. Das Nilpferd gehört dem Strom an, die Eidechse 
der Wüste, der Elefant den feuchten Steppen um den oberen Nil. Ihre Bil¬ 
der sollen durch ihre Zauberkraft die Speisen schützen und bewahren, die 
in den Töpfen aufbewahrt werden. 

Abb. 8. Kuhkopf aus Feuerstein, vielleicht schon ein urzeitliches Bild der 
Göttin Hathor. 

hofften. Von den gezähmten Haustieren erscheint das nütz¬ 
liche Schaf in Ober-Ägypten an mehreren Stellen, und 
ebenso in Unter-Ägypten, wo ein Stamm den zeugungs¬ 
lustigen Widder als seinen Schutzherrn verkündete. Die 
erfahrenen Viehzüchter des Deltas verwendeten mit be¬ 
gründeter Vorliebe das Rind als ihr Abzeichen, bald den 
Stier, bald die Kuh und bald das Kalb (Abb. 8). In diesen 
Tierzeichen sehen wir Symbole auf kommen, die einerseits 
bestimmte Horden zu einer Einheit mit gemeinsamem 
Schutzherrn zusammenfassen, andererseits sie von ihren 
Nachbarn trennen und feindliche Gegensätze herbeiführen. 
Hier erkennen wir die Grundlagen einer religiösen Glie¬ 
derung des ägyptischen Volkes, die es in Gruppen von 
selbständiger Tendenz auf spaltete und nebeneinander ver¬ 
schiedenartige Vorstellungen als Antworten auf die glei¬ 
chen Fragen entstehen ließ. 

Die Früh zeit 

Eine der wesentlichen Grundlagen für die Entstehung 
und erste Gestaltung der religiösen Vorstellungen war die 


’S* 


3 Roeder, Pharaonenreich 


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Familie. In der frühen Epoche, um die es sich hier han¬ 
delt, bildete sie die kleinste Einheit innerhalb der Horde, 
von Natur gegeben und unabänderlich bestehend, sobald 
soziale Bindungen wirksam wurden. Der Vater hatte die 
unbedingte Leitung, höchstens in bestimmtem Sinne be¬ 
schränkt durch uralte mutterrechtliche Gepflogenheiten, die 
der Frau eine gesicherte Stellung gaben, weil sie auch bei 
ungewissem Vater die zweifelsfreie Mutter der Kinder war 
und die rechtliche Erbfolge gewährleistete. Der Vater als 
Haupt der Familie hatte für ihre Wohnung und Ernährung 
zu sorgen, verlangte und erhielt dafür aber auch Unter¬ 
ordnung unter seine Befehle für ihre Erhaltung. Die Ehr¬ 
furcht vor dem Familienhaupt erlosch nicht mit seinem 
Tode, sondern, in dem Hofraum bestattet, blieb er auch 
noch als Leiche in dem Kreise der Familie anwesend, und 
erhielt einen Anteil an ihrem Mahl. Durch Ausgrabung 
frühzeitlicher Siedlungen in Ober-Ägypten haben wir eine 
Vorstellung von dem Familienleben des 4. Jahrtausends 
vor Chr. erhalten. Bei Badäri und Nalcäda werden kleine 
Ansiedlungen durch runde Hütten aus Geflecht und Lehm 
gebildet, jener bodenständigen Bauweise aus überall vor¬ 
handenem Rohstoff, die sich bis heute für Zäune und 
Schutzwände erhalten hat, auch für ärmliche Wohnungen. 
In Merimde (Westrand des Deltas) liegen Wohngruben 
von Viehzüchtern in Gruppen zusammen, dazwischen Be¬ 
stattungen in den Höfen. In Beni Saläme haben ovale Hüt¬ 
ten in der Mitte eine Holzstütze und Wände aus Stroh¬ 
geflecht mit Lehmbewurf. Auffallend aufgestellte Schenkel¬ 
knochen eines Nilpferdes scheinen eine Beschwörung des 
gefährlichen Tieres darzustellen, das in dem benachbarten 
Nilarm die Wasserholer und die Fischer bedrohte. Häufig 
fand sich eine große Tonflasche, die in den Bodenestrich 
eingelassen war, an dieser Stelle kaum zu einem prak¬ 
tischen Zweck bestimmt, sondern als Dank oder Wunsch 
mit einem Schutzzauber aufgestellt. In Maädi (Südspitze 
des Deltas) sind Tierbilder auf die Wandung von Ge¬ 


fäßen geritzt oder plastische Tierköpfe angesetzt, gewiß 
mit übersinnlicher Absicht. Die Nutztiere sind längst für 
den Hausgebrauch gezähmt, auch Esel und Schwein. Das 
Kamel kennt man noch aus der anstoßenden Wüste, aber 
der ägyptische Bauer hat es ausgemerzt, nachdem er se߬ 
haft geworden war. Neben seinem Steingerät verwendet 
er für Beile und Angeln das kostbare Kupfer, das er aus 
den Gruben des Sinai erhält. Reichlicher Schmuck verrät 
die Anbahnung einer verfeinerten Lebensweise. 

In dieser Umwelt entstand als Grundlage der religiösen 
Vorstellungen die soziale Gliederung, die auf den Familien 
beruhte. Ihr Zusammenschluß zu einer Horde wurde 
durch die gemeinsame Beschaffung der Nahrung für Mensch 
und Vieh gehalten, und der Glaube an den gemeinsamen 
Ursprung und an das Symbol des Totems sicherte das 
Band. Das Verhältnis benachbarter Horden zueinander 
mußte freundlich sein, soweit sie das gleiche Interesse an 
Acker und Wasser hatten. Aber hier lag auch schon wieder 
die Quelle zu Eifersucht und Schädigung, die zu Kampf 
und Rache führte. Unter diesem Druck schlossen die Hor¬ 
den sich zu einem Stamm zusammen, der sich durch seinen 
Totem von den benachbarten Stämmen unterschied und 
Wert auf seine innere Einheit legte, in wirtschaftlicher wie 
in kultischer Hinsicht. Der Stamm schuf sich seinen Mittel¬ 
punkt durch eine Stadt mit einem Heiligtum, und nun 
bildete sich eine straffe Organisation für das kleine Ge¬ 
meinwesen heraus. Das Ergebnis dieser Entwicklung waren 
die Gau e, die durch vier Jahrtausende die selbständigen 
Gebilde geblieben sind, in denen das ägyptische Volk sich 
bodenständig entwickelt hat. Im Delta waren die Gaue auf 
allen Seiten von Nachbarn umgeben, soweit sie nicht am 
Rande lagen und an das Meer oder die Wüste stießen. In 
Ober-Ägypten hatte jeder Gau nur einen Nachbar im Nor¬ 
den und einen anderen im Süden. Beides hat im gleichen 
Maße Feindschaft wie Zusammenschluß bewirkt. Da die 
Ernährung jedes Gaues von dem Zustrom von Nilwasser 


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abhängig war, mußte er den oberhalb wohnenden Nachbar 
zum Freunde haben oder sich gefügig machen, denn sonst 
konnte dieser seinen Acker durch Sperrung oder Umleitung 
der Kanäle und Gräben zum Verdorren bringen. Regen fiel 
so gut wie niemals, so daß neben dem Morgentau nur das 
Nilwasser befruchtend wirkte. 

An den urzeitlichen Ägypter trat bei seinen religiösen 
Bedürfnissen die Frage nach der Person heran, an die 
er sich zu wenden hatte, um mit den unsichtbaren Mächten 
in Verbindung zu treten, sei es um ihren Schutz zu er¬ 
flehen, sei es um ihre Untaten abzuwenden. In einer solchen 
inneren Not wandte er sich an Personen, denen er von 
vornherein Vertrauen entgegenbrachte. Das werden alte 
Männer oder Frauen des Stammes mit Lebenserfahrung 
gewesen sein, zuweilen der Häuptling, oder auch andere 
bewährte Führernaturen. Bei diesen bildete sich eine be¬ 
stimmte Praxis für die Behandlung solcher Fragen und 
Wünsche heraus, und die Erfolge ihrer Beratung umgaben 
sie mit dem Glanz besonderer Weisheit. Die Kenntnis eines 
gewissen Rituals hob sie bald über den Kreis ihrer Stam¬ 
mesgenossen hinaus, und machte aus ihnen einen priester- 
lichen Zauberer; sein Ansehen kam dem des Medizin¬ 
mannes bei heutigen Völkern gleich, die auf dieser Ent¬ 
wicklungsstufe stehen geblieben sind. Trat dazu die Ver¬ 
erbung des geheimen Wissens auf den Sohn, so entstand 
ein priesterlicher Stand, und damit war der Anfang zu der 
Organisation einer Kirche geschaffen, in deren Hand der 
Verkehr mit den überirdischen Kräften gelegt wurde und 
dauernd blieb. Der Priester des ägyptischen Volkes 
wußte sich bald mit Gebräuchen zu umgeben, die ihn vor 
anderen auszeichneten. Das Scheren des Kopfhaares, be¬ 
stimmte weiße Kleidung und gewisse Eßverbote verliehen 
ihm den Schein des Außergewöhnlichen. Seltsame Stäbe 
und Symbole machten ihn als Mittler mit den übernatür¬ 
lichen Kräften über den alltäglichen Menschen hinaus 
kenntlich. 


Der Zusammenschluß einzelner Stämme zu einem in sich 
geschlossenen Gau bewirkte die Ausbildung selbständiger 
Vorstellungen innerhalb dieser Einheit. Für die meisten 
Gaue können wir noch erkennen, wie sich in ihnen die 
äußere Gestalt der Gottheiten, einzelne Tiere als ihre Be¬ 
gleiter und besondere Symbole als heilige herausgebildet 
haben. Das folgende Kapitel mit seiner geographischen 
Übersicht wird die Belege dafür in überwältigender Fülle 
bringen. Aber bei denjenigen Gauen, deren Bevölkerung 
gleicher Herkunft war und unter denselben äußeren Be¬ 
dingungen lebte, entstanden auch ähnliche Vorstellungen 
von der Welt und von den großen M ä c h t e n, die in ihr 
wirkten. Wölbte sich doch über ihnen allen nur e i n Him¬ 
mel, und nur eine Sonne zog ihre Bahn; zu denselben 
Sternen entschwanden die Seelen der Abgeschiedenen, und 
der eine Nil ließ ihnen ihre Nahrung wachsen. So wurde 
dem ganzen Lande der Himmel zu einem göttlichen Wesen, 
in dem ein gewaltiger Gott als Verkörperung der Sonne 
thronte; und auf der Erde waltete der fruchtbringende Nil¬ 
gott als ein gütiger Geist für alle Bewohner eines Tales, 
bis ihr „Ka" (Seele) sich in das unermeßliche Heer der 
Gestirne einfügte. Aber unter welchem poetischem Bilde 
der Bewohner sich die Göttin des Himmels und den Gott 
der Sonne vorstellte, das hing von dem Gau ab, in dem 
er auf wuchs. Den einen Gauen, vielleicht an der Küste, 
war der Himmel ein Meer, auf dem der Sonnengott in 
einem Boot fuhr. Den anderen, vielleicht im Inneren des 
Deltas, war die Himmelsgöttin eine gewaltige Kuh, von 
der der kleine Mensch nur den Bauch sah, der auf vier 
Beinen als den Stützen an den Ecken der Erde ruhte. Den 
dritten, vielleicht Wüstenbewohnern, war sie eine Frau, die 
wie eine Laube auf ihren Füßen und Händen stand, um 
zwischen ihren Beinen im Osten an jedem Morgen von 
neuem das Sonnenkind zu gebären. Wo diese Gaue lagen, 
läßt sich nicht mehr ermitteln. Ebensowenig vermögen wir 
noch festzulegen, in welcher Gegend des Niltals den Be- 




36 


37 



wohnern die Sonne als ein Käfer erschien, der seine Kugel 
(ein Mistballen mit seinen Eiern) vor sich her schiebt; oder 
wie der überall zu beobachtende Falke in den Lüften 
schwebt; oder als Fürst auf seinem Herrschersitz thront 
und seinen Beamten Befehle erteilt. Wir finden alle diese 
und viele andere Vorstellungen in der geschichtlichen Zeit 
nebeneinander und können höchstens vermuten, wo sie in 
der Urzeit entstanden sein mögen. In eine sehr frühe Zeit 
des Gemeinschaftslebens müssen wir aber ihre Entstehung 
verlegen, denn man sieht ihnen einen naiven Kinderglau¬ 
ben unter primitiven Verhältnissen an. Die Beseelung der 
Umwelt ließ dem Ägypter ihre Kräfte zu menschenähn¬ 
lichen Gottheiten werden, und auf ihren Beziehungen durch 
Liebe oder Kampf beruhte ihm ihre Entstehung; so wurde 
die Kosmogonie zur Theogonie. 

Damals hat sich auch der erste Gottesbegriff 
gebildet. Er beruhte als mystische Erfahrung auf dem 
dunklen Gefühl von der Allmacht jener Kräfte, die die 
Welt einst hatten entstehen lassen und sie nun weiter 
lenkten. Der Gläubige verlangte aber nach Sichtbarkeit 
seiner Vorstellungen. Der eine von ihnen mag aufgestellt 
haben, was man heute noch im Sudan auf Fried¬ 
höfen sieht, um die Heiligkeit und geistige Macht des 
Toten und seiner Kraft als Vermittler mit Allah zu kenn¬ 
zeichnen: eine Stange mit einem flatternden Stück weißen 
Zeuges, so daß sich die Hieroglyphe nüter „Gott" ergibt. 
Aber anschaulicher war es, den Gottheiten menschliche Ge¬ 
stalt zu geben. Dann geschah, was der Grieche Xenophanes 
(Mitte 6. Jahrhundert vor Chr.) von den Völkern meinte: 

„Schwarz, stumpfnasig, so stellt die Götter sich vor 
der Äthiope, 

Aber blauäugig und blond denkt sich der Thraker die 
seinen." 

Die Götter, die der Ägypter sich gestaltete, sahen aus wie 
er selbst. Wollte er ihre Erscheinung in das übersinnliche 
steigern, so gab er ihnen nicht nur ihre Tiere als Begleiter, 


sondern er setzte ihnen statt des menschlichen Hauptes 
den Kopf ihres Tieres auf die Schultern, den Göttern wie 
den Göttinnen. Nun waren sie Wesen von Fleisch und Blut, 
aber doch in eine übernatürliche Sphäre erhoben und der 
Verehrung würdig. In ihrer Gestalt erschienen auch die 
Priester bei den religiösen Festfeiern. Da tanzte ein Mann 
mit einem Stierkopf, um seinen Gott als die Macht darzu¬ 
stellen, die in der Gestalt des vertrauten Haustieres er¬ 
schien und die lieben Rinder beschützte. Ein anderer Prie¬ 
ster wandelte gelassen mit dem Kopfe des wilden Wüsten¬ 
hundes (Schakal, Wolf) als einer Maske, um die Seelen 
in das Reich der Toten in dem westlichen Wüstengebirge 
zu geleiten. Den Ägyptern der Frühzeit entstanden in 
jedem Gau eine Fülle von großen Gottheiten, von kleinen 
Helfern und Dämonen sowie von Schützern der Toten. 
Das Zusammenleben in der Familie und die Vereinigung in 
den größeren Verbänden der Horde und des Stammes 
spiegelte sich wieder in dem Glauben an einen Götterstaat 
im Himmel und in den Hoffnungen auf ein besseres Jen¬ 
seits, sei es in dem ungewissen Dunkel der Unterwelt, sei 
es in den lichten Höhen der himmlischen Sphären. Die 
Frühzeit der Ägypter hat diese Vorstellungen sicher schon 
in allgemeiner Form hervorgebracht, in vielen Fällen auch 
schon mit der besonderen Ausprägung, die im Volke dau¬ 
ernd lebendig blieb. Was man sich in den Erscheinungen 
der Götter wirkend dachte, waren geistige Mächte, auf 
magische Weise verbunden mit dem Bildnis. An der Ge¬ 
staltung der Götterbilder waren entscheidende Mithelfer 
die Männer von künstlerischer Begabung, denen eine wie¬ 
derum rätselhafte göttliche Offenbarung die Hand führte, 
wenn sie für die einzelnen Gottheiten eine immer fester 
werdende äußere Gestalt schufen. 

Die Jrühgesdhidhte 

Inzwischen war eine politische Weiterentwicklung ein¬ 
getreten, die auf die Formung der religiösen Vorstellungen 


38 


39 




Einfluß gewann. Als politische Einheiten mit kirchlichem 
Hintergrund hatten sich die Gaue gebildet, jeder mit dem 
Totem seines Stammes und mit einem Heiligtum in dem 
Hauptort. Steigende Volkszahl und die Notwendigkeit bes¬ 
serer Ausnützung des Bodens drängte die Menschen, sich 
stärker aufeinander einzustellen. Gaue, die in Ober-Ägypten 
von dem gleichen Seitenarm des Niles bewässert wurden 
oder in Unter-Ägypten an dem gleichen der sieben Mün¬ 
dungsarme lagen, mußten sich verständigen, wenn sie nicht 
verhungern wollten. Die einen schlossen sich gutwillig zu 
einer Gemeinschaft zusammen. Die anderen, die aus Eigen¬ 
sucht, Hochmut oder Trotz widerstrebten, wurden mit Ge¬ 
walt gezwungen, sich dem gemeinsamen Interesse unterzu¬ 
ordnen. So bildeten sich die ersten völkischen Organisa¬ 
tionen in dem Niltal durch Zusammenschluß mehrerer 
Gaue zu einem Fürstentum auf wirtschaftlicher Grundlage. 
Jedes Fürstentum hatte seinen eigenen Gott und seine be¬ 
sonderen Symbole. Unsere Wanderung durch Ägypten in 
Kapitel II wird uns eine Reihe von ihnen nacheinander 
kennen lehren. Einer von ihnen war in dem südlichsten 
Teile des schmalen Niltales von Ober-Ägypten der Gau¬ 
graf von Nechab (El-Kab) in Gau III, der in seiner Stadt 
ein Geierweibchen als Schutzgöttin verehrte. Er trug als 
afrikanischer Häuptling einen hohen Kopfschmuck aus Bin¬ 
sen, der den Kopf umschloß und oben zusammengebunden 
wurde; mit Gips bestrichen, entstand daraus die weiße 
Krone, die ein Kennzeichen von Ober-Ägypten wurde, als 
der Fürst die benachbarten Gaue unter seiner Führung zu¬ 
sammenschloß und die mittel-ägyptischen Gaue dazu ge¬ 
wann. Das ergab eine stattliche Macht inOber-Ägyp- 
t e n, die sich schon ein Königtum nennen konnte. Sie 
kämpfte unter dem Zeichen des Geiers und der weißen 
Krone, und bei der Ausdehnung nach Norden traf ihr 
Fürst „Binse" mit den Gaugruppen des Deltas zusammen. 
Die Ober-Ägypter, reine Afrikaner mit beduinischem und 
nubischem Einschlag, fanden in dem Delta eine ihnen 


fremde und uneinheitliche Mischbevölkerung vor. In der Gv 
Mitte des Deltas hatte sich ein Fürstentum mit dem Falken 
als Totem gebildet, um den Vorort Buto (Gau VI) herum, 
und es war unter die Macht des westlich von ihnen herr¬ 
schenden Gaugrafen von Sais geraten (Gau V). Dieser ge¬ 
bot über ein am westlichen Rande des Deltas liegendes 
Gebiet, das stark mit Libyern aus der angrenzenden Wüste 
durchsetzt war; er diente der libyschen Göttin Neit, einer 
Schützin mit Schild und Pfeil, und trug ihre rote Krone 
mit hohem Aufsatz und einem vorstehenden Draht. Das 




Abb. 9. Abdruck eines Stempels in den weichen Ton eines Krugversdilusses: 
König Den (Dyn. I) wirft vom Boot aus mit der Harpune nadi einem Nil¬ 
pferd, das er dann am Ufer niederringt. Beide Bilder sind Wiedergaben 
plastischer Gruppen, in Gold gegossen. 


uralte Ansehen der heiligen Stadt Buto blieb aber auch 
in dem jüngeren Fürstentum von Sais unerschüttert, als es 
sich zu einem unterägyptischen Königtum 
entwickelt hatte; der geweihte Boden von Buto nahm auch 
weiterhin die Leiche des Landesherrschers auf, so daß 
Buto für den Delta-Staat der traditionsgemäße Ort der 
Gräber der Könige von Unter-Ägypten (Fürst „Biene") mit 
der roten Krone wurde. Diese Könige des Deltas waren 
gewaltige Männer, durch ihre Kraft im Kampf mit den 
Nilpferden bewährt, die in den vielfach verzweigten Mün¬ 
dungsarmen des Niltals hausten (Abb. 9). In Heliopolis, 
im Südosten des Deltas (Gau XIII), hatte der König von 
Ober-Ägypten einen weiteren Widerstand auf seinem 
Siegeszuge durch das Land der Nilmündungen zu überwin¬ 
den. Der Anspruch dieser Stadt auf die Vormacht in ihrem 



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Teile des Deltas, zum mindesten auf kirchlichem Gebiet, 
beruhte auf einer klugen Priesterschaft von berühmter Ge¬ 
lehrsamkeit, die ihren Gott Atüm zum Urgott, Schöpfer 
und Göttervater erklärten, besonders nachdem sie seine 
Vereinigung mit der alles beherrschenden Sonne in ihrem 
Namen Re Hor-achti vollzogen hatten. Hor-achti, der „‘Hör 
der beiden Horizonte ", d. h. der Orte des Sonnenauf- und 
Untergangs, war für sie der Falke, der als Totem der Delta- 
Fürsten zur höchsten Macht aufgestiegen war. Gewandte 
Dogmatiker wußten die Ortskirche mit der politischen 
Nachbarmacht zu verbinden, aber die so entstandene welt¬ 
lich-kirchliche Masse konnte sich gegen das Ungestüm der 
vordringenden Ober-Ägypter doch nicht behaupten. Das 
Delta unterlag im Kampfe, und der König von Ober- 
Ägypten verband seine weiße Krone mit der roten von 
Unter-Ägypten und setzte sich auf das Haupt beide zu¬ 
sammen als Doppelkrone Sechemti „Die beiden Mächtigen", 
griechisch Pschent (mit dem ägyptischen Artikel pa-). 

Als Ober- und Unter-Ägypten noch selbständige Staa¬ 
ten waren und sich feindlich gegenüber standen, konnte 
ein S i e g e s 1 i e d der Ober-Ägypter eine ihrer heiligen 
Sykomoren als Symbol ihrer Macht anrufen (Pyr. 684): 


„Schrecken vor dir ist bei den Bewohnern des Himmels, 
furcht vor dir ist bei den Bewohnern der Erde, 
denn du hast Angst vor dir gelegt in die Herzen der 
Könige von Unter-Ägypten, die in Pe (Buto) sind." 


Gleichzeitige Denkmäler schildern die Kämpfe zwischen 
den Gauen und den Fürstentümern so, als ob es 
gar keine irdischen Vorgänge wären. Eine Schieferpalette 
mit feinem Hochrelief stellt das Schlachtfeld eines solchen 
grausamen Krieges dar (Abb. 10): ein Löwe, der einen 
Gefallenen in den Bauch beißt, meint den König; Geier 
fliegen herbei und hacken den am Boden Liegenden die 
Augen aus und fressen ihre Körper an. Einen gefesselten 
Gefangenen, vor dem der Name seines Gaues steht, treibt 


42 



Abb. 10. Gebrauchsseite einer Schiefertafel mit dem Napf zum Zerreiben 
der Schminke: Die oberägyptischen Gaue des Falken (Nechen in III) und 
des Ibis (Hermopolis in XV) haben dem König geholfen, die unterägypti¬ 
schen Gaue niederzuwerfen; die Gefangenen sind gefesselt und werden von 
menschlichen Armen vorgetrieben, die von den Standarten der beiden Gaue 
ausgehen (oben links). Rechts wird ein Gefangener von einer Gestalt in 
langem Gewände bedroht, die man zu einer Gottheit oder zu dem König 
in einer besonderen Festtradit ergänzen kann. Die königliche Macht offen¬ 
bart sich in dem Löwen, der nach der Art dieses Raubtieres einem Gefal¬ 
lenen die Gedärme herausreißen will, über das Schlachtfeld, auf dem die 
Toten liegen, fliegen die Geier und andere Raubvögel, um sich auf die 
Leidien zu stürzen. Das ist ein weltlicher, in der Natur beobachteter Zug 
in der religiösen Symbolik dieser Tafel, wahrscheinlich dem Siegesdenkmal 
eines oberägyptischen Köngs, der zu der gewaltsamen Einigung der beiden 
Länder beigetragen hat. 


43 




eine Gottheit des Kampfes vor sich her, gewiß zu grausigem 
Opfertod. Auf einer anderen dieser Schiefertafeln, auf 
denen der König bei der kirchlichen Feier seines Sieges- 
festes die Schminke für das Götterbild rieb, wird die Er¬ 
oberung von sieben feindlichen Städten verherrlicht (Abb. 11). 
Die in den Umwallungen genannten Städte, dabei Buto, 
werden wohl in der westlichen, libyschen Delta-Hälfte 
liegen, denn auf der Rückseite der Schieferpalette sind über 
zwei Reihen von Bäumen Herden von Rindern, Eseln und 
Schafen dargestellt als die Beute aus „ Libyen ", wie die 
Beischrift angibt. 

Den späteren Ägyptern erschien ihre Urzeit als eine 
Herrschaft von Göttern. Wenn sie ein Ereignis so weit 
zurückdatieren wollten, sagten sie „seit der Zeit der Qötter 
oder „ seit der Zeit des Qottes", womit sie den Sonnengott 
als Schöpfer meinten. Oder auch bestimmter „ seit der Zeit 
des Osiris " oder „seit der Zeit des Qeb" , denn die Götter 
haben nacheinander als Könige regiert, jeder für Hun¬ 
derte von Jahren. Eine mythologische Erzählung konnte 
man beginnen: „Jtn Jahre 5842 des Re-Klar achte, das ist 

Jahr 2 des Osiris , da begab sich .Osiris war in der 

mythischen Zeit wirklich ein König gewesen, und als sol¬ 
cher hatte er sein Regierungsjubiläum „Hebsed" gefeiert, 
wie die irdischen Pharaonen es später auch getan haben. 
Die amtliche Königsliste mit Angabe der Regierungs¬ 
jahre, wie sie in jeder Dienststelle der Verwaltung des 
Pharao vorhanden sein mußte, damit man berechnen 
konnte, wie weit irgend ein Ereignis aus dem Jahre x des 
Königs N zurücklag, gab am Anfang an, und zwar nach 
dem Dogma des Tempels des Ptah in Memphis: 


„König Ptah 9000 Jahre 

König Re i 000 Jahre 

König Schow 700 Jahre 

König Qeb 500 Jahre 


König Osiris 450 Jahre 

König Setedh 350 Jahre 

König Klorus 300 Jahre" 

usw. 



Abb. 11. Unterteil einer Schieferplatte zum Zerreiben der Schminke für das 
Götterbild in dem von dem König vollzogenen Kultus. Triumphbild auf 
den siegreichen Feldzug eines oberägyptischen Königs, vielleicht „Skorpion", 
mit der Eroberung von sieben unterägyptischen Städten. Die Städte mit 
quadratischem Grundriß sind umgeben von Mauern mit vorspringenden 
Türmen. Ihre Namen oder Symbole sind: Eule, Ach (Geist?), Ringer, Käfer, 
Ka (Seele), Kasten (Buto, Gau VI), Sdiilf. Die Mauer jeder Stadt ist durch 
ein mächtiges Wesen mit der Hacke bereits so zerstört, daß von einer 
Bresche die Ziegel heruntergefallen sind. Die Hacke wird von Tieren ge¬ 
führt, die Erscheinungsformen des Königs oder Totem der kämpfenden 
oberägyptischen Gaue sind: oben der Falke (König als Gott von Nechen, 
Gau III), dann Setedi-Tier und Geier (Reste am Original von S. Schott er¬ 
kannt) als Landesgottheiten von Ober-Ägypten aus Gau V und III, zuletzt 
ein Stier (von mir frei ergänzt); unten der Löwe (poetisches Bild für den 
König), der Skorpion (vielleicht Name des Königs), zuletzt die beiden 
Falken auf den Standarten (Gau V). 

Diodoros, ein sizilischer Grieche, der um 59 vor Chr. 
Ägypten bereiste, gibt aus Mitteilungen ägyptischer Priester 
wieder (Kap. 11 und 13): eine Reihe von Göttern, die an¬ 
fangs sterblich gewesen seien, haben in Ägypten als Könige 
geherrscht, und sie haben viele Städte gegründet, so Zeus 
(Amon) die Stadt Theben, Helios (Re) Heliopolis, Hermes 




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45 









Abb. 12. König Nar-mer wirft seine 
Gegner nieder. Ein Wels (Schriftzei¬ 
chen für nar) mit menschlichen Armen 
schwingt einen Stock, während der 
Feind schon mit gefesselten Armen vor 
ihm kniet, um den tödlichen Schlag 
zu empfangen. Der Meißel ist das 
Schriftzeichen für mer. 

(Thot) Hermopolis, Apollon (Horns) Apollonopolis (Edfu), 
Pan (Min) Panopolis (Achmim) usw. 

Die Persönlichkeit, an die sich der Ruhm der „Vereini¬ 
gung beider Länder" geknüpft hat, war König Mena 
(griechisch Menes) von Ober-Ägypten, dessen anderen 
Namen wir Nar-mer lesen. Aus der Stadt Tine (Gau VIII) 
stammend, hat er das Delta unterworfen (Abb. 12) und die 
Doppel-Monarchie gegründet, deren beide Reichshälften, 
ebenso wie das Österreich-Ungarn des 19. Jahrhunderts, 
ihre selbständige Verfassung in vieler Hinsicht behalten 
haben. Wie der Pharao für alle Zeiten als seinen ersten 
Titel führte: „König von Ober-Ägypten (Binsen-Fürst) und 
König von Unter-Ägypten (Bienen-Fürst)", und wie er die 
weiße und die rote Krone als Doppelkrone vereinigt auf 
seinem Haupte trug, so standen auch Geier und Schlange, 
die Göttinnen von Ober- bzw. Unter-Ägypten, schützend 
hinter ihm, und in jedem Tempel opferte er an der Süd¬ 
seite den Göttern von Ober-Ägypten, an der Nordseite 
den Göttern des Deltas. Jede Reichshälfte hatte an der 
Spitze einen Wasir (Vezier), der seine eigenen Getreide¬ 
speicher und seine gesonderte Schatzverwaltung leitete, 
ebenso abgegrenzte Zentralbehörden für die Priesterschaft. 
Jede Reichshälfte behielt ihr Staatsheiligtum, ursprünglich 
ein Palast oder eine Kapelle, die beiden Atert (jtr . t.). Die 
oberägyptische Per-wer bewahrte die Gestalt der Beduinen¬ 
hütte aus Stangen und Schilf; die unterägyptische Per-nu 
oder Per-neser war wie die Kornspeicher der Bauern aus 
Ziegeln gemauert mit einem gewölbten Dach. Die Verwal¬ 
tung der Gaue, ihre Tempel mit den Totem und den Prie- 



f Abb. 13. Urzeitlidie Darstellung des Gottes Ptah 
— L von Memphis, eines der ältesten Bilder einer ägyp- 
- —. tischen Gottheit überhaupt. Ptah ist mit einem 

[ U j ungegliederten Körper wiedergegeben, wie man ihn 
aus Ton knetete oder aus Holz schnitzte; diese 
rohe Gestaltung wurde später zu einer Mumie 
umgebildet. Ptah steht in einer offenen Kapelle 
mit Dach; darüber sein Name p—t—h. 

Stern blieben von der Vereinigung der 
beiden Länder zu einem Reiche unbe¬ 
rührt bis auf eine einzige Stelle: die von 
König Mena neu gegründete Hauptstadt 
Memphis. In der entscheidungsvol¬ 
len Gegend, in der das schmale Niltal 
von Ober-Ägypten her auf das weite Delta stößt, hat Mena 
die Festung „Weiße Burg" gebaut, zunächst als Vorort des 
Gaues I von Unter-Ägypten, aber nahe Ober-Ägypten, 
und deshalb, wie heute das gegenüberliegende Kairo, 
Hauptstadt des Reiches. Der Gott Ptah der dort schon 
vorhandenen Stadt Hat-ka-Ptah, „Klaus der Seele des 
Ptah", vorher ein wenig beachteter Ortsgott in Mumien¬ 
gestalt, wurde nun zum Schutzherrn des Reiches er¬ 
hoben (Abb. 13). Der von König Mena zu Ehren des 
Gottes Ptah vollzogene „Umzug um die Weiße Burg" an 
dem Neujahrstage,dem l.Tage des 1. Wintermonats (Tybi), 
blieb für Jahrtausende eine Jubelfeier am Jahresanfang. 
Aus der veränderten Lage zogen die Priester energisch ihre 
Folgerungen für ihre „Theologie von Memphis": geschickt 
konstruierten sie eine neue Schöpfungsgeschichte und Welt¬ 
ordnung, in der Ptah alle Götter aus sich hatte entstehen 
lassen. So war er zum ältesten Gott erklärt, und wieder 
einmal war, diesmal nachhaltig und in größtem Stile, ein 
Gott durch die politische Macht seiner Heimat zum Führer 
des Pantheons berufen worden. Auch nachdem das poli¬ 
tische Schwergewicht des Reiches sich nach Theben in 
Ober-Ägypten verlagert hatte, blieb Ptah doch einer der 
2 bis 3 Reichsgötter, die im Inland und Ausland das Wesen 




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Abb. 14. Relief auf der Schauseite einer Tafel aus 
Schiefer zum Zerreiben von Schminke, wie sie von 
dem Hohenpriester in dem Ritual für das Schmük- 
ken des Götterbildes gebraucht wurde, geweiht 
von König Nar-mer (Dynastie I) in den Tempel 
von Hierakonpolis (Nechen, oberäg. Gau III). Der 
König als oberägyptischer Falke hält den Strick 
einer Fessel, die einen vollbärtigen Mann aus dem 
Lande der Papyrusstauden (Nildelta) als Unter¬ 
worfenen bindet. 


des ägyptischen Glaubens verkörperten. König Mena lebte 
in der Erinnerung seines Volkes weiter als der Gründer des 
Reiches. Nach zwei Jahrtausenden stellten die Königslisten 
der Tempel ihn immer noch dankbar an die Spitze der 
alten Könige des Landes, und in Theben wendete ein Maler 
sich auf seiner Palette mit seinen Opfergebeten an den 
Ptah des Königs Ramses II. (Dyn. XIX), unter dem er lebte, 
und an den Ptah des TAena. 

König Nar-mer hat auf einer Schieferpalette, die er in 
den Tempel des Falkengottes von Nechen in Ober-Ägypten 
(Gau III) weihte, eine Episode aus seinen siegreichen 
Kämpfen gegen die Unter-Ägypter darstellen lassen. 
Die Schauseite ist weltlich komponiert: der König mit der 
oberägyptischen Krone schlägt einen Mann aus dem Har- 
punen-Gau (Delta, Gau VII—VIII) nieder. Daneben zeigt 
sich die religiöse Symbolik durch einen Falken, d. h. den 
König, in der Gestalt eines Staatsgottes, der den Kopf 
eines Mannes aus dem Delta (Papyrusstaude) fesselt 
(Abb. 14). Auf der Gebrauchsseite wird der Napf für die 
Schminke durch die überlangen Hälse zweier phantasti¬ 
scher Tiere wie Geparden umrahmt (Abb. 15). Oben wer¬ 
den dem König, der sich hier schon die rote Krone des be¬ 
siegten Unter-Ägypten aufgesetzt hat, bei der Besichtigung 
der erschlagenen Feinde die Standarten der vier ober¬ 
ägyptischen Gaue vorangetragen, die ihm mit ihrem Auf¬ 
gebot geholfen haben, jede mit ihrem Totem: zuerst der 
Falke von Gau III, dann ein anderer Falke, dann der 


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stehende Wolf von Siut (Gau XIII), zuletzt ein Fleisch¬ 
stück (?), vielleicht ein altes Gauzeichen von Theben 


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(Gau IV). Die beiden Köpfe der Himmelsgöttin Hat-Hör 
in der Krönung der Palette, aus einem Frauengesicht mit 
Ohren und Hörnern einer Kuh zusammengesetzt, mögen 
auf die Mithilfe von Gau VI (Dendera) hinweisen. In der 
unteren Rundung wirft ein Stier, d. h. wieder der König, 


in der späteren Poesie ständig als „D er starke Stier " be¬ 


zeichnet, die Mauer einer Stadt um und tritt den Ver¬ 


teidiger nieder. Dieses zeitgenössische Denkmal für die 


erkämpfte Gründung des Reiches läßt die religiöse Sym¬ 
bolik erkennen, mit der die beiden Länder und das neue 


Königtum umgeben waren: sie stellten in Bildern dar, 
was die späteren Triumphinschriften in Worte fassen. 


50 










Kapitel II 

DIE GEOGRAPHISCHEN 
GRUNDLAGEN 

Der geschilderte Zusammenschluß der Familien, Horden 
und Stämme zu Gauen gewann entscheidenden Einfluß auf 
die Gestaltung des Glaubens, zunächst für die niederen 
Geister und Dämonen der magischen Kreise, dann für die 
höheren Gottheiten, die aus der mystischen Versenkung in 
das Weltgeschehen hervorgingen. 

In den politischen Einheiten der Gaue haben die Gott¬ 
heiten sich als selbständige Wesen entwickelt, jede mit 
eigenem Mythos und mit einem besonderen Kultus. Die 
Gaue waren von den Göttern selbst geschaffen; man sprach 
von den „Qauen der Qötter" und nannte den einzelnen 
„seinen (des Gottes) Qau“. In dem Ergebnis waren die 
religiösen Vorstellungen der einzelnen Gaue so verschie¬ 
den voneinander, daß man, wenigstens für die Urzeit, kaum 
von einer einheitlichen Religion der Ägypter sprechen kann, 
sondern eigentlich nur von den Religionen der einzelnen 
Gaue. Was in geschichtlicher Zeit daraus geworden ist, 
war ein künstlich geformtes System, erdacht von der theo¬ 
logischen Spekulation gelehrter Priester, ausgleichend ange¬ 
paßt von klugen Politikern, mangelhaft begriffen oder kopf¬ 
schüttelnd hingenommen von Gläubigen, denen ihre alles 
beherrschende Umwelt näher stand als die ebenso durch¬ 
geistigte wie fein berechnete Dogmatik einer festgefügten 
Landeskirche. Wollte man die theologischen Systeme der 
geschichtlichen Zeit als Fortwirkung eines urzeitlichen 
Monotheismus ansehen, und die Gaugötter als Aufspal¬ 
tungen eines allumfassenden Weltgottes und einer alleinigen 
Gottheit der primitiven Ägypter deuten, so würde man 
dem tatsächlichen Ablauf der Religionsgeschichte des Nil¬ 
tals widersprechen, der gerade dort durch eine seltene Fülle 


alter Zeugnisse von ungewöhnlicher Überzeugungskraft zu¬ 
tage liegt. Die Gaue als Einrichtungen der Götter-Könige 
der Urzeit sind als göttliche Wesen angesehen und als 
solche dargestellt worden, von den Pharaonen an bis zu 
den römischen Kaisern (Tafel 4). 

DAS NILDELTA VON UNTER-ÄGYPTEN 

Die Eigenart des dreieckigen Alluvialbodens von Unter- 
Ägypten besteht in den Mündungsarmen des Nils, die sich 
fächerförmig verzweigen und das Fruchtland in der 
Süd-Nord-Richtung aufteilen (Abb. 16). Sie sind viel zu 
breit, um dem urzeitlichen Ägypter ein leichtes Überqueren 
zu erlauben, und es gibt nahezu keine Verbindungswege von 
Osten nach Westen, so daß auch kaum ein Gau auf beiden 
Seiten eines Nilarmes liegt. Naturgegeben aber ist der 
Zwang zur Verständigung für alle Menschen, die an dem 
gleichen Nilarm wohnen; denn ihr Leben hängt von diesem 
Wasserlauf ab. So ergibt sich eine Zusammengehörigkeit 
der Gaue einerseits in dem westlichen Teil des Deltas, 
andererseits in seiner Mitte, drittens in seinem östlichen 
Teil. Diese Gruppen prägen sich auch in dem Volkstum 
und in der Religion aus. Als staatliche Einheit hat Unter 
Ägypten seine Landesgottheit in einer Schlange, der man 
gern die rote Krone seines Königs aufsetzt. Die zeitweise 
Übermacht einzelner Gaue bringt ihren Gaugott in den 
Vordergrund und läßt ihn wie einen Herrn von Unter- 
Ägypten erscheinen, so den Falken des Horus von Buto 
(Gau VI) oder das phantastische Wüstentier des Setech 
(Gau XIV). 

Die drei Nilarme, die das Delta bewässern, sind: „Der 
westliche Stromder bei Kanopos östlich von Alexan- 
dreia mündete (I), der „Ka", der gute Geist, der das 
Land der mit Libyern durchsetzten Viehzüchter bewäs¬ 
serte. „Der Große Strom", der in der Mitte von Unter- 
Ägypten bei Sebennytos (Gau XIII) vorbeifloß (Mün- 

53 


düng III) und den eigentlich ägyptischen Bauern der mitt¬ 
leren Gaue die Bewässerung brachte. Drittens der östliche 
Arm, der bei Pelusium mit Mündung VII in das Meer 
floß, vielleicht „Das Wasser des Re" genannt, weil er nahe 
Heliopolis, der Stadt des Re (Sonne), abzweigte. Unter¬ 
wegs trennte sich von ihm der zu einem Kanal erweiterte 
Arm, der durch das Wüstengebiet des Wadi Tumilät 
(Gau XIV) den Weg durch die Bitter-Seen zu dem Roten 
Meer bildete und das Grenzgebiet der semitisch-syrischen 
Beduinen berührte. Von den drei Hauptarmen des heiligen 
Nil flössen in das Mittelmeer einige Seitenarme von er¬ 
heblicher Breite, die auf dem Ackerland der alten Gaue die 
Nahrung schufen; dabei „Das Wasser des Amon", wohl 
bei der „Stadt des Amon" in Gau XVII, und „Das Was¬ 
ser von Hot-waret" mit der VI. Mündung bei Awaris 
(Tanis, Gau XIV). Wenn „Der Große Strom" bei den 
Griechen der bei Kanopos mündende Arm I heißt, so 
beruht das entweder auf einer Verwechslung, oder ist ein 
Zeichen für die Veränderungen in der Wasserverteilung, 
die bei jedem Fluß ständig vor sich gehen, wenn er sich 
selbst überlassen bleibt und nicht eingedämmt wird. In 
geographischer Hinsicht folgt daraus, in gewisser Weise 
auch für Ober-Ägypten, eine Unsicherheit der Grenzen 
und eine Verschiebung des Ackers als Nahrungsgrundlage, 
und das bedeutet für die Religion einen Kampf der Totem, 
Gottheiten und Symbole miteinander, aber auch eine Ver¬ 
mischung zwischen ihnen. 

GAU I: Anbu hez, Weiße Burg, Haupt¬ 
stadt Memphis. Die natürliche Grenze zwi¬ 
schen Unter- und Ober-Ägypten ist die Stelle, 
an der das schmale Niltal sich zu dem weiten 
Delta öffnet und der Strom sich in zwei Arme teilt, 
die nach Nordwesten bezw. nach Nordosten abfließen. 
Politische Auswirkung hat diese Lage im Laufe der ägyp¬ 
tischen Geschichte um einige Kilometer verschoben, und 



das von Memphis abhängige Gebiet hat sich in Wirklich¬ 
keit bis zum Fajjüm erstreckt, also über mehrere Gaue im 
Norden von Ober-Ägypten hinweg. In der Urzeit lag auf 
dem Ostufer bei Ma c ädi südlich Kairo eine große Stadt 
Ajan, gewiß der Vorort eines Staates, der Unter-Ägypten 
und vielleicht auch Mittel-Ägypten umfaßt haben mag. Als 
der oberägyptische König Mena (Dyn. I) Unter-Ägypten 
unterworfen hatte, gründete er als Sicherung seiner Herr¬ 
schaft und als neue Hauptstadt auf dem Westufer die 
„Weiße Burg", die „Waage der beiden Länder", aus der 
sich die menschenreiche Stadt Men-nöfer entwickelte, kop¬ 
tisch Menfi, griechisch Memphis. Sie hat für alle Zeiten 
ihre Bedeutung behalten als große Wohnstadt mit einer 
königlichen Residenz, die der Pharao bei festlichen An¬ 
lässen immer wieder benützte, z. B. bei Krönung und Staats- 
rat, auch für die großen Volksfeste zu Ehren der Götter, 
besonders am Neujahrstage. Noch die Könige Ptolemaios 
der makedonischen Dynastie nannten sich „Srwählt von 
Ptah". Im Jahre 217 vor Chr. fand in Memphis eine Synode 
der Priesterschaft des ganzen Reiches statt, bei der sie den 
aus der Schlacht bei Raphia in Syrien siegreich zurück¬ 
kehrenden König Ptolemaios IV. Philopator begrüßten und 
ehrten; eine Ausfertigung des Dekretes ist in dem Tempel 
von Athribis (Gau X) erhalten. In dem Ptah-Tempel von 
Memphis tagte 195 vor Chr. eine weitere Synode der ge¬ 
samten ägyptischen Priesterschaft, die man durch den jun¬ 
gen König Ptolemaios V. Epiphanes als besondere Ehrung 
dorthin, nicht in die königliche Residenz Alexandreia hatte 
berufen lassen. Der damals gefaßte Beschluß, der über¬ 
fließt von unterwürfiger Ergebenheit der Landeskirche 
gegenüber der Dynastie, betraf die Aufstellung und Ver¬ 
ehrung von Statuen des regierenden Königs in allen Tem¬ 
peln sowie Festfeiern mit Prozessionen unter Teilnahme 
der Bürgerschaft, die sich wie bei einem Karneval zu be¬ 
kränzen hatte, gewiß nicht ganz freiwillig. Von den drei¬ 
sprachigen Ausfertigungen des Dekrets von Memphis, die 


54 


55 


in allen Tempeln aufgestellt werden mußten, ist schon 1799 
ein Bruchstück, der „Stein von Rosette", gefunden worden, 
der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglicht hat. 

In den Außenvierteln von Memphis sammelten sich die 
Ausländer, die von der Küste des Meeres oder über den 
Isthmus in das Delta eingedrungen waren und mit der 
fremden Tracht und ihrem Gerät auch ihre Gottheiten mit¬ 
brachten, wie die libysche „Heit nördlich der Burg", oder 
die syrische Astarte, die man als eine „Podhter des Ptah“ 
einführte. 

In der Urzeit verehrte der Gau den Gott Ptah, „ der 
die Bitten erhört", dargestellt nach primitiver Weise mit 
einem ungegliederten Körper, der später wie eine Mumie 
gestaltet wurde, selbst ein Urwesen, das die Welt er¬ 
schaffen hatte. In die „ Weiße Burg" des Königs Mena 
übernommen, wurde er mit dem Ruhm der Hauptstadt 
hinausgetragen in andere Gaue, 
umwoben mit der Glorie des 
ältesten Gottes, dem eigentlich 
die Schutzherrschaft über das 
ganze Reich gebührte. Sein Tem¬ 
pel „ Südlich seiner Burg" füllte 
sich mit den Statuen verdienter 
Beamter und Priester, und von 
hier aus behauptete sich seine 
Priesterschaft gegen die An¬ 
sprüche anderer Tempel, die ihren 
eigenen Gott in den Vordergrund 
drängen wollten (Tafel 6). Dem 
Ptah als dem Herrn der Haupt- 

Abb. 17. „Ptah der Kleine", Gehilfe des 
Gottes von Memphis, als zwergenhafte 
Gestalt, durch Chondrodystrophie ver¬ 
krüppelt. Zeichnung auf Papyrus mit 
demotischer Beischrift: „Ptah-sotem der 
Zwerg", wie der Gott dargestellt. 





56 


stadt Hatka-Ptah „Haus der Seele (Xaj des Ptah" wurden 
die anderen heiligen Wesen des Gaues angegliedert. Zunächst 
als seine Gattin eine wilde Löwin Sachmet „Die Mäch¬ 
tige" , vielleicht aus Gau II übernommen (S. 64); man zollte 
ihr hier wie in anderen Gauen eine Verehrung, durch die 
man sie zu besänftigen hoffte, und sie lebte weiter als blut¬ 
dürstige Göttin des Kampfes. Durch die Aufnahme des 
Nofertem mit der Lotosblüte auf dem Kopfe als „Sohn 
des Ptah", wurde die übliche Dreiheit der Familie herge¬ 
stellt. Zu einem „Sohn des Ptah" wurde später auch Im- 
h 61 e p erklärt, einst ein Baumeister, Arzt und weiser 
Denker unter König Zöser (Dyn. III), im 7. Jahrhundert 
vor Chr. heilig gesprochen, von den Griechen als ihr heil¬ 
kundiger Asklepios angesehen. Daneben gab es im Volke 
von alters her eine kindliche Form des „Ptah der Kleine", 
griechisch Pataikos, verkrüppelte Zwerge, die als gute 
Handwerker, freundliche Dämonen und Schützer gegen 
Schlangen den Menschen halfen (Abb. 17). Die Patäken 
arbeiteten als Gehilfen des Ptah, dessen Hoherpriester der 
„Qrößte der Leiter der Handwerker" war und in den 
Werkstätten des Tempels die Statuen, Denksteine und 
Kunstwerke für den Pharao und seine Großen herstellen 



ließ. 


Zu den heiligen Wesen der Urzeit gehörte der Stier R_ 

„Hapi, Lebender, der das Leben des Ptah (als sein Abbild) frf}\ 
wiederholt", griechisch Apis, dessen Seele und Macht 
sich ständig in einem lebenden Stier offenbarte, den es zu 
ermitteln galt, wie in Tibet den Knaben als Dalai Lama. 

Hatten die Priester ihn gefunden, so machte er wie ein 
gläubiger Mensch Stufen der Einführung durch, bei der die 
Frauen vor seiner Zeugungskraft erschauerten, wenn sie 
sich vor ihm entblößten. Auffindung und Überführung war 
ein Volksfest, und noch Kaiser Julianus Apostata hat 362 
nach Chr. eine Münze mit seinem Bilde schlagen lassen, 
um den neuen Apis zu ehren. Starb der Stier ITapi, so 
brachte man seine Leiche auf ein Gelände neben seinem 


57 


Stall südöstlich des großen Ptah-Tempels, wo steinerne 
Becken für seine Waschung und Balsamierung angelegt 
waren. 

Draußen in der westlichen Wüste, wo alles von Sonnen- 
glanz strahlte, gab es einen Ort nördlich von Memphis, bei 
dem heutigen Dorfe Abusir, an dem Könige der V. Dyna¬ 
stie dem Sonnengott Re Hor-achti Tempel erbaut 
haben, die sie nannten: Opferhof des Re, Herzensstätte 
des Re, Horizont des Re, Feld des Re o. ä. In dem Tempel¬ 
bezirk erhob sich hinter einem Hof für die Schlachtung 
der Opferrinder auf einem massigen Unterbau ein gewal¬ 
tiger Obelisk, mit einer goldenen Sonnenscheibe gekrönt. 
In dem dunklen Gang des Unterbaues stieg der Priester 
morgens empor, um auf der Plattform die aufgehende 
Sonne aijzubeten. 

Der übrige Teil der westlichen Wüste war das Reich der 
Toten, die man hier außerhalb des kostbaren Fruchtlandes 
bestattete. Dort lag in stiller Ruhe der Wüstenhund Anüp, 
griechisch A n ü b i s, der Schakal mit dem lang herabhängen¬ 
den buschigen Schwanz; er wurde der Totengott des Fried¬ 
hofs von Giza nördlich von Memphis. Westlich von Mem¬ 
phis, bei dem heutigen Dorfe Sakkära, lag auf dem Sande 
ein Falke mit ausgebreiteten Flügeln, das Tier des S o k a r, 
den man hier als Totengott verehrte. Sokar hatte in seinem 
Wesen auch noch eine lebensvolle Seite als Schützer des 
Ackers und der Herden; man ehrte ihn unten in Memphis, 
wenn man an seinem Fest bei dem Umzug um die „ Weiße 
Burg" die Erde aufhackte und die Rinder über sie hinweg 
trieb. 

In der westlichen Wüste bei Memphis haben die Ägyp¬ 
ter auch ihre Pharaonen bestattet, von Abu Rawäsch im 
Norden über Giza und Sakkära bis zum Eingang zu dem 
Fajjüm im Süden, auf einer Luftlinie von etwa 180 km, 
auf der Straße also weit über 200 km. Diese ganze Strecke 
wird eingenommen von den Pyramiden der Könige 
der III. bis XII. Dynastie, erbaut durch ein ganzes Jahr- 


tausend von etwa 2800 bis 1900 vor Chr. Die nationale 
Geschichte Ägyptens mit ihrer eigenen Religion und Kunst 
hat nach der Erbauung der letzten Pyramide noch zwei 
Jahrtausende gedauert. In diesen 20 Jahrhunderten oder 
80 bis 100 Generationen haben die Ägypter auf die lange 
Reihe der Pyramiden mit den Tempeln vor ihnen geblickt, 
die sich am Abhang bis zum Flußtal hinunter erstreckten, 
und sie haben in ihnen die unvergänglichen Zeugen ihrer 
eigenen Geschichte gesehen, haben ehrfürchtig hinaufge¬ 
schaut zu den erhabenen Werken ihrer großen Könige, und 
sie haben Bauten von ewigem Leben vor sich gehabt. Vor 
ihren Augen stand die überirdische Größe der Bauwerke 
und ihrer Schöpfer, und dem bewundernden Sinn der Epi¬ 
gonen mußten jene Großen wie Götter erscheinen, die diese 
gewaltigen Steinmassen aufgetürmt hatten, deren Lebens¬ 
kraft noch die der Wüste übertraf. Die alten Könige mußte 
man ehren, und immer wieder haben pietätvolle Zeiten den 
Totenkult der Erbauer der Pyramiden erneuert; Priester 
wurden angestellt, und Stiftungen für die Darbringung von 
Opfergaben wurden errichtet. Verständnisvolle Pharaonen 
ließen Statuen ihrer Vorgänger anfertigen und weihten sie 
aus Bewunderung ihrer Leistungen in die Tempel der 
Götter. 

Um den König herum wurden seine Großen bestattet, 

wie sie ihn im Leben umgeben hatten. Weiterhin über die' / -\ 

ganze Fläche verstreut lagen die Mastaba-Gräber der Wohl- 2-A. 

habenden und des Mittelstandes, dazu die Armen, die man 
im Sande verscharrte, eine unermeßliche Menge von Bei¬ 
setzungen, deren Fürsorge letzten Endes doch in der Hand 
der Götter lag. Götter mußten auch dort oben in der 
Wüste wohnen, deren Unheimlichkeit der ägyptische Bauer 
stets empfunden hat. Der große Löwe mit dem Königs- Wl. 
köpf, den sich König Chaf-Re (Dyn. IV) als Wächter neben 
den Totentempel vor seiner Pyramide gelegt hatte, halb 
aus gewachsenem Kalkstein, halb mit Blöcken aufgemauert, 
war gewiß ein göttliches Wesen, und König Thut-mose IV.' 


58 


59 




(Dyn. XVIII) hat ein Jahrtausend später zu ihm als dem 
Sonnengott gebetet; so wandelte sich der Sphinx von 
Giza zu einem Gott der Wüste (Tafel 5). Die Pyramiden 
galten schon der Mitwelt als Göttinnen, die den toten 
Pharao in ihren Schutz nahmen und feindliche Dämonen 
von ihm abwehrten. Als der Totentempel vor der Pyramide 
des Königs Sahu-Re (Dyn. V) bei Abusir im Neuen Reich 
verfallen war, von seinen Reliefs aber noch eines sichtbar 
blieb mit der Sachmet als Frau mit dem Kopf einer 
Löwin, wie sie den König als Kind säugte, da heftete sich 
die Verehrung der wilden Göttin an dieses Bild. Dort oben 
auf der Höhe des Wüstengebirges in dem einsamen ver¬ 
fallenen Tempel war die rechte Stätte für die Löwin, die 
den Göttern ebenso Schrecken eingeflößt hatte wie jetzt 
noch den Menschen. Ein paar Bettelpriester siedelten sich 
in Hütten an, die sie aus Mauerresten des Tempels her¬ 
richteten und mit Palmzweigen und Stroh abdeckten. Sie 
kannten ein paar Gebete an die gefürchtete Löwin, die man 
in Memphis in dem großen Tempel des Ptah lehrte, und 
sie gewannen Zeichner und Steinmetzen, um aus Kalkstein¬ 
platten Denksteine mit dem Bilde der löwinnenköpfigen 
Sachmet anzufertigen. Aus Memphis kamen die Pilger her¬ 
auf, um solche Denksteine zu weihen und die Löwin freund¬ 
lich zu stimmen, wenn ein Verwandter eine Karawanen¬ 
reise antreten wollte. 

Westlich von Memphis war bei Sakkära ein Tempel des 
Weisen I m - h 6 t e p erbaut, der als Asklepieion (Heilig¬ 
tum des griechischen Asklepios) bis in christliche Zeit hin¬ 
ein bestand, berühmt und besucht wegen seiner Wunder¬ 
heilungen und wegen seiner Orakel durch Träume. Nicht 
weit entfernt lagen die Katakomben der Apis- Gräber, 
unterirdische Hallen mit kolossalen Sarkophagen für die 
verstorbenen Stiere, die als Mumien mit kostbarer Aus¬ 
stattung beigesetzt wurden, so prächtig wie Fürsten. Der 
religiösen Andacht war auch das nahe Sarapieion (Heilig¬ 
tum des Sarapis) bestimmt, eigentlich ein Tempel des 

60 


Totengottes Osiris-Apis, mit einer niederen Geistlichkeit 
ähnlich den Mönchen, aber auch weltlichen Bewohnern, die 
dort als Besessene oder Gefangene festgehalten wurden. 
An diesem abgelegenen Orte in der Wüste haben sich, 
während das Christentum schon eindrang, noch Diener der 
ägyptischen Religion gehalten als Sänger von Hymnen, Er¬ 
zähler von Wundergeschichten, Traumdeuter und Orakel¬ 
ausleger. Sie haben bis in die Zeit der römischen Kaiser 
hinein die alten Namen der Totenstadt erhalten: Anch-tawi 
„Leben beider Länder " und Ro-setaw „Mund der Qänge", 
d. h. den Eingang zu den Katakomben der LInterwelt. 


Die westlichen Qaue des Deltas 

An den westlichen Rand der Wüste angelehnt liegen die 
Gaue II—V, bewässert durch den westlichen Arm des Nils, 
der sich dicht unterhalb von Memphis (heute Kairo) in 
zwei Abflüsse teilt. Dort ist die stärkste Wassermasse nach 
Nordwesten abgeströmt und hat sich in zwei Mündungen 
in das Mittelmeer ergossen, die von den Griechen die 
Kanopische (I) und die Bolbitische (II) genannt wurden 
(Abb. 16). Die Mächtigkeit dieses Nilarmes geht aus seinem 
ägyptischen Namen hervor: „Der große Strom , koptisch 
jaro en-ement „Der westliche Strom", und er entspricht dem 
heutigen Mündungsarm von Rosette östlich Alexandria. 
Aus dem Wüstengebiet, das sich von hier, nur gelegentlich 
durch Oasen unterbrochen, gleichmäßig bis in die Sahara 
erstreckt, sind libysche Nomaden seit der Urzeit im¬ 
mer wieder in die verlockenden Gaue des reichen Frucht¬ 
landes eingefallen; ihre kriegerischen Stämme haben zeit¬ 
weise die ägyptischen Städte besetzt, und ihre Heerführer 
haben sich wiederholt die Doppelkrone der Pharaonen ge¬ 
wonnen (Dyn. XXI—XXIII). Mit den Libyern sind Züge 
ihrer kriegerischen Wüstenreligion und ihrer schwärme¬ 
rischen Mystik nach Ägypten eingedrungen, wie die Göttin 

61 




■$Th 


Neit von Sais, die zwar bedeutungsvoll wurde, aber nie¬ 
mals in ihrer Mythologie eine innere Verbindung mit den 
Gottheiten der übrigen Gaue einging. 

GAU II „ Schenkel " Chopesch oder Dwaw. 
w „ Hauptstadt Chem, koptisch Uschem, arabisch 
1 Ausim, griechisch Letuspolis, lateinisch Letp- 
p o 1 i s. Der Gau liegt im äußersten Süden, schließt unmit¬ 
telbar an Gau I von Memphis an und enthält die erste Tei¬ 
lung des Nils in zwei Arme. Bodenständiger Gott ist ein 
Horus, der Hör-wer „ der Qroße, Altere" oder Hor-jarti 
„Horus der beiden Augen" genannt wird und als Himmels¬ 
gott Sonne und Mond als seine beiden Augen hatte. Der 
Himmelsgott Horus von Chem war der „ Oberarzt des Re", 
durch seine Heil- und Zauberkraft glich er der Isis, der er 
später als Sohn beigegeben wurde, und ihm standen die 
priesterlichen Ärzte von Sais nahe. Seine vier Söhne Amset, 
Hapi, Dua-mutef und Kebeh-senuf wurden später zu 
Schützern der Toten, besonders der vier Krüge mit ihren 
Eingeweiden. Eine Göttin „Herrin von Rehsu" war hier 
heimisch, die in der Urzeit als Sachmet nach Memphis 
übernommen wurde (S. 59), von den Griechen ihrer Leto 
gleichgesetzt, nach der sie die Stadt benannten. Sie erschien 
als Löwin, deren Eindringen aus der anstoßenden Wüste 
verständlich ist. Als heiliges Tier des Horus lag am Boden 
ein Falke, außerdem die mit erhobenem Schwanz schrei¬ 
tende Spitzmaus, dargestellt wie ein Ichneumon. Zum 
Totem des in der Religionsgeschichte Ägyptens hochange¬ 
sehenen Gaues war die als Opfer oft dargebrachte Rinder¬ 
keule erhoben, als Schriftzeichen auch für den menschlichen 
Arm als Sinnbild der Kraft verwendet, häufig zu einem 
beliebigen Fleischstück entstellt. Priester von Chem haben 
einen Titel wenro, den auch ihre Amtsbrüder in Sais tragen. 


62 


GAU III Amentet „'Westmark" , griechisch 
Apis oder Libye, lateinisch Libya, auch Mo- 
memphis. Der Gau liegt an dem westlichen 
* Nilarm und berührt die lybische Wüste, so 
daß Gaugraf Peh-er-nofer (Dyn. III) sich bezeichnen darf als 
„Verwalter des Qaues Westmark " und „Verwalter der west¬ 
lichen Wüste". Der Hauptort Hot-hesaf „Kuhstadt" bei dem 
heutigen Kom el-Hisn (westlichTanta) beherbergte eine Hat- 
Hor als „Vterrin der Kühe" ; hier ist eine Ausfertigung des Be¬ 
schlusses der Priestersynode von Kanopos aus dem 9. Jahre 
des Ptolemaios III. Euergetes I. gefunden worden. Der 
Hat-Hor waren auch die Bäume heilig, nach denen die 
Stadt Imawet „Bäumestadt" hieß. Verehrt wurde ein Falke, 
den man den „Horus der Jehnu (Libyer)" nannte, zum 
Unterschied von anderen Falken in dem Nordwesten des jr\ 
Delta; ferner das Krokodil, das in der Urzeit hier noch Vv 
lebte. Totem des Gaues war vielleicht ein zweiköpfiger J. 
Stier, der sich drohend nach beiden Seiten wandte. Hier 

mag auch der seltsame Kopf der Hat-Hör „Haus des Horus" ^_ % 

entstanden sein, der ein breites Frauengesicht, von zwei /flC 
aufgerollten Haarteilen umrahmt, mit Kuhohren vereinigt, 
auf der Schminkpalette des Königs Nar-mer (Dyn. I) auch \tv// 
mit Kuhhörnern (oben Seite 51, Abb. 15). 


r~V GAU IV—V des Schildes und der gekreuz- 
/\J\ ten Pfeile, später gespalten in Gau IV, „Süd- 
Jj?'! lieber Schild" (Prosopis) auf dem westlichen 
Ufer, und V „Nördlicher Schild" (Saites) 
auf dem östlichen Ufer des westlichen Nilarmes. Dieser 
Gau war es wohl, in dem König Mena (Dyn. I) als Thron¬ 
erbin die Prinzessin Neit-hötep vorfand, die er heiratete, 
um das Fürstentum für sich zu gewinnen. Meten, Ober¬ 
jägermeister des Königs (Dyn. III), wurde als Gaugraf in 
den damals noch ungeteilten Gau entsandt. Die Fürsten 
von Sais, die die rote Krone trugen, haben in vorgeschicht¬ 
licher Zeit die Gaue des Deltas geeinigt; ihre Krone wurde 


63 







• der Kopfschmuck des Königs von Unter-Ägypten, und ihre 
Bezeichnung biti „Bienen-Mann (Imker?)" wurde zu seinem 
Königstitel. Saitische Fürsten, in denen libysches Blut ge¬ 
flossen sein mag, schon in Dyn. XXV Gegner des vordrin¬ 
genden Nubier Pianchi, haben in Dyn. XXVI ein neues Kö¬ 
nigtum für ganz Ägypten aufgerichtet, und sie blieben, zu¬ 
sammen mit anderen Deltafürsten, der Kern des nationalen 
Widerstandes gegen die persischen Großkönige. Sieben 
libysche Städte dieser Gegend sind auf einer urzeitlichen 
Schieferpalette dargestellt, wie sie von feindlichen Fürsten 
unter dem Totem eines Falken oder Löwen oder Skorpions 
oder zweier Falken zerhackt werden (oben S. 45, Abb. 11). 
Zur Hauptstadt des Gaues entwickelte sich Saw, koptisch 
Sai, arabisch Sa, griechisch S a i s, auf dem Ostufer. In ihr 
lag der Tempel der Neret, später Neit, griechisch Ne-ith, 
ursprünglich einer libyschen Pfeilschützin, von den Ägyp¬ 
tern zur Himmelsgöttin, Sonne und Allmutter gestaltet, 
griechisch Athena, aus deren jungfräulichem Leib die Lebe¬ 
wesen hervorgegangen sind. Das „Verschleierte Bild" der 
Neit hat Schiller aus Worten gestaltet, die nach dem grie¬ 
chischen Philosophen Plutarchos (2. Jahrh. nach Chr.) auf 
einer Pyramide in Sais gestanden haben sollen: „Jch bin 
alles, was ist, was war und was sein wird , kein sterblicher 
Mensch hat meinen Schleier aufgehoben" (eigentlich mit 
erotischem Nebensinn wegen der jungfräulichen Göttin). 
Die Mysterien von Sais waren so berühmt, daß der per¬ 
sische Großkönig Kambyses sich in sie einführen ließ und 
Opfer in dem Tempel der Neit darbrachte, zwar als Er¬ 
oberer, aber doch ein duldsamer Freund der fremden und 
geheimnisvollen Religion. In dem heiligen Bezirk des Neit- 
Tempels waren neben dem Palast die Könige bestattet, die 
aus diesem Gau stammten; die Gräber hatten Säulenhallen, 
und der Sarg stand unter einem Baldachin, wie Herodotos 
berichtet, der sie als Sehenswürdigkeiten besucht hat. Die 
Priesterschaft von Sais war durch ihre Heilkunde berühmt, 
und ihr Hohepriester führte den Titel „größter der Arzte ". 


64 


Heiliges Tier war im ganzen Gau das Krokodil, daneben 
der Fisch Latos, beide Zeichen für die Bedeutung des 
„großen Stromes". 

In der Nordwest-Ecke des Deltas lag die Stadt B e h d e t 
oder Dimet, koptisch Time-en-Hor, arabisch Damanhür, 
nach dem falkengestaltigen Ortsgott Horus, der von hier 
aus zum Schutzherm von Unter-Ägypten erhoben wurde. 
Unter dem Zeichen des Horus-Falken von Behdet sind die 
halb libyschen Krieger des westlichen Deltas ausgezogen 
und haben die feindlichen Gaue des Ostens des Deltas 
niedergeworfen, die im Namen des Setech kämpften, des 
semitisch-syrisch beeinflußten Schutzgottes von Gau XIV. 
Sie begründeten einen Delta-Staat des Horus, dessen Könige 
in Buto (Gau VI) bestattet wurden. 

Etwas weiter südlich legten hellenische Kaufleute ihre 


erste Siedlung in Ägypten an, griechisch Naukratis 
genannt, aber immer noch in Verbindung mit einem ägyp¬ 
tischen Ort, in dem man einen Widder verehrte; Naukratis 
liegt heute im Binnenlande, im Altertum aber gewiß an 
einem Wasserwege zu dem Meere, über das die klugen 



Händler gekommen waren. 



GAU VII „Harpune " Wa. Männer und 
Schiffe des Harpunen-Gaues sind aus alter 
Zeit wohlbekannt; aber Lage und Ausdeh¬ 


nung bleiben unsicher. Das Gebiet im äußersten Nord¬ 
westen des Deltas wurde später „Westliche Harpune 


genannt im Gegensatz zu dem Gau „östliche Harpune , 
dem Kanalgebiet des Wadi Tumilät im Osten des Deltas 
nach dem Roten Meere zu (Abb. 16). Zu dem „West¬ 


lichen Harpunen-gau" muß der Hafen gehört haben, 
an dem Alexander der Große 331 vor Chr. an dem west¬ 


lichen Ende der Deltaküste, noch westlich von dem west¬ 
lichsten Mündungsarm des Nils, auf dem seit Jahrhunder¬ 
ten die Griechen eingeströmt waren, seine Stadt Alexan- 
dreia gründete, ägyptisch „Die Burg des Alexandros", 


5 Roeder, Pharaonenreich 


65 


fast schon außerhalb des eigentlichen Ägypten, neben der 
Ägypterstadt Rakodit, koptisch Rakote, griechisch Rakotis. 
Er fand dort einen ägyptischen Kultus des Apis-Stieres 
vor, der aus Memphis hierher übertragen war. Auf ihm 
konnten die Ptolemaios-Könige ihren Dienst des Osiris- 
Apis, griechisch Sarapis, aufbauen, des Mischgottes der 
nunmehr vereinigten Bevölkerung ägyptischer und griechi¬ 
scher Herkunft. In den Mysterien des Sarapis spiegelten 
sich die Festfeiem zu Ehren des im Frühling wieder auf¬ 
erstehenden Osiris von Busiris wieder, und in seiner Gattin, 
der allumfassenden Isis, konnte griechische Philosophie 
dem ägyptischen Glauben eine neue Umdeutung beilegen. 
Im Grunde schimmerte freilich bei diesen europäischen 
Umgestaltungen der ägyptischen Religion immer noch das 
bodenständige Element durch, wie auch noch die römische 
Gaumünze von Alexandreia ein Nilpferd zeigt. Ein grie¬ 
chisch-ägyptischer Mysterienkult hat sich noch während des 
Eindringens des Christentums lange in dem Sarapis-Tempel 
von Alexandria gehalten, bis dieser 397 nach Chr. von der 
fanatischen Volksmenge gestürmt und zerstört wurde. Da¬ 
mit ging die ägyptische Gelehrsamkeit zu Grunde, deren 
Schriftsteller von den griechischen Reisenden und Denkern 
als Quelle für ihre Darstellung der einheimischen Religion 
und Kultur benützt worden waren. Zu den letzten Ver¬ 
künderinnen des ägyptischen Geistes gehörte die griechische 
Philosophin Hypatia aus der neuplatonischen Schule, zu 
deren Vorträgen neben den letzten Gläubigen der antiken 
Religion auch die ersten Christen geströmt waren. 

An der Kanopischen Mündung (I) des Niles, 25 km öst¬ 
lich von Alexandreia, lag eine ägyptische Stadt nahe dem 
heutigen Abukir mit einem Kult des Osiris als dem Herrn 
des süßen Nilwassers, von den Griechen Kanopos ge¬ 
nannt nach dem dort ertrunkenen Steuermann des Mene¬ 
laos. Das heilige Wasser wurde in Gefäßen dargebracht, 
die einen menschlichen Kopf als Deckel trugen, Abbilder 
des Osiris. In dieser Form ging der Kultus des heiligen 



Abb. 18. König Den (Dynastie I) bei einem kultischen Lauf, links mit der 
unterägyptischen Krone hinter dem Stier Apis, rechts mit der oberägypti¬ 
schen Krone vor dem Pavian „Der Weiße". 


Nilwassers in die ägyptischen Heiligtümer in Italien über, 
und wir sehen die Kanapos-Gefäße auf "Wandbildern in 
Pompeji in den Händen der Isis-Priester. Andererseits nennt 
man seit dem Jesuiten Athanasius Kircher (1602—1680) 
„Kanopen" die Krüge für die Eingeweide, die im Grabe 
gesondert beigesetzt wurden, oft mit dem Kopfe eines 
Menschen oder Tieres versehen. In Kanopos tagte am 
7. März 238 vor Chr. die Synode der gesamten ägyptischen 
Priesterschaft und beschloß als Dank für die Wohltaten 
der Dynastie ungewöhnliche Ehrungen des regierenden 
Königspaares Ptolemaios III. Euergetes und Berenike durch 
Festfeiern und Opfer vor ihren Statuen. Die dreisprachige 
Ausfertigung des „Dekret von Kanopos" hat die Lesung 
der Hieroglyphen gesichert, deren Entzifferung nach dem 
„Stein von Rosette" (oben S. 56, Memphis) gelungen war. 
Alte Städte sind in Gau VII nicht bekannt; sein Gebiet 
möchte man, wenn man aus der Reihenfolge einen Schluß 
auf die örtliche Lage ziehen darf, eher an dem III. Nilarm 
von Sebennytos suchen als an der westlichen Mündung I 
von Kanopos. Der Gau ist offenbar mit den Harpunen auf 
den Schiffen der vorgeschichtlichen Ägypter gemeint, die sie 
auf ihre Vasen gemalt haben. Er wurde von König Nar-mer 
(Dyn. I) niedergeworfen, der von Ober-Ägypten aus das 
Reich einigte und in den Papyrussümpfen des Deltas den 
stärksten Widerstand zu überwinden hatte. In ihn wurde 
Oberjägermeister Meten (Dyn. III) von seinem König als 
Gaugraf entsandt, und er ist es, der als „ f T Vsstlidbev -Hur- 


66 


67 


punen-Qau", bei den Griechen als „Gau von Metelis", 
bezeichnet wurde. Seine Bewohner jagten das Nilpferd, das 
' sieb in den Verzweigungen des Mündungsarmes länger ge- 
<sc==» halten haben wird als in den Gebieten stärkeren Acker¬ 
baues, und ihre Waffe wurde ihr Totem. Wenn man da¬ 
neben das Krokodil durch Beschwörungen zu bannen suchte, 
so ergibt sich auch dieser Zug ihres religiösen Lebens aus 
ihren täglichen Erfahrungen. 


Die mittleren Qaue des Deltas 

Die mittleren Gaue VI—XII und XV—XVII des Deltas 
liegen an den drei Mündungsläufen des Nils, die sich aus 
seinem mittleren Arm entwickeln,- dieser trennt sich von 
dem westlichen Hauptarm des Nils etwa auf der Grenze 
zwischen Gau II und III ab (Abb. 16). Der ägyptische 
Name dieses dreiteiligen Nilarmes ist nicht bekannt; die 
Griechen nannten seine drei Mündungen die (III) von Se- 
bennytos, die (IV) Phatnische und die (V) von Mendes. 
Die Bevölkerung bestand hier aus Ackerbauern und Vieh¬ 
züchtern von bodenständiger Rasse, und die Religion der 
Bauern prägt sich schon darin aus, daß vier dieser Gaue 
ein Rind als Totem führen. Die Mythen drehen sich hier 
um die Schaffung des Ackerbaues, um das Wachsen und 
Vergehen der Pflanzen und um das tägliche Leben der 
bäuerlichen Familie. Heilige Wesen sind die nützlichen 
Tiere, die der Bauer in Hürden oder Ställen zieht, oder 
die auch als Speise willkommenen Fische aus dem Strom, 
dem er das Leben zu verdanken hat. 



GAU VI „Berg-Stier", griechisch nach der 
unbedeutenden Stadt X o i s (ägyptisch Cha- 
söwet, koptisch Sechöw, arabisch Sachä) be¬ 
nannt, die aber in dem Mythus des Sonnen¬ 


gottes als Residenz des Re eine Rolle spielt. Hauptort Per- 
Uzöjet „Haus der Uto", griechisch Buto (das westliche), 
heute Teil el-Fara c in oder Ibtu. 


Der Gau liegt westlich des mittleren Nilarms und schließt 
an Gau V von Sais an. In Buto, das aus den Stadtteilen Pe 
und Dep besteht, sind die Könige des unter ägyptischen 
Staates bestattet worden, und sie leben als „Seelen von Pe" 
(Männer mit Falkenkopf) und Vorfahren des Königs des 
geeinigten Reiches weiter. Das Ritual ihrer Beisetzung 
wurde angesichts eines Reihers auf einem Baume an der 
Stätte Zebawet vollzogen, und dann folgte eine Flußfahrt 
nach Sais, Heliopolis und anderen heiligen Orten des Del¬ 
tas. Bei den Trauerfeierlichkeiten wirkten ihre Gefolgs¬ 
männer als „Diener des Horus" mit, auch sonst angesehene 
Mitglieder des mythischen Hofstaates. Herrin des Gaues 
war Uto, eine Schlange, die zum Wappentier des unter¬ 
ägyptischen Staates wurde, später angegliedert an die Löwin 
Sachmet von Memphis, griechisch Leto mit einem berühm¬ 
ten Orakel. Der griechische Reisende Herodotos ist um 450 
vor Chr. auf dem Nilarm (III) von Sebennytos stromauf 
und dann auf Kanälen nach Buto gefahren und hat den 
Tempel der Leto mit seinen Pylonen (Torbau) und einer 
mächtigen Kapelle aus einem einzigen Stein besichtigt. Er 
fand dort den ursprünglichen Reiher durch einen Falken 
ersetzt, der von Buto aus längst zu einem der Symbole des 
unter ägyptischen Staates geworden war. Mit ihm hatte sich 
der kleine Horus-Knabe verbunden, der von seiner Mutter 
Isis in dem Papyrus-Dickicht der Insel Chebit, griechisch 
Chemmis, verborgen worden war und dort von der gütigen 
Schlange Uto aufgezogen wurde, zunächst versteckt vor 
seinem bösen Oheim Setech, um dann später seinen von 
diesem ermordeten Vater Osiris an dem Unhold zu rächen. 

GAU IX Anzeti „Der Qott des Anzet-Nil- 
armes", auf dem Westufer des mittleren Teiles 
jAjl des mittleren Nilarmes. Hauptstadt Dedu oder 
Kr Per-Usire, koptisch Pusire, griechisch B u s i - 
ris, arabisch Abusir, auf dem Westufer 
gegenüber Sebennytos. 


69 


Abb. 19. Der heilige Stier Apis 
vor einem Tisch mit Opfergaben, 
die ihm dargebracht sind. 

Die Mythologie des Gaues 
schreibt einem König der 
Urzeit die Entwässerung 
des Sumpflandes, die Ur¬ 
barmachung des Ackers und die Pflege des Getreidebaues 
zu. Nach seinem Tode noch erfreute er die Menschen im 
Frühjahr durch das Sprossen der Pflanzen, die er aus dem 
Boden an die Oberfläche wachsen ließ. Deshalb weihte man 
ihm aus Erde geknetete Bilder seiner Mumiengestalt, die 
mit Getreidekörnern besteckt waren, so daß der sprossende 
Erdgott sich mit dem wachsenden Grün bedeckte. Sein 
Mysterium war das Wiedererwachen des Lebens, für den 
Menschen die Auferstehung des Fleisches im jenseitigen 
Dasein, wenn die dauernd fortlebende Seele sich mit ihrem 
oder einem neuen Körper vereinigte. Der König-Gott An- 
zeti erhielt den Namen Usire, griechisch Osiris, und 
sein Reich war die Unterwelt, in der er über die Toten 
herrschte. Sein Symbol Ded, ursprünglich ein bis zur Un¬ 
kenntlichkeit stilisierter Baumstamm ohne Laub, wurde 
zum Zeichen ewiger Dauer; das Auf richten eines Ded- 
Pfeilers gehörte zu dem Ritual, das man im Frühjahr voll¬ 
zog, um das Keimen des Getreides und das Ausschlagen 
der Bäume zu begrüßen. Gegner des Osiris war ein Gott 
Geb, ein anderer urzeitlicher König, der ihn von den öst¬ 
lichen Delta-Gauen her bedrängte. Von dort kam auch 
Setech, der Herr der unfruchtbaren Wüste und des salzi¬ 
gen Meeres, der in der Legende zu einem Bruder des Osiris 
und zu seinem Mörder wurde. Aus dem östlich benach¬ 
barten Gau XII erhielt Osiris die dortige Göttin Isis als 
Gattin, die nun mit ihm zusammen den wilden Ureinwoh¬ 
nern den Getreidebau brachte und das Beispiel eines glück¬ 
lichen Familienlebens zeigte. Zu diesem gehörte der kleine 
H o r u s - Knabe, der aus Buto (Gau VI oder XIX?) ein- 



70 



Abb. 20. Gott Anzetti von Busiris (Gau IX). 

wanderte und nun zu einem Liebling 
der Ägypter wurde, dessen Schicksale 
Mythen und Märchen erzählten. Der 
heranwachsende Horus wurde zum 
Rächer seines Vaters an dem bösen 
Setech, der sich ihm mit seinen Helfern, 
Nilpferden und Krokodilen zu entziehen 
suchte. Schließlich wurde aber Horus 
als König der Lebenden doch der Erbe 


des Osiris in seinem irdischen Reich, so daß Horus als himm¬ 


lisches Vorbild aller Pharaonen galt. Durch moralische Aus¬ 


deutung wurde aus dem Gegensatz zwischen der Osiris- 
Familie und dem fremden Eindringling Setech ein Kampf 


zwischen Gut und Böse; er gab in den Mysterien Gelegen¬ 
heit zu einem ethischen Sinn, den man den Handlungen 


der Festspiele unterlegte. Diese Mysterien, verbunden mit 
den Gedanken an die Erlösung von Sünden, an Auferste¬ 


hung des Körpers und Belohnung im Jenseits, gehören zu 



Abb. 21. Tonziegel mit einer Höhlung in Form des Totengottes Osiris mit 
seiner Krone (oberägyptische mit zwei Straußenfedern), in den Händen 
Krummstab und Geißel. In der mit Erde gefüllten Grube ließ man Getreide¬ 
körner keimen, so daß der Gott im Frühling zu grünen anfing und mit den 
Menschen zusammen ein neues Leben begann. Original in Hildesheim, 
Pelizaeus-Museum, Nr. 4550. 


71 





den Geheimnissen der Eingeweihten, bei denen die grie¬ 
chischen Schriftsteller sich mit vorsichtigen Andeutungen 
begnügen, ohne sich jemals klar darüber auszusprechen. 
Als Totengott ist Osiris von Busiris aus in das ganze Reich 
bis in die entlegensten Dörfer gedrungen; jeder König, 
später jeder Privatmann, wurde zu einem Osiris, dessen 
Wiederaufleben auch ihm zuteil wurde. Viele Tempel 
behaupteten, die Leiche des Osiris oder wenigstens einen 
Teil von ihr als Reliquie zu besitzen, zunächst das ober¬ 
ägyptische Abydos (Gau VIII), von dem aus die oberägyp¬ 
tische Krone zwischen die beiden Straußenfedern des unter¬ 
ägyptischen Anzeti gesetzt wurden; dann bis zum Ende der 
ägyptischen Religion auch die abgelegenen Inseln Philae 
und Biga in dem ersten Katarakt. 


GAU X Kem-wer „D er große schwarze 



Stier" an dem Oberlauf des mittleren Nil¬ 
armes. Hauptstadt (auf dem Ostufer) Hat-to- 


hrebe, koptisch Athrebi, griechisch A t h r i b i s, arabisch 


Kom el-Atrib bei Benha. 



Der Gau, von dem wir wenig Einzelheiten wissen, genoß 
seit der Urzeit hohes Ansehen, und der „Qroße Schwarze" 
war einer der weithin bekannten Stiere. Milch aus seinem 
Gau war eine der alten Gaben bei dem Totenopfer. An 
dem Tempel der Stadt haben viele Könige gebaut, ver¬ 
diente Männer haben ihre Statuen in ihm aufgestellt. 
Hauptgott war ein Falke Chent-cheti, den man dem allge¬ 
mein verehrten Horus angliederte. Außer ihm erscheint ein 


£ ^ Nilpferd, dessen 


man sich überall in diesen Gauen zu er- 




GAU XI Heseb „D er Kleseb-Stier" in der 
Mitte des Ostufers des mittleren Nilarmes, 
griechisch nach den beiden Städten Kynopolis 


oder Leontopolis benannt. Der erstere war die Heimat 


eines Hundes, der das Totemtier des Gaues war 


und von hier aus als Anubis in den Mythos des Osiris in 


72 


Busiris überging. In Leontopolis „Löwenstadt" heute Teil 
Mokdäm, wurde eine Form des Himmelsgottes An-hüret 
Schow als L ö w e verehrt; von hier aus sind Bronzefiguren 
eines schreitenden oder liegenden Löwen und eines Mannes 
mit Löwenkopf als Massenware, wie Devotionalien, weithin 
verbreitet worden. 

GAU XII „Kuh mit Kalb" zwischen der 

(III) Sebennytischen und (IV) Phatnischen 
Mündung des mittleren Nilarmes, griechisch 
vielleicht Kabasites. 

Sitz der Verwaltung war die Stadt Zeb-nüter, „Kalb des 
Cjottes", koptisch Zemenüti, griechisch Sebennytos, 
arabisch Samanüd, deren Gott zwei Himmelsträger in sich 
vereinigte: die Luft Schow, der mit seinen Armen den 
Himmel stützt, und An-hüret, der in dem oberägyptischen 
Gau VIII eine ähnliche Aufgabe zu erfüllen hatte, grie¬ 
chisch Ares, auf den römischen Gaumüiizen mit Panzer 
und Lanze dargestellt, die er wie der ägyptische An-hüret 
trägt. Seine Genossin Tefenet erhielt den Kopf einer Löwin, 
und beide wurden als Löwenpaar dargestellt, aber kaum 
nach einer bodenständigen Überlieferung. Einheimisch ist 
wohl die Verehrung des Fisches Lepidotös als Tier des 
Schow. Im Süden des Gaues lag die Stadt Hebit „festliche" 
oder Nutru „göttlicher (See)", arabisch Behbet, koptisch 
Na-esi, „Die (Stätten) der Isis", griechisch Iseion, lateinisch 
Iseum, die „Stadt der Jsis", die von hier nach Busiris zog, 
um Gattin des Osiris zu werden. In ihrer Heimat hatte Isis 
einen alten Kult als Himmelsherrin, die durch sich selbst 
entstanden war und auch ohne einen Gatten ihren Sohn 
Horus hervorgebracht hatte. Nach dem Horus von Hebit 
hat sich König Nacht-Hor-hebti (Dyn. XXX) genannt, der 
gewiß von hier stammte. 

GAU XV „Ibis" zwischen der Phatnischen 

(IV) und Mendesischen (V) Mündung des 
mittleren Nilarmes. In dem Gau soll das 

!\* Essen von Fischen verpönt gewesen sein, 


73 





deshalb galt sein Gaugraf dem strenggläubigen Nubier 
Pianchi als rein, so daß er ihn bei sich eintreten ließ. In 
der Hauptstadt Bah, bei dem heutigen Baklija, lateinisch 
Hermopolis Parva „Die kleine Stadt des Hermes- 
Jhot", war der Gott Thot heimisch, dem der Ibis bei¬ 
geordnet ist. Thot spielte hier die Rolle eines Schlichters 
des Kampfes zwischen Horus und Setech, durch den die 
Gaue des Deltas erschüttert worden waren. Er war ferner 
der Mond, vielleicht auch als weiser Erfinder der Schrift 
und Zauberer der Arzt, der den kleinen Horus-Knaben 
heilte, als er von einem Skorpion gebissen war. 

GAU XVI Hat-mehit „Erlesene der fische", 
an dem östlichsten Mündungslauf des mitt- 
_ leren Nilarmes. Totem ist der Fisch Lepido- 

SSs >l tos, eigentlich ein Nilfisch, vielleicht auch der 
Delphin aus dem nahen Mittelmeer. An dem Westufer 
liegen dicht nebeneinander die Städte Mendes undThmuis; 
in beiden wurde der Ziegenbock verehrt. Die Gaugöttin 
Hat-mehit, mit dem Fisch auf dem Kopfe dargestellt, tritt 
ihm gegenüber zurück. In der Stadt Dedet, griechisch 
Mendes (eigentlich Name des Bockes), bei dem Dorfe 
Tmai el-Amdxd, war ein prächtiger Tempel errichtet für 
den heiligen Ziegenbock Ba-neb-dedet „Bock, Herr von 
Dedet", griechisch Bendetis, der von den Ägypter fast im¬ 
mer wie ein Widder dargestellt wird, aber von den Grie¬ 
chen richtig als trägos „Ziegenbock" bezeichnet. Seine Zeu¬ 
gungskraft veranlaßte die Frauen, ihn mit Gebeten um ein 
Kind anzurufen. Der Betende gedachte auch der verstor¬ 
benen Böcke, die dort bestattet waren, und Herodot be¬ 
richtet von einer großen Trauerfeier, die der ganze Gau 
von Mendes nach des heiligen Bockes Tode abgehalten hat. 
Als unter Ptolemaios II. Philadephos der in dem Tempel 
von Mendes gehaltene Bock gestorben war, nahm der 
König lebhaften Anteil an diesem Ereignis und veranlaßte 
die sachverständige Begutachtung eines neu ermittelten 


Bockes, bei dessen ritueller Einsetzung unter Teilnahme 
anderer Götterbilder ein viertägiges Fest gefeiert wurde. 

{y_ _ GAU XVII Sma behdet (oder nur Behdet 

wie in Gau V und wie Edfu in dem ober- 
ägyptischen Gau II). Die Lage des Gaues wird 
bestimmt durch die seiner Stadt Per-Amon 
oder Pa-ju-n-Amon „Die Insel des Amon", griechisch Dios- 
polis, deren Name wie der einer Kolonie des oberägypti- 
sehen Theben klingt; heute Teil Balamün (oberhalb von 
Damiette) westlich der Phatnischen (IV) Mündung des mitt¬ 
leren Nilarms. Der Gau liegt an der Küste und mag erst 
in verhältnismäßig später Zeit stärker besiedelt worden 
sein. Eine selbständige religiöse Bedeutung ist für die ältere 
Zeit nicht zu erkennen, und der Gau führt kein altes 
Totem. In der mythologischen Erzählung der „Blendung 
von Wahrheit durch Lüge" ist Pa-ju-Amon der Mittelpunkt 
der Rinderzucht des Deltas. In dem schwer zugänglichen 
Gau soll auch das Papyrus-Dickicht von Chemmis gelegen 
haben, das man früher bei Buto (Gau VI) vermutet hat; 
er ist der Zufluchtsort der Isis, an dem sie ihren kleinen 
Sohn Horus aufzog. 

Die östlichen Qaue des Deltas 

In dem östlichenTeil des Deltas liegen die Gaue XIII—XIV 
und XVIII—XXII, bewässert durch den schwächeren öst¬ 
lichen Nilarm, der sich in Gau II unterhalb von Memphis 
(Kairo) von dem westlichen Hauptarm trennt und sidi mit 
den beiden Mündungen (VI) von Tanis und (VII) von 
Pelusium in das Meer ergoß (Abb. 16). Heute ist die Lage 
durdi den Suez-Kanal verändert, und das ganze Gebiet 
östlich von ihm mit der Stadt Pelusium ist abgeschnitten 
und verödet (Abb. 1). Wegen der Nähe der arabischen 
Wüste und wegen der kurzen Wüstenreise nach Palästina 
sind ständig Semiten aus diesen Ländern in das öst- 




74 


75 





liehe Delta eingeströmt, sowohl wilde Scharen von Noma¬ 
den wie syrische Städter von höherer Kultur. Auf diesem 
Wege haben die ägyptische Sprache und Religion ihre semi¬ 
tischen Züge erhalten. Einige Gottheiten der östlichen Delta- 
Gaue verraten viel mehr als die des inneren Deltas Eigen¬ 
heiten, die auf der semitischen Wüstenreligion oder auf 
syrischen Kulten beruhen. Alle Tore nach Osten waren am 
Rande des Deltas geöffnet, sowohl die Wüstenstraßen wie 
der Wasserweg durch das Wadi Tumilät zum Roten Meer. 


GAU XIII Heka-anz, an der Ostseite der 
Südspitze des Deltas, gegenüber Gau II und 
^ nördlich anschließend an Gau I von Mem- 

^ phis. Wenn der ungewöhnliche Name des 
Gaues, der kein Totem oder Symbol enthält, „Beherrscher 



des Anzeti , bedeutet, so liegt darin die Bezwingung des 



Gaues IX von Busiris. Die¬ 
ser Triumph will den Sieg 
des Lichtreiches von He- 
1 i o p o 1 i s über das dunkle 
Totenreich des Osiris fei¬ 
ern. Der Kampf von Helio- 
polis um die geistige Vor¬ 
macht über die übrigen 
Deltagaue ist überall zu 
erkennen, und er hat in 
der Tat auf vielen Gebie¬ 
ten mit einem Siege von 
Heliopolis geendet. Von 
praktischer Bedeutung für 
die Priesterschaft von He¬ 
liopolis war der Besitz des 
Nilmessers in Per-Hapi 
„Stadt des Hapi (Nil)", 


76 


Abb. 22. Isis säugt ihren Sohn 
Horus. 



griechisch Neilu-polis, lateinisch Nilopolis; von dort aus 
geschah die amtliche Feststellung der Nilhöhe, und das 
Steigen des Stromes durch das überschwemmungswasser 
wurde verkündet, das im Lande hoffnungsvolle Erwartung 
und freudige Festfeiern auslöste. In Gau XIII von Helio¬ 
polis lag auch ein Leontopolis „Löwenstadt 1 ' , heute Teil 
el-Jahudija „‘Hügel der Juden" wegen eines unter Ptole- 
maios VI. Philometor erbauten Tempels für die aus Jeru¬ 
salem vertriebenen Juden. In Leontopolis, einem starken 
Festungsbau, wurde der Lanzenwerfer Schow An-hüret 
von Sebennytos (Gau VII) verehrt, dem der Löwe geweiht 
war. Kulte des Löwengottes Ma-hesa „Wildblickender 




Abb. 23—24. Ansicht und Schnitt eines Sonnenheiligtums (Dynastie V) bei 
Abusir nahe Memphis. Von der königlichen Residenz führt ein bedeckter 
Aufweg auf die Höhe der Wüste zu dem Hof des Tempels hinauf. 


77 





&© 


n 


Löwe" reichen von hier über Bubastis (Gau XVIII) nach 
Norden bis zu dem Leontopolis in Gau XI hinauf. 

Die Hauptstadt Onu (Junu) „Pfeiler", koptisch und 
hebräisch On, auch Per-Re „3Haus des Re", griechisch Heliu- 
polis, lateinisch Heliöpolis „Sonnenstadt", hat zwei Götter, 
die durch die ganze ägyptische Geschichte als zwei ver¬ 
schiedene Persönlichkeiten auftreten, wenn sie auch von der 
Theologie zu einem einzigen Wesen vereinigt wurden (Ta¬ 
fel 1). Der Urgott Atum „Allherr" war ein königlicher 
Schöpfer, der aus sich selbst seine beiden Kinder Schow 
und Tefenet hervorgebracht hatte. Re „Sonne" mit dem 
Beinamen Hor-achti „Horus der beiden Horizonte" im 
Osten und Westen) war das alles beherrschende Gestirn, 
das am Uranfang aller Dinge die Lebewesen geschaffen 
hatte und sie täglich durch das ganze Jahr hindurch von 
neuem erhielt. Der Sonnengott von Heliopolis hatte 
die Züge einer Wüstenreligion an sich, und er wurde unter 
freiem Himmel angebetet, auf der Plattform eines Bau¬ 
werks, das den Urhügel nachahmte, auf dem einst die 
Sonne zum ersten Mal aus dem Chaos aufgestiegen war, 
um der Welt das Licht zu bringen. Der Sonnendienst von 
Heliopolis wendete sich in deutlicher Fortwirkung der Vor¬ 
stellungen von Wüstenbewohnem an einen Stein Benben, 
der von den Königen der V. Dynastie in ihre Sonnenheilig¬ 
tümer bei Abusir nahe Memphis als kolossaler Obelisk 
übertragen wurde (Abb. 23, 24). Wenn auch Re nach 
altem Wüstenglauben das Gestirn selbst ohne mythologi¬ 
sches Beiwerk war, so führte doch seine Verschmelzung mit 
dem am Himmel schwebenden Falken, einem anderen Bilde 
der Sonne, ihm sogleich alle Eigenschaften zu, die diesem 
durch seine feste Verbindung mit Horus in mehreren Gauen 
des Deltas zugefallen waren. Die Priester von Heliopolis, 
stets kluge Diplomaten und Dogmatiker, verstanden es, aus 
diesen und anderen Einzelzügen ein Gebilde zu formen, 
das ihren Gott Atüm Re Hor-achti zu einem überragenden 
Allherrn machte, der in sich aufnehmen oder wenigstens 


78 


1 


Abb. 25. Ein heiliger Ziegenbock sitzt auf 
einem Kasten und empfängt die Verehrung 
von Gläubigen. 

sich angliedern konnte, was in 
anderen Gauen an Vorstellungen 
von der Sonne als Schöpfer und 
Erhalter, von Horus als dem Fal¬ 
ken und von einem glücklichen 
Leben im Diesseits vorhanden 
war. Sie erzwangen es, daß der 
verstorbene König auf seiner To¬ 
tenfahrt, ehe er in Buto (Gau VI) 
bestattet wurde, nicht nur nach 
dem nahen Sais (Gau IV) und 
der Isis-Stadt Hebit (Gau XII) 
gefahren wurde, sondern auch 
nach dem fernen Heliopolis, um 
für das jenseitige Leben in die 
Gemeinschaft des Sonnengottes auf genommen zu werden. 

Hierin lag ein offenbarer Gegensatz zu dem düsteren 
Reich des Osiris von Busiris, dem Beherrscher der Unter¬ 
welt, — Heliopolis ließ seine Gläubigen in das ewige 
Lichtreich des Himmels aufsteigen, wo ihre Seelen in dem 
Schiff des Sonnengottes mitfahren durften oder als Sterne 
am Nachthimmel weiterlebten. Diese beglückenden Aus¬ 
sichten auf das jenseitige Leben durchziehen die Totentexte 
in den Pyramiden der Könige der VI. Dynastie bei Sak- 
kära, und sie sind in das Totenbuch der späteren Zeit 
hineingetragen, als auch diese Literatur durch die Priester 
von Heliopolis überarbeitet war. 

Die Götterwelt von Heliopolis war vielseitig und 
reichhaltig. Aus der Hand, mit der Atüm seine beiden Kin- L 
der gezeugt hatte, gestaltete man eine Göttin Jusas. Neben 
ihr stand Hat-Hör, die immer freundliche Göttin, die in 
den Sykomoren des Gaues südlich von Memphis wohnte. 

Der allmächtige Re hatte sich eines Tages die sich aufbäu- 




79 





r— l. ti. 




I mende Schlange Jaret an seine Stirn gesetzt, von wo sie 
f\ seine Feinde zurücktrieb/ dieser Stirnschlange Uräus (grie¬ 
chisch Uraios, aus Jaret entstellt) suchten sich Göttinnen 
verschiedener Gaue anzugliedern, um eine Beziehung zu 
dem Allherrn zu gewinnen. Von den Fischen gehörte der 
Aal zu dem Gefolge des Atum. Ebenso der Ichneumon, 
^ der den Schlangen den Kopf zerbiß und dadurch tat, was 
der Sonnengott seinen Feinden, den Nilpferden und Kroko¬ 
dilen als den Mächtigen der Finsternis, zuteil werden ließ. 
In dem Käfer (scarabaeus) choper offenbarte sich der Gott 
Chopri der Abendsonne: als Urgott „Der (aus sich selbst) 
Entstandene". Ein wichtiges Wesen war der Stier Mer-wer, 
griechisch Mnewis, dem man im Leben wie nach dem Tode 
ebenso hohe Ehren erwies wie in Memphis dem Apis. Er 
war das „Abbild des Re, der die Wahrheit auf steigen läßt 
zu Atum“, hatte seinen Stall neben dem Tempel, und man 
weihte ihm Denksteine mit Gebeten. Zu seiner Balsamie- 
rung mußten die dazu bestimmte Personen fein gewebte 
Stoffe liefern, und bei seiner Beisetzung tanzte ein Zwerg. 

Die Theologie von Heliopolis hat aus seiner Götterwelt 
ein S y s t e m zu machen gesucht, ähnlich wie es zu Gun¬ 
sten des Ptah in Memphis geschah, als es zur Hauptstadt 
des Reiches erhoben worden war. In der Lehre von Helio¬ 
polis mußte selbstverständlich Atum Re Hor-achti der 
älteste Gott sein, und ihm konnte man leicht seine Kinder 
Schow undTefenet anfügen. Tefenet war die Frau, die zum 
ersten Mal in der Welt geboren hatte, so daß ihr ihre Kin¬ 
der folgten: die Erde Geb (männlich) und der Himmel Nut 
(weiblich), die ursprünglich an anderen Orten selbständige 
Gottheiten gewesen waren und nun als ein Ehepaar in die 
Götterfolge eingegliedert wurden. Noch weniger paßte im 
Grunde zu dieser Folge die dann angeschlossene Familie 
des Osiris von Busiris (Gau IX), aus der Osiris selbst und 
seine Gattin Isis aufgenommen wurden, aber nicht Horus, 
von dem wenigstens eine Seite seiner Persönlichkeit durch 
Re Hor-achti aufgesogen war. Am Ende nahm Heliopolis 


80 








Jafel 7 


noch den bösen Setech aus dem Nordosten des Deltas auf, 
obwohl er als Mörder des Osiris in Busiris einen schlechten 
Ruf genoß; aber er war doch in seinem Kampfe gegen 
Horus zu einem Landesgott von Unter-Ägypten geworden. 

Ihm wurde seine Gattin Nebt-hot „Herrin des Gehöftes", 
koptisch Nebt-hö, griechisch Nephthys, beigegeben, und da¬ 
mit war eine Dynastie von neun Gottheiten geschaffen, die 
„Qroße ‘Neunheit von HeliopoUs ", die auch in anderen 
Gauen durchgesetzt und zu einem Mittelpunkt der ägypti¬ 
schen Theologie überhaupt erhoben wurde. 

a GAU XIV „ Ostmark " an dem Unterlauf 

« hf der we tlichen Mündung (VI) des östlichen 
(Tanitischen) Nilarms. Der Gau enthält das 
Fruchtland im Nordosten des Deltas mit dem 
angrenzenden Wüstengebiet, in das die Oasen um die 
Balläh-Seen eingelagert sind. Der alte Name „Krokodil- 
Qau " läßt auf einen Kult dieses Tieres schließen, das sich 
in den versumpften Flußläufen um den heutigen Menzäla- 
See lange gehalten haben mag. Die Hauptstadt hat ver¬ 
schiedene Namen geführt, die man früher für mehrere 
Städte gehalten hat: zuerst Setret, griechisch Sethroe mit 
einem Kult des Setech; dann zur Zeit der Hyksos (Dyn. 

XIV—XVI) Hat-waret, griechisch Awäris; in Dyn. XIX 
nach dem regierenden König Per-Ra J meses „‘Haus des 
Ramses", hebräisch Rahneses, an der die Juden vor dem 
Auszug bauen mußten; zuletzt Zahlet, hebräisch Zo’an, 
griechisch T a n i s, nach der die VI. Nilmündüng ihren 
Namen erhalten hat. 

Der bodenständige Gott der Hauptstadt Tanis war 
Setech, griechisch Seth, ein ägyptischer Kämpfer, der das 
Delta gegen Palästina schützte, selbst schon mit syrischen j> 
Abzeichen wie einer Krone mit Bändern und einem Ga- Cy 
zellenkopf (später der oberägyptischen Krone angeglichen) 
und Hörnern am Schurz, dargestellt ähnlich dem syrischen 
Baal und dem Kampfgott Reschef aus Palästina. In den 

6 Roeder, Pharaonenreich 81 








vorgeschichtlichen Kämpfen zwischen seinem östlichen Gau 
und den mittleren Gauen des Deltas war er einerseits der 
Gegner des guten Fürsten Osiris von Busiris (Gau IX), zu 
dessen Mörder er wurde; andererseits Gegner des Falken 
Horus von Buto (Gau VI), vor dem als dem späteren König 
von Unter-Ägypten er sich beugen mußte. Die verschieden¬ 
artige Stellung des Setech hat es mit sich gebracht, daß er 
bei Königen der II. Dynastie mit dem Falken Horus zu¬ 
sammen als Landesgott erschien, später von Busiris aus 
aber als Osirismörder geächtet wurde; trotzdem erhoben 
die Ramses-Könige der XIX. Dynastie, die in Tanis resi¬ 
dierten, ihn zu ihrem Staatsgott. Die Spätzeit mit ihrer 
Betonung des Osiris-Kultes hat Setech als Teufel ausge¬ 
merzt, und man entstellte sein Tier, eigentlich ein Misch¬ 
wesen der Wüste zwischen Löwe, Okapi und Giraffe mit 
einem Pfeil als Schwanz, zu einem Esel, der aber den 
Gnostikern wieder zum Christus-Symbol wurde. Den Ägyp¬ 
tern war Setech von Tanis der Herr der Wüste und des 
Auslands, und sein Tempel führte eine eigene Zeitrechnung 
von der Einsetzung des Setech durch die Hyksos-Könige 
ab (etwa 1730 vor Chr.); sie hat unter Ramses II. (Dyna¬ 
stie XIX) das Jahr 400 erreicht. Als dieser, der aus einem 
einheimischen Fürstengeschlecht stammte, Tanis als seine 
Residenz schmücken wollte und 



keine bodenständige Bildhauer¬ 
schule vorhanden war, die diese 
Aufgabe hätte lösen können, ließ 
er die Tempel des ganzen Rei¬ 
ches bis nach Ober-Ägypten hin¬ 
auf plündern und kolossale Sta¬ 
tuen früherer Könige in seinen 
Setech-Tempel überführen. Die 
Stadt ist lange Zeit blühend 
geblieben, und mit Dyn. XXI 

Abb. 26. Gott Setech von Tanis (Gau XIV). 


82 


gewannen die Fürsten von Tanis als Könige die Macht über 
ganz Ägypten, verbündet mit einer libysch-nubischen Fa¬ 
milie in dem oberägyptischen Theben. Diese Könige sind 
es, die Jesaja (1, 11—13) verspottet als die Fürsten zu 
Zoan, die zu Toren geworden sind, und die weisen Räte 
des Pharao sind im Rat zu Narren geworden. 

Zu dem Gau XIV „Ostmark" gehörte das Wüstengebiet 
in der Gegend des heutigen Suez-Kanals. Sie ist berühmt 
geworden durch den Auszug der Juden aus dem Lande 
Gosen (am Ostrande des Deltas), aus dem sie nach 
Osten wanderten, zunächst in dem Wadi Tumilät an dem 
Nilarm, der dort durch die Wüste weiterläuft, dann an 
dem Timsäh-See nach Süden abbiegend entlang dem Lauf 
des heutigen Kanals an den Bitterseen vorbei zum Roten 
Meer (Abb. 16). Dieser Bezirk unterstand der Festung 
Zaru, keilschriftlich Silu, griechisch Sile, heute Teil Abu 
Sefa; hier wurde Setech verehrt ebenso wie in Tanis, das 
zeitweise in den Hintergrund trat. Der Herr der Gegend 
(bei dem heutigen Käntara) war ein Löwe namens Horus, 
Herr von Mesen; dieser Ortsname weist auf das ober¬ 
ägyptische Edfu (Gau II) mit dem Kult des Horus Behedti. 
An der Wegstrecke des Auszugs lag die Stadt Per-Atüm, 
hebräisch Pithöm, an der die Israeliten gearbeitet haben, 
heute Teil el-Mas-chüta, nach seinem Namen eine von 
Heliopolis aus gegründete Kolonie; deshalb wurde dort 
auch Tefenet verehrt. In Pithom ist ein Denkstein aus der 
Zeit Ptolemaios II. Philadelphos gefunden, der die Zuwen¬ 
dungen des Königs an den Tempel des Atum auf zählt und 
seine Stiftungen festlegt. Weshalb das Wadi Tumilät spä¬ 
ter als Gau VIII „östliche Harpune" bezeichnet wurde, 
ist nicht zu erkennen; der eigentliche (westliche) Harpunen - 
Gau (VII) liegt am anderen Ende des Delta. 

Die äußerste Stadt im Osten des Deltas liegt an der 
Küste des Mittelmeeres an der östlichen (VII) Mündung 
des östlichen Nilarms in einer Gegend, die heute durch den 
Suez-Kanal trockengelegt und zu Wüste geworden ist. Im 


83 




Altertum hat sie in dem versumpften Mündungsgebiet, das 
durch guten Wein bekannt war, die Stadt Sinu, hebräisch 
Sin, griechisch Sain, enthalten, die volkstümlich griechisch 
Pelusion „Lebmstadt" genannt wurde, lateinisch Pelu- 
s i u m. Der koptische Name Peremün, arabisch Teil Fa- 
ramä, geht wohl auf ein ägyptisches Per-Amon „Haus des 
Amon" zurück und verrät eine Siedlung unter Einfluß des 
Gottes Amon von Theben, des oberägyptischen Staatsgottes 
des Mittleren und Neuen Reichs. Die Stadt war, wie ihr 
Name Sinu besagt, eine vorgeschobene „Testung" als Sperre 
der Küstenstraße nach Palästina. Als solche hat Pelusion 
zeitweise den Grenzort Zaru-Sile ersetzt. Zu einer eigenen 
religiösen Bedeutung hat sie es kaum gebracht. Zu welchem 
Gau sie gerechnet wurde, ist unsicher, und war wohl nicht 
zu allen Zeiten gleichmäßig. 


/ GAU XVIII—XIX Imu „Königlicher Knabe" 
Imti, an dem Oberlauf des östlichen Nilarmes 
zwischen seinen beiden Mündungsläufen ge¬ 
legen, später gespalten in den „Vorderen" 
Teil Imu-chent (XVIII) mit Bubastis im Süden und den 
a y „Hinteren" Teil Imu-peh mit Buto im Norden. Für den 
qj als Totem verwendeten Knaben mit der unterägyptischen 
Krone ist ein Zusammenhang mit der Religion des Gaues 
nicht zu erkennen; sollte hier das Horus-Kind beheimatet 
sein, das als Sohn der Isis zu Osiris nach Busiris wanderte 
(Gau IX)? 

Die Stadt Per-Bastet „Haus der Bastet", koptisch Pu¬ 
basti, hebräisch Pi-beset, griechisch und lateinisch Buba¬ 
stis, arabisch Teil Basta, hatte als Herrin die Bastet, 
Göttin der Freude, des Tanzes und der Liebe, dargestellt 
mit einem Wollkleide von syrischem Muster und Schnitt. 
Dieses und die üb er schäumende Ausgelassenheit, mit der 
große Volksmengen ihre Feste in ihrem Tempel feierten, 
machen die Einwanderung ihres Kultes aus Syrien wahr¬ 
scheinlich. Durch ihre Verbindung mit der Katze, mit deren 


84 


Abb. 27. Katze aus Bronze mit gol¬ 
denem Ohrring, heiliges Tier der 
Göttin Bastet in Bubastis (Gau XVIII). 
Alle Katzen, nicht nur die heiligen, 
wurden in Bubastis in besonderen 
Öfen verbrannt, und ihre Asche, mit 
Knochen vermischt, wurde in bron¬ 
zenen Särgen in Form einer hockenden 
Katze beigesetzt. Aus den Katzen¬ 
friedhöfen von Bubastis sind viele 
derartige Katzenfiguren, die als Särge 
benützt waren, in die Museen gelangt. 

Kopf, zuweilen auch Pfoten und Schwanz, sie dargestellt 
wird, ist sie ganz bodenständig geworden, hat aber keine 
Beziehung zu den Mythen anderer ägyptischer Gottheiten 
gewonnen. Einen Gatten hat man ihr niemals zugewiesen, 
wohl aber einen Sohn, den Nofer-tem aus Memphis (Gau I). 
Gau und Stadt haben zu allen Zeiten politische Bedeu¬ 
tung gehabt. Libysche Söldnerführer, die sich in Bubastis 
als Fürsten festgesetzt hatten, haben von dort aus zeit¬ 
weise die Herrschaft über ganz Ägypten an sich gerissen 
(Dynastie XXII). 

Die Stadt Jemet, Hauptort von Gau XIX, mit seit alter 
Zeit berühmtem Wein, hieß nach ihrer Herrin Uto auch 
Per-Uzöjet oder Per-Utö, griechisch Buto (das östliche, 
im Gegensatz zu dem westlichen Buto in Gau VI), nur 
13 km südöstlich von Tanis bei Nebescha gelegen, heute 
Teil Fara c ün. Der alte Tempel der kleinen Stadt hatte 
eigene Mysterien, von denen ein in sie Eingeweihter in der 
Spätzeit eine poetische Schilderung gegeben hat. 

GAU XX S o p d u, in der Mitte des Ost¬ 
randes des Deltas gelegen an den beiden 
Mündungsläufen des östlichen Nilarms, ein 
altes Grenzland, wie auch sein griechischer 
und lateinischer Name Arabia besagt. Der Hauptort Per- 
Sopdu, arabisch Saft (el-Henna), oder griechisch Pharbai- 




85 






tos, lateinisch Pharbaetus, arabisch Teil Horbait, nahe Pha- 
küsa, arabisch Faküs, hieß nach dem Gott Sopdu, einem 
vollbärtigen Grenzgott von dem Aussehen eines Beduinen 
(Abb. 66). In seinem weiteren Namen Hot-nubs „Qehöft 
der Sykomore" lebt die alte Verehrung der großen Bäume 
auf dem schon in die Wüste übergehenden Gelände 
fort. Sopdu, Herr des Ostlandes, war wie Setech von Tanis 
und Horus von Mesen ein alter Schutzgott für die Ägyp¬ 
ter gegen die Einfälle der semitischen Nomaden aus der 
Wüste. Auf einem großen, in Saft gefundenen Naos treten 
Sopdu und der Horus des Ostens als Kämpfer für den 
Sonnengott auf, dessen Sieg von den „Westlichen" (Göt¬ 
tern und Toten?) bejubelt wird. Wie es scheint, war in 
dieser Gegend aber auch Geb heimisch, dessen Regie¬ 
rung als Nachfolger seines Vaters Schow auf einem 
weiteren, aus Saft el-Henna stammenden Naos geschil¬ 
dert wird; er vergewaltigte seine Mutter Tefenet, setzte 
sich die Stirnschlange des alten Königs Re an das Haupt 
und wurde König der Götter und Menschen. Geb, 
Herr des Lichtreichs im Osten des Deltas, erscheint in 
einigen Pyramidentexten des Alten Reichs als Gegner des 
Osiris von Busiris (Gau IX), dessen Wege in das finstere 
Totenreich führen. Gau XX grenzt an das Wadi Tumilät 
mit dem Wasserweg zu dem Roten Meer, der aber zu der 
„Ostmark" Gau XIV von Tanis gerechnet wurde, soweit 
man ihn nicht als selbständigen Gau VIII „östliche Har¬ 
pune" zählte. 


DAS NILTAL VON OBER-ÄGYPTEN 

Die landschaftlichen Grundlagen der ober¬ 
ägyptischen Religion hängen einerseits an dem Fruchtland, 
das an den beiden Flußufern nicht viel von dem des Deltas 
abweicht; wesentlich ist aber, daß, abgesehen von dem 
Bahr Jüsuf „Josephs-Haß", nur ein einziger starker Strom¬ 
lauf vorhanden ist, neben dem Spaltungen oder Kanäle 


unbedeutend sind. Zu der Bauernreligion, die in einer sol¬ 
chen Gegend notwendig erwachsen muß, kommen nun aber 
die Vorstellungen der J ä g e r aus der Wüste, die in Unter- 
Ägypten höchstens an dem westlichen und östlichen Rande 
vorhanden sind, in dem schmalen Tal von Ober-Ägypten 
aber dem Bauern ständig vor Augen stehen. Im Osten wie 
im Westen dehnen sich die kahlen Gebirge des wasserlosen 
und unzugänglichen Sandlandes unermeßlich weit aus, nur 
selten unterbrochen von den Oasen mit ihren eigenartigen 
Tieren und mit den zeitweise von Grün bedeckten Sen¬ 
kungen, die nach dem seltenen, aber dann befruchtenden 
Regen bald wieder verdorren. Diese dem Bauern immer 
wieder gefährliche Wüste, die mit ihren ständig herab¬ 
rieselnden Sandmassen ihm seinen Acker am Talrande zu 
zerstören drohte, war der Sitz unheimlicher Mächte, und 
es waren keine guten Geister, die dort wohnten. Zum min¬ 
desten war es klug, sie durch Gebete und Opfer zu ver¬ 
söhnen, und vielleicht erschreckte es den Gegner, wenn 
man sie als den eigenen Totem ihm entgegenhielt. So 
entstanden als Stammessymbole Antilope, Wolf, Hase, 
Schlange und das Fabeltier des Setech. Dazu kamen die 
hohen alten Bäume, deren weithin sichtbare Kronen in den 
Wüstenäckern und auch am Nil mehr auffielen als in den 
offenen Marschen des Deltas. Der tägliche Lauf der Sonne 
war überwältigender als im Delta, weil der Bauer den alles 
beherrschenden Gott sah, wie er morgens aus den Bergen 
der östlichen Wüste aufstieg und abends sich zu den toten 
Felsen der westlichen niedersenkte. In der Religion des 
Ober-Ägypters hat sich, ebenso wie in seiner Kunst, das 
starke Naturgefühl ausgesprochen, das ihm seine Land¬ 
schaft auf gedrängt hat. 

Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen mehreren 
Gauen war von der Natur nur gegeben, wenn sie einan¬ 
der benachbart waren, und einen freundlichen oder feind¬ 
lichen Nachbarstamm gab es im allgemeinen nur auf der 
Nordseite des Gaues oder auf seiner Südseite. Die Ab- 


*3 

%S 


g - 4 ^ / 



Abb. 28. Ober-Ägypten, nördlicher Teil. 


grenzung des einzelnen Gaues, und damit die Anerken¬ 
nung seines Totems oder Gottes, war ebenso unsicher wie 
bei dem Acker des Bauern, der dem Nachbarn bei dem 
Pflügen gern etwas von dem kostbaren Fruchtland weg¬ 
nehmen wollte. Die Gaugrafen haben deshalb ihre Grenz¬ 
steine von Zeit zu Zeit erneut feststellen müssen. Inner¬ 
halb desselben Gaues ist nicht immer die gleiche Stadt 
während aller Epochen der Vorort des Stammes geblieben, 
sondern gelegentlich hat ein Ort in jüngerer Zeit die ältere 
Siedlung überflügelt. Eine solche Verschiebung der Größe 
und Macht hat meist politisch-wirtschaftliche Gründe, 
gelegentlich aber religiöse Bedeutung, so bei Theben in 
Gau IV gegenüber Hermonthis, oder bei Abydos in 
Gau VIII gegenüber Tine. 

Das Landschaftsbild des in die Wüste eingebetteten Nil¬ 
tals von Ober-Ägypten ist so einheitlich, daß sich aus ihm 
keine LInterteilungen bis zu dem ersten Katarakt hin ergeben; 
der einzige Wechsel liegt in der allmählichen Abnahme der 
Talbreite nach Süden zu, von 15 bis 20 km bis zu wenigen 
Metern hin. Aber die Bewässerung und eine teilweise mit 
ihr zusammengehende politische Gliederung lassen drei 
Gruppen von oberägyptischen Gauen erkennen, die auch 
eine in sich geschlossene Bedeutung für die Religion ge¬ 
habt haben. Im Norden liegt das an das Delta und Mem¬ 
phis anschließende Mittel-Ägypten, breite Fruchtlandstreifen 
mit reichem Ackerland, westlich neben ihm das üppige Faj- 
jüm, dieses und das Niltal bewässert durch den Bahr Jüsuf, 
den als Josephs-Fluß ausgebauten Kanal: Gau XXII—XV. 
Dann folgt südlich von der Abzweigung des Josephs-Flusses 
der nördliche Teil des eigentlichen Ober-Ägypten mit Gau 
XIV—IV, ein schon schmaleres Tal mit nur dem Nil selbst 
als einzigem Flußlauf; zu ihm gehören die Wüstenstraßen 
zu den Oasen im Westen und dem Roten Meer im Osten, 
und seinen südlichen Abschluß bildet die Stadt Theben 
(Gau IV), immer Sitz der Landeskirche und zeitweilig auch 
politische Hauptstadt. Die dritte Gruppe wird durch die 


88 


89 



Gaue III—I gebildet, das südlichste Ober-Ägypten mit schon 
leicht nubischem Einschlag, ein kriegerisches Volk, das in 
der Frühzeit staatenbildend gewirkt hat und Züge seiner 
der Wüste verwandten Religion in das nördliche Niltal hin¬ 
abgetragen hat. 


^Mittel-Ägypten mit dem Jajjüm 

Der nördlichste Teil von Ober-Ägypten, die Gaue XXII 
bis XXI, trägt auf dem westlichen Wüstenrande die Pyra¬ 
miden der Könige des Alten und Mittleren Reiches nebst 
den Friedhöfen ihrer Großen und der xMasse ihrer Unter¬ 
tanen. Er hat dadurch stark unter dem Einfluß der Residenz 
Memphis gestanden, deren Tempel und Gottheiten die 
Gaubewohner angezogen haben. Nachdem das Fajjüm 
durch die wirtschaftliche Erschließung seit dem Mittleren 
Reich eine steigende Bedeutung erhalten hatte, bildete sein 
Eingang zwischen Gau XXI und XX eine Grenze, von der 
ab auch das kulturelle Leben im wesentlichen nach Nor¬ 
den zielte. So begann das eigentliche Mittel-Ägypten 
mit der charakteristisch oberägyptischen Religion erst mit 
Gau XX, der nach dem Zusammenbruch das Alten Reiches 
die Führung dieses Landesteils übernahm und seinen Gott 
zum König des Pantheons machte. Die Gottheiten der süd¬ 
lich anschließenden Gaue XIX—XV haben Züge, in denen 
sich die bäuerlichen Elemente mit den aus der Wüste stam¬ 
menden etwa die Wage halten. 



GAU XXII „ Tdesser (aus Feuerstein)", nur 
^ auf dem Ostufer südlich dem unterägyptischen 

i Gau I von Memphis. Sein nördlicher Teil, 
gelegentlich auch der ganze Gau, ist zeitweise zu dem 
Gebiet von Memphis gerechnet worden. Hauptstadt war 
Tep-jehu „Haupt der Xühe", koptisch Tpeh, arabisch 
A t f l h, griechisch Aphrodites-polis, mit einem Tempel 
der Hat-Hör (griechisch Aphrodite). Ihr und der Isis 


90 


war eine weiße Kuh Hesat geweiht, und die heiligen 
Kühe der Hathor, die dort bestattet sind, wurden dem 
Stier Apis in Memphis zugeführt. Ein Denkstein aus 
dem Tempel der Göttin schildert, wie unter Ptolemaios I. 
Soter die damals gehaltene Kuh Hesat nach 14 Jahren 
starb, als Mumie feierlich beigesetzt wurde unter Teil¬ 
nahme der Bilder der anderen Gottheiten, und dann nach 
Ablauf der vorgeschriebenen Trauerzeit eine neue heilige 
Kuh gesucht und gefunden wurde. Ein Priester der Hathor, 
Herrin von Tep-jehu, hat in Dyn. XIX in Memphis an 
einer Prozession teilgenommen und dabei ein Bild des dor¬ 
tigen Gottes Ptah getragen. In diesen Zügen spricht sich 
die überragende Bedeutung von Memphis als der Haupt¬ 
stadt des Reiches aus. Eine Besonderheit des eigenen Kul¬ 
tus von Tep-jehu liegt darin, daß ein nackter jugendlicher 
Priester in der Rolle ihres kleinen Sohnes Ihi seiner Mut¬ 
ter „ Hathor , Herrin von 7ep-jehu", das Sistrum und das 
Menat (Tanzgerät) darbringt. 

GAU XXI—XX nur auf dem Westufer: 
„Waret-Baum", vielleicht Granatapfel, jeden¬ 
falls Nymphe in einem Baum; später gespal¬ 
ten in den nördlichen Gau „ Vorderer Wäret" XXI und den 
südlichen „ Hinterer Wäret" XX, getrennt durch den Ein¬ 
gang zu dem Fajjüm, das zeitweise als besonderer Gau 
gerechnet wurde. 

Gau XXI besaß eine Stadt Neilu-polis „WiUStadt" , mit 
einem Nilmesser, der für die Ansagen der Überschwem¬ 
mung durch den Tempel von Heliopolis (unteräg. Gau XIII) 
wichtig war; sie blieb aber bedeutungslos gegenüber der 
Totenstadt in der westlichen Wüste, die sich von Memphis 
bis zum Fajjüm erstreckte und durch die dort Bedienste¬ 
ten eine Menge von kleinen Siedlungen enthalten haben 
muß. Im Fruchtland ist bei dem heutigen Dorfe Tarchän 
der Friedhof einer Stadt aus der Zeit des Königs Nar-mer 
(Dyn. I) gefunden; auf einer Standvase aus Alabaster ist 



der Gott Ptah des nahen Memphis eingeritzt, als geschlos¬ 
sener Körper gezeichnet nach der frühzeitlichen Darstel¬ 
lungsweise (Abb. 13). An dem Nordrande des Eingangs 
zu dem Fajjüm sind zwei Orte durch Königsgräber der 
XII. Dynastie berühmt geworden: bei Illahün das Wohn- 
dorf Kahün der Arbeiter, die Sesostris II. seine Pyramide 
bauten/ bei Hawära der Totentempel Amon-em-het III., 
von den Griechen besichtigt rund beschrieben als das „La¬ 
byrinth" mit vielen Höfen und Säulengängen. 

Das Fajjüm selbst, ursprünglich eine Oase, die 
durch das Einströmen des Bahr Jüsuf ,Josephs-7luß" ver¬ 
sumpfte, wurde durch die Könige der XII. Dynastie ent¬ 
wässert, mit üppigen Gärten versehen und mit Dörfern, 
die sich in griechischer Zeit zu Städten entwickelten. In 
ihnen, besonders in der Hauptstadt Schedet oder Per-Sobek 
„'naus des Sobek", griechisch Krokodeilu-polis oder Arsi- 
noe, nach der das Fajjüm als Gau Arsinoites genannt wurde, 
ägyptisch Ta-sche „ Seeland", koptisch Pa-jom, arabisch 
Fajjüm, verehrte man das Krokodil, das in den toten Flu߬ 
armen massenhaft gelebt haben muß. Aus dem Tempel des 
Sobek sind uns zehn Lieder an die göttliche Königskrone 
und an ihre Stirnschlange erhalten, die dort eine Über¬ 
arbeitung für die Absingung vor dem Krokodilgott er¬ 
fahren haben; sie besingen die Macht der Kronen-Göt- 
tinnen und suchen die Kraft ihres Feueratems zu besänf¬ 
tigen, bis sie ihn gegen die Feinde ihres göttlichen Herrn 
verwenden. Das vergöttlichte Krokodil Sobek, griechisch 
Suchos, eigentlich ein unheimliches Urwesen und Schöpfer, 
dann mit dem Sonnengott verbunden als der Urgott und 
Weltenherrscher Sobek-Re, wurde in jeder Stadt des Faj¬ 
jüm als besondere Gottheit in eigener Form verehrt. Eben¬ 
so in später Zeit Isis, die überall durch selbständige Bei¬ 
worte zu einer eigenartigen Form der Himmelskönigin und 
Allmutter entwickelt wurde. 

Mit Gau XX beginnt das eigentliche Mittel-Ägypten. 
Seine Hauptstadt Hat-nen-nesut „Haus des Kindes des 


92 


Königs von Ober-Ägypten ", koptisch ITnes, arabisch Eli¬ 
nas, griechich Herakleus-polis, lateinisch Heracleopolis, Ä _^ 

unmittelbar südlich von dem Eingang zu dem Fajjüm ge- aTÜ 
legen, hatte als Gott einen Bock, der ursprünglich wohl ein gc 
Ziegenbock war, aber mit dem Widder des Chnum ver- aXt 
mischt wurde. Er hieß Hari-schaf, „D er auf seinem 7eiche 
wohnt", griechisch Harsaphis, und war ein Urgott, der 
in seinem Gau als König der Götter angesehen wurde. Als 
die Fürsten von Hnes in Dynastie VII—X den Anspruch 
auf die Herrschaft über ganz Ägypten erhoben und auch 
wirklich einen großen Teil des Reiches unter ihrer Leitung 
vereinigten, machten sie ihren Gott Hari-schaf zum Herrn 
des Reiches und zum Götterkönig im Himmel. Gaugraf 
Sma-tawi-Tefnacht, der unter Alexander dem Großen gegen 
die Perser in Asien kämpfte, erhielt dort im Traum von 
seinem Gott Hari-schaf den Befehl, in seine Heimat Hnes 
zurückzukehren, um sich vor Unheil zu retten; durch einen 
Denkstein in dem Tempel des Gottes hat er diesem seine 
Dankbarkeit bezeugt. 

GAU XIX Wabu „Zwei Zepter (Krück¬ 
stöcke)" auf dem Westufer zwischen Gau XX 
„KJaret-Baum" und XVII „Klund". In der 
Hauptstadt Per-mezed, koptisch Pernze, griechisch Oxy- 
r y n c h o s, heute Bahnasa, wurde Setech verehrt, außer 
dem das Nilpferd Ta-weret, griechisch Thueries, ein Hei¬ 
ligtum besaß. Bedeutungsvoll war der Fisch Oxyrynchos 
„Spitznase ", den man heilig hielt und nicht verzehrte. Als 
die Bewohner aber erfuhren, daß die Leute in dem süd¬ 
lich anstoßenden Gau XVII ihren Fisch aßen, fingen sie 
die dort heilig gehaltenen Hunde, schlachteten und ver¬ 
wendeten sie als Opferspeise. Hieraus entstand ein Kampf 
zwischen den beiden Gauen, so daß die Römer die Gegner 
auseinander bringen mußten. 






93 





<S/0 Gau XVIII Sepa „Wiegender Jalke" mit 
dem Beinamen Dewen-anwi „Der die Wäget 
\j ausbreitet", auf dem schmalen Ostufer neben 

den Gauen XX, XIX und XVII. Wenn der Totem des 
Gaues auch ein Falke war, ist der „Wen von Sepa" 
doch ein Hund Anubis, offenbar verwandt mit dem Totem 
von Gau XVII. Für größere Städte war in dem geringen 
Fruchtland kein Raum. Der Gau wird benannt nach 
der Stadt Hipponos nahe dem heutigen Karära. Aus An- 
kyron-polis- heute El-Hiba, wissen wir von einem Tempel 
des Amon, der erst nachträglich hier eingeführt worden ist. 
In der Felsengrotte von Saririja hat Anubis eine Hat-Hor 
als Genossin, die dort bodenständig zu sein scheint, viel¬ 
leicht als Bewohnerin eines Felsens. 


A GAU XVII Anpu „Wund". In der Haupt- 

stadt Kynopolis „Hundestadt", koptisch Kais, 
«r—arabisch el-Kes, wurde der Hund verehrt, 
um dessenwillen die Bewohner einen Kampf mit Gau XIX 
ausfochten, dessen heiligen Fisch Oxyrynchos sie ver¬ 
zehrten. Zu dem Gau gehörte auch die Stadt Dehnet 
„Berggipfel", arabisch Tehna, griechisch Akoris, obwohl sie 
auf dem Ostufer südlich von dem Gebel et-Ter „Vogel¬ 
berg" liegt, der dort als Trennungswand bis an den Nil 
herantritt. In ihrer Nähe ist ein Kult in Höhlen vollzogen 
worden, dem große Felsenbilder mit Götterbildern ver¬ 
schiedener Orte erhalten sind. 


^ GAU XVI Ma-hez „ Oryx-Antilope". Das 

> f Totemtier, ursprünglich gewiß als Beute des 
geschickten Wüsten jägers gemeint, wurde 
später als Genosse des Setech angesehen und deshalb von 
den Verehrern des Osiris geächtet. Der Gott der Haupt¬ 
stadt Hebnu bei Kom el-Ahmar war ein Horus, dessen 
Falke auch in den Gauzeichen auftritt; er ist ursprüng¬ 
lich ein bodenständiger „Schläger der Menschheit", wurde 


94 



Abb. 29. Bronzegruppe, in der ein 
kniender Stifter (klein, mit einer Pa¬ 
pyrusrolle unter dem Arm) vor dem 
hundeköpfigen Gott Anubis und seiner 
Gattin Hathor betet. Anubis hält den 
Krummstab als Herrschaftszeichen. 
Hathor trägt auf dem Kopfe den 
Schmuck der Isis (Sonne zwischen 
Kuhhömern). Derartige Bronzefiguren 
wurden von wohlhabenden Bürgern 
in die Kapellen der Gottheiten ge¬ 
weiht, um ihren Segen zu erflehen. 
Meist sind in den Museen nur die 
einzelnen Figuren, von dem Sockel 
losgelöst, erhalten. 

aber später in die Osiris-Sage 
eingegliedert. Die Gaugrafen 
in Dyn. XII, die in den Fel¬ 
sengräbern von B e n i Has¬ 
san bestattet sind, waren 
Priester der Tefenet. Mit ihr 
mag die Löwin Zusammenhän¬ 


gen, die in der Felsenkapelle Speos Artemidos als Pachet ver¬ 


ehrt wurde, einem Wüstental auf der Grenze zu Gau XV, 
dessen Gott Thot in ihm als mächtiger Schützer hervortritt. 


GAU XV Wenet „Wase", in politisch-wirt¬ 
schaftlicher Hinsicht ebenso wichtig wie in 
religiöser. Am Südende des Gaues zweigte 
der Bahr Jüsuf „Josephs-Wuß" von dem Nil nach Westen 
ab, um alle Gaue stromab bis zum Fajjüm zu bewässern. 
Wenn sich in Ober-Ägypten Fürstentümer gebildet haben, 
wie es in jedem Jahrtausend mehrere Male geschehen ist, 
so haben sie deshalb im allgemeinen entweder die Gaue 
von dem Hasen-Gau abwärts umfaßt oder die Gaue des 
südlichen Ober-Ägypten bis zum Hasen-Gau hin. Die 
beiden Zollstellen, griechisch Phylake, an dem Südende 
des Hasen-Gaues waren entscheidende Grenzposten, um 
die oft gekämpft worden ist, sowohl zwischen den Gauen 
wie von fremden Eroberern. 



95 





Außerhalb der Nordgrenze des Hasen-Gaues, aber doch 
in dem Schutzgebiet seines Gaugottes Thot, lag das 
Wüstental mit der Felsenkapelle „Speos Jrtemidos" der 
Löwin Pachet. Die Stadt Hir-wer, ebenfalls auf dem Ost¬ 
ufer, im Mittleren Reich noch zu Gau XVI gerechnet, hatte 
einen alten Kult des Widders Chnum, zu dem eine Hathor 
in Nefrusi gehörte; auch die Kröte Hekat wurde verehrt. 
Als Kaiser Hadrianus im Oktober 130 nach Chr. während 
der Überschwemmung den Nil hinauf fuhr, ertrank dort 
sein Liebling Antinoos. Die ägyptischen Götter, die den im 
Nil LImgekommenen immer besonders geneigt waren, nah¬ 
men den Jüngling in ihrer Mitte auf, und die Stadt Hir- 
wer wurde nun Antinoü-polis genannt. 

Die Hauptstadt des Gaues hieß Wenu „JJasenstadt", 
nach der Häsin, dem ursprünglichen Totemtier, das allmäh¬ 
lich in Vergessenheit geriet. Sie wurde Chmunu „Adbt- 
= =. stadt ", koptisch Schmün, arabisch al-Aschmunain, genannt 
nach den acht Urgöttern, die bei dem ersten Erscheinen der 
Sonne auf dem Urhügel zugegen gewesen waren. Die Acht- 
Gottheiten verkörpern die unendliche Ausdehnung des Llr- 
wassers (Chaos) mit seinem wüsten Nichts, seiner Finster¬ 
nis und seinem verborgenen Geheimnis. Herr der Stadt 
war Thot, griechisch Hermes, der die Welt durch die Kraft 
seiner Rede geschaffen hatte und sein Amt als weiser 
Schreiber, Arzt und Wundertäter für die Götter bis in die 
christliche Zeit hinein, als Hermes Trismegistos „der drei¬ 
mal Qrößte " aller Zauberer, versehen hat, und der Stadt 
seinen Namen Hermu-polis, lateinisch Hermopolis, 
gab. Der afrikanische Philosoph Aurelius Augustinus, der 
später christlicher Bischof und ein berühmter Kirchenvater 
wurde, hat uns lateinisch eine Unterhaltung bewahrt zwi¬ 
schen Hermes Trismegistos, dem Zauberer von Hermopo¬ 
lis, dessen Großvater der Gott Hermes (Thot) von Her¬ 
mopolis war, und Asclepios, dessen Großvater der Heil¬ 
gott Asclepios war, der Herr des Tempels Asklepieion bei 
Sakkära (Gau I, S. 62). In dieser Unterhaltung, in der die 





Jafel 8 



96 










Jafel 9 


Abb. 30. Der strahlende Aton, mit Schlange und Lebenszeichen geschmückt, 
dessen Hände die Opfergaben der Menschen entgegennehmen und ihnen 
dafür Licht und Leben bringen. Der Strahlen-Aton ist der einzige Gott 
nach der Religion des Königs Amenophis IV., der sich Ach-en-Aton nannte 
und von seiner Residenz Amama aus den neuen Glauben zu verbreiten suchte. 

ägyptischen Tatsachen durch ein griechisches Gewand ver¬ 
hüllt sind (Ende des 3. Jahrhunderts nach Chr.), sagt Her¬ 
mes Trismegistos: „Dein Großvater, Asclepius, der Er¬ 
finder der Arzneikunde, dem auf einem Berge Libyens in 
der Nähe des Krokodilgestades ein Tempel geweiht ist, 
worin sein irdischer Mensch ruht, d. h. sein Leib — denn 
sein übrig Teil oder vielmehr der ganze Mensch, wofern 
der ganze Mensch in Leben und Empfindung besteht, ist in 
vollkommenem Zustand in den Himmel zurückgekehrt — 
gewährt auch jetzt dem kranken Menschen durch seine 
göttliche Wundermacht all die Hilfe, die er durch die Kunst 
der Medizin darzubieten pflegte." Und weiterhin: „Läßt 
nicht Hermes, mein Großvater, dessen Namen ich führe, 
in seiner nach ihm benannten Vaterstadt, wo er seinen Sitz 
hat, allen Sterblichen, die von überall her kommen, seinen 
Beistand und Schutz angedeihen?" 

Heilige Tiere waren der in Ober-Ägypten bodenstän¬ 
dige Pavian und der Ibis, der von dem Thot des unterägyp¬ 
tischen Hermopolis (Gau XV) hierher übertragen sein mag. 
Heilige Paviane aus der ober ägyptischen Wüste beteten die 
aufgehende Sonne an. Die Legenden von Hermopolis wand- 


7 Roeder, Pharaonenreich 


97 









ten sich besonders dem Monde zu, dessen Ab- und Zu¬ 
nehmen im Laufe eines Monats in Verbindung mit Hand¬ 
lungen des Thot stand, des Erfinders der Zeitrechnung. 
Hier lag der Mittelpunkt der Mondsagen, die das Abneh¬ 
men zur Sichel als eine Verletzung auf faßten und das all¬ 
mähliche Wachsen zum Vollmond durch mythische Vor¬ 
gänge erklärten, oft durch die Deutung von Mond und 
Sonne als den Augen des Weltengottes. Die Mythen von 
Hermopolis sind kosmogonisch; sie ließen in dem Chaos 
des Llrozeans den Urhügel auftauchen, auf dem die Sonne 
aus einer Lotosblüte erschien, offenbar in Erinnerung an 
die urzeitlichen Verhältnisse im Niltal. Was dann die 
Schöpferkraft des Thot durch sein Wort bewirkte, mutet an 
wie eine Vorausnahme des Logos (Wort, schaffende Ver¬ 
nunft) des Evangeliums des Johannes, der die Ordnung der 
Welt hervorbringt. 

Die Grafen des Hasen-Gaues haben sich prächtige Grä¬ 
ber angelegt, im Alten Reich in dem Kalksteinberg von 
Schech Said, im Mittleren Reich etwas weiter nördlich bei 
Berscha, beide auf dem Ostufer. Der Friedhof von Her¬ 
mopolis lag später in der westlichen Wüste bei Tüna. Die 
Macht des Stadtgottes Thot reichte auch dorthin, obwohl 
der Schutz der Gräber, wie in der späteren Zeit üblich, 
dem Osiris anvertraut war. 

Von dem Hasen-Gau ist auf dem Ostufer der in seinem 
Süden durch einen vorspringenden Felsen abgesperrte Be¬ 
zirk von A m a r n a abgetrennt worden, in dem König 
Amon-hötep IV. um 1370 vor Chr. seine Revolution durch¬ 
führte, um sein Land von der Fülle der Gottheiten, Tiere, 
Symbole zu befreien und ihm den alleinigen Kult der Sonne 
unter ihrem Namen A 16 n zu schenken (vgl. unten S. 134), 
für die er die Gestalt einer strahlenden Scheibe mit segnenden 
Händen erfand. Der königliche Reformator, der sich Ach¬ 
en-Atön „Verklärter (Geist) des Aton“ oder „Wohlgefällig 
dem Aton " nannte, stellte ein theologisches System auf, 
das von der „ Wahrheit " seines Naturdienstes ausging, sich 


98 


an den Sonnengott von Heliopolis und an den Weltgott 
Amon-Re von Theben anschloß, diese Götter aber ver¬ 
bannte und nur die Sonnenscheibe Atön bestehen ließ, der 
man unter freiem Himmel Opfer und Gebete darbrachte. 
Die volkstümlichen Gedanken gerieten immer weiter in den 
Hintergrund, die dogmatischen Konstruktionen wurden im¬ 
mer abstrakter, und als die Atön-Religion mit dem Tode 
ihres Schöpfers verschwand und ausgerottet wurde, hatte 
sie außerhalb des Bezirks von Amama nur wenige Anhän¬ 
ger gefunden. Das Ende dieser Reformation mit ihrem in¬ 
tellektuellen Monotheismus bewirkte eine Reaktion mit ge¬ 
waltsamer Rückkehr zu der alten Landeskirche, die unter 
Führung des Amon-Tempels von Theben unberührt ge¬ 
blieben war und den König als Ketzer ächtete. Dabei wur¬ 
den Ansätze vernichtet und Strömungen unterdrückt, die 
der Landeskirche eine innere Belebung durch neues Blut 
hätten bringen können, wenn nur der stürmische Revolu¬ 


tionär nicht in einem 
Jahrzehnt hätte auf¬ 
bauen wollen, was nur 
in einem vollen Jahr¬ 
hundert in das Bewußt¬ 
sein des Volkes über¬ 
gehen konnte. 



Abb. 31. König Amenophis IV. (Achnaton), 
der Sdiöpfer der Sonnenreligion von 
Amarna, der mit dem neuen Glauben 
zugleich einen veränderten Kunststil ein¬ 
führte. Die Wiedergabe des menschlichen 
Körpers enthält eine richtige Naturbeobach¬ 
tung, zwingt diese aber durch Übertrei¬ 
bungen zu einer Manier, die bewußt bis 
zu der äußersten Entstellung der Glieder 
geht. Der König erhebt betend die Hände, 
wie er es bei dem täglichen Gottesdienst 
getan hat, wenn er den Strahlen-Aton ver¬ 
ehrte. Die Anbetung fand bei Sonnenauf¬ 
gang auf dem offenen Hof des Tempels in 
Amarna statt. Die Sonnenlieder des Königs 
geben feine xNaturbeobadhtungen in litera¬ 
rischer Form. 

/iä' / \V>\ 

s f \c\ 

* S.C.D. *! 





Wie tief der neue Glaube aber die Gemüter der in ihn 
Versunkenen ergriffen hatte, wurde klar, als man die Leiche 
des jungen Königs Tut-anch-Amon, eines Schwiegersohnes 
des Achnatön, ausgewickelt hat: auf seinem Kopfe lagen, 
in Schlangen aus Perlstickerei eingebettet, goldene Plätt¬ 
chen mit dem Namen der Strahlen-Sonne Aton. Da die 
Beisetzung durch die Amon-Priester nach dem hergebrach¬ 
ten Ritual der Landeskirche unter Ausmerzung des Aton 
und unter Anrufung der uralten Totengötter vollzogen 
worden ist, können die Goldplatten nur von vertrauten 
Dienern des vielleicht durch Gift beseitigten Königs Tut- 
anch-Amon unmittelbar an seinem Kopfe angebracht wor¬ 
den sein, ehe die Leiche zur weiteren Behandlung den 
Priestern übergeben wurde. So sind diese unscheinbaren 
Goldplatten, die der Lebende als zauberkräftiges Amulett 
getragen haben mag, ein sprechendes Zeugnis für die glau¬ 
bensstarke Überzeugung des jugendlichen Tut-anch-Amon, 
der trotz seines äußeren Überganges zu der dogmatisch 
gebundenen Landeskirche nicht seine freie Sonnenvereh¬ 
rung aufgeben wollte, in der er als Kind aufgewachsen war. 
Kein Denkmal aus der Zeit seiner Regierung läßt etwas 
davon ahnen, und wenn man ihm in seinen Grabschatz 
zwei Thronsessel und ein Schreibzeug mitgegeben hat, auf 
denen noch die Namen und die Symbole der Strahlen- 
Sonne Aton standen, so dürfen wir höchstens annehmen, 
daß hier einmal den stets wachsamen Augen der priester- 
lichen Späher ein paar Stücke aus der Kinderzeit des Ver¬ 
storbenen entgangen sind. 

Das religionsgeschichtliche Interesse, das diese einzig¬ 
artige Generation uns darbietet, beruht einerseits auf dem 
Versuch, die ganze Magie der ägyptischen Religion mit 
ihren Tiergestalten, Symbolen, Dämonen und Beschwörun¬ 
gen zu ersetzen durch die mystische Versenkung in eine 
geistig vorgestellte Gottheit. Andererseits auf der nach der 
Lage der Dinge nicht zu bezweifelnden Beobachtung eines 
Religionsstifters, eben jenes Königs Achnatön, offenbar 


100 


eines schwärmerischen Mystikers, dem die Gnade von 
Offenbarungen zuteil wurde, die er als Tat und Wille 
seines Gottes Aton, der Sonne, verkündete. Gewiß kann 
man das Auftreten dieser Reformation durch die Zeitströ¬ 
mungen und durch das Suchen der damaligen Menschen 
nach einer Erlösung aufhellen. Aber es wird immer ein 
psychologisches Rätsel bleiben, wie ekstatische Verzückung 
gerade jenen König Achnatön, einen häßlichen Kopf auf 
schwächlichem Leibe, ergriffen hat und ihm poetische Ge¬ 
danken, bildliche Formen und künstlerische Gestaltungen 
eingab, die nach Jahrhunderten wieder in anderen Ländern 
auftauchten und uns Europäer der Gegenwart wie Zeug¬ 
nisse unserer eigenen Zeit ergreifen. 

Der nördliche Jeil von Ober-Jtgypten bis 7heben 

An Mittel-Ägypten, das durch die Bewässerung des Bahr 
Jüsuf wirtschaftlich zusammengehalten wurde, schloß sich 
die Gruppe der Gaue XIV—IV an, die zeitweilig wieder¬ 
um die politische Einheit der „Heptanomis" gebildet hat 
(man zählte hier in späterer Zeit nur sieben Gaue), mit 
der Führung in Theben (Abb. 32). In diesen Gauen ist das 
Niltal schmaler, das Fruchtland geringer, das Eindringen 
der Nomaden aus der Wüste stärker. Daraus ergibt sich 
ein häufigeres Auftreten der Wüstentiere in den Totem, 
Symbolen und heiligen Wesen der Gaue, und in ihrer Reli¬ 
gion eine wesentlichere Beteiligung der Gottesvorstellungen 
der Beduinen mit ihren Felsen und Höhlen. Daneben wirkt 
die Welt des Bauern mit seinen Haustieren sowie seinen 
Gebräuchen und Festen des Ackerbaues. Im Laufe der Re¬ 
ligionsentwicklung wird alles überwuchert durch die Mythen 
und Kulte des Osiris-Kreises mit seinen Mysterien, in 
denen die suchende Gläubigkeit der späteren Ägypter im¬ 
mer mehr eine Erlösung zu finden hoffte. Die religions¬ 
geschichtliche Bedeutung von Theben (Gau IV) wiederholt 
ein Bild, das uns Ägypten mehrfach an verschiedenen Or- 


101 






ten und Zeiten darbietet: der Gott einer ländlichen Stadt 
wird durch die Fürsten seines Gaues mit ihren Soldaten 
und Beamten über das ganze Land verbreitet, diesmal mit 
einem weltgeschichtlichen Erfolge, der aus dem unbedeu¬ 
tenden Amon einen Schöpfer, Allherrn und Weltregent ge¬ 
staltet, dessen Macht weiter gewirkt und länger angedauert 
hat als die politische Herrschaft ihrer Träger. 


A GAU XIV—XIII „Atef-Baum", gespalten 

y in den nördlichen Gau „‘Hinterer Atef" (XIV) 
und den südlichen „Vorderer Atef" (XIII). 
Die Bedeutung des nördlichen Teiles mit der Hauptstadt 
K u s e t, koptisch Kos, griechisch Kusai, lateinisch Cusae, 
arabisch el-Kusije, lag darin, daß an seiner Nordgrenze 
der Bahr Jüsuf „Josephs-Fluß" abzweigte, der als lebens¬ 
wichtige Wasserquelle unbedingt von den mittel ägyptischen 
Gauen gehalten werden mußte. Südlich von Kuset hat des¬ 
halb die Macht der eigentlich oberägyptischen Gaue meist 
geendet. Göttin von Kuset war eine Hathor als Himmels¬ 
göttin, griechisch Urania, in der die Nymphe des Gau¬ 
baumes enthalten ist. 

In dem südlichen Teil (XIII) spricht sich die kämpferische 
Bedeutung des Gebietes aus, denn als sein Totem erscheint 
der stehende Wolf Wep-wewet, griechisch Ophoes „ Öffner 
der Wege ", ein Krieger, der sich als Bahnbrecher des ober- 
ägyptischen Nar-mer (Dyn. I) bewährt hatte, als dieser das 
Delta unterwarf (Abb. 15). In Dyn. VII—X waren es die 
Grafen von S i u t, die Wolfdiener, die den mittelägypti¬ 
schen Fürsten von Hnes (Gau XX) als Vorposten dienten, 
um die von Gau IV (Theben) her vordringenden Ober- 
Ägypter fernzuhalten. In Dyn. XXV waren sie die Stütze 
der Fürsten von Theben, die einen oberägyptischen Staat 
gegen die mittelägyptischen Gaue gebildet hatten. In allen 
diesen Kämpfen hielten die Bewohner des Gaues aber treu 
zu dem Wolf ihrer Stadt Siowti „Wächterstadt", koptisch 
Siowet, arabisch as-Siüt, griechisch Lykon-polis nach dem 


102 



öau m 

HINTERER ATEF' 
>• * ' BAUM 


DAS NÖRDLICHE 
OBER-ÄGYPTEN 
mit Gau M-l 
von Kusai bis El-Käb 


KusafJpVi 

el-Kusije ) 


VORDERER ^ 
ATEF-BAUM / 

* .Siowt •V 
' as-Siüt } j 

GAU 5jjT * \ y 

^Apotheke 


GAU M Ä 
SCHLAN6EN-B 

\Schas-hotep 

IHYPSELIS 


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« FIER' * X 


• Badäri; , 

’ • ' Antike 
Tkow Km moderne 
^ntaeopoüs 


Ortsnamen 


GAU X * ’ ' \ 

SCHLAN 6 E WrodHoprtf 
\ • KornOschaar. 


ANTIKE GflUNAMEN 


GAU E 
CHEM 


Ptolema/s, Psoi 
Ei-Mensen Ije 


6AU VI 
GROSSES 

LAND 


Bet ChalläfyfLepidontopo I is 
\ 'tEl-tleschaich 

Abydos® )\ 


. AU H • 

.^^fr.woKQDIl, 

Terrty ra 
■Oenaera 

Nübt >!, 

Ombos, 


GAU M ^ 
SISTRUM' 


HowfT 

Diospolis 


| Ku V 
Gesi'. 
f Kus 

mthis/i Madamud 
* J Theben . . 

Luksor . • 
Tuphium •' • 


ZWEI FALKEN 


DOPPELFEDER Q £f!ß n 
. . - Fisfun f 

. Latopölis 
■ EfnaU 
NechenV 


Abb. 32. Ober-Ägypten, mittlerer Teil. 


103 








Wolf (lykos). Der stets stehend dargestellte Wolf ist nicht 
der zahme Haushund, sondern das wilde Tier (Schakal), 
das in der Wüste als Raubtier lebt und ein gefährlicher 
Feind der Haust-iere ist. In dem Felsengebirge westlich von 
Siut liegen prächtige Gräber der Gaugrafen des Mittleren 
Reiches. 


03 GAU XII „Berg der Schlange(n)" auf dem 
Ostufer gegenüber dem Atef-Gau XIV—XIII. 

1 In der Hauptstadt war Anubis heimisch, viel¬ 
leicht nur als Totengott der „Hund, der auf seinem (? oder: 
der Schlange?) Berge liegt". Gleichzeitig war der Himmels- 
\ gott, der seine Herkunft als „Herr der östlichen Wüste" 
offenbarte, ein Falke, nach dem seine Stadt Hierakon-polis 
hieß. Der Falke stand auf einem besonderen Gestell und 
hatte einen eigenen Namen (Anti?), durch den er dem 
Doppelfalken von Gau XI nahe stand. 



GAU XI „Das liegende Setedh-Jier" mit 
j zwei Städten, in denen beiden der alte 
1 Kampfgott der Ober-Ägypter, der S e t e c h 
aus der Wüste, heimisch war. Auch als Jäger von Nil¬ 
pferden waren die Bewohner bekannt, und Knochen, der 
gefährlichen Flußpferde, der Genossen des Setech, wurden 
gesammelt gefunden. In der nördlichen Stadt Schas-hötep, 
koptisch Schotep, arabisch Schatb, griechisch Hypselis, ver¬ 
ehrte man Chnum als Widder, so daß diese Tiere dort 
feierlich beigesetzt wurden. In der südlichen Stadt Tu-kow 
„Hoher Berg , koptisch Tkow, arabisch Kaw (el-kebir), 
vermischte Setech sich mit dem Falken Anti, in dem die 
Griechen den starken Riesen Antaios erkannten, einen liby¬ 
schen König, den Herakles überwand. Das benachbarte 
Zebu „Sandalenstadt war der Sitz des Kämpferpaares An¬ 
ti wi „Die beiden Bekrallten" r vielleicht unter dem Bilde 
zweier Falken, mit denen die beiden Gegner Horus und 
Setech gemeint waren. Nachdem Setech als Mörder des 


104 


Osiris geächtet worden war, stieß man seinem Tier auch 
im Bilde ein Messer in Kopf oder Leib. Auf dem West¬ 
ufer, in einer Stadt, die die Griechen Apotheke nannten, 
arabisch entstellt Abu Tig, wohnte wieder eine Hathor. 


GALI X Uzojet, Utö „Schlange" mit un¬ 
bedeutenden Städten, zu denen man zeitweise 
auch das nahe Kaw aus Gau XI gerechnet 
hat. In Aphrodito-polis, heute Kom Ischkäw, 
ist eine Hathor (Aphrodite) verehrt worden, die vielleicht 
aus Dendera (Gau VII—VI) eingeführt war. 




GAU IX Chem (Stein, Fossil oder Meteor 
als Fetisch?). Hauptstadt Ipu oder Chem, 
koptisch Schmin, arabisch A c h m i m, grie¬ 
chisch Chemmis oder Pano-polis nach dem Zeugungsgott 
Min, griechisch Pan. Min wurde mit auf gerichtetem Phal¬ 
lus und eine Geißel schwingend dargestellt als Erwecker 
der Fruchtbarkeit, aber auch in Berghöhlen angebetet als 



Herr der Wüste. Man feierte ihm ein 
ländliches Fest, bei dem Stangen zu 
einem Gerüst aufgerichtet wurden, an 
denen Männer emporkletterten. 


GAU VIII Ta-wer „Das große Land ", 
dessen Gauzeichen einen Schrein mit einer 
Reliquie darstellt, gedeutet auf den Kopf 
des Osiris. Hauptstadt war Tine, griechisch 
Thinos, später This, die Heimat der Könige von Dyn. I—II, 
mit einem Kult des Kämpfers An-hüret, koptisch Anhüre, 
griechisch Onüris, der mit seiner Lanze für den Sonnengott 
focht, dann auch gegen Setech für Osiris. Seine Gattin Me- 
hit wurde als Löwin aus der östlichen Wüste der unter- 
ägyptischen Göttermutter Tefenet gleichgesetzt. Ihr Tem- All 
pel stand in der Stadt „östliches Behdet" auf dem Ost¬ 
ufer, wo man den Fisch Lepidotös heilig hielt, so daß die < 3^3 



105 










Griechen die Stadt Lepidoton-polis nannten, bei dem heu¬ 
tigen Meschäich. Weiter nördlich gründete Ptolemaios I. auf 
dem Boden einer ägyptischen Siedlung Sot, koptisch Psoi, 
heute Menschija, eine freie Griechenstadt Ptolemais Her- 
miu mit hellenischer Verfassung und griechischen Gott¬ 
heiten. 

Alle diese Städte, zu denen noch frühgeschichtliche Fried¬ 
höfe und das Grab des Königs Zoser auf dem Westufer 
bei Bet Challäf kamen, wurden in ihrer religiösen Bedeu¬ 
tung zurückgedrängt durch die Grabstätten der Könige der 
Dyn. I—II und die sie umgebenden Privatgräber, die 
auf einem Hügel des Westufers angelegt wurden unter 
dem Schutze eines liegenden Hundes Chenti Amentiu 
„Erster der Westlichen" (Toten). Hier entwickelte sich eine 
ausgedehnte Totenstadt, zu der als Wohnung der Leben¬ 
den die Stadt Abodew, koptisch Abot, griechisch A b y - 
dos, gehörte. Der Bestattungsort wurde weithin berühmt, 
als man ein Grab eines Königs der Dynastie I für das Grab 
des Osiris erklärte und nun aus Busiris (unteräg. Gau IX) 
nach Abydos übertragen wurde, was sich dort an Mythen 
und Kulten ausgebildet hatte. Osiris wurde 
Stadtgott von Abydos und nahm andere 
Totengötter in sich auf, zuerst den Hund 
„Erster der Westlichen", dann den Sokar 
von Memphis (unteräg. Gau I). Er war der 
Wen-nofer „Das gute Wesen" und gesellte 
sich Isis mit ihrem Sohn Horus zu, den 
Wolf Wep-wewet von Siut und den Hund 
Anubis, und Nephthys, die Schwester der 
Isis. Sein Feind war Setech, und die Kämpfe 
gegen diesen erfüllten die Festspiele. Um 
der Mysterien und der Osiris willen, die 
Mythen von Busiris mit Erlösungsriten 


Abb. 33. Horus (mit Falkenkopf) und Thot (mit 
Ibiskopf) stützen den heiligen Sdirein im Gau VIII. 



anderer Herkunft vereinigten, strömten die Pilger aus dem 
ganzen Lande zusammen. König Nofer-hotep (Dyn. XIII) 
hat in seinem Staatsarchiv alte Urkunden auf gefunden, 
nach denen er die Figur des Osiris „Erster der Westlichen" 
gemäß den Vorschriften der Vorzeit wieder herrichten 
und die Mysterien feierlich vollziehen ließ; die für diese 
Förderung und Wiederbelebung dankbaren Priester errich¬ 
teten in dem Osiris-Tempel einen Denkstein, in dem sie 
die Güte ihres Gottes priesen und ihn um eine glückliche 
Regierung des Königs anflehten. 

Wer die Wallfahrt nach Abydos nicht unternehmen 
konnte und sich doch dem Schutze des Herrn des Toten¬ 
reiches empfehlen wollte, stellte einen Grabstein in Abydos 
auf, als ob er dort „an der Jreppe des Rottes" bestattet 
wäre. Die Könige errichteten sich Totentempel neben der 
Stadt, deren Anlage bei Sethos I. (Dyn. XIX) das Grab des 
Osiris nachahmte, damit der König auch wirklich selbst ein 
„Osiris" würde (Tafel 7). Von dem Pharao war diese Ver¬ 
klärung zu einem „Osiris " auf die Privatleute übergegan¬ 
gen. So gewann Osiris von Abydos, an dessen Herkunft 
aus Busiris man kaum noch dachte und dessen Kopfschmuck 
die unterägyptischen Straußenfedern auf dem Widder¬ 
gehörn mit der oberägyptischen Krone vereinigte (Abb. in 
Kap. IV), sich nur noch der Sonnengott messen konnte, der 
Herr des Diesseits, der sein Lichtreich von der Unterwelt 
des Osiris abgesondert und unberührt erhielt. 

f GAU VII Bat „Sistrum" oder anderes Sym¬ 
bol mit dem Frauenkopf der Hathor. Der Gau 
ist erst nachträglich von Gau VI abgetrennt 
worden, und erhielt dabei Hathor als Gau¬ 
zeichen, obwohl deren Tempel von Dendera in Gau VI 
verblieb. Da die Stadt Hot-bawet, koptisch How, arabisch 
Hu, von den Griechen Dios-polis, lateinisch Jovis opidum, 
genannt wurde, muß sie einen Kult des Amon gepflegt 
haben, der gewiß nicht bodenständig ist. 








GAU VI „Krokodil" in dem ost-westlich 
gerichteten Teil des Niltals, so daß das linke 
1 Ufer hier die Wüste nicht auf der West¬ 
seite, sondern auf der Südseite erhält. Der Haupttempel 
gehörte einer Göttin, der Hathor in Onet, koptisch 
Ni-tentöre, griechisch Ta-Tentyra, arabisch Dendera. Sie 
war, wie ihr Name Hat-Hör „Qehöft (Mutter) des (Son¬ 
nengottes) Horus" sagt, der Himmel, auch als Kuh, sogar 
die Sonne selbst. Ihre wesentliche Aufgabe war eine dies¬ 
seitige: sie erfreute die Menschen durch ausgelassene Fest¬ 
feiern, und sie schützte die Liebe und die Geburt der 
Frauen. Ihr gehört die Rassel mit klingenden Metallringen 
an Stäben zu, mit der in ihrem Namen die Frauen im 
Harem den Takt zu ihren Tänzen schlugen: das Sistrum 
(ägyptisch sescheschet, daraus griechisch entstellt seistron). 
Ein prachtvolles Sistrum aus Alabaster hat König Teti 
(Dyn. VI) der „ Hathor , Herrin von Dendera" für ihr eige¬ 
nes Liebeswerben im Götterkreise geweiht. Ein Gatte ist 
ihr nicht zugewiesen worden, doch empfing sie an Fest¬ 
tagen den Besuch des Horus von Edfu (Gau II). Ihr kleiner 
Sohn Ihi war ein Sonnenkind. Auf dem Dache ihres Tem¬ 
pels wurden die Mysterien des erwachenden Osiris voll¬ 
zogen, und die Versenkung in sein Schicksal war so stark, 
daß darüber das ursprünglich verehrte Krokodil nur noch 
als Genosse des bösen Setech angesehen und verfolgt wurde. 
Das fanatische Eintreten für die Ortskulte ihres Gaues 
haben die Bewohner noch in römischer Zeit gezeigt, als sie 
einen Kampf gegen die Leute des benachbarten Gau V 
führten, vermutlich weil diese eine Kuh der Hathor getötet 
hatten. 

GAU V „Zwei kalken", in dem der Nil 
ungefähr in der Mitte des Fruchtlandes fließt; 
jede der dadurch entstehenden Hälften hat 
ihre eigenen Götter gehabt und zeitweise 
auch einen besonderen Gaunamen geführt. Auf dem West¬ 





1 


ufer lag im Norden bei Balläs guter 
Ton, der von der vorgeschichtlichen 
Zeit bis zur Gegenwart für Gefäße 
benützt worden ist, in einer Gegend 
Typhonia, also dem Setech ge¬ 
weiht. Im Süden bei N a k ä d a 
(Negäde) errichtete König Mena 
(Dyn. I) eine Mastaba aus Ziegeln 
im Delta-Stil für seine Gattin Neit- 
hötep aus Sais (Delta, Gau V). Vorgeschichtliche Fried¬ 
höfe dieser Gegend haben die Funde geliefert, nach denen 
die Gliederung der Nakäda-Epoche in verschiedenen Stufen 
erfolgt ist. In der Mitte hatte Setech Nubti seinen Tempel 
in Nubt „Goldstadt", griechisch O m b o s, lateinisch Om- 
bus bei Juvenal, der in seiner Satire XV einen Religions¬ 
krieg ihrer Bewohner mit Gau VI schildert; er begann 
mit Verhöhnung des Glaubens des Gegners und Schlachten 
seiner heiligen Tiere, und er endete mit blutigen Köpfen 
und scheußlicher Menschenfresserei. Setech Nubti war 
ursprünglich ein Krieger, der in dem Sonnenschiff für 
den Lichtgott gekämpft hatte. Als solcher wurde er zu 
einem Herrn von Ober-Ägypten neben seinem Gegner 
Horus, einem der oberägyptischen Falken. In der Titu¬ 
latur der oberägyptischen Könige der II. Dynastie erscheint 
Setech allein oder zusammen mit Horus als Landesgott von 
Ober-Ägypten (Abb. 34). In den oberägyptischen Auseinan- 



Abb. 34—35. Königliche Stempel zum Siegeln von 
Urkunden, Dynastie II. Auf der Palastfassade mit 
dem Namen des Königs Per-absen steht als sein 
Schützer nur das Tier des Setech von Nubt (Gau V). 
Daneben steht der Gott Setedi mit der oberägyp¬ 
tischen Krone auf dem Kopf seines Wüstentieres. 
Auf der Palastfassade mit dem Namen des Königs 
Cha-sechmuj stehen die beiden oberägyptischen 
Königsgötter Horus und Setedi, beide mit der 
Doppelkrone/ die Götter schützen den Pharao, der 
die Gaue von Ober-Ägypten vereinigt hat. 



108 


109 




dersetzungen siegten die Falkendiener, so daß dann „Horus 
Sieger über !Nubti " zu den fünf Titeln des Pharao gehörte 
(Abb. 35). Nachdem der oberägyptische Setech aber mit 
dem des östlichen Deltas (Gau XIV) zusammengeworfen 
war, mußten sich in die Gestalt seines Gegners Züge des 
Delta-Horus mischen: der Königsgott von Buto (Gau VI) 
und der Sohn des Osiris in Busiris (Gau IX). Das Tier des 
Setech, ein phantastischer Löwe mit einem Kopf, der aus 
Giraffe, Okapi, Ameisenbär und Rüsselschwein zusam¬ 
mengesetzt ist und einen Pfeil als Schwanz hat, kommt 
aus der Wüste, deren Herr Setech ist, ein Gott des un¬ 
fruchtbaren Sandbodens. Das Tier wurde zu einem Esel 
umgedeutet, als Setech zum Mörder des Osiris geworden 
war und als Typhon (Teufel) angesehen wurde. 

Auf dem Ostufer wurde der Zeugungsgott M i n in der¬ 
selben Gestalt wie in Chem (Achmim, Gau IX) verehrt in 
Kobtojew, koptisch Keptö, griechisch Koptos, arabisch 
Kuft. Außer dem Tempel in der Stadt hatte Min, der an 
die Stelle des bodenständigen Gottes Rahsi oder Jahsi ge¬ 
treten zu sein scheint, ein Heiligtum draußen an dem Berg¬ 
hang der Wüste, deren Straßen er beherrschte, auch als 
Schützer des von hier nach dem Roten Meer laufenden 
Karawanenweges. Dadurch strömten semitische Beduinen 
in so großer Zahl in die Stadt hinein, daß Koptos noch in 
römischer Zeit als eine „gemeinsame Stadt der Ägypter 
und Araber" gelten konnte. Aus dem Tempel von Koptos 
sind mehrere Erlasse von Königen der VI.—X. Dynastie 
erhalten über den Kultus in bestimmten Kapellen, über die 
Verpflichtung gewisser Dörfer zu Arbeiten und Transpor¬ 
ten sowie über die Befreiung des Min-Tempels von ihnen. 
Geringer war die religiöse Bedeutung der weiter südlich 
gelegenen Stadt Gosi, koptisch Kos, arabisch K ü s, grie¬ 
chisch Apollonos-polis nach dem hier außer einer Kröte 
Hekat verehrten Horus; in seinem Falken scheint der ein¬ 
zige Rest des Totems des Gaues erhalten zu sein. 


GALI IV Weset „ Krückstock , Zepter". Im 
Alten Reich war der Gau unbedeutend, und 
seine Hauptstadt auf dem Westufer Ono 
schema c „Das oberägyptisdhe Onu" (im Ge¬ 
gensatz zu dem unterägyptischen Onu-Heliopolis, Gau XIII) 
oder Per-Montu, griechisch Hermonthis, heute Armant, 
trat nicht hervor. Ihr Gott Montu war einer der Falken, 
ein Kämpfer, Urgott und Schöpfer, dem ein Stier Buchis 
beigeordnet war. Sowohl Montu wie sein Stier haben sich 
bis in die römische Zeit gehalten am östlichen Wüstenrand 
in Madu, arabisch M a d a m ü d. 

Armant und Montu wurden in den Hintergrund ge¬ 
drängt durch eine Siedlung etwas weiter unterhalb auf 
dem Ostufer, auf die das Gauzeichen übergangen ist: 
Weset, von den Griechen T h e b a i genannt wegen irgend 
einer Ähnlichkeit mit der Stadt in ihrer Heimat Böotien, 
im Munde des ägyptischen Volkes nur newet „Stadt, Haupt¬ 
stadt", koptisch ne, hebräisch nö amön „Stadt des Amon ". 
Der dortige Urgott und zeugende Schöpfer Amon wurde 
in Verbindung gesetzt mit dem einen der acht Urwesen 
Amon „ Der Verborgene" der kosmogonischen Mythen von 
Hermopolis (Gau XV). Ansehen gewann er erst, als die 
Gaufürsten von Theben mit der XI. Dynastie das Mitt¬ 
lere Reich aufrichteten und von ihrer Heimat aus den Staat 
lenkten. Nun wurde Amon Reichsgott, vermischt mit dem 
unterägyptischen Sonnengott Re und bereichert um viel¬ 
fache Götterkräfte, die ihn zu einem Himmelskönig und 
Weltenherrscher von vielseitiger Macht gestalteten. Amon- 
Re von Theben beherrschte im Neuen Reich die ganze Göt¬ 
terwelt, wie die Priester seines Tempels den irdischen Staat. 
Als die Kämpfe mit den Anwohnern des Mittelmeeres eine 
Verlagerung der politischen Macht in das Delta erforderten, 
wie sie von den libyschen Söldnerführern der XXI. Dynastie 
durchgeführt wurde, hatten die weltklugen Hohenpriester 
des Amon von Theben aus bereits einen Kirchenstaat ge¬ 
schaffen, der Ober-Ägypten bis nach Hermopolis (Gau XV) 



110 


111 



hin vereinigte, nach außen hin zuweilen 
unter dem milden Zepter einer jung¬ 
fräulichen Prinzessin wie der Äbtissin 
eines geistlichen Fürstentums. Das Welt¬ 
geschehen um das Mittelmeer hat eine 
Landeshauptstadt 500 km südlich der 
Küste nicht mehr erlaubt, und Theben 
blieb ein Vaticano, das wegen seiner 


Tempel und Paläste von römischen Reisenden bewundert 


wurde und als „Stadt der hundert Tore" mit dem ehr¬ 


würdigen Schimmer einer großen Vergangenheit umwoben 


war. 


Die Wohnstadt von Theben umlagerte die beiden Tem¬ 
pel auf dem Ostufer: im Norden bei dem Dorf Karnak 
den großen Amon-Tempel von Nesut-tawi „ Sessel der 
beiden Länder" oder Opet-asut „Kapelle der Jbrone" , und 
im Süden bei der heutigen Stadt Luksor den Tempel 
Opet-resit „Südliche Kapelle ", zu dem als seinem Harem 
Amon an Festtagen in Prozessionen auf dem Nil gefahren 
und zu Lande getragen wurde. Die Hauptgebäude dieser 
Bezirke gehörten dem Amon, in den angegliederten An¬ 
lagen wohnte seine Gattin Mut an dem See Aschru, und 
ihr gemeinsamer Sohn Chonsu, ein kindlicher Mondgott 
(Tafel 9). Die Bewohner des Gaues haben sich abseits von 
der priesterlichen Theologie und Diplomatie ihre Gotthei¬ 
ten geschaffen und bewahrt, indem die einen aus dem 
großen unbegreiflichen Amon die vertrauten Kräfte der 
Sonne und der Luft machten, die anderen an seinen 
heiligen Tieren festhielten, dem Widder und der Gans 
(Abb. 35, 36). In der volkreichen Hauptstadt strömten 
Leute aus allen Gauen zusammen, die weiter ihren heimat¬ 
lichen Gottheiten dienen wollten, und so gab es in Theben 
einen Kult des Urgottes Ptah von Memphis (unteräg.Gau I), 
des Krokodils Sobek aus dem Fajjüm (oberäg. Gau XXI), 
des weisen Thot von Hermopolis (Gau XV) und des Wid¬ 
ders Chnum von Elephantine (Gau I). 


112 


Die Westseite von Theben war das Reich der Toten, 
durch die Gräber und die Stätten des Totendienstes so 
prächtig aufgebaut, daß die Nachwelt stets staunend vor 
diesem eindrucksvollen Zusammengehen von Natur und 
Kunst gestanden hat. Zum Betriebe der Totenstadt 
war ein Heer von Handwerkern, Mumienmachern, niederen 
Priestern und Beamten notwendig, so daß an vielen Stellen 
kleine Siedlungen entstanden, oft nur von Arbeitern. Dort 
betete man zu der Herrin des Friedhofs, die als Kuh Hat- 
Hör aus dem Felsenhang der Wüste heraustrat (Tafel 13), 
oder zu dem tragenden Nilpferd Ta-weret „Die Qroße“, 
griechisch Thueris, der Göttermutter, oder zu der Schlange 
Merit-seger „Die das Schweigen (die Stille des Friedhofs) 
liebt", oder zu dem Widder des Amon (Abb. 38). Volks¬ 
tümliche Götter waren zwei alte Weise aus Memphis ge¬ 
worden: der Baumeister und Arzt Im-hötep und der lebens¬ 
erfahrene „7eös der Ibis". Einige der guten Geister des 
Volkes hatten einen Tempel, andere nur eine kleine Ka¬ 
pelle, und manche verehrte man an einer einzelnen Figur, 
an einer Nische im Felsen oder unter einem weithin sicht¬ 
baren Baum; Sitz einer Gottheit war auch die wie eine 
Pyramide hoch aufragende Spitze eines hohen Felsenber¬ 
ges, der dort die Wüstenlandschaft beherrschte (Tafel 2). 
Das war eine eigene religiöse Welt abseits von den prunk- 

Abb. 36—37. Zwei Denksteine 
mit den heiligen Tieren des 
Amon von Theben (Gau IV), 
die mit Opfergaben beschenkt 
werden. Der Wedel mit 
Straußenfedern in halbkreis¬ 
förmiger Anordnung soll die 
Tiere über das Irdische hin¬ 
ausheben. Rechts der Widder 
mit stilisierter Mähne und 
Decke; auf dem waagerechten 
Gehörn die Sonne und die 
beiden geraden Federn aus 
der Krone des Amon. Links 
eine Gans ohne weitere Abzeichen, über der der Name ihres Herrn „Amon- 
Re" steht, um die göttliche Kraft anzudeuten, die ihr offenbar wird. 



8 Roeder, Pharaonenreich 


113 








Abb. 38. Rohe Felszeichnungen auf 
der Westseite von Theben: Kopf 
eines Widders, des heiligen Tieres 
des „Amon-Re, Herr von Opet- 
asut (Tempel von Karnak)' 7 , wie 
er in der Beischrift genannt ist, 
um sein göttliches Wesen anzu¬ 
deuten. Auf dieses weist auch auf 
seinem Kopfe mit den abwärts 
gerichteten Hörnern die Sonne mit 
der Schlange, die die Feinde des 
Sonnengottes abwehrt. Solche Göt¬ 
terbilder wurden von den Gläu¬ 
bigen in ihren Mußestunden an 
den Felsen gemeißelt. 

vollen Anlagen, durch die Könige und reiche Vornehme 
sich Glück und Behaglichkeit im Jenseits zu erkaufen such¬ 
ten. Am Rande des Fruchtlandes bauten die Könige sich 
Tempel, die denen der Götter nachgebildet waren, aber nur 
für ihren Totendienst bestimmt (Tafel 10). Sie waren aus¬ 
gestattet mit ergiebigen Stiftungen für die Angestellten und 
Priester, die für die vorgeschriebene Darbringung der 
Opfer zu sorgen hatten (Tafel 8). Die eigentlichen Gräber 
der Könige waren weit entfernt an den Felsenhängen ein¬ 
samer Wüstentäler ausgehauen, schwer zugänglich und 
durch Polizei bewacht, aber trotzdem ausgeraubt, so daß in 
den „Tälern der Könige", arabisch Bibän el-mulük, kein 
einziges Grab unberührt auf uns gekommen ist (Tafel 2), 
nicht einmal das des jugendlichen Königs Tut-anch-Amon. 
Die Privatgräber sind in einem Kalksteinberg bei Schech 
Abd el-Gurna unmittelbar westlich des Fruchtlandes an¬ 
gelegt, oft nur als ein einziger Raum im Felsen, bei Wohl¬ 
habenden mit mehreren Zimmern für den Aufenthalt der 
Angehörigen bei den mehrtägigen Totenfesten, stets mit 
einem zugeschütteten Schacht in der Tiefe für den Sarg. 

Der südlichste Jeil von Ober-Ägypten 

Die Gaue III—I südlich von Theben, immer noch über 
200 km lang, aber mit einem nur schmalen Fruchtland¬ 


streifen auf beiden, oft nur auf einem Ufer des Nils, 
liegen über 500 km vom Mittelmeer entfernt und waren in 
der späteren Zeit dem, Weltgeschehen entrückt (Abb. 32 
und 39). Sie wären damals nur noch als Tor zu dem Sudan 
bedeutungsvoll und hatten selbst einen afrikanischen Cha¬ 
rakter, weit entfernt von dem Wesen der nördlichen Ägyp¬ 
ter, zu denen alle Kulturen der Mittelmeervölker einström¬ 
ten. In der Frühzeit haben diese Gaue aber eine starke 
Macht ausgeübt, sowohl in politischer wie in religiöser Hin¬ 
sicht, und sie haben zeitweise die Führung über die nörd¬ 
lichen Ober-Ägypter an sich gerissen. Sie haben in Ober- 
Ägypten einen Staat gebildet und ihm ihre Symbole ge¬ 
geben durch Titel, Krone und den Geier als Landesgöttin. 
Diese sind in das Reich übergegangen, als der aus Gau VIII 
stammende König Mena (Dyn. I) Unter-Ägypten unterwarf 
und mit seinem Ober-Ägypten vereinigte. Was die drei 
südlichsten Gaue der ägyptischen Religion darboten, war 
im wesentlichen der Glaube von fanatischen Wüstenbe¬ 
wohnern, die sich in dem spärlichen Fruchtland angesiedelt 
hatten, dort auch etwas von den magischen Beschwörungen 
der Bauern sowie von den Nilpferden, Krokodilen und 
Fischen des Stromes annahmen. Aber ihre Bergspitzen der 
Wüste, ihre Geier und Falken und ihre Felsen, aus denen 
der Nil hervorquoll, waren den Jägern doch mächtiger als 
die Dämonen der Bauern. Die unbeirrbare Kraft ihres 
Glaubens haben sie dann auf Osiris und Isis übertragen, 
als diese von Norden her in ihr Gebiet hineingetragen und 
sie zu ihren letzten Dienern geworden waren. 

GAU III „D oppelfeder", mit einem Totem 
von zwei Straußenfedern, die vielleicht als 
Abzeichen im Haar getragen worden sind, 
wie wir es bei den Ägyptern der vor¬ 
geschichtlichen und den Nubiern der geschichtlichen Zeit 
kennen. In der schmalen, über 70 km langen Flußstrecke 
des Gaues, dessen nördlicher Teil zeitweise zu Gau IV ge- 




114 


115 








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rechnet worden ist, lagen mehrere große Städte. Montu, 
der Gott von Gau IV, wurde verehrt in Zerti, lateinisch 
Tuphium, heute Tüd auf dem Ostufer. Eine Hathor war 
neben einem Hund Anubis heimisch auf dem Westufer in 
Per-Hathor „3Haus der ‘Hathor ", griechisch Pathyris, oder 
Aphrodites-polis, auch Onet genannt und Ju-m-jotru „Insel 
im Strom ", ferner Jonerti „Die beiden Steine (Felsen), 
heute G e b e 1 e n „Die beiden Berge". Zu dem Bezirk von 
Gebelen gehörte auch Sumenu, griechisch Krokodeilu-polis 
mit einer alten Verehrung des Krokodils Sobek. Wie aus 
einer demotischen Urkunde über den Verkauf eines Grund¬ 
stücks von 138 vor Chr. hervorgeht, sind in Gebelen auch 
damals noch Priester der einheimischen Gottheiten Sobek 
und Hathor im Amt gewesen/ aber sie hatten gleichzeitig 
die Könige Ptolemaios der regierenden Dynastie einschlie߬ 
lich ihrer Gattinnen zu verehren, die sämtlich zu „Qöttern" 
mit bestimmten Beinamen erhoben worden waren, also 
noch hinaus über den üblichen Königskult der pharaoni- 
schen Zeit. Weiter oberhalb, ebenfalls auf dem Westufer, 
hatte Hefaw oder Hat-sfünet, griechisch Asphynis, arabisch 
A s f ü n, einen bedeutungslos gebliebenen Gott Hemen. 
Die Urgöttin Neit, der der Fisch Latus geweiht ist (Abb. 40), 
war wohl die ursprüngliche Herrin von Per-Neit „Haus der 
Heit", griechisch Latus-polis, oder Onejet oder Snejet, kop¬ 
tisch Sne, arabisch E s n a. Aber sie wurde in den Hinter¬ 


grund gedrängt durch einen Gatten, den man ihr wohl erst 
nachträglich zugeführt hat, den Urgott Chnum, der als 



Widder die „Seele des Sdhow" war und als Schöpfer sich 
mit der Sonne Re vermischte; er hatte die Geschöpfe der 
Welt durch Drehen auf seiner Töpferscheibe hergestellt. 


Lieder an Chnum aus der römischen Kaiserzeit, in denen 


die Poesie des Neuen Reichs weiterlebt, schildern seine 


vielseitige Schöpfertätigkeit, wie er den Himmel an seinen 
vier Stützen aufgehängt hat, wie er sich selbst erschuf, die 
Götter bildete, die Göttinnen formte, die Männer und 
Frauen gestaltete, die Vögel am Himmel fliegen und auf 


116 


Anschluß unten! 


Qq U fl 

*-4 C\ *■" ßpollinopolis// 
Toschke _ Edfu • k [ 


ERHEBUNG 
* Ermen ne D £$ HORUS 


Abu Simbel* 


m 




Gebet Adele 


* Sudan 


m Katarakt (Granit) 
1:2000000 

*- h —i-1-h- 1 km 

O to SO 30 *0 SO 


NORD ^NUBIEN 
bis zum U Katarakt 


Wendekreis des Krebses 


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•Grenze QQU T Ombosy 

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BOGENLAND 1 


I Katarakt * 

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Philae w* 

Sandstein ' Y X\t ' 
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Kertassi J|.\ 

Taphis Thtifaill. 
Talmis * je 
fätlabschanc • 


Dandur 


D0DEKA5CH0IN0S 
Römische Besetzung 


Anschluß oben!' , * ,^/fPrimiS 


Gerf Hussen 


Pselkis DaMcter? 

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Hierasykaminosfv'\\. *. * 

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f Qoldminen) | 


Abb. 39. Ober-Ägypten, südlichster Teil, und Nubien. 


117 










der Erde laufen ließ, die Fische untertauchen und die 
Würmer in ihren Löchern kriechen ließ. Der mit seiner 
Decke erhaltene Säulensaal des Tempels des Chnum von 
Esna gibt heute noch in ursprünglichen Weise Hallenwir- 
kung und Lichtverteilung eines ägyptischen Kultraumes 
wieder. Die weltliche Hauptstadt des Gaues war Nechab, 
arabisch E1 k a b, griechisch Eileithyias-polis nach der Nech- 
bet, griechisch Eileithia, die als Geier mit ausgebreiteten 
Flügeln den ober ägyptischen König „Binse" schützte, des¬ 
sen urzeitlicher Sitz Nechab war, und zu der Landesgöttin 
von Ober-Ägypten wurde. Die Nähe der Wüste an allen 
Orten des Niltals, das hier nur noch wenige Kilometer breit 
ist, brachte die Geier und auch eine Löwin eindringlich aus 
ihr in das Fruchtland und in den Kult der Städte. Gegen¬ 
über von Elkab (auf dem Ostufer) liegt auf dem Westufer, 
mit hoher religiöser Bedeutung in der ältesten Zeit, die 
Stadt Nechen, griechisch Hierakon-polis „Jatkenstadt" 
nach dem Falken, der hier auf einem Urhügel lag. Der 
Falke wurde wie überall zu einem Horus, stellte den Herrn 
von Ober-Ägypten dar und kämpfte mit Setech von Nubt 
(Gau V) um die Oberherrschaft in seinem Staat. Mit den 
Falkenmännern und verbündeten Gauen Ober-Ägyptens, 
dabei den Wolfdienem Siut (Gau XIII), zog König Nar- 
mer (Dyn. I) siegreich bis in das Delta, begleitet von den 
„Seelen von ‘Nechen ", den Seelen der verstorbenen Fürsten 
von Ober-Ägypten, dargestellt als Männer mit Schakal¬ 
kopf. Der siegreiche Falke wurde zum Königsgott des ge¬ 
einten Reiches, zum „Horus, Besieger des Nubti". Von 
jetzt ab erschien der Pharao als Horus, von dem Falken 
geschützt, sein Gefolge als „Diener des Horus" . Diese enge 
Verbindung zwischen Horus und dem König kehrt ständig 
wieder, in den Bildern der höfischen Poesie wie in den 
Reliefs, sogar in Statuen mit dem Falken, Ein Bild des 
Horus von Nechen, das vermutlich die Gestalt eines liegen¬ 
den Falken gehabt hat, ist zusammen mit einer Figur seiner 
Mutter Isis von einem König der XIII. Dynastie in seiner 


Residenz nahe dem Fajjüm angefertigt worden/ Hor-em- 
chawef, damals Hoherpriester des Horus von Nechen, hat 
die beiden Götterbilder von dem königlichen Hof nach 
Nechen überführt, und er rühmt sich auf seinem Grab¬ 
stein, er habe die beiden Gottheiten auf seinen eigenen 
Händen getragen. 



GAU II Wetset Hör „Erhebung (Trag¬ 
sessel?) des Horus" . Dieser offenbar alte Name 
des Gaues kann, da der Falke Horus in ihm 
bodenständig ist, nur darauf zurückgehen, 


daß Horus in ihm „erhoben" wurde, nämlich zum Einiger 


und König des Reiches. Horus war heimisch in Behdet oder 
Zabo'et (Taböt), koptisch Atbo, arabisch Edf ü, griechisch 
Apollonos-polis, lateinisch Apollinopolis Magna, und nach>i^jpZ7 
seiner Stadt hieß er auch nur Behedti „Der von £dfu", be¬ 


sonders wenn er als Sonnenscheibe mit ausgebreiteten Fal¬ 
kenflügeln dargestellt wurde. Er kämpfte in dem Sonnen¬ 
schiff für Re und warf Setech und seine Genossen, die Nil- 




pferde und Krokodile, und den Gewitterdrachen Apophis 
nieder, um der Sonne freie Bahn durch die dunklen Wob 



Abb. 40. Nachbildung aus bemaltem Ton von Tilapia nilotica, dem häufigen 
und wohlschmeckenden Nilfisch Latus, der in Gau III der Göttin Neit ge¬ 
weiht war. Der hohle Körper enthält sechs Eier (aus Ton), die dem Besitzer 
audi die Nachkommenschaft dieses Fisches als Speise sichern sollten. Die 
Zauberkraft heiliger Sprüche ließ dem Besitzer im Leben und nach dem 
Tode den Fisch in Wirklichkeit zu Teil werden. Museum in Brooklyn. 





ken zu schaffen. Diese Vorgänge, moralisch ausgedeutet als 
ein Kampf der guten gegen die bösen Mächte, erfüllten die 
Festspiele, deren Schauplatz bis in die nördlicheren Gaue 
von Ober-Ägypten hineinreichte. Horus von Edfu nahm 
auf seinem Zuge aus seinem eigenen Gau II, in dem er 
„Horus des Bogenlandes" (Nubien, Gau I) hieß, den Horus 
von Chenu (Silsila) mit, aus Gau III den Horus von Necliab 
und Horus von Nechen, in Dendera (Gau VI) besuchte er 
die Liebesgöttin Hat-Hor, die dort sehnsüchtig auf ihn 
wartete, und alle diese Falkengötter warfen dann gemein¬ 
sam die Feinde des Sonnengottes nieder. In diesen Schil¬ 
derungen der Festkalender stecken anschauliche Belege da¬ 
für, daß man bis in die späte Zeit die Götter der einzelnen 
Gaue als selbständige Persönlichkeiten ansah, nicht etwa 
als örtliche Aufspaltungen eines allgemeinen Gottes; ferner 
spiegeln sich in den mythischen Ereignissen offenbar poli¬ 
tische Vorgänge der Frühzeit wieder, als die Grafen der 
Falkengaue mit ihren Bundesgenossen unter Führung ihres 
Fürsten Nar-mer (Dyn. I) nach Norden zogen, um das 
ganze Niltal bis zur Küste des Mittelmeeres zu einem 
Reich zusammenzuschließen und ihrem König die Dop¬ 
pelkrone auf das Haupt zu setzen (Abb. 15). Bei dieser 
oder einer ähnlichen späteren Gelegenheit mag der Name 
Mesen „Stadt des Harpunenwerfers" von Edfu nach Zaru 
(Sile, unteräg. Gau XIV oder VIII) übertragen worden sein, 
wo ein Löwengott Horus das Delta gegen die aus der an¬ 
grenzenden Wüste einfallenden Beduinen schützte; ein 
mythologischer oder religionsgeschichtlicher Grund für die 
Übertragung ist nicht zu erkennen, so daß man sich auch 
den umgekehrten Weg denken könnte. 

Der Tempel von Edfu ist in einem Neubau ptolemäischer 
Zeit erhalten, durch den die älteren Anlagen ersetzt sind. 
Als das Richtfest des Säulensaales unter Ptolemaios X., 
Soter II. um 100 vor Chr. vorgenommen werden konnte, 
feierte man dieses nach einem alten Ritual, dessen Hergang 
später in zwei dekorativen Weihinschriften geschildert 


wurde. Der Hohepriester verkündigte die Erbauung des 
Säulensaales durch die Götter, und die beiden ihm assistie¬ 
renden Geistlichen, gekleidet als Thot von Hermopolis und 
Ptah-Sokar von Memphis, vollzogen die heiligen Hand¬ 
lungen in der Rolle dieser Götter. Unter Ptolemaios XL, 
Alexander I. brachte man um 90 vor Chr. auf der damals 
vollendeten Umfassungsmauer des Tempels als Tischgebete 
für den heiligen Falken von Edfu zwei Texte an, die min¬ 
destens 2000 Jahre alt waren und auf Gebete zurück¬ 
gingen, die Gott Schow, der Herr von Sebennytos (unteräg. 
Gau XII), vor seinem Vater, dem Allhern und Schöpfer, 
gesprochen hat, wenn er ihm die Speisen zerlegte. Schow 
versorgt dabei seinen Vater ebenso wie im Totenkult der 
älteste Sohn seinen verstorbenen Vater; seine Worte klin¬ 
gen so, als ob er dadurch Feinde vernichte, ebenso wie es 
in der Urzeit die Helfer des Re mit seinen Gegnern getan 
haben. 

An der Südgrenze von Gau II endet die Hochfläche des 
Kalksteingebirges, in das der Nil sich sein Bett gegraben 
hat, und von hier ab nach Süden erstreckt sich der nubische 
Sandstein bis in den Sudan, unterbrochen von den Granit¬ 
riegeln der sechs Katarakte, die ihm stärkeren Widerstand 
geleistet haben. Die nördlichsten Sandsteinfelsen am Nil 
sind zu Steinbrüchen ausgenützt worden bei Chenu „Ort 
des Ruderns" in der Stromschnelle, heute Silsila. Orts¬ 
gott war dort neben Horus und Chnum das Krokodil So- 
bek, und die Festfeiern galten dem Nil Hapi. Auch hier 
haben urzeitliche Ägypter, denen die Sperrung des Tales 
durch die Sandsteinfelsen wie das Ende ihrer Welt er¬ 
schien, sich die Quellen des Stromes gedacht, und die Nil¬ 
feste bewahrten eine Erinnerung an die Vorstellung der 
Vorfahren. 

*»■'— 1 GAU I „Land des Bogens ", d. h. der Waffe 

d er Nubier, als deren Land man den Gau bei 
^ der Erteilung des Namens in der Frühzeit 


120 


121 






ansah. Die im Norden des Gaues liegende Stadt Nubot, 
koptisch Embo, griechisch Ombus, arabisch K o m Ombo, 
trägt fast denselben Namen wie der Kultort des Setech 
in Gau V, hat aber weder politisch noch religiös etwas 
mit ihm zu tun. Vielmehr ist der Tempel von Ombos 
nach einem ungewöhnlichen und offenbar künstlich er¬ 
dachten Plan in der Mittelachse geteilt; seine nördliche 
Hälfte gehört dem Har-wer „Jiorus dem Qroßen", grie¬ 
chisch Apollon, seine südliche Hälfte dem Sobek, der hier 
als Krokodil bodenständig ist, falls man ihn nicht statt des 
Setech eingesetzt hat. In römischer Zeit war hier eine Ka¬ 
pelle des Sobek und ein Becken für Krokodile vorhanden; 
aber auch Falken und Ibis sind feierlich beigesetzt worden. 

Sitz des Gaugrafen, der in diese Gegend wie in eine Kolonie 
entsandt wurde, war nicht auf dem Ufer, sondern, gewiß 
zur Sicherheit, auf der Insel Abu „ Slephantensladt" , koptisch 
und griechisch Jeb, griechisch Elephantine. Dort stand 
der Tempel des Chnum, dessen heilige Widder als kostbar 
hergerichtete Mumien in Granitsärgen beigesetzt wurden; 
er ist wohl aus Mittel-Ägypten hierher übertragen wor¬ 
den, um als „ ‘Herr des Wassers" den Katarakt für die 
Ägypter gegen die Nubier zu schützen. Auf der Insel hat 
stets eine Grenzwache mit einer Besatzung der jeweiligen 
Militärmacht gelegen, also nacheinander ägyptische, auch 
jüdische Soldaten, dann persische und römische Truppen. 
Sie haben sämtlich ihren eigenen Gottheiten gedient, und 
sie haben Urkunden darüber hinterlassen. Auch germani¬ 
sche Legionen sind dabei gewesen, und ein griechisches 
Dokument spricht von der semnonischen Seherin Walburg. 

Gegenüber der Insel Elephantine auf dem Ostufer lag 
der Stapelplatz für die aus dem Sudan kommenden Waren 
in der Stadt Swenet, koptisch Swan, hebräisch Swene, grie¬ 
chisch und lateinisch Syene, arabisch Aswan. Hier hat 
Juvenalis als Kommandant der kaiserlichen Garnison ge¬ 
wohnt, als er wegen seiner Satiren aus Rom in diese Ver¬ 
bannung strafversetzt worden war, und hier hat er seine 


Kenntnis der ägyptischen Religion seiner Zeit gesammelt, 
die er ebenso verspottet wie die Sitten der römischen 
Damen in den Tempeln der Isis in Italien. Syene hatte auch 
einen Tempel der Isis, die zusammen mit der ägyptischen 
Kultur hierher übertragen worden ist. Einheimische Göt¬ 
tinnen sind die Pfeilschützin Sätet, eine Nubierin auf Ele¬ 
phantine, und Anüket von der Insel Sehel im Katarakt, ihre 
Genossin mit einem hohen Kopfschmuck von Straußenfedern. 
Beide wurden dem Chnum als Gattinnen zugewiesen, aber 
mit den ägyptischen Göttern haben sie dadurch kaum Füh¬ 
lung gewonnen; Anuket überhaupt nicht, Sätet nur durch 
die Ähnlichkeit ihres Namens mit dem der Sopdet, dem 
Stern des Sirius, in dem man Isis sah. Sie beide zusammen 
mit Chnum bewachten das Wasser des Nils, der nach der 
urzeitlichen Vorstellung des einfachen Mannes der nörd¬ 
licheren Gegenden seinen Ursprung in dem Katarakt hatte. 
An dessen Südende saß der Nilgott Hapi in einer Höhle 
und ließ von dort das Wasser ausfließen, dem Ägypten 
sein Dasein verdankte (Abb. 3). Sie mag gelegen haben in 
der Granitinsel Hak, koptisch Pilak, griechisch Philai, latei¬ 
nisch P h i 1 a e. Diese wurde später zu einer „Insel der 
Isis", und auf Philae haben sich die Mysterien um ihren 
Gatten Osiris abgespielt, der auf der benachbarten kleinen 
Insel bestattet gedacht wurde, auf Senmet oder Pa-ju-wab 
„Die reine Insel", griechisch Hiera nesos „Die heilige Insel" 
oder Abaton „Die nicht betreten werden darf", arabisch 
B i g a. Dort haben als letzte Gläubige der ägyptischen Reli¬ 
gion die Blemyer, nubische Nomaden aus der Wüste, die 
Trauerf eiern des Osiris von Busiris und sein Auf erstehen 
(unten S. 207) noch bis weit in die christliche Zeit hinein 
gefeiert; um 453 nach Chr. hat auf der Insel Philai noch 
ein berühmtes Orakel der Isis bestanden, und erst 560 hat 
Kaiser Justinianus durch Narses den Kult schließen und die 
Götterbilder nach Byzanz schaffen lassen. Mit Isis ver¬ 
schwand auch der heilige Falke nubischer Herkunft, der 
noch auf Philai gehalten worden war, und die ausschwei- 





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122 


123 




fenden lärmenden Feiern der aus Nubien geholten Löwin 
Tefenet und ihres Gatten Arensnuphis und anderer inner¬ 
afrikanisch anmutender Geister in ägyptischem Gewände. 
Hier, wo der urzeitliche Ägypter sich das Ende seines Lan¬ 
des dachte, war auch der Schauplatz des Endes der ägyp¬ 
tischen Religion. Was weiter südlich lag, das enge lang¬ 
gestreckte nubische Niltal, war für die Ägypter Kolonial¬ 
land, und was dort an religiösem Leben sich abgespielt 
hat, gehört zu den Ausstrahlungen der ägyptischen Kultur 
nach Afrika hinein (unter S. .235). 


124 


Kapitel III 


DIE GOTTHEITEN UND 
IHRE MYTHEN 

THEOLOGISCHE SYSTEME 

Wer die Fülle der örtlich gebundenen Gottheiten an sich 
hat vorüber ziehen lassen, wird es nicht für möglich halten, 
aus ihnen ein religiöses System zu gestalten. Ihm stand 
entgegen, daß als erster und uranfänglicher Gott des Welt¬ 
bildes in Memphis (unteräg. Gau I) der mumiengestaltige 
Ptah gedacht wurde, der die Erde und die Lebewesen als 
geschickter Handwerker mit seinen Händen geformt hatte; 
daß dieselbe Tätigkeit aber durch Drehen der Töpfer- äJj* 
scheibe in Esna (oberäg. Gau III) dem widderköpfigen JUS. 
Chnum zugeschrieben wurde; daß in Heliopolis (unteräg. 

Gau XIII) Licht und Leben vielmehr durch den Sonnen¬ 
gott Re in das Chaos, den Urozean Nun, gebracht seien; 
daß in Hermopolis (oberäg. Gau XV) Thot durch die Ge¬ 
walt seines Wortes Ordnung in die urzeitliche Welt ge¬ 
bracht habe. Wie mit den Vorstellungen von der Ent¬ 
stehung der Welt, war es ebenso mit denen des Göttervaters 
und Erzeugers seiner Nachkommen und Mitgötter. In He¬ 
liopolis hatte Atum aus sich selbst seine Kinder Schow und 
Tefenet hervorgebracht, die dann die Eltern des nächsten 
Götterpaares wurden, von dem die weiteren abstammten. 

Aber in Memphis war doch Ptah als erster erschienen und 
hatte die übrigen geschaffen. Und welche Göttin hatte als 
erste Kinder geboren und dadurch die Fortpflanzung der 
Götter und Menschen eingeleitet? In Heliopolis lehrte man 
es von Tefenet, der Gattin des Schow. Aber in Sais (unter¬ 
ägyptischer Gau V) war die Urgöttin Neit, in Bubastis 

(unteräg. Gau XVIII) die katzenköpfige Göttin der Freude Y£_ 

Bastet, und in Dendera (oberäg. Gau VI) die kuhköpfige JT7$ 




125 





Göttin der Liebe Hathor am Uranfang allein gewesen, und 
doch waren sie alle in ihrer Heimat zu einer Göttermutter 
geworden. Dasselbe sagte man in der Isis-Stadt (unteräg. 
Gau XII) von Isis, die dann nach Busiris (Gau IX) aus- 
wanderte, um sich dort ihren Gatten Osiris zu suchen. 

Diese sich widersprechenden Vorstellungen waren, wollte 
man sie überhaupt fortbestehen lassen, schlechterdings nicht 
miteinander zu vereinigen. Und doch hat man Systeme 
aufgestellt, in die die einzelnen Persönlichkeiten und Er¬ 
scheinungen eingegliedert wurden; aber bezeichnenderweise 
auch wieder zunächst mit örtlicher Geltung. Die Theo¬ 
logen von Heliopolis (unteräg. Gau XIII) bildeten die 
„Qroße Neunheit", in der sie die bedeutenden Gottheiten 
des Deltas vereinigten und die ganze Familie des Osiris 
von Busiris ihrem Göttervater Atum als Abkömmlinge an¬ 
fügten und unterordneten. Die Theologen von Memphis 
(unteräg. Gau I) erwiderten den klugen Zug mit einer 
ebenso geschickten Erfindung: ihr Gott Ptah sei es, der 
alle Götter erschaffen habe, und deshalb sei er der erste; 
dabei stellten sie, um ihrem Ptah die höchste Macht zu ver¬ 
leihen, die Autorität der Reichshauptstadt hinter sich, zu 
der Memphis erhoben war. Mit noch weniger Bedenken 
ging man in einer Stadt mit einer ausgebildeten Kosmo- 
gonie vor wie in Hermopolis (oberäg. Gau XV), wo man 
den acht Urwesen, die das Erscheinen der Sonne auf dem 
Urhügel in dem Chaos begrüßt hatten, den Amon zurech¬ 
nete, der dann von seiner Heimat Theben (oberäg. Gau IV) 
aus zur allmächtigen Sonne und zum Staatsgott des Mitt¬ 
leren und Neuen Reiches erhoben worden war. In den 
Mythen von der Weltentstehung in Hermopolis, und eben¬ 
so in anderen Tempeln, tat man, als ob jene großen Gott¬ 
heiten gar nicht vorhanden seien, um das alleinige Dasein 
der eigenen Gottheiten nicht zu stören. 

Der Handelsverkehr zwischen den Gauen und die Kon¬ 
zilien der Priesterschaften bewirkten einen Synkretismus, 
der das Gepräge des ägyptischen Pantheons ständig ver¬ 


126 


ändert hat. Man fand in einem anderen Gau eine Gottheit, 
die ähnlich wie die des eigenen Gaues lebte und handelte. 

Man fügte beide zusammen und sah in ihnen nur noch 
Spielarten einer einzigen großen Gottheit, die sich in ver¬ 
schiedenen Formen offenbarte. Dabei zogen die mächtigen 
Gottheiten der großen Tempel die kleineren an und nah¬ 
men sie in sich auf. So wurden alle heiligen Widder im 
Delta zu dem Ba von Mendes (Gau XVI), in Ober-Ägyp¬ 
ten zu dem Chnum. Die Falken wurden sämtlich Horus 
genannt, obwohl sie mit dem Sonnenfalken oder gar mit 
dem Sohne des Osiris wenig zu tun hatten. Der Geier Mut, 
die Gattin des allmächtigen Amon von Theben, ursprüng¬ 
lich ein friedliches Wesen, erhielt allmählich als Beiworte 
die Namen aller Göttinnen des Reiches, von der kriege¬ 
rischen Löwin Sachmet von Memphis bis zu der feuer- 
speienden Stirnschlange des Sonnengottes. Hierdurch er¬ 
folgte eine Angleichung verschiedenartiger Gestalten f/L 
des Pantheons an einige überragende Persönlichkeiten, die 
das Aufgeben individueller Einzelzüge herbeiführte. 

Dieses nivellierende Ausgleichen wurde gefördert durch 
die Vorstellungen und Empfindungen, die allen Ägyptern 
gemeinsam waren. Sie standen doch alle auf dem glei¬ 
chen Fruchtland ihres Niles, und über ihnen wölbte sich p — ^ 
derselbe Himmel. So war es fast selbstverständlich, hinter 
den verschiedenen Gottheiten des Himmels, der Sonne oder 
des Mondes dieselbe Macht zu ahnen. Ein dunkles Gefühl 
sagte ihnen, daß nicht nur die Menschen, sondern auch die 
ihnen im Grunde doch ähnlichen Götter von einem höch¬ 
sten Wesen gelenkt wurden, dem alles unterworfen war. 

„Der Qrößte " Wer, der mit einer solchen Macht begabt 
gelegentlich genannt wird, ist der Ausdruck einer solchen 
Empfindung; man braucht deshalb aber durch ihn noch 


nicht einen bewußten Monotheismus zu begründen. Auch 
Schaj, „das Schicksal ", das sich unabänderlich vollzieht, 
wirkte als eine mystische Vorstellung, die dem nachdenk¬ 
lichen Gläubigen zuweilen kam. Der kritische Ägypter 


127 







wußte es freilich ebenso gut wie die griechischen Philo¬ 
sophen des 6. Jahrh. vor Chr. und Goethes Prometheus, 
daß er sich seine Götter selbst geschaffen hat. Prinz Nofer- 
maat (Dyn. III), der in seinem Grab die Hieroglyphen als 
Einlagen mit farbiger Paste ausführen ließ, wird gerühmt: 
„Sr ist es, der seine Qötter machte in einer Schrift, die nicht 
verwischt werden kann", man meinte damit die Götter 
seines eigenen Glaubens, nicht die eines anderen. Die Worte 
nacht „Kraft" und sechem „Macht" wurden wie Gottes¬ 
begriffe gebraucht, und „Der die Macht des Qottes hat" 
ist zu einem Eigennamen geworden. In allen diesen Zügen 
liegt ein Hinauswachsen aus dem engen Kreise der Orts¬ 
götter. 


NATURDIENST: HIMMEL, ERDE, FELSEN 
UND BÄUME 


p—^ 


n 


Die angedeutete Entwicklung ist auf allen Gebieten der 
ägyptischen Religion zu verfolgen. Zur Veranschaulichung 
greife ich zunächst eines heraus, das auf der den Ägypter 
umgebenden Natur beruht und in seinem täglichen Leben 
immer bedeutungsvoll vor ihm gestanden hat. Eine urzeit- 
liche Vorstellung hat dem Ägypter den Himmel als einen 
Gott erscheinen lassen, dessen Augen Sonne und Mond 
sind, und diese Gestalt ist Horus genannt worden. An¬ 
dererseits sind Isis, Hat-Hör „ Qehöft (Mutter) des Jdorus 
(Sonne)", und andere Göttinnen eine Verbindung des Him¬ 
mels mit der liebenden Frau und Mutter. Schließlich ist 
in der nach Heliopolis übernommenen Lehre nur Nut als 
Himmelsgöttin übrig geblieben, und so ist dem Ägypter 
der Himmel eine Frau, die mit ihren Füßen an dem Hori¬ 
zont steht und, eine Laube bildend, mit den Händen nach 
dem anderen Horizont hinab reicht. Eine solche Vorstel¬ 
lung stammt wohl noch aus der Wüstenreligion, während 
die Bauern den Himmel zu einer mächtigen Kuh machten, 
die Küstenbewohner des Deltas aber zu einem Ozean, der 



128 






die sichtbare Welt umgab. Nachdem die Ägypter Staats¬ 
wesen mit fester Gliederung aufgerichtet hatten, wurde 
ihnen auch der Himmel zu dem Wohnsitz der Götter, die 
dort mit der Sonne als König lebten, mit dem weisen Schrei¬ 
ber Thot als Wasir (Kanzler), den kriegerischen Göttern 
als Kämpfern, und den übrigen Gottheiten, die sich je nach 
ihrer Fähigkeit in dem Götter Staat betätigten. Lieder an die 
Sonne schildern, wie die Helfer des Sonnengottes mit ihren 
Lanzen und Harpunen den finstern Wolken zu Leibe gehen, 
die als Nilpferde und Krokodile erscheinen, oder wie sie 
die große Schlange Apophis als den Gewitterdrachen ver¬ 
nichten. 

Stellvertreter des Sonnengottes bei Nacht war Thot als 
Mond/ er war der gegebene Zeitrechner für die Beduinen, 
und auch die Bauern machten Gebrauch von ihm für ihre 
Monate, wenngleich diese im Laufe der Jahre in Wider¬ 
spruch zu dem Lauf der Sonne gerieten, von der der Hack¬ 
bau des Ackers stets abhängig blieb. Dem Wüstenbewoh¬ 
ner wurden die Sterne seines ewig klaren Nachthimmels zu 
dem Sitz der Seelen. Dem Bauern verkündete im Juli die 
Sopdet (Sirius) bei ihrem ersten Wiedererscheinen vor der 
aufgehenden Sonne das Kommen der Überschwemmung 
des Nils, die seinen Acker befruchtete. Als die Ägypter 
dann Glieder eines staatlichen Gefüges geworden waren, 
wurden die Sternbilder zu Dämonen, die den Seelen der 
Abgeschiedenen gefährlich werden konnten. Mit diesen 
unberechenbaren Wesen hatten die Geister der Toten zu 
rechnen, die als leuchtende Wesen an den Himmel versetzt 
waren. Die innere Persönlichkeit des Menschen war mit 
den Gestirnen in vielfacher Hinsicht verbunden. Und wenn 
die späteren Ägypter Wesen und Schicksal eines Mannes aus 
seinen Beziehungen zu den Sternen herauslesen wollten, so 
haben diese Astrologen nur in veränderter Form die Ehr¬ 
furcht aufgenommen, mit der der urzeitliche Bewohner des 
Niltals zum Himmel hinauf geblickt hatte. Aus dem Gefühl 
der Verbundenheit mit den Gestirnen hat sich die Stellung 









9 Roeder, Pharaonenreich 


129 







Abb. 41. Während der Erdgott 
Geb am Boden liegen bleibt, hat 
der Luftgott Schow (mit der 
Straußenfeder auf dem Kopf) die 
Himmelsgöttin hochgehoben und 
stützt sie dauernd mit erhobenen 
Händen. Oben am Himmel fährt 
in einem Schiff der Sonnengott, 
hier wiedergegeben durch eine 
Scheibe mit dem Kopf eines Wid¬ 
ders (Symbol der untergehenden 
Sonne). In dem Bug des Sonnen- 
Schiffes hockt ein Pavian mit dem 
heiligen Uzat-Auge, das den bösen 
Blick der Mächte der Finsternis 
abwehrt. 


des Horoskops entwickelt. So spiegelt sich in den verschie¬ 
denartigen und bei einer Zusammenfügung sich widerspre¬ 
chenden Vorstellungen des ägyptischen Volkes von den 
himmlischen Mächten die Entwicklung wieder, die es durch¬ 
gemacht hat, bis es sich eine einheitliche Kultur geschaffen 
hat; für uns ist es lehrreich, das Fortleben urzeitlicher An¬ 
schauungen bis in das verfeinerte und hochgezüchtete Leben 
eines kritischen und am Ende skeptischen Kulturvolkes hin¬ 
ein zu beobachten. 

Die Mythen, die bei Festfeiern dramatisch vorgeführt 
wurden, erzählten, wie An-hüret von Tine (oberäg. Gau VIII) 
mit seiner Lanze den Sonnenfeind erstach, oder wie 
Horus Behedti von Edfu (oberäg. Gau II) mit der Har¬ 
pune wiederholt das Nilpferd verwundete, bis er es 
endlich tötete und Re als Sonne erstrahlen ließ. Diese 
ganze Mythologie wurde von König Amenophis IV. mit 
einer Handbewegung beiseite geschoben, als er von den 
alten Gottheiten nichts mehr wissen wollte und den Natur¬ 
dienst der strahlenden Sonne Aton einführte. Der revolu¬ 
tionäre Idealist wollte die Ägypter zu einem vergeistigten 
Monothei s m u s führen und suchte seine theoretischen 
Konstruktionen auf dem Boden von Amarna (oberäg. 
Gau XV) zu verwirklichen. Aber das Volk wollte von den 




überlieferten Gottheiten und ihren Mythen nicht lassen, 
und mit dem Tode des ekstatischen Mystikers, der sich zu 
Ach-en-Atön (Achnatön) umgetauft hatte, brach seine Be¬ 
wegung an einer Reaktion zusammen, die von der Priester¬ 
schaft und dem energischen General Hor-em-hab an der 
Spitze des Heeres getragen wurde. Die Folgen der Refor¬ 
mation sind an einem verstärkten Naturdienst und an einer 
verinnerlichten Poesie zu spüren, die beide im Zuge der 
Zeit gelegen hatten. In ihrer äußeren Gestalt und in den 
bestimmenden Zügen ihres Wesens haben die Gottheiten 
des Sonnenkreises aber unverändert fortgelebt, und die 
Märchenerzähler berichteten weiter von dem alten König 
Re (Sonne), der seinen geheimen Namen der zauberkun¬ 
digen Isis preisgeben mußte, damit sie ihn von einem 
Schlangenbiß heilte,- oder wie der greise Re beseitigt und 
dann wieder sein Sohn Schow gestürzt wurde von dessen 
Sohne Geb, der seine Mutter Tefenet vergewaltigte und 
sich die feurige Stirnschlange des Re an sein eigenes Haupt 
setzte, um die Königsmacht zu erringen. Als König Re noch 
herrschte, empörten sich einmal die Menschen und flohen 



Abb. 42. Der tägliche Lauf der 
Sonne. Oben erscheint sie, von 
einer Göttin gehoben, auf dem 
Horizont zwischen den Wüsten¬ 
bergen, von denen aus vier Paviane 
sie begrüßen. Das „Leben" (Hiero-' 
glyphe Andi, Henkelkreuz) emp¬ 
fängt sie mit menschlichen Armen 
und geleitet sie den Tag über, 
bis sie (unten) im Westen in das 
Totenreich eingeht, in dem Osiris 
wohnt. Dieser ist dargestellt durch 
einen Ded-Pfeiler (verdorrter Baum 
stilisiert) mit menschlichem Kör¬ 
per, in jeder Hand eine Geißel. 
Isis und Nephthys begrüßen die 
Sonne, und auch zwei Seelenvögel 
(Geist der Verstorbenen) erheben 
anbetend ihre Hände. 



130 


131 






1 


in die Wüste, wo die blutdürstige Löwin Sachmet sie zer¬ 
fleischte; um schließlich die Menschen vor ihr zu retten, 
gossen die Götter Wein von roten Granatäpfeln aus, den 
die Göttin als Menschenblut trank, bis sie davon trunken 
wurde und die Menschen nicht mehr erkannte. Gekränkt 
durch dieses Treiben zog der alte Re sich auf den Rücken 
der Himmelskuh zurück, die zu zittern begann, so daß sie 
an den Schenkeln und an dem Bauch von starken Göttern 
gestützt werden mußte, die sich mit erhobenen Armen als 
Himmels träger unter sie stellten. 

Staunen und Furcht hatten den urzeitlichen Ägypter die 
übersinnlichen Kräfte verehren lassen, denen er sich in 
seiner Landschaft gegenüber gestellt sah. Ihm wurde der 
Nil zu einem schaffenden Flußgott, und andere Gottheiten 
wirkten in den Bergen und Bäumen, nicht minder in den 
Gewittern und den Sandstürmen. Ihm wohnte ein guter 
genius loci in seinem Totem oder in einem Fetisch, der zu 
seinem Stamm und seinen Hütten gehörte. Die uns leblose 
Welt war ihm beseelt und ein Träger göttlicher Kräfte. 
Geister der Erde waren es, die sein Getreide gedeihen und 
seine Tiere sich vermehren ließen; die Kräfte der Frucht¬ 
barkeit und Zeugung mußte man als Gottheiten verehren. 
Alle diese Gottheiten lebten für den gläubigen Ägypter in 
die geschichtliche Zeit hinein fort. Die ausmalende Phan¬ 
tasie und die gestaltende Hand der Künstler gaben ihnen 
eine feste, meist menschliche Form. So waren in den Göt¬ 
tergestalten, die aus den Wandbildern der Tempel auf die 
Menge des Volkes herabblickten, noch die Vorstellungen 
seiner urzeitlichen Vorfahren von den überirdischen Mäch¬ 
ten seiner Umgebung enthalten. 

In dem ägyptischen Weltbild, das durch die kosmogoni- 
schen Vorstellungen der einzelnen Gaue in verschiedenarti¬ 
ger Weise verändert wurde, war die Erde ein am Boden 
liegender Mann, auf dessen Rücken die Pflanzen wuchsen. 
Er trug den Acker und war die treibende Kraft, die aus 
seinem Inneren die Samen zum Keimen brachte und das 



132 


133 




Getreide reifen ließ. Er hieß in Busiris (unteräg. Gau IX) 
JJ Osiris, und dort zimmerte man Rahmen in Form seiner 
Silhouette, die man mit Erde füllte, um in ihnen Körner 
grünen zu lassen/ das war dann ein Bild der Wiederauf¬ 
erstehung der Natur im Frühjahr, die man Osiris verdankte. 
Wohl aus dem östlichen Delta kam die Gestalt des Geb, 
der am Boden liegen blieb, nachdem seine Gattin Nut sich 
von ihm gelöst und erhoben hatte, um den Himmel zu bilden. 
Der Nil war ein fetter alter Mann Hapi mit fast weiblicher 
Brust, in dessen Gestalt die Verkörperungen der 42 Gaue 
von Unter- und Ober-Ägypten in langer Reihe hinterein¬ 
ander aufzogen, wenn sie dem König ihre Erzeugnisse 
darbrachten. In den pantheistischen Liedern an Amon als 
Sonnen- und Naturgott ist dieser auch der Nil. Noch mehr 
hängen die Götter des Kataraktes (oberäg. Gau I), in dem 
die Urzeit sich die Nilquellen dachte, mit dem Nilwasser 
zusammen: Chnum ist der „Herr des Wassers", Sätet und 
Anuket lassen es hervorquellen, und „reines Wasser aus 
Abu" (Elephantine) ist das wertvollste Totenopfer. 

In dem schmalen Niltal von Ober-Ägypten treten die 

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Berge der Wüste zuweilen so dicht an den Strom heran, 
daß ihre Spitze eine weithin sichtbare Sperre bildet. Solche 
Gipfel sind, wie die „Bergspitze des Amon " in dem ober¬ 
ägyptischen Gau XVII, Wohnsitz der Götter und wurden 
in volkstümlichen Gebeten angerufen. Auf der höchsten, 
weithin sichtbaren Spitze des Wüstengebirges an der West¬ 
seite von Theben (Gau IV, Tafel 2) ist ein eigenartiger 
Tempel errichtet, in dem man des weisen Thot und seiner 
Paviane gedacht hat, wohl auch durch Orakel. Dem ein¬ 
samen, allem Leben entrückten Heiligtum und seinen 
geheimnisvollen Weisheitssprüchen liegt gewiß der uralte 
Glaube an die überwältigende Macht der Wüstenfelsen zu¬ 
grunde. Auch für den gläubigen Ägypter gilt das Gebet: 

„Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame 

Nymphen, 

Gebet jeglichem gern, was er im Stillen begehrt! 


Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften 

Belehrung, 

Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein 

Glück!" 

(GOETHE, Einsamkeit.) 
In Memphis hat es einen „Prophet der Qötter der Pels- 
spitze" gegeben. In vielen Städten spielte der „Berg (dew) 
von . . . eine besondere Rolle als Friedhof, und „Anubis, 
der auf seinem Berge liegt", war der Totengott in Gau XII. 
Eine Göttin war „Die auf ihrem Berge", und Götter hießen 
„Herr der Berge". Die Berge erzitterten vor dem Gott oder 
König, und der König stürzte die Berge des feindlichen 
Fremdlandes um. In einer Felsinschrift rief der Stifter den 
dortigen „Dämon (Schaj) des Berges" zum Schutze an. 
Der Wüstenhang westlich von Theben mit seinen Gräbern 
war einer Berggöttin unterstellt, die als Frau oder Kuh 
aus ihm heraus trat (Abb. 53). An manchen Orten des 
Wüstenrandes wurden die Götter in Höhlen verehrt, wie 
bei Achmim in Gau IX, und der dortige Min hat ein Felsen¬ 
heiligtum. In jedem Tempel stand das Götterbild in dem 
Allerheiligsten in einem Naos, der wie ein hergerichteter 
Felsblock aussieht. An spitze, alleinstehende Felsblöcke 
erinnerten die Obelisken, die man vor den Tempeltoren 
auf stellte. Die Pylonen, zwei Türme zu Seiten des Tempel¬ 
tores, waren hochragende Steinmassen wie Felsen (Tafel 15); 
zu ihnen betete man wie zu Göttern. An die phantastische 
Gestalt eines natürlichen Felsens mag die Nachwelt gedacht 
haben, wenn sie bei Giza auf den kolossalen Sphinx traf 
(Tafel 15). Alle diese Züge sind Fortwirkungen der ehr¬ 
fürchtigen Scheu, die der Beduine vor den Felsen seiner 
Wüste empfand. 

Nächst den Felsen sind dem Beduinen die großen alten 
Bäume zugleich Wegmarken und Sitz der Götter; bis 
heute hängt man an ihnen Zeugstreifen auf, treibt einen 
Nagel mit eigenem Haar umwunden als Weihung in sie 
hinein, zündet Kerzen unter ihnen an und bestattet einen 


134 


135 





Scheich als Heiligen unter ihnen. Der König der Urzeit 
rief sein Siegeslied der heiligen Sykomore zu, und ein be¬ 
rühmter Kultort in Gau III am Westrande des Delta hieß 
„Bäumestadt". Zu den ältesten Kulten gehörte der der 
„ Hathor , Herrin der Sykomore " an der Nordspitze von 
Ober-Ägypten in Gau XXII unweit von Memphis, wo die 
Damen des Hofes ihr als Priesterinnen in der Residenz 
dienten. Hathor oder die Himmelsgöttin Nut war es, deren 
Arme aus der Palme heraus dem Grabherrn Brot und Was¬ 
ser als Speise im Jenseits reichten (Abb. 51). Thot von 
Hermopolis (oberäg. Gau XV) hat den Gott an sich ge¬ 
zogen, „D er unter seinem Olbaum sitzt ", oder der in der 
heiligen Barke „in seinem Strauche sitzt" (Tafel 12). In 
dem Hof des Tempels von Heliopolis (unteräg. Gau XIII) 
stand der Asched-Baum, auf dessen Blätter die Götter selbst 
die Namen des Königs schrieben, um sie dort für die Ewig¬ 
keit festzulegen. In dem Märchen von den beiden Brüdern, 
das einen religiösen Hintergrund hat, ruht das Herz des 
Gottes Bata in der Blüte einer Zeder, und als der Baum 
gefällt wurde, mußte Bata sterben. Später wuchsen neben 
dem Tor des königlichen Palastes zwei große Bäume (Persea) 
auf: „man jubelte ihnen in dem ganzen Lande zu, und man 
brachte ihnen Opferspenden dar". Die mächtige Sykomore 
bei al-Matarija, nahe Kairo, unter der Maria mit dem Jesus- 


Kinde auf der Flucht durch Ägypten gerastet haben soll, 
— dieselbe Legende knüpft die Überlieferung an einen 
Baum bei Hermopolis im oberäg. Gau XV, — zeigt das 
Fortleben des Volksglaubens an die Heiligkeit der Bäume 
über den Wechsel der Religionen hinweg. 


DIE GELIEBTEN UND 
DIE GEFÜRCHTETEN TIERE 

Bei der Verehrung der Tiere erkennt man wieder deut¬ 
lich ihre Entstehung in verschiedenen Lebensstufen des 
ägyptischen Volkes. Bei Tieren, die nur in der Wüste 


leben, stammt sie aus der Zeit der Jägerkultur; ein Jäger 
mit vier Hunden an der Leine ist auf einem vorgeschicht¬ 
lichen Tongefäß neben gejagten Tieren auf gemalt, die zu 
den verehrten gehören. Bei den Haustieren stammt sie aus 
der Religion der seßhaften Bauern. Bei diesen ist es ver¬ 
ständlich, wenn sie ihren Stier für einen Sitz göttlicher 
Macht erklärten. Ein Rinderkopf aus Feuerstein belegt die 
Vorstellung für die vorgeschichtliche Zeit. Berühmt sind 
drei heilige Stiere des Landes geworden: der Apis von 
Memphis (unteräg. Gau I), der Mnewis von Heliopolis 
(unteräg. Gau XIII), und der Buchis von Armant (oberäg. 
Gau IV); sie waren aber nicht die einzigen, und von den 
mittleren Gauen des Deltas haben vier ein Rind in ihrem 
Totemzeichen. Auch Kühe waren in mehreren Gauen heilig 
(Tafel 13).DerWidder war inOber-ÄgyptendemChnum und 
Amon zugewiesen, der Ziegenbock dem Heri-schaf (Gau XX) ; 
beide waren in ihrer unerschöpflichen Zeugungskraft so 
stark mit göttlicher Macht begabt, daß sie als selbstän¬ 
dige Gottheiten auftreten, wie in Mendes (unterägyptischer 
Gau XVI). Katzen sind feierlich beigesetzt worden; Prinz 
Thutmose hat einer Katze einen Steinsarg mit Bildern und 
Inschriften geweiht, und eine andere erhielt wie ein Mensch 
einen Kasten für die Beisetzung ihrer Eingeweide. Sie waren 
die Tiere der Bastet in Bubastis (unteräg. Gau XVIII), der 
Spenderin sinnlicher Freuden, und darauf deutet es, wenn 
eine nackte Frau die Bronzefigur einer Katze an einem 
roten Bande um den Hals trägt. Bei den liegenden Hunden 
als Totengott weiß man nicht recht, wie weit man sie als 
zahme nehmen kann, da sie den wilden Schakalen der 
Wüste ähnlich sehen und als Wächter der Friedhöfe in der 
Wüste gemeint sind. Sicher zu den wilden Tieren gehört 
der stehende Wolf, der Genosse des kriegerischen Wep- 
wawet in Siut (oberäg. Gau XIII). Unter den wilden Tieren 
sind einige, die dem Menschen ungefährlich sind, aber 
nützlich, meist als eßbar wie die Fische und das Jagdwild 
der Wüste an Antilopen, besonders Oryx, und der Ga- 






137 







zelle. Das Ichneumon dankt seine Zuweisung an Atum in 
Heliopolis und an die Schlange Uto in Buto (unterägypti¬ 
scher Gau XIII bzw. VI) seiner bewährten Kunst, den 
gefürchteten Schlangen den Kopf zu zerbeißen. Bei anderen 
ist aber eine Nützlichkeit nicht als Grund anzuführen, viel¬ 
mehr müssen hier Gedankengänge einer höheren Kultur¬ 
stufe entscheidend gewesen sein: bei dem am Himmel 
schwebenden Falken und bei dem Käfer, der seine Kugel 
auf dem Wüstensande rollte, die Erinnerung an die Sonne; 
bei den klugen Pavianen der sozial gegliederte Aufbau 
ihrer Herde; bei Frosch und Kröte ihre verborgene Ent¬ 
stehung im schlammigen Wasser; bei dem Ibis vielleicht 
sein nachdenkliches Schreiten, und bei der Eidechse ihr 
geheimnisvolles Huschen, wenn nicht ihre Ähnlichkeit mit 
dem Krokodil. Bei den Tieren, denen man wegen ihrer 
Gefährlichkeit nur mit Sorge begegnete, war es die Furcht, 
die die Menschen der Urzeit veranlaßt, sie zu ihrem 
Totem zu erheben oder sich ihren Namen beizulegen: wer 
auf diese Weise das Tier besaß, erregte selbst die Furcht, 
die man vor dem gefährlichen Wesen empfand. So liegt es 
für Krokodil und Nilpferd. Wenn man auf vorgeschicht¬ 
lichen Gefäßen Elefanten darstellt oder im südlichen Nubien 
Nashörner aus Leder ausschneidet, so kann das nur den 
Sinn haben, die in jenen Gegenden damals noch lebenden 
Tiere zu beschwören. Den Löwen sucht man abzuwehren, 
indem man ihn darstellt und dadurch Macht über ihn ge¬ 
winnt. Am meisten fürchtete man die Löwin, von der es eine 
ganze Reihe von Kulten am Wüstenrande gibt, bis hin 
zu der Sachmet in dem verfallenen Sonnentempel von 
Memphis (unteräg. Gau I). Wie die Löwen lebte in der 
Wüste der Sphinx, ein Löwe mit Königskopf, und der 
Greif mit Falkenkopf; dazu das Phantasietier des Setech 
(oberäg. Gau V); der Ägypter hat sie in der Landschaft 
mit Antilopen und anderem Wild zusammen dargestellt. 
Mit besonderer Furcht stand der Ägypter den Schlangen 
gegenüber, und zahllos sind die Zaubersprüche als Be- 

138 


Abb. 44. Heiliges Ichneumon, auf dem 
Kopf die Sonne mit der feuerspeienden 
Schlange. 

schwörungen gegen sie. Aber wie 
der Götterkönig Re sich die ge¬ 
fährlichste von ihnen zu seinem 
Schutze gebändigt hatte, als er 
sie an seine Stirn setzte, damit 
sie von dort durch ihren Feuer¬ 
atem seine Feinde verjagte, so 
hofften die Menschen sich die 
Giftschlangen dienstbar zu 
machen, indem sie ihnen Opfer 
darbrachten und ihren Abbildern, 
mit Kronen geschmückt, Denk¬ 
steine weihten. Ebenso hatte man 
wirksame Formeln gegen den 
Stich des Skorpions; andererseits 
gab man ihn der Isis bei, die 
durch ihre Zauber Macht über ihn hatte. Zu den Ver¬ 
suchen, sich gegen drohende Gefahr zu schützen, gehört es 
auch, daß die Bildhauer in den Inschriften der Gräber die 
Hieroglyphen, die ein Tier darstellten, nicht einmal immer 
ein gefährliches, in der Mitte durchschnitten oder nur ihren 
Kopf ohne Körper zeichneten; so konnten Löwen, Rinder 
und Elefanten, die Kälber, Gänse und Eulen, die gefähr¬ 
lichen Schlangen und auch die Menschen dem dort be¬ 
statteten König oder Privatmann nicht mehr schaden, falls 
sie zu lebendigem Dasein erweckt wurden, wie es durch 
einen Zauberspruch geschehen konnte. 

Die Verehrung der Tierarten sprach sich zunächst darin 
aus, daß ein Exemplar in dem zuständigen Tempel gehal¬ 
ten wurde. So gab es in Heliopolis einen heiligen Phönix 
als „Seele des Re", in Mendes einen zeugenden Ziegen¬ 
bock, in dem ganzen Lande die Stiere und Kühe. In Her- 
mopolis wurde ein Ibis gehalten, von dem die führenden 



139 







satz) stellt den weisen Thot von Hermopolis (oberäg. Gau XV) dar. Der 
Falke zeigt durch die Scheibe auf seinem Kopfe und durch die geflügelte 
Sonne hinter ihm, daß er den Sonnengott vertritt. Der Pavian mit dem 
Mond (Scheibe mit abgesetzter Sichel) ist wieder ein Genosse des Thot 
von Hermopolis. 

Priester den griechischen Reisenden erzählten, er sei un¬ 
sterblich. Die lebenden Tiere fütterte man, die toten wur¬ 
den prunkvoll bestattet, und wir haben Särge aus Stein, 
Holz und Bronze für Ibis, Falken, Katzen, Schlangen und 
Fische. An ihren Kultorten durften die heiligen Tiere nicht 
gegessen werden, ebensowenig wie die Kühe am Benares 
in Indien. Die Verletzung dieser Eßverbote hat zu Kämp¬ 
fen gegen Gaue geführt, die sich an den heiligen Tieren 
des Nachbars vergriffen hatten. Dem Ägypter ist in seiner 
Tierverehrung der Spätzeit aus der Urzeit das naturnahe 
Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der Tierwelt geblie¬ 
ben; in den Tieren lebten wie in den Menschen geheim¬ 
nisvolle Kräfte, die nur göttlichen Ursprungs sein konnten. 
Der körperliche Übergang von Mensch zu Tier wurde von 
den Künstlern vorgeführt in den Reliefs und Statuen von 
Gottheiten als Mann oder Frau mit Tierkopf. Die Tier¬ 


fabeln ließen Löwe, Pavian, Geier, Katze, Maus und Gans 
als bewußt handelnde Wesen auftreten und reden, auch 
über den boshaften Menschen, der sie hinterlistig zu fangen 
suche. 

SOZIALE GLIEDERUNG 
DER GÖTTLICHEN MÄCHTE 

Bei den göttlichen Wesen, von denen im vorstehenden 
einige Gruppen geschildert sind, war ihr verschiedenartiger 
Ursprung zu erkennen. Sie waren teils in der Wüste ent¬ 
standen, teils im Fruchtland; sie gehörten dem Gesichtskreis 
des jagenden Nomaden, des seßhaften Bauern oder des im 
Boot fahrenden Fischers an. Tierverehrung reicht in die 
früheste Stufe zurück, in der der Mensch sich dem Tier 
nahe fühlte und in ihm eine verwandte Seele sah. Der 
Götterstaat im Himmel aber setzte schon eine gegliederte 
Ordnung auf der Erde voraus, und als diese entstanden 
war, wurden dem Ägypter auch die Mächte seines Ge¬ 
meinschaftslebens zu Gottheiten. Übersinnliche Kräfte stan¬ 
den ihm auch hinter den Regeln, durch die er seinem Ver¬ 
kehr mit den Mitmenschen eine feste Form gab, und in 
seinen ethischen Idealen wirkten gute Geister von unirdi¬ 
schem Wesen. Von solchen sozialen Erscheinungen in der 
Götterwelt gibt es viele, und ihre Zahl wurde vergrößert, 
als die Priesterschaft die Erfüllung der Welt mit übersinn¬ 
lichen Mächten systematisch ausgestaltete. Der König war 



Abb. 46. Malerei auf dem Sarg einer Schlange, die als heiliges Tier sorg¬ 
sam bestattet ist. Vor ihrem Bilde bringt der Stifter dieser Beisetzung ihr 
eine Gans als Futter. 


HO 


141 











Abb. 47. Ein Mann bringt zwei Steintöpfe mit Wasser dar vor drei heiligen 
Tieren. Die Schlange hat die Krone der Isis auf ihrem Kopfe (Sonne zwi¬ 
schen Kuhhörnem). Der Falke mit der Scheibe auf dem Kopfe ist das Tier 
des Sonnengottes. Die oberägyptische Krone des Geiers kennzeichnet ihn 
als die Landesgöttin Nechbet von Nechab (El-Kab, oberäg. Gau III), die 
Schützerin von. Ober-Ägypten. Das Opfer wird auf der Erde dargebracht, 
und über dem Bilde erstreckt sich der Himmel. Oben schwebt die Sonne 
mit ausgebreiteten Flügeln; zwei Schlangen an ihr tragen die Kronen von 
Ober- bzw. Unter-Ägypten. 

immer schon ein Sohn der Götter gewesen, in seiner Würde 
mit dem Glanz der Heiligkeit umkleidet, und nach seinem 
Tode ein Genosse der großen Götter. Weise Ratgeber, die 
ihm erfolgreich gedient und ihren Mitmenschen Lebens¬ 
regeln hinterlassen hatten, wurden heilig gesprochen und 
mit einem Kultus in die Götter eingegliedert wie Im-hötep 
in Memphis (unteräg. Gau I) und andere Halbgötter mit 
ihm. Zwerge, sowohl von gleichmäßigem Körperbau wie 
verkrüppelte (Chondrodystrophen), haben es in dem irdi¬ 
schen Ägypten durch Geschick und Verstand oft zu hohen 
Stellungen gebracht, und auch im himmlischen spielen sie 
ihre Rolle wie der Pataikos des Ptah von Memphis (Abb. 17) 
oder der vollbärtige und krummbeinige Zwergengreis Bes, 
ein Schützer und Helfer der Frauen bei ihren besonderen 
Wünschen vor dem Spiegel oder in ihren schweren Stun¬ 
den der Geburt. Bestimmte Zepter und Stäbe, eigentlich 
entweder Waffen oder Zierstöcke mit Götterköpfen, waren 


142 


seit der Urzeit Zeichen der Würde. Götter trugen den 
Krückstock des Beduinen, Göttinnen den Papyrusstengel 
mit der Blüte, wie man ihn der Hathor als Opfergabe dar¬ 
gebracht hatte. Einzelne Götter hatten ihren eigenen „Stab 
des Qottes " mit Falkenkopf, der nicht nur ein Fetisch, son¬ 
dern ein selbständiges heiliges Wesen war, von einem Prie¬ 
ster betreut (Abb. 48, 49). Die Keule des Königs war ein 
Sitz seiner überirdischen Macht, und wer Gewalt über sie 
hatte, beherrschte auch den König. 

Als die Welt durch ehrfürchtige Gläubige mit Göttern 
erfüllt war, blickten göttliche Mächte sie überall an, wohin 
sie sich auch wandten und was immer sie taten. Für den 
Ägypter gingen seine Götter auch zu seinen Lebzeiten noch 
auf der Erde um. Sah er sie auch nicht, so fühlte er ihr 


Abb. 48. Drei heilige 
Stäbe, wie sie im Got¬ 
tesdienst benützt wurden. 
Der erste steht auf einem 
Sockel und sieht wie ein 
urzeitlicher Steinblock aus, 
auf den der Kopf des Nil¬ 
pferdes gesetzt ist mit der 
Krone der Isis (Sonne 
zwischen Kuhhörnem und 
zwei grade Federn). Der 
zweite ist eine Harpune 
als symbolische Waffe mit 
dem Falkenkopf des Ho- 
rus, der die Nilpferde jagt. 
Der dritte Stab hat den 
Kopf der Isis mit der 
Geierhaube auf dem lan¬ 
gen Frauenhaar. | 



143 





Wirken doch ständig um sich. Seine Sänger erzählten von 
ihrem Leben und ihren Taten, und was sie von ihnen schil¬ 
derten, klang ganz so, als ob Menschen handelten, sowohl 
im Guten wie im Bösen. Die verborgenen Kräfte der Gott¬ 
heiten bildeten eine übersinnliche Welt, die der irdischen 
unerreichbar war, ihr aber ein Spiegelbild vorhielt. Wie 
der Staat des Pharao war auch Staat und Gesellschaft der 



Abb. 49. Zwei Priester in alter¬ 
tümlicher Tracht (kurzer Schurz, 
kahlköpfig) bringen heilige Stäbe, 
die in dem Kultus verwendet wer¬ 
den sollen. Der erste hat den 

Kopf der Isis als Himmelsgöttin 
mit der Sonne auf dem Kopfe. 
Der zweite mit dem Kopfe des 

Wolfes von Siut (oberäg. Gau XIII) 
soll in der Prozession vorange¬ 

tragen werden, um den Weg zu 
öffnen, wie der Wolfsgott von 

Siut es in der Urzeit für den 
König getan hat (Abb. 15). 


Götter gegliedert, mit sozialen Unterschieden, mit der Zu¬ 
sammengehörigkeit der Familien, mit dem Gegensatz der 
Kämpfenden, mit dem Sieg des Guten, wenn der Böse sich 
auch durch Klugheit manchmal der verdienten Strafe zu 
entziehen wußte. 


TEMPEL UND PRIESTER 

Die straffe Organisation der Landeskirche und der Sinn 
des Ägypters für regelmäßige Bauformen hat den ägypti¬ 
schen Tempeln feste Gestaltungen gegeben, die zeitlich 
oder örtlich gebunden sind und sich wiederholen. Die Aus¬ 
bildung des Grundrisses richtete sich nach den Kultformen. 
Der Sonnengott mit seinem Naturdienst verlangte offene 
Höfe mit Schlachtplätzen für die Opfertiere. Mit der Außen - 


144 



& v v ; V , v <>: 


Jafel 12 




weit verbunden blieben die rechteckigen Hallen, deren 
Dach umlaufend von Pfeilern getragen wurde, und die 
Kioske mit ihren durchbrochenen Wänden, über denen zwi¬ 
schen Säulenkapitellen das Sonnenlicht in das Innere hin¬ 
einfluten konnte. Daneben wurden massige Blöcke mit ge¬ 
schlossenen Wänden von monumentaler Wirkung gebaut, 
in der Grundform mit einer klaren Gliederung in Pylon 
mit Tor, Hof mit umlaufendem Säulengang, Saal mit eng 
gestellten Säulen, und Allerheiligstes mit dem Götterbild 
in seinem Schrein (Tafel 6—9). Die großen Tempel des 
Neuen Reichs und der Folgezeit haben, ebenso wie die 
deutschen Dome, die schlichte Aufteilung nicht bewahrt, 
die ihnen anfangs gegeben war. In beiden Fällen hat jeder 
folgende König es sich zur Ehre angerechnet, den überirdi¬ 
schen Mächten ihre Wohnstätte zu erweitern und einen 
neuen Bauteil hinzuzufügen, dann natürlich in dem Baustil 
seiner Zeit, oft genug ohne Rücksicht auf den ursprüng¬ 
lichen Plan. Die Pharaonen und ihre Baumeister haben es 
sich manchmal leicht gemacht und haben vor einen be¬ 
stehenden Bau nur einen Hof mit einem Pylon gelegt. 

An solchen Höfen war Bedarf, seit die Menge des an 
den Festen teilnehmenden Volkes größer geworden war 
und mehr Raum zu ihrer Unterbingung bei den Massen¬ 
veranstaltungen erforderte. 

Bei dem Amon-Tempel von Karnak in der Haupt¬ 
stadt Theben (oberäg. Gau IV) blickte der bisherige Bau in 
Dynastie XVIII nach dem Nil (Westen), zu dessen Ufer 
eine Straße führte, wohl auch damals schon mit Statuen 
des heiligen Widders gesäumt; auf ihr zog an dem „Schonen 
Test von Opet" die Prozession, wenn Amon auf dem Nil 
zu seinem Harem in dem „Südlichen Opet" (heute Luk¬ 
sor) fuhr. An einem anderen Festtage blieb er auf dem 
Lande und zog von seinem Allerheiligsten aus auf einer 
Straße nach Süden zu dem 800 m entfernten Tempelbezirk 
seiner Gattin Mut, der Herrin des heiligen Sees Aschru. 

Unmittelbar vor dem Pylon IV, der damals der vorderste 

10 Roeder, Pharaonenreidi 145 

1 





war, bog die Straße rechtwinklig nach Süden ab, gesäumt 
mit Statuen der Göttin, denen König Amenophis III. die 
löwinnenköpfige Gestalt der Sachmet, der Genossin des 
Ptah von Memphis, gegeben hatte. Wo diese Straße an 
dem Amon-Tempel ansetzte, ließ Thot-mose III. und seine 
Schwester Königin Hat-sdiepsut zwei Höfe von je etwa 
35 X 55 m Fläche anlegen, König Hor-em-hab zwei wei¬ 
tere davon von über 100 X 100 m Größe. Jeder der vier 
Höfe hatte an der Südseite einen Pylon von etwa 60 m 
Breite mit einem Tor, das die nach Süden zu dem Mut- 
Tempel ziehende Prozession hinausließ und die zurück¬ 
kehrenden Pilger wieder aufnahm. Diese Höfe sind die 
Karawansereien der Pilgermassen geworden, die an den 
Festfeiern teilnahmen. Ihre Lage in einer Achse, die senk¬ 
recht zu der des Großen Amon-Tempels verlief, entfernte 
sie von den stillen Hallen des inneren Tempels/ so war 
das Verbleiben der Volksmenge auch über Nacht in un¬ 
mittelbarer Nähe des Heiligtums, doch abgesondert von 
ihm, möglich (Tafel 9). 

Ähnliche Tempelanlagen sind auch in anderen Städten 
geschaffen und mit Stiftungen bedacht worden, um die 
Festfeiern zu verschönern und reicher auszustatten. 
In Hermopolis (oberäg. Gau XV) .lagen in einem ausge¬ 
dehnten Bezirk nicht nur die Tempel und Kapellen des 
Thot und seiner Mitgötter, sondern auch ein großer Park 
mit Palmen, Fruchtbäumen und Sträuchern, mit Teichen 
mit Wasserpflanzen und mit Ruheplätzen für die Volks¬ 
menge, die sich an den Festtagen ihrer Gottheiten dorthin 
ergoß und sich durch Tage und Nächte zu ihren Ehren 
dem Jubel hingab. Auch die Pharaonen wußten, daß sie 
das Volk durch „Brot und Spiele" gewannen und an die 
Tempel fesselten, deren Macht gleichzeitig die der könig¬ 
lichen Verwaltung war. Staat und Kirche waren hier zu 
einer Einheit geworden. Was jeder Pharao für den ein¬ 
zelnen Tempel aufgewendet hat, vermögen wir an den 
Wänden abzulesen, soweit es die Bauten betrifft und ihre 


Mauern heute noch stehen. Zuweilen haben die königlichen 
Erbauer auch die Opferstiftungen einmeißeln lassen, die sie 
für die Darbringung der Opfer, d. h. mittelbar für die Ver¬ 
pflegung der Priesterschaft, bestimmt hatten, oder auch für 
die Festfeiern, dann für die Beköstigung der teilnehmen¬ 
den Volksmenge. Für die Leistungen Ramses III. (Dyn. XX) 
besitzen wir außerdem eine Zusammenfassung in einem 
ihm in das Grab mitgegebenen Papyrus, der in der ge¬ 
heimen Staatskanzlei aus Berichten der einzelnen Tempel 
zusammengestellt war, teils durch Abschrift, teils durch 
Zusammenkleben der eingelieferten Papyrusstreifen mit 
den Originalberichten. Das Ganze ergab eine Abrechnung 
über die Zuwendungen des Staates an die Landeskirche 
während der 32 Regierungsjahre des Königs, gegliedert 
nach den Tempeln, denen sie zuteil geworden waren: mit 
genauen Zahlen die Äcker und Gärten, Sklaven beiderlei 
Geschlechts, Rinder und Kleinvieh, Schiffe und Rohstoffe 
an edlen Hölzern, Metallen und Gesteinen — kurz alles, 
was der Priesterstaat zu seinem Unterhalt brauchte. Man 
erkennt dabei das Machtverhältnis zwischen den einzelnen 
Tempeln; der Hauptanteil ist dem Amon-Tempel in Theben 
zugefallen. 

Zur Pflege der religiösen Vorstellungen und zur regel¬ 
mäßigen Darbringung der Gebete und Opfer an die Gott¬ 
heiten hatten sich feste Übungen herausgebildet, deren 
Kenntnis und Handhabung allmählich nur noch bei den 
berufsmäßigen Priestern lag. Sie allein kannten die 
Vorschriften für das Ritual, nach dem zu bestimmten Stun¬ 
den vor dem Götterbild im Allerheiligsten Opfer und An¬ 
betung zu vollziehen waren. Sie besaßen die Wasseruhren, 
nach denen auch ohne Himmelsbeobachtung die richtige 
Stunde für die heilige Handlung ermittelt wurde. Sie allein 
hatten die Kenntnis der Vorschriften für die Hofbeamten, 
nach denen diese in dem „Jdcius des Tldor^ens" die göttliche 
Majestät des Pharao zu waschen und für das tägliche 
Opfer zu reinigen hatten, dort dann auch seine Leiche für 


146 


147 


die Beisetzung herrichteten. Sie wußten die verschiedenen 
Rauchgeräte zu handhaben und verfügten über den 
Weihrauch, der die sinnvolle Reinigung des Priesters wie 
des Götterbildes bewirkte. Sie allein hatten überhaupt 
Zutritt zu den inneren Räumen des Tempels, der dem Volk 
höchstens an Festtagen seine vorderen Höfe öffnete, das 
geschlossene Gebäude aber den Eingeweihten vorbehielt. 
Berufspriester waren durch den rasierten Schädel ohne 
Perücke kenntlich,- sie trugen nur leinene, keine wollenen 
Gewänder. Priesterstellen mit Erbfolge wurden der Familie 
Vorbehalten, andere waren käuflich. Ein besonderes An¬ 
sehen genoß der gelehrte Cherheb, der lesen und schrei¬ 
ben konnte, die geheiligten Schriften vorlas und die wirk¬ 
samen Formeln rezitierte. Der Hohepriester, in den jün¬ 
geren Tempeln nur als „Erster Prophet" bezeichnet, hatte 
in den alten Heiligtümern hergebrachte Amtstitel, die auch 
mit weltlichen Aufgaben zusammenhingen, wie in Helio- 
polis: „(größter der Schauenden" (Himmelsbeobachter), in 
Memphis: „ Größter der Leiter des Handwerks" als Vor¬ 
steher der Kunstwerkstätten, in Sais: „Größter der Ärzte", 
in Hermopolis: „Größter der Pünf im Hause des Phot". 
Der Hohepriester des Amon von Theben als des ange¬ 
sehensten Staatsgottes im Neuen Reich und Leiter des 
mächtigsten Tempels, eines Staates im Staate, stand dem 
Throne am nächsten und konnte es wagen, die Majestät 
des Pharao zu lenken und nach dem Niedergang der 
Ramses-Könige selbst die Doppelkrone zu ergreifen, bis 
die libyschen Söldnerführer sie ihm wieder entrissen. Als 
Bewahrer geheimer Kenntnisse und der Zugänge zu den 
Mysterien haben die Priester hinter geschlossenen Tempel - 
mauem ihr Eigenleben weitergeführt und ägyptische Gott¬ 
heiten mit der einheimischen Literatur und Kunst zu er¬ 
halten gesucht, während die Welt um sie herum schon 
griechische Kultur und dann das Christentum angenommen 
hatte. 

Während des ganzen Ablaufs der ägyptischen Geschichte 


148 


treten uns in ihren Gräbern, Statuen und Inschriften Herren 
und Damen entgegen, die bei den Gottheiten ihrer Stadt 
ein priesterliches Amt ausgeübt haben und nun, gewiß aus 
besonderem Anlaß, eine Figur der Gottheit aus Stein oder 
Bronze in den Tempel weihten. Die Stifter tragen wohl 
einen Priestertitel, aber nicht im Hauptamt. Damen deuten 
durch das Sistrum oder das Tanzgerät aus Ägis und Menat 
ihre kultische Aufgabe an oder weisen durch ihren Kopf¬ 
schmuck auf die Göttin, die sie darzustellen hatten, wenn 
sie vor dem Gott den Tempeltanz ausführten. Diese Ange¬ 
hörigen vornehmer Familien bis zu dem Königshause hinauf 
waren Laien, die gelegentlich priesterliche Aufgaben zu 
erfüllen hatten. Sie traten für eine gewisse Zeit in den 
Tempeldienst ein, übernahmen ein Inventar, das sie listen¬ 
mäßig wieder abgaben, und sie waren, je nach ihrer Stel¬ 
lung, als Gehilfen der Berufspriester tätig, wenn das Götter¬ 
bild in der Prozession ausgetragen wurde, wenn die litur¬ 
gischen Gesänge von dem Tempelchor auf geführt wurden 
oder die Teilnahme des Volkes an den Festen zu leiten 
war. Dafür erhielten sie durch Speise und Trank einen 
Anteil an den Einkünften des Tempels. Der Genuß der 
Opferspeise, die vorher geweiht und vor dem Gott nieder¬ 
gelegt worden war, ließ sie an der Zauberkraft des gött¬ 
lichen Wesens teilhaben. So ging das Fluidum der Gottheit 
in sie über, nachdem sie durch das Ritual der Darbringung 
des Opfers in den Kreis der Begnadeten hineingezogen 
worden waren. 

Zu den Vorrechten der beruflichen Priesterschaft gehörte 
die Erteilung der Orakel, eine Verkündung des Willens 
der Gottheiten. Um die Gottheit zu befragen, genügte es 
zuweilen, an einem Tempeltor zu beten oder auch im Tem¬ 
pel zu schlafen und sich den Traum von einem Priester 
deuten zu lassen. Eine Entscheidung erreichte man auch, 
wenn eine Niederschrift des Falles vor dem Götterbilde 
niedergelegt und diese veranlaßt wurde, durch „Nidken" 
seine Zustimmung auszusprechen. Der Gläubige beobach- 


149 






tete es auch sonst, daß „der QoU sehr grüßte", wenn dieser 
am Morgen durch den Hohenpriester hinausgeführt wurde. 
Man braucht dabei keinen bewußten Betrug der Priester 
anzunehmen; die Kapelle mit dem Götterbilde, oft in einer 
Barke stehend, wird auf den Schultern ihrer Träger eben¬ 
so gezittert haben wie der Tisch unter den Händen spiri¬ 
tistischer Gläubiger. Die Auslegung allerdings erfolgte durch 
die Priester, die allmählich, wie bei dem mittelalterlichen 
Sündenerlaß, ein festes Verfahren eingeführt hatten, bei 
dem sie auf eingeworfene Zettel eine schriftliche Antwort 
erteilten. Man dürfte die klugen Priester wohl anreden: 

„Kinder der Klugheit, o habet die Narren 

Eben zum Narren auch, wie sich's gehört!" 

(GOETHE, Cophtisches Lied.) 
Andere Orakel wurden aus dem Rauschen heiliger Bäume 
erteilt, oder aus den Bewegungen der heiligen Tiere. Durch 
solche göttliche Entscheidungen sind Streitigkeiten über den 
Besitz eines Ackers geregelt worden, Veruntreuungen wur¬ 
den aufgedeckt und Verbannte wurden begnadigt, auch 
Amtsstellen, sogar Königsthrone besetzt. 


150 


Kapitel IV 

DIE TOTEN UND IHR JENSEITS 

VORSTELLUNGEN VOM JENSEITS 

Wenn die ur zeitlichen Ägypter ihre Toten im Wüsten - 
sande verscharrten, wie die Nomaden es stets tun, so ist 
diesen Bestattungen nicht anzusehen, ob die Angehörigen 
sich schon eine Vorstellung yon dem Leben nach dem Tode 
gemacht haben. Wenn die Leichen aber in Siedlungen in¬ 
nerhalb des Hofes und unweit des Lagerfeuers beigesetzt 
werden, so darf man annehmen, die Angehörigen legten 
Wert auf die Anwesenheit des Ahnen bei dem gemein¬ 
schaftlichen Mahl. Totenkult und Ahnenverehrung sind 
dann ein fester Betandteil des ägyptischen Glaubens ge¬ 
blieben, und daraus haben sich die Vorstellungen von Seele, 
Schutzgeist und ethischem Vorbild ergeben. Sobald in den 
Gräbern Beigaben auf treten, erkennen wir den Wunsch, 
den fortlebenden Teil des Menschen auch nach dem Tode 
mit dem zu versorgen, was er braucht. Beigegebene Gefäße 
waren bei der Beisetzung gewiß mit Speise und Trank ge¬ 
füllt, und aufgemalte Bilder sollten durch Zauberkräfte ihn 
mit Vorräten versorgen. Der Ägypter glaubte als fort¬ 
lebende Teile, vielleicht nach örtlich verschiedener Bezeich¬ 
nung, zu haben: einen Ach (verklärter Geist), einen Ka 
(Lebensträger und Schutzgeist), einen Sechem „Macht" und 
einen Ba (Seele). Für ihre Erhaltung wurden die Gebete 
gesprochen und die Opfergaben niedergelegt. Als ein Falke 
mit Menschenkopf schwebte die Seele über der Leiche, 
und immer wieder wurde gewünscht: „D eine Seele möge 
leben und sidb verjüngen in alle Ewigkeit!" (Abb. 50). Ist 
die „Luft des Jodes " durch das linke Ohr in den Körper 
eingedrungen und hat sie die „Luft des Lebens" (den 
Atem) vernichtet, so kann durch Bestattung für das ewige 

151 



Abb. 50. Zeichnring in 
einem Papyrus mit dem 
Totenbuch, einer Samm¬ 
lung von Texten, die der 
Verstorbene im Jenseits 
braucht: die Seele in Ge¬ 
stalt eines Vogels mit 
Menschenkopf hat sich 
durch den Tod von dem 
Körper gelöst und schwebt 
über der Leiche, die schon 
eingetrocknet ist und zu 
einer Mumie hergerichtet 
werden soll. 

Seelenheil gesorgt werden. Um aber auch den Bedauerns- 
werten, die durch ein Krokodil oder durch Ertrinken im 
Nil oder, wie Kleopatra, absichtlich durch einen Schlangen¬ 
biß umkamen, ohne daß die Leiche gefunden und bei¬ 
gesetzt wurde, die Gnade zuteil werden zu lassen, ver¬ 
sicherte man gerade sie der Verklärung zu einem seligen 
Toten. 

Den Geistern der Toten war allerdings nicht zu 
trauen; sie gingen um und konnten Unheil anrichten. Des¬ 
halb ließ man in der Urzeit die Leichen durch Verwesung 
zerfallen und setzte dann die Knochen gesammelt bei. Ihre 
Vereinigung zu einem Körper und dessen Wiederaufleben 
zu einem neuen jenseitigen Dasein spielt in alten Toten¬ 
texten eine Rolle. In ähnlicher Weise haben die Australier 
vor der endgültigen Bestattung ihrer Toten die Knochen 
gebleicht und sogar bunt bemalt. Als diese Sitte den Betei¬ 
ligten doch wohl zu barbarisch vorgekommen war, fesselten 
die Ägypter die fest eingewickelte Leiche, um auch ihrer 
Seele die Bewegungsfreiheit zu nehmen. Freilich konnten 
die Totengeister den Lebenden immer noch im Traume 
erscheinen und ihr schlechtes Gewissen ängstigen. Deshalb 
suchte man sie durch Fürsorge freundlich zu stimmen. Eine 


ausgebildete Lehre von dem Verbleib und den Schicksalen 
der Seele ist uns nicht überliefert, und die erhaltenen An¬ 
deutungen sprechen nicht von einer eigentlichen Seelenwan¬ 
derung. Aber von einer Metempsychose ist es nicht fern, 
wenn eine ständige Formel der Opfergebete dem Grab- 
herm wünscht, seine Seele möge „alle gestalten annehmen, 
die du willst". Eine ethische Umwandlung ist mit dieser 
Veränderung der äußeren Gestalt zunächst nicht gemeint; 
aber offenbar ist die Fähigkeit nur dem gerechtfertigten 
Toten, also dem guten Menschen, zuteil geworden. 

über die Stätte, an der die Seelen der Abgeschiedenen 
weilten, hatte man während der einzelnen Epochen und an 
den verschiedenen Orten nicht die gleichen Auffassungen. 
Den Pharaonen des Alten Reiches wurde eine Auffahrt 
gen Himmel zuteil und dort oben ein wahrhaft könig¬ 
liches Leben inmitten der Götter, in manchen Texten so¬ 
gar als ihr Beherrscher. Der Privatmann rechnete mit einem 
bescheideneren Paradies und war schon froh, wenn er 
unter den Sternen wie eine Lampe des Himmels weiter¬ 
leben durfte oder wenn die Arme einer gütigen Göttin ihm 
aus einem Baume seines Gartens heraus Brot und Wasser 
reichten, die uralten Spenden für die Toten, oder wenn 
seine Seele von dem Wasser seines Teiches trinken durfte 
(Abb. 51). Die Himmelsgöttin Nut war auf die Innnenseite 
eines Sargdeckels gemalt, damit sie ihm in Wirklichkeit die 
gewünschte Freiheit gab und ihn unter ihrer Wölbung wan¬ 
deln ließ, wie er es wünschte. Aber die Erfüllung war 
unsicher, und vielleicht wurde die Seele in der Unterwelt 
festgehalten, zu der sie gehörte, nachdem der Körper in 
der westlichen Wüste bestattet war. Dort ging die Sonne 
unter, um ihre nächtliche Fahrt durch die Unterwelt zu 
machen, in der ihr Schiff auf Sandbänken sterkenblieb, 
so daß die Schakale der Wüste es weiterziehen mußten. 
An dem beglückenden Licht der Sonne in der Unterwelt 
hing die Freude und Sehnsucht der Abgeschiedenen, wie es 
sich in den Totengebeten immer wieder ausspricht. Schil- 



152 


153 



derungen der Unterwelt, die in Gebeten, Liedern und 
Romanen gegeben werden, auch als Berichte von Besuchern, 
sprechen von dem traurigen Leben in der Finsternis und 
von den Strafen, die den Sünder dort erwarten. 

Die Ägypter müssen schon viel früher als die Quellen 
es ahnen lassen, zu der Vergeltung im Jenseits für die 
guten und bösen Taten gekommen sein, die im Diesseits 
begangen waren. Deshalb versichern die Beschreibungen 
des eigenen Lebens, die zu ständigen Formeln der Grab¬ 
steine gehören, immer wieder die Schuldlosigkeit des Grab¬ 
herrn. In einer nur wenig wechselnden Folge wird von 
jedem der großen Paschas, die sicher nicht immer mit 
einem reinen Gewissen starben, sein vortrefflicher Charak¬ 
ter geschildert; er habe den Hungernden Brot gegeben, den 
Nackten gekleidet, den Waisen und Witwen geholfen, aber 
ganz gewiß niemandem geschadet. Die Verfasser und Wie¬ 
derholer dieser schematischen Biographien wußten natürlich 
genau, daß den Gerechtfertigten im Jenseits ein glückliches 
Leben erwartet, den verurteilten Sünder aber ein grausiges 
Schicksal, das ein geängstigter Volksglaube und die theo¬ 
logische Konstruktion der Priester ausgemalt hat, nicht 
weniger anschaulich als Dante's Inferno. Die einmal began¬ 
gene Untat erzeugte nun weiter Heuchelei und Lüge. Man 
beschwor die eigene Unschuld in der Hoffnung, die Götter 
würden sich ebenso täuschen lassen, wie es bei den Mit¬ 
menschen wenigstens äußerlich geglückt war. In der als 
„confession negative" berühmt gewordenen Beichte erklärt 
der im Totengericht stehende Verstorbene, er habe jene 
Taten, im ganzen 42 Sünden, nicht begangen. Daß Men¬ 
schen, die in diesen Gedankengängen lebten, der Vergel¬ 
tung von Gut und Böse und der Wunsch nach einer Er¬ 
lösung von der Schuld vertraut war, ist selbstverständlich, 
und man sollte nicht erklären, in den Texten vergeblich 
nach Sündenbekenntnis und Erlösermythus gesucht zu 
haben. Sie sind durchaus vorhanden, versteckt oder offen. 
Wer sich schuldbeladen fühlte, rief die Gnade des Osiris 


an, fühlte sich wie er aus der irdischen Welt hinausgehoben 
und war durch seine Auferstehung nach erlittenen Leiden 
erlöst. Der ägyptische Gläubige vertraute fest auf die 
Vergebung seiner Sünden im Jenseits, und deshalb ver¬ 
wendete der Vornehme so reiche Mittel auf Beisetzung und 
Totendienst; er wußte auch für sich genau: 

//Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder; 

Unsterbliche heben verlorene Kinder 

Mit feurigen Armen zum Himmel empor." 

(GOETHE, Der Gott und die Bajadere.) 

In dem Bekenntnis im „Totenbuch" sind Sünden ent¬ 
halten, die ein Privatmann gar nicht begangen haben kann, 
weil dazu die Stellung und Würde des Königs voraus¬ 
gesetzt ist. Darin spricht sich aus, daß auch diese Vorstei¬ 



göttin hält auf 'ihrer rediten Hand eine Schale mit Speisen (Brote, Gemüse, 
Gans), und spendet “aus einem Kruge in ihrer linken Hand das kühle Was¬ 
ser, nach dem der Ägypter immer dürstet. Die Seelen des Ehepaares stehen 
am Rande des Teiches, in dem Lotosblumen wachsen, um von dem Wasser 
zu trinken; sie haben die Gestalt eines Vogels mit Menschenkopf, dessen 
Haar die Geschlechter unterscheidet. 


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155 




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lung aus einer Verklärung des verstorbenen Königs heraus 
entstanden und für sie entwickelt worden ist. Auf vielen 
Gebieten des Totenglaubens ist dieser Gang der Dinge 
erfolgt: zunächst war es nur der König, der die Himmel¬ 
fahrt antrat, der sich unter die Götter mischte und selbst 
zu einem Gott wurde. Als die Gaugrafen aus königlichen 
Beamten zu Fürsten von selbständiger Macht wurden, ging 
auf sie über, was ursprünglich nur dem Pharao zugedacht 
war. Allmählich sanken Gebräuche und Vorstellungen zu 
den übrigen Großen des Staates und der Gaue herab, und 
schließlich wollte jeder, der etwas auf sich hielt, nach 
seinem Tode an der Gottähnlichkeit teilhaben: er wollte 
ein „ Osiris" werden. 

DIE TOTENGÖTTER 

Die Gestalt des Totengottes Osiris ist in ihrer ge¬ 
schichtlichen Entwicklung wie in ihrer inneren Abfolge ein 
lehrreiches Beispiel für einen religiösen Vorgang, und sie 
ist entscheidend für den ägyptischen Glauben geworden. In 
dem urzeitlichen B u s i r i s im mittleren Delta (Gau IX) 
war aus der Bauernreligion jener Gegenden eine mythische 
Persönlichkeit entwickelt worden, in der noch die Erinne¬ 
rung an einen alten König steckte, der den Menschen die 
höhere Gesittung gebracht und sie durch den Ackerbau 
seßhaft gemacht hatte. Dabei hatte ihm seine Gattin Isis 
geholfen, die ihren kleinen Sohn Horus in dem versteckten 
Sumpfdickicht aufziehen mußte, um ihn vor Setech zu ver¬ 
bergen, dem Bruder des Königs Osiris, seinem Feind und 
schließlich Mörder. Mit der Leiche des bestatteten Osiris 
verband sich nunmehr der Mythos von dem Erdgott, 
durch dessen Kräfte der Same des Getreides zum Keimen, 
die Pflanzen zum Wachsen gebracht wurden. Osiris wurde 
zu dem Vegetationsgott, der nach langem Winterschlaf zu 
neuem Leben auf er stand mit dem Frühjahr, wie der Jüng- 

156 


ling Adonis erschien und von der erlösten Menschheit mit 
Jauchzen begrüßt wurde. Isis und ihre Schwester Nephthys, 
deren Klagelitaneien im Herbst an der Leiche erklungen 
waren, stimmten jetzt fröhliche Ostergesänge von der Auf¬ 
erstehung an, in die das beglückte Volk jubelnd einstimmte. 
Dieses war der Sinn der Freudenfeste, bei denen das Lei¬ 
den, der Opfertod und die Auferstehung des Osiris dra¬ 
matisch vorgeführt wurde, in den Hauptpersonen gespielt 
von den Priestern und ihren Helfern, begleitet von einer 
Volksmenge, die aus Zuschauern oft zu leidenschaftlichen 
Mitspielern wurde. 

Es lag nahe, die Mysterien des Naturmythos anzuwen¬ 
den auf das Schicksal des verstorbenen Menschen. Auch 
ihm wünschte man nach der Rechtfertigung seiner Taten 
die Auferstehung zu neuem Glück. So nannte man den 
verstorbenen Pharao, der im jenseitigen Leben doch auch 
nur die höchste Würde bekleiden konnte, einen „Osiris" 
und ließ ihn zwar nicht das Leiden, aber doch die Er¬ 
lösung durchleben. Der König wurde nun selbst zu 
einem Osiris, und die Schicksale des Gottes gingen auf ihn 
über. An der Wand seines Grabes ist der junge König 
Tut-anch-Amon gemalt genau wie der Gott Osiris selbst, 
mit seiner Mumiengestalt, seinen Kronen und Zeptern; 
hätte die Gestalt nicht das bekannte Gesicht des Tut-anch- 
Amon und stünde nicht sein Name daneben, könnte man 
sie für den Gott Osiris halten. Das soziale Absinken hat 
dann schließlich aus jedem, der gerechtfertigt aus dem 
Totengericht hervorging, einen „Osiris NN." gemacht und 
ihm die Symbole des Osiris, des Herrschers des Toten¬ 
reichs und Fürsten der Ewigkeit, verliehen. Denn das König¬ 
reich des Osiris war auch nach seiner Auferstehung nicht 
von dieser Welt. Er blieb in der Unterwelt und war dort 
der allmächtige Leiter des Totengerichts, bei dem ihm 
42 strenge Richter für die 42 Todsünden beistanden. Aus 
der Unterwelt heraus hat Osiris dann seine Stimme er¬ 
hoben (oder, wie das ägyptische Schreibervolk von ihm 

157 



sagte: er hat an die himmlischen Götter einen Brief ge¬ 
schrieben), um durchzusetzen, daß sein Sohn Horus auf 
der Erde als Herrscher anerkannt würde, als das Vorbild 
aller Pharaonen auf dem Thron der Lebenden. Dem Volk 
aber floß die Gestalt des mythischen Königs, den man 
Wennofer „Qutes (neubelebtes) Wesen" nannte, zusam¬ 
men mit dem sterbenden und auferstehenden Gott der 
Pflanzen. Ein Bild des Königs Osiris aus Erde mit Körnern, 



Abb. 52. Auf einem Grabstein hat ein Mann sich mit seiner Familie in 
einem Bilde darstellen lassen, über dem der Himmel sdiwebt. Drei Män¬ 
ner beten mit erhobenen Händen vor dem Totenrichter Osiris, dem Herrn 
des Jenseits, der in Mumiengestalt auf seinem Throne sitzt, auf dem Kopf 
seine Krone (oberägyptische mit zwei Straußenfedern), in den Händen seine 
Zepter (Krummstab und Geißel). Im Hintergrund wird das Wasseropfer 
dargebracht durch einen Priester, der als Maske einen Hundekopf trägt, 
um den Totengott Anubis vorzutäuschen. 

zu seinem Frühlingsfest keimend, ist als grünender Osiris 
auch Verstorbenen in das Grab mitgegeben worden, um 
ihnen zu der gleichen Auferstehung zu verhelfen. 

Der Legendenkreis des Osiris von Busiris ist aus seiner 
Heimat zunächst in das Delta verbreitet worden und 
hat überall die Menschen gepackt wegen seiner Bedeutung 
für ihr eigenes Schicksal nach dem Tode (Abb. 52). In dem 
benachbarten Gau XIII von Heliopolis wurde die Wichtig¬ 
keit früh erkannt, die Familie des Osiris wurde in das 
Dogma von der „Qroßen ‘Neunheit der Qötter" eingeglie¬ 
dert, und allmählich haben die Priester von Heliopolis die 


158 


gesamte Totenliteratur im Sinne ihrer Sonnenreligion über¬ 
arbeitet, zuerst die Pyramidentexte für die Könige des 
Alten Reichs, dann die Sargtexte des Mittleren und zuletzt 
das Totenbuch des Neuen Reichs. In Memphis (Gau I) er¬ 
fand man die Wendung, Osiris sei dort im Wasser des 
Nils ertrunken, von den Seinigen herausgezogen und be¬ 
stattet worden. Die einheimischen Totengötter, auf die er 
in Memphis stieß, der Falke Sokar und der Hund Anubis, 
wurden ihm untergeordnet/ Anubis sei ja jener Gehilfe, 
den Osiris in einem versehentlichen Verkehr mit Neph- 
thys erzeugt habe. Ein Grab des Osiris wollte jeder be¬ 
deutende Tempel besitzen; man half sich durch die Legende, 
die Leiche des Osiris sei vom Nil aus durch das Meer an 
die Küste von Palästina bis nach Byblos getrieben, dort 
von einer Zeder umschlungen und von der klagenden Isis 
wieder aufgefunden worden. Oder noch passender.- die 
Leiche sei von dem Mörder Setech zerstückelt und ver¬ 
streut worden, jeder Teil an einen anderen Ort. Der eine 
von ihnen wurde in einem Gefäß bei Kanopus an der Mün¬ 
dung des westlichen Nilarms (Gau V) beigesetzt/ es war 
das Urbild der Eingeweidekrüge „Kanopen", die man an¬ 
sehnlichen Toten in das Grab stellte. Der Kopf aber war 
die Reliquie von Abydos, der Grabstätte der frühzeitlichen 
Könige in dem ober ägyptischen Gau VIII, und als man das 
Grab eines Königs Zer aus der I. Dynastie zum Grab des 
Gottes Osiris erklärt hatte, wurde Abydos nächst Busiris 
zu dem heiligsten Orte des Osiris. Die Gläubigen wall- 
fahrteten, lebend oder noch als Leiche, zu einem Besuche 
nach Abydos, um des Segens des Totengottes teilhaftig zu 
werden. „Herr von Abydos" wurde zu dem ersten Bei¬ 
wort des Osiris, in Ober-Ägypten eindrucksvoller als JHerr 
von Busiris ", das in dem weit entfernten Delta lag und 
weder als Stadt noch durch einen großen Tempel mächtig 
war. In Abydos aber war Osiris auch der Gott der Wohn¬ 
stadt, und neben seinem Tempel errichteten die Könige ihre 
Totentempel für den eigenen Totendienst, der ihnen ihre 




Seligkeit verschaffen sollte. Osiris von Abydos stand fast 
gleichberechtigt neben den Reichsgöttern und wurde mit 
ihnen zusammen in die Kolonien hinausgetragen/ König 
Sethos I. hat eine Felsinschrift mit einer reichen Stiftung 
für Osiris von Abydos tief im südlichen Nubien nahe dem 
3. Katarakt einmeißeln lassen. 

Die weite Verbreitung des Osiris und das Eindringen 
seiner Mysterien in breiteste Schichten des Volkes hat die 
bodenständigen Totengötter zurücktreten lassen, die in je¬ 
dem Gau nach eigener Überlieferung angerufen wurden. 
In Memphis (unteräg. Gau I) hatte man sich ursprünglich 
an Anubis gewendet, den in der Wüste bei den Gräbern 
liegenden wilden Hund. In Abydos (oberäg. Gau VIII) 
wurde ein anderer Hund „ Der Erste der Westlichen (Toten)" 
durch Osiris verdrängt. Auf der Westseite von Theben 
(oberäg. Gau IV) trat aus dem Wüstengebirge der Kalk¬ 
steinfelsen, in dem die Gräber angelegt waren, eine Kuh 
Hathor heraus, die Schützerin der Friedhöfe (Abb. 53). 
Neben diese und andere Gottheiten, denen die Leichen 
anvertraut wurden, trat im Laufe der Zeit immer gewich¬ 
tiger Osiris mit seinem Kreis, der für die Gläubigen als 
König der Unterwelt durch seine entscheidende Stimme im 
Totengericht die bedeutungsvollste Macht im Jenseits wurde 
(Tafel 14). 

KÖNIGSGRÄBER 

Die Gräber der Könige der Vorzeit sind in Ägypten im¬ 
mer von Bedeutung gewesen. Die Erinnerung reichte bis 
zu den Fürsten der vordynastischen Zeit zurück, die in 
den noch getrennten Staaten herrschten. Die unterägypti¬ 
schen Fürsten, in B.uto (Gau VI) bestattet, lebten als „ Seelen 
von Pe" fort, mit Falkenkopf dargestellt; die oberägypti¬ 
schen „Seelen von Rechen" (Gau III) mit Hundekopf. 
Beide erschienen später im Gefolge des Königs des geeinig¬ 
ten Reiches, und ehe dieser beigesetzt wurde, machte er in 


160 


Abb. 53. Auf dem Sarg 
eines Priesters in Theben 
ist am Abhang des Wüsten¬ 
gebirges sein Grab dar¬ 
gestellt, über dessen Ein¬ 
gang eine kleine Pyramide 
gesetzt ist in Erinnerung 
an die königlichen Grä¬ 
ber der Vorzeit. Im Hin¬ 
tergrund tritt aus dem 
Felsen die Kuh Hathor, 
die Herrin des Friedhofs, 
mit einer Decke auf dem 
Rücken und einer Geißel, 
dem Herrschaftszeichen 
der Göttinnen; zwischen 
ihren Hörnern der Kopf¬ 
schmuck der Hathor (Sonne 
mit zwei Straußenfedern). 

Die Göttin gebietet über die Speisen für die Toten, die in Krügen zu 
ihren Füßen stehen. 

feierlicher Aufbahrung einen Besuch in Buto, wo ihn die 
„Seelen von Pe" empfingen und geleiteten. Das Geschlecht 
der Könige der Dynastien I—II stammte aus dem ober¬ 
ägyptischen Gau VIII von Tine und ließ sich dort bei Aby¬ 
dos beisetzen. Ihre Gräber sind ausgemauerte Gruben, die 
ältesten mit Ziegeln, dann zum ersten Mal mit Verwen¬ 
dung von rechteckig behauenen Kalksteinblöcken, stets mit 
Beigabe von Lebensmitteln, Waffen und Schmuck. Auch der 
Reichseiniger Aha oder Mena liegt dort in gleicher Weise 
bestattet, während er bei Nakäda (Gau V) seiner Gattin 

Neit-hötep, einer aus Sais stammenden Prinzessin, nach der r - \ 

Sitte ihrer Heimat eine mächtige Mastaba mit einer Glie- r*— 
derung der Fassade durdi Scheintüren errichtete. Die Lei¬ 
chen sind schon durch besondere Behandlung gegen Ver¬ 
wesung geschützt worden, und der Glaube forderte längst 
die Erhaltung des Körpers für die Auffahrt des Königs 
zum Himmel. Von den Königen der III. Dynastie hatZöser 
sich noch eine schlichte Mastaba bei Bet Challäf in Ober- 
Ägypten (Gau VIII) gebaut, aber auch schon bei Sakkära 
(unteräg. Gau I) eine Pyramide mit einem prunkvoll ausge¬ 
schmückten Totentempel mit den ersten Säulen und mit 




11 Roeder, Pharaonenreich 


161 






steinerner Umgestaltung ursprünglicher Holzbauten. Hier 
ist zum ersten Mal eine Statue dem König mitgegeben, ein¬ 
gemauert in eine kleine Kammer, gemeint als Abbild des 
Verstorbenen mit seinem Bildnis, und bestimmt, als sein 
Körper einzutreten, wenn die Seele nach ihm suchte. 

Von jetzt ab wurden die Königsgräber ständig in der 
Nähe von Memphis angelegt, gestaltet als Pyramide 
in Weiterbildung der Mastaba, also als strengste Stilisie¬ 
rung des ursprünglichen Steinhaufens auf der Grube in der 
Wüste. Die Pyramiden wurden am Rande der Hochfläche 
der westlichen Wüste errichtet, mit einem vorgelagerten 
Totentempel, in dem der Kultus des vergöttlichten Pharao 
vollzogen wurde. Aus dem Niltal, in dem der Torbau zu 
der ganzen Anlage stand, führte ein Aufweg als Prozes¬ 
sionsstraße auf die Höhe, geschmückt mit Reliefbildern von 
den Taten des Königs und von den Gaben, die man ihm 
als Speise für die Ewigkeit darbradite. Die älteren Pyra¬ 
miden haben noch eine unregelmäßige Form, die des Snofru 
(Dyn. IV) bei Maidüm mit Absätzen, in denen sich ihre 
Entstehung aus mehreren, aufeinander gesetzten Mastabas 
ausspricht; bei Dahschür mit einem Knick in den Seiten¬ 
flächen. Torbau und Totentempel waren mit zahlreichen 
Statuen des Pharao gefüllt, die, losgelöst von dem Toten¬ 
kult, schon als Flächenschmuck wirkten. Die gewaltigste 
Statue ließ Chaf-Re (Dyn. IV) in Giza neben dem Auf weg 
zu seinem Totentempel aus einem verwitterten Felsen ent¬ 
stehen: den Sphinx, einen liegenden Löwen mit Königskopf, 
der das Grab bewachen sollte (Tafel 5). 

Jede Pyramide hat ihren eigenen Namen, der mit dem 
ihres königlichen Erbauers zusammengesetzt ist, wie „Die 
Seele des Sabu-Re erglänzt" (Dyn. V.) Aus dem Namen 
der Pyramide „Die Sdhönbeit (nöfer) des TAeri-Re besteht 
(men)" hat sich der Name Men-nöfer, griechisch Memphis, 
der Hauptstadt (Gau I) entwickelt. Pyramiden sind an dem 
Wüstenrande westlich von Memphis bis hinauf zu dem 
Eingang zu dem Fajjüm (oberägyp. Gau XXI) errichtet 


162 


worden. Die südlichsten von ihnen sind die Königsgräber 
aus Dynastie XII, das eine von ihnen durch die griechi¬ 
schen Besucher als „Labyrinth" beschrieben. 

Die Gaugrafen von Theben (oberäg. Gau IV) ließen sich 
weiter in ihrer Heimat bestatten, auch nachdem sie Könige 
des Neuen Reiches geworden waren. Dem Volke sichtbar 
waren am Rande des Fruchtlandes auf dem Westufer nur 
die Totentempel, in denen für das Seelenheil jedes 
verstorbenen Königs einzeln gesorgt wurde. Dort errichtete 
sidi jeder König einen prächtigen Bau, bei dem Ramesseum 
von Ramses II. und bei dem Tempel Medinet Habu von 
Ramses III. mit einem Palast als ständiger Wohnung des 
Königs verbunden (Tafel 8). Diese königlichen Totentem¬ 
pel, dabei das Grabdenkmal der Königin Hat-schepsut 
(Dyn. XVIII) bei Der el-Bahri mit breiten Terrassen vor 
der senkrechten Wand des zerrissenen Kalksteinfelsens 
(Tafel 10), bedecken eine Fläche von über 5 km Länge 
und \—2 km Tiefe. Königliche Gräber, die weder bei 
Memphis noch bei Theben ungeplündert geblieben sind, 
durfte man dort nicht anlegen. Sie sind in abgelegenen 
Tälern der Wüste weiter westlich, bis zu 6—8 km ent¬ 
fernt, aus dem Felsen gehauen worden (Tafel 2). Jedes 
Felsengrab war ein langer Gang mit Sälen, deren 
Wände die Unterwelt in Bild und Wort schilderten, wie 
der Sonnengott sie in der Nacht durchzieht. Die 61 erhal¬ 
tenen Felsengräber enthalten eine ganze Literatur, die man 
den Pharaonen mitgegeben hat, um sie durch Kenntnis des 
Jenseits alle Gefahren überwinden zu lassen. Was man 
ihnen als Beigaben in die Säle gestellt hat, läßt das nahezu 
unberührte Grab des Tut-anch-Amon (Dyn. XVIII) ahnen, 
freilich nur eine kleine Anlage von drei Kammern für einen 
früh beseitigten Jüngling, der mit dem Andenken an die 
unterdrückte Reformation von Amenophis IV. belastet war. 
Der religiöse Teil der Beigaben besteht in Königsstatuen 
mit schwarzer Bemalung, in den Bahren in Tiergestalt, auf 
denen die Leiche bei der Beisetzung während der Vollzie- 


163 


hung des Rituals gelegen hatte, in einem Kasten aus Ala¬ 
baster mit vier Höhlungen für die Eingeweide, in mehreren 
ineinander gesetzten Särgen aus Stein oder aus Holz mit 
kostbaren Einlagen und aus reinem Gold. Dazu schützende 
Götterbilder und Totenfiguren (Uschebti) als Diener im 
Jenseits, teilweise gestiftet von den Großen des Hofstaates, 
und allerlei Amulette und Symbole zum Schutze des Lebens 
im Jenseits. 

In der Spätzeit sind die Könige zu der vorgeschichtlichen 
Sitte der Beisetzung neben der Wohnstätte, die wohl nie 
ausgestorben war, zurückgekehrt. Die aus Tanis (Gau XIV) 
und Sais (Gau V) stammenden Dynastien des Delta haben 
sich in ihrer Heimat bestatten lassen, in oder neben dem 
Palast, der mit dem Tempel der Ortsgottheit verbunden 
war. Solche Königsgräber sind den griechischen Reisenden 
als Sehenswürdigkeit gezeigt worden. 

PRIVATGRÄBER 

Nomaden türmen über den Gräbern ihrer Toten im 
Wüstensand einen Steinhaufen auf, um die Leiche gegen 
die Raubtiere zu schützen/ man stellt vielleicht noch einen 
Napf mit Wasser daneben und legt ein Stück Brot als 
Wegzehrung für das Jenseits dazu, und wer vorübergeht, 
vergrößert den Steinhaufen. Hierin sind eigentlich schon 
alle Elemente enthalten, die das Wesen von Grab und 
Totendienst bei den Ägyptern ausmachten. Nachdem sie 
als Bauern seßhaft geworden waren, legten sie die Gräber 
in Reihen an, bildeten geschlossene Friedhöfe, statteten 
die Gräber mit Beigaben aus und riefen Götter als Schützer 
der Toten an. Hiermit erfolgte eine Ausbildung von volks¬ 
tümlichen Vorstellungen und priesterlichem Ritual, wie es 
einem Volke von gesteigerter Kultur angemessen war. Aus 
den gewöhnlichen Beisetzungen wurden diejenigen heraus¬ 
gehoben, die zu dem Hofstaat des Königs gehörten: um 


164 


die Könige der I. Dynastie bei Abydos sind seine Frauen, 
Zwerge und Hunde bestattet, durch kleine Grabsteine mit 
ihrem Bilde bezeichnet. Sie sind noch namenlos, — was 
galt damals ein Menschenleben? — und in ihrem Tod lebt 
die Sitte der Urzeit fort, daß dem Häuptling seine Um¬ 
gebung in das Grab folgte. Noch in Dyn. XII, als Hap- 
zefaj, Gaugraf von Siut (oberäg. Gau XIII), zum Statthal¬ 
ter in Nubien ernannt, dort starb und beigesetzt wurde, 
schlachtete man 300 Nubier, deren Leichen in dem Zu¬ 
gang zu seinem Grabe gefunden sind. In Ägypten selbst 
hatte der Pharao schon einige Jahrhunderte früher ein Bei¬ 
spiel höherer Gesittung gegeben, als er einen treuen Hund, 
der ihn gut bewacht hatte, mit Weihrauch und öl behan¬ 
deln, in Leinen wickeln und in einem Sarge beisetzen ließ. 

Der Friedhof der Großen des Alten Reichs, um die 
Pyramide des Königs herum angelegt, hat sich zu einer 
Totenstadt entwickelt. Aus dem Steinhaufen der Ur¬ 
zeit wurde ein regelmäßiger Bau mit geböschten Wänden 
und glatter Oberfläche, die Mastaba (arabisch für „Bank", 
den massiven Sitz neben der Haustür). Ihre Reihen lassen 
Straßen zwischen sich, die sich rechtwinklig schneiden, und 
diese Stadtanlage zeigt eine Planung von vorbildlicher Klar¬ 
heit. Die Leichen ruhen in Särgen aus Holz oder Stein, 
weder zerstückelt noch gefesselt, sondern in steigendem 
Maße für einen ewigen Bestand hergerichtet. Seit Dyna¬ 
stie IV hat man die Eingeweide herausgenommen, zuerst 
bei dem König und den Seinen, später auch bei dem Hof¬ 
staat, von dem es in das Volk überging (Abb. 54). Die 
Mastaba enthält mindestens einen Raum, an dessen West¬ 
seite die Scheintür steht, der scheinbare Eingang in das Jen¬ 
seits; davor die Opfersteine, auf denen Speise und Trank 
dargebracht wurde. In zugemauerten Kammern sind Bei¬ 
gaben aufgestellt. Zunächst für die Statue, deren Bildnis in 
der Hand der Steinmetzen oft genug zu einem schemati¬ 
schen Typus herabsank, aber doch den Verstorbenen selbst 
bedeutete, wenn der Weihrauch des opfernden Sohnes 


165 







durch einen Spalt in der Wand zu 
ihrer Nase hin zog. Dem gläubigen 
Ägypter konnte auch die Statue aus 
Stein oder Holz zu einem Lebe¬ 
wesen werden, dem eine „Aiadht" 
innewohnte und auf dem die „Seele" 
sich niederlassen konnte. Für wirk¬ 
liche Belebung bestimmt sind auch 
die Figuren von Arbeitern mit Hacke 
und Sack, die für den Grabherrn 
antworten sollten (Uschebti „Ant¬ 
worter"), wenn er zur Arbeit auf¬ 
gerufen wurde, und dann für ihn, 
der das Arbeiten auf der Erde nicht 
gewöhnt war, ein traten; wer klug 
vorsorgte, nahm sich 365 solcher Totenfiguren mit, damit 
an keinem Tag der Ersatzmann ausfallen konnte. 

Unendlich ist die Zahl der Amulette, die von Leben¬ 
den an einer Schnur als Talisman um den Hals getragen, 
dem Toten in die Binden und Tücher um seinen Leib ge¬ 
wickelt wurden; sie sollten seine Leiche schützen, ihm die 
Auferstehung sichern und ihm die Geräte in die Hand 
geben, deren er im Jenseits bedurfte. Dazu gehörten nicht 
nur die Kopfstütze zum Schlafen oder das Meßgerät des 
Maurers für rechte Winkel und ebene Flächen, alles in 
kleinen Nachbildungen aus Fayence oder kostbarem Stein, 
sondern auch die Kronen und Zepter des Königs, von dem 
die Beigabe erst auf den Privatmann übergegangen war. 
Dem lebenden Kinde in einer Tasche um den Hals ge¬ 
hängt oder der Leidie in das Grab gelegt sind unscheinbare 
Stücke von Metall oder Stein, Brocken von Edelstein in 
wunderlichen Naturformen, auch Pflanzen, immer von be¬ 
sonderer Zauber Wirkung wie ein Fetisch. Auch wenn das 
Amulett nicht die Gestalt eines Gottes oder heiligen Sym¬ 
bols hatte, sollte ihm doch der Geist eines überirdischen 
Wesens innewohnen; von dem himmlischen Fluidum und 



166 


von der lichten Verklärung sollte 
etwas auf den Träger übergehen, 
nicht anders als bei einer mittelalter¬ 
lichen Reliquie. Die Sprüche, durch 
die man sich die oft durch Dämonen 
mit Messern versperrten Wege im 
Jenseits öffnen konnte, gab man 
dem Toten in einem Papyrus mit, 
sauber geschrieben und von zahlrei¬ 
chen Bildern begleitet, im Wortlaut 
freilich durch Abschriften ungebil¬ 
deter Berufsschreiber bis zur Sinn¬ 
losigkeit entstellt. In dem „Toten¬ 
buch" auf Papyrus sind noch viele 
der alten Toten texte enthalten, die 
ursprünglich in den Pyramiden der Könige des Alten 
Reichs an die Wand gemeißelt, dann im Mittleren Reich 
auf die Wände der Holzsärge vornehmer Privatleute ge¬ 
malt wurden. 

Zu den schrecklichsten Befürchtungen des Ägypters ge¬ 
hörte es, unbestattet zu bleiben und nicht in der Heimat in 
einem stillen Grabe zu ruhen, an dem die Angehörigen 
durch Gebete und Opfer für sein Seelenheil sorgen konn¬ 
ten. Daraus ergab sich eine besondere Feierlichkeit der 
Beisetzung und ein immer feiner ausgebildetes Ritual 
für die Zeremonien. Bei vornehmen Herren des Alten 
Reichs wurde die Leiche an geweihtem Orte hergerichtet 
und wie ein König der Urzeit zu den heiligen Stätten Buto, 
Sais und Heliopolis in dem Delta gefahren, an denen die 
vorgeschichtlichen Fürsten gelebt hatten und begraben 
waren. Als solche Prozessionsfahrten außer Übung gekom¬ 
men waren, deutete man sie wenigstens durch Zeremonien 

Abb. 54. Gruppe, aus Ton modelliert; eine Leidie in hockender Gestalt, 
mit den Händen vor dem Gesicht, ist in ein Tongefäß gesetzt, das man 
sich etwas größer als den menschlichen Körper zu denken hat. Es ist mit 
Salzlake gefüllt, um die Leiche auszudörren und haltbar zu machen. 



167 







an, bei denen der Schauplatz durch die Grabkapellen von 
Buto, die Flaggenmasten von Sais und die Obelisken von 
Heliopolis symbolisch dargestellt wurde. Die Herrichtung 
der Leiche erfolgte in der Kapelle „ Reine Stätte" durch be¬ 
rufsmäßige Balsamierer unter Beaufsichtigung von Priestern, 
die im Laufe der Arbeit die vorgeschriebenen Sprüche ver¬ 
lasen. Das Gehirn wurde durch die Nase herausgezogen, 
der Körper an der linken Seite geöffnet, und die Einge¬ 
weide für gesonderte Beisetzung herausgenommen/ das 
Herz mit seinen großen Adern wurde in der älteren Zeit 
an seiner Stelle belassen, später durch einen steinernen 
Käfer mit einem Spruch für das Herz ersetzt. Den Körper 
hat man in einem großen Tonkrug mit Salzwasser getränkt 
(Abb. 54), dann über Feuer gedörrt und zuletzt, je nach 
den Mitteln des Bestellers, in Binden und Tücher ge¬ 
wickelt, mit Amuletten versehen und in eine Hülle aus 
geleimter Pappe (Papyrus oder Leinwand) gelegt, bunt 
bemalt mit Götterbildern und altehrwürdigen Formeln. Auf 
dem Zuge zum Grabe lag die Mumie unter einem Bal¬ 
dachin in einem Boot, das auf einem Schlitten, etwaigen- 
falls mit Rädern, stand, von Rindern gezogen. Vor dem 
Eingang stellte man die Mumie auf, und während Gattin 
und Töchter sie wehklagend umschlangen (Abb. 55), voll¬ 
zog der zauberkundige Priester die Zeremonie der Öffnung 
von Mund und Augen, durch die der Mumie die Fähigkeit 
zu neuem Leben verliehen wurde. Dann legte man sie in 
den Sarg und versenkte diesen in den senkrechten Schacht, 
der zugeschüttet und durch Platten abgedeckt wurde. 

Dann lag das Grab in dem Friedhof ruhig da, in dem 
„Land des Schweigens" behütet von „ Osiris, dem Herrn 
der Stille ", unberührt von dem Lärm des freudigen 
Götterdienstes der Lebenden (Abb. 56). Aber der älteste 
Sohn, der den Grabbau seines Vaters häufig hatte voll¬ 
enden müssen, vergaß ihn nicht; und vielleicht ist es ein 
Rest ägyptischer Anschauung, die heute am Kongo fortlebt, 
daß die Seelen der Menschen nur so lange bestehen, wie 


die Erinnerung ihrer Angehörigen wach bleibt. An den 
Totenfesten zogen sie aus den Städten hinauf in den 
Friedhof am Wüstenrand, sangen ihre Klagelieder, ge¬ 
dachten ihrer Ahnen, und unter Führung des ältesten Soh¬ 
nes als des ersten Totenpriesters räucherten und opferten 
sie und sprachen das hergebrachte Opfergebet. Auf seinem 
Grabstein rief der Grabherr die Vorübergehenden an, sei¬ 
ner mit dem formelhaften Gebet der „Königlichen Opfer¬ 
gabe" zu gedenken: „Sprecht es! Es ist ja nur ein Haudh 
eures TAundes!" Der lebende Gläubige tat es gern, denn 
er kannte die Macht der Toten. Er schrieb sogar, wie es 
sich für einen gebildeten Mann gehörte, Briefe in das Jen¬ 
seits. Von dort sollte 
der eine ihm sein Haus 
gegen böse Geister 
schützen, der andere 
seiner eigenen Tochter 
einen gesunden Sohn 
verschaffen. Ein Wit¬ 
wer sandte seiner vor 
drei Jahren verstor¬ 
benen Gattin einen 
flehenden Brief, nun 
doch endlich den Druck 
der Trübsal und der 
ihn quälenden Angst 
von ihm zu nehmen, 
die gewiß von ihr ge¬ 
sendet sei, obwohl er 
ihr doch immer noch 
wie früher treu wäre. 

Abb. 55. Die Witwe und ihre beiden Töditer bei der Totenklage, weinend 
und mit entblößter Brust Abschied nehmend. 



169 





an, bei denen der Schauplatz durch die Grabkapellen von 
Buto, die Flaggenmasten von Sais und die Obelisken von 
Heliopolis symbolisch dargestellt wurde. Die Herrichtung 
der Leiche erfolgte in der Kapelle „ Reine Stätte" durch be¬ 
rufsmäßige Balsamierer unter Beaufsichtigung von Priestern, 
die im Laufe der Arbeit die vorgeschriebenen Sprüche ver¬ 
lasen. Das Gehirn wurde durch die Nase herausgezogen, 
der Körper an der linken Seite geöffnet, und die Einge¬ 
weide für gesonderte Beisetzung herausgenommen; das 
Herz mit seinen großen Adern wurde in der älteren Zeit 
an seiner Stelle belassen, später durch einen steinernen 
Käfer mit einem Spruch für das Herz ersetzt. Den Körper 
hat man in einem großen Tonkrug mit Salzwasser getränkt 
(Abb. 54), dann über Feuer gedörrt und zuletzt, je nach 
den Mitteln des Bestellers, in Binden und Tücher ge¬ 
wickelt, mit Amuletten versehen und in eine Hülle aus 
geleimter Pappe (Papyrus oder Leinwand) gelegt, bunt 
bemalt mit Götterbildern und altehrwürdigen Formeln. Auf 
dem Zuge zum Grabe lag die Mumie unter einem Bal¬ 
dachin in einem Boot, das auf einem Schlitten, etwaigen- 
falls mit Rädern, stand, von Rindern gezogen. Vor dem 
Eingang stellte man die Mumie auf, und während Gattin 
und Töchter sie wehklagend umschlangen (Abb. 55), voll¬ 
zog der zauberkundige Priester die Zeremonie der Öffnung 
von Mund und Augen, durch die der Mumie die Fähigkeit 
zu neuem Leben verliehen wurde. Dann legte man sie in 
den Sarg und versenkte diesen in den senkrechten Schacht, 
der zugeschüttet und durch Platten abgedeckt wurde. 

Dann lag das Grab in dem Friedhof ruhig da, in dem 
„Land des Sdoweigens " behütet von „ Osiris , dem Herrn 
der Stille ", unberührt von dem Lärm des freudigen 
Götterdienstes der Lebenden (Abb. 56). Aber der älteste 
Sohn, der den Grabbau seines Vaters häufig hatte voll¬ 
enden müssen, vergaß ihn nicht; und vielleicht ist es ein 
Rest ägyptischer Anschauung, die heute am Kongo fortlebt, 
daß die Seelen der Menschen nur so lange bestehen, wie 


168 


die Erinnerung ihrer Angehörigen wach bleibt. An den 
Totenfesten zogen sie aus den Städten hinauf in den 
Friedhof am Wüstenrand, sangen ihre Klagelieder, ge¬ 
dachten ihrer Ahnen, und unter Führung des ältesten Soh¬ 
nes als des ersten Totenpriesters räucherten und opferten 
sie und sprachen das hergebrachte Opfergebet. Auf seinem 
Grabstein rief der Grabherr die Vorübergehenden an, sei¬ 
ner mit dem formelhaften Gebet der „Königlichen Opfer¬ 
gäbe" zu gedenken: „Sprecht es! 8s ist ja nur ein Haudh 
eures Mundes!" Der lebende Gläubige tat es gern, denn 
er kannte die Macht der Toten. Er schrieb sogar, wie es 
sich für einen gebildeten Mann gehörte, Briefe in das Jen¬ 
seits. Von dort sollte 
der eine ihm sein Haus 
gegen böse Geister 
schützen, der andere 
seiner eigenen Tochter 
einen gesunden Sohn 
verschaffen. Ein Wit¬ 
wer sandte seiner vor 
drei Jahren verstor¬ 
benen Gattin einen 
flehenden Brief, nun 
doch endlich den Druck 
der Trübsal und der 
ihn quälenden Angst 
von ihm zu nehmen, 
die gewiß von ihr ge¬ 
sendet sei, obwohl er 
ihr doch immer noch 
wie früher treu wäre. 

Abb. 55. Die Witwe und ihre beiden Töchter bei der Totenklage, weinend 
und mit entblößter Brust Abschied nehmend. 



169 



Abb. 56. Grabgebäude des Neuen Reiches auf der Westseite von Theben 
(oberäg. Gau IV) an dem Abhang des Wüstengebirges, dessen Sand von 
oben herabrieselt. Der Eingang mit den beiden hohen Türmen erinnert an 
den Pylon der gleichzeitigen Tempel. Auf den offenen Hof folgt ein Ge¬ 
bäude ähnlich dem inneren Tempelhaus. Eine kleine Vorhalle wird von 
Säulen getragen. An der Rückwand des Innenraumes steht die Scheintür, 
d. h. der scheinbare Eingang in das im Westen gedachte Jenseits; dort 
werden die Totenopfer niedergelegt. Zu dem unterirdischen Grabe mit der 
Sargkammer führt ein verdeckter Schacht. 


Kapitel V 


DIE FRÖMMIGKEIT 
IM TÄGLICHEN LEBEN 

DAS VERHÄLTNIS DER VERSCHIEDENEN 
STÄNDE ZU DEN GOTTHEITEN 

Ein Versuch, die persönlichen Vorstellungen und Hand¬ 
lungen zu erkennen, die das religiöse Leben begründen 
und ausmachen, ist für die alten Ägypter besonders 
schwierig. Ihre Inschriften und Niederschriften sprechen 
wie immer nur aus, was sie mitteilen wollen, und diese 
Aussage steht unter dem Zwang des Dogmas oder des 
überlieferten Zeremoniells. Zwischen den Zeilen zu lesen 
und die nicht ausgesprochenen Hintergründe zu ahnen, ist 
dem Historiker nur bis zu einem beschränkten Grade er¬ 
laubt. Wie verschieden die Einstellung der einzelnen Stände 
gegenüber der Gottheit dabei war, soll die Darstellung 
dieses Kapitels zeigen, dessen Rekonstruktion von Phantasie 
nicht frei bleiben kann. 

Der gottähnlidhe König 

Die ägyptischen Könige sind in der älteren Zeit aus den 
einheimischen Gaugrafen, in der jüngeren auch aus den 
ausländischen Söldnerführern emporgestiegen, oft durch 
eigene Tüchtigkeit, zuweilen durch den Adel, die Kirche 
oder das Heer getragen, innerhalb der Dynastie dann meist 
durch Erbfolge. Zu allen Zeiten aber wurde das gekrönte 
Haupt sofort durch ein strenges Zeremoniell umgeben, das 
den bisherigen Thronfolger, General oder Kirdhenfürst zu 
einem Sohn der Götter machte und den Schimmer der 
Gottähnlichkeit von seinem Amt auf seine Person 


171 








übergleiten ließ. Der menschliche Hintergrund der Persön¬ 
lichkeit wurde dann kaum erkennbar gelassen, weder in den 
königlichen noch in den privaten Denkmälern/ Kritik oder 
Tadel wurden nicht ausgesprochen. Bei der Thronbestei¬ 
gung durfte niemals menschliche Gewalt mitgewirkt haben, 
(obwohl wir von Thronstreitigkeiten genug wissen), son¬ 
dern höchstens ein Orakel der Götter, das unter den Prin¬ 
zen auswählte und dadurch in die Erbfolge eingreifen konnte. 

Der neue König erhielt fünf Titel mit je einem N a - 
men, unter denen sein bisheriger als Prinz nach dem Titel 
„Sohn des Re (Sonne)" weitergeführt wurde; der erste der 
neuen stand nach dem Titel „ König von Ober-Ägypten und 
König von Jinter - Ägypten" , bis zuletzt die Entstehung der 
Doppel-Monarchie verratend. Die mit unwirklicher Berech¬ 
nung erfundenen Namen rühmten schon im Voraus irdische 
Eigenschaften wie „Stark, Japfer, Qlänzend, geliebt von 
den Ländern". Andere Namen und die Titel „Qeier und 
Schlange" (Landesgöttinnen) und „Jdorus Sieger über Klubti 
(Setech)" stellten sein enges Verhältnis zu den Göttern her, 
und sie ließen ihn als ihre irdische Offenbarung erscheinen. 
Seine Namen, die auch bei Privatleuten Träger übersinn¬ 
licher Kräfte sind, brachte der König kniend den Göttern 
dar, wie wirkungsvolle Statuengruppen vor führen. Die Krö¬ 
nung des Königs, stets an einem Vollmond vollzogen, be¬ 
gann mit einer Einführung durch die Götter, die ihn auf 
den Thron setzten. In einem Festspiel kommt der König 
auf einem Staatsschiff an, erscheint als Horus, der Erbe 
seines Vaters Osiris, erhält seinen Ornat sowie die ihn 
begleitenden Standarten und Symbole, und feiert dann mit 
seinen Großen ein Königsmahl, ohne dabei den vorge¬ 
schriebenen Totendienst für den verstorbenen König zu 
vergessen. 

Alle weiteren Taten des Königs geschahen unter dem 
Schutze und mit dem Beistand der göttlichen Mächte. Seine 
Kriege führte er mit den Göttern, die ihm den Sieg 
verleihen und denen er von der Kriegsbeute, Sklaven und 


172 


Herden in ihre Tempel stiftete; ihnen zu Ehren hängte er 
die feindlichen Fürsten an seinen Stadtmauern auf. Wenn 
der König nach dreißig Jahren sein erstes Regierungsjubi¬ 
läum feierte, nahmen die Gottheiten aller Gaue daran teil, 
und unter Ramses III. (Dyn. XIX) fuhr der Wasir (Kanz¬ 
ler) Ta selbst weit nach Süden, um das Bild des Geiers 
(Landesgöttin Nechbet), geleitet von Setaw, dem Hohen¬ 
priester der Nechbet, aus Nechab (Gau III) in die Resi¬ 
denz zu holen. Der Tod versetzte den Pharao völlig in 
den Kreis der Götter, zu deren Himmel er wie ein Falke 
emporflog. In seinem Totentempel wurde ihm wie einem 
Gott geopfert, und manche von den Pharaonen haben im 
Gedächtnis ihrer Untertanen noch lange fortgelebt und 
sind in Gebeten angerufen worden, wie Erbauer einer Pyra¬ 
mide (Dyn. IV“—VI) bei Memphis oder Amon-em-het III. 
(Dyn. XII) im Fajjüm oder Amenophis I. (Dyn. XVIII) in 
Theben. 

Von den privaten Denkmälern haben die Inschriften 
in den Gräbern und auf den Statuen, die angesehene 
Herren in die Tempel weihen durften, fast ausschließlich 
weltlichen Gehalt, wo sie das Verhältnis zum König be¬ 
rühren. Beamte und Offiziere sprechen mit Ehrerbietung 
und Dankbarkeit von dem König, dem sie dienen. Unter 
Ramses II (Dyn. XIX) wurden in der Garnison von Hor- 
bait (Gau XX) neben anderen Gottheiten, die aus ver¬ 
schiedenen Gauen des Deltas dort zusammengetragen waren, 
auch vier Statuen des regierenden Königs, zwei sitzende 
und zwei stehende, verehrt, deren Namen „Sonne ( Re) der 
Jderrsdher" oder „Älontu in den beiden Ländern " die von 
Göttern waren. Da ist es fast verwunderlich, wenn ein 
priesterlicher Literat des Tempels von Dendera in die ein¬ 
gemeißelte Titulatur des Kaiser Augustus als ägyptischer 
Pharao das Beiwort Romaios „Der Römer" einschieben 
durfte, noch dazu mit dem Deutzeichen des Ausländers, in 
den Hieroglyphen zum Glück unlesbar für jeden Italiener! 
Hier dringt in die Tempelinschriften etwas von dem 





volkstümlichen Urteil über die Pharaonen ein, das 
dem Makedonier Ptolemaios XIII. das Beiwort Auletes 
„Der Flötenspieler" gab. Die griechischen Schriftsteller hör¬ 
ten in Ägypten von den Königen der einheimischen Dyna¬ 
stien, die nicht allzu lange vor ihrem Besuch geherrscht 
hatten, ähnliche Geschichten, wie wir sie durch Papyrus 
von den Märchenerzählern aus dem Neuen Reich kennen. 
Der eine König ließ sich gern Wunder berichten, der an¬ 
dere liebte schöne Frauen, der dritte trank gern guten 
Wein, der vierte wurde von Widersachern erschlagen. 
Hierin stecken gelegentlich Erinnerungen an weit zurück¬ 
liegende Ereignisse der Vergangenheit wie an das Aufkom¬ 
men der V. Dynastie, deren Begründer drei Söhne des Re 
von einer Priesterin waren, oder an den Eroberer Thut- 
mose III., der sein zauberkräftiges Zepter seinem General 
für die Bezwingung von Joppe (Jaffa) in Palästina mitgab, 
oder an die Aufstände der einheimischen Zwischenregie¬ 
rungen gegen die Besatzung der persischen Großkönige, 
bei denen ein Orakel über jedes Vorgehen entschieden hat. 

Der vornehme Herr 

Die Lebensführung des vornehmen Mannes brachte eine 
kirchliche Betätigung mit sich. In seinem Hause hatte 
er in einer Nische Götterbilder stehen, und die prächtigen 
Wohnungen der Großen von Amarna enthielten einen 
Hausaltar mit einem Bilde des vor der Sonne Atön opfern¬ 
den Königs. Aber die wesentliche Verehrung lag in dem 
Tempel, in dem die Herren als Laienpriester von Zeit zu 
Zeit Dienst taten. Dorthin machten sie Stiftungen für den 
Kultus und die Tempelfeste, in dem Säulenhof durften sie 
durch königliche Gnade ihre Statue aufstellen, die dann 
von den Opfergaben für die Götter einen Anteil erhielt 
und auch von ihrem Segen. Persönliche Stimmungen pflegte 
der Ägypter dabei nicht zu offenbaren, der schweigsame 
Mann verbarg sie hinter seiner Würde. Mit unbewegtem 


Antlitz standen die Männer bei der Beisetzung des Ober¬ 
hauptes der Familie oder des Vorgesetzten, während die 
Frauen, denen die Tränen aus den Augen rannen, laute 
Schreie des Schmerzes ausstießen, unterstützt von den Tril¬ 
lern der begleitenden Klagefrauen, das auch heute noch bei 
der muslimischen Bestattung in Ägypten ertönt. 

Die einzelnen Berufe der Gebildeten hatten ihre eigene 
Beziehung zu den Gottheiten. Der Schreiber, der sich 
wegen seiner Kenntnis der Schrift zu den höheren Stän¬ 
den rechnen durfte, verehrte als seinen Schutzgott den 
weisen Thot von Hermopolis (oberäg. Gau XV), den „Herrn 
der Qottesworte" , dessen Gehilfin Seschat mit ihm den 
Grundriß des zu erbauenden Tempels abgesteckt hat, die 
eigentliche „Herrin der Sdhrift". Ein gelehrter Mann ließ 
in seiner Statue den Pavian, das heilige Tier des Thot, auf 
seinen Schultern hocken und ihm über den Kopf blicken. 
Wer ein wichtiges Schriftstück begann, sprengte ein paar 
Tropfen Wasser aus dem Napf, in dem der Schreiber die 
Farbe für seine Binsen anrührte. Auf späten Bronzefiguren 
des Im-hötep, des Weisen aus der Zeit des Königs Zöser 
(Dyn. III), des Vorbildes aller Beamten und Volkserzieher, 
steht auf dem Papyrus, den er in der Hand hält: „Das 
Wasser aus dem Napfe jedes Sdoreibers für deinen %a, 
o Jm-hötep!" Die Schreibtafel, als Palette mit dem Behäl¬ 
ter für Binsen und Farbe verbunden, wird zu einem hei¬ 
ligen Symbol, das Isis mit Nephthys trägt, als ob es Osiris 
wäre. Die Richter sind gern gleichzeitig „Priester der 
JWaat", der Göttin des Rechts, um ihre Unbestechlichkeit 
anzukündigen. Das Ideal, das sie zu erfüllen hatten, spricht 
Plutarchos (geboren 47 nach Chr. in Griechenland) so aus: 
„Die ägyptischen Könige hatten ein Gesetz, nach dem die 
Richter schwören mußten, daß sie nie einen ungerechten 
Rechtsspruch tun wollten, wenn es ihnen auch ein König 
befehle." Ägyptische Götter sind „Herr der Wahrheit 
(Recht, Gerechtigkeit)", und ihnen nachgeeifert zu haben, 
versichern die Lebensbeschreibungen der richterlichen Be- 


174 


175 




amten immer wieder. Reichte menschliche Weisheit zu 
einer Entscheidung nicht aus, so überließ der Richter das 
Urteil einer höheren Macht mit der Formel der eidesstatt¬ 
lichen Versicherung: „Dein 'Wille richte sich gegen ihn, o 
Qott!" Der Eid wurde durch Anrufung einer Gottheit be¬ 
kräftigt, meist der des Gaues, z. B. in Per-Hathor (ober¬ 
ägyptischer Gau III) lautete die Formel: Bei Jdathor, die 
hier wohnt, und bei jedem Qott, der mit ihr zusammen 
wohnt". In dem benachbarten Gau IV von Theben legte 
man den Eid in dem Tempel des Gaugottes Montu ab und 
rief dabei den in Madu (Madamüd) verehrten Stier an: 
„Bei dem Stier von TAadu, der hier wohnt, und bei jedem 
Qott, der mit ihm zusammen wohnt". 

Vornehme Herren tragen oft die Titel eines Priesters 
in höheren Graden, auch wenn sie nicht die priesterliche 
Laufbahn durchgemacht haben, und dahinter verbergen 
sich teilweise nur Pfründen, die verdienten Männern zu¬ 
gewiesen oder von ihnen gekauft wurden. Dadurch kamen 
sie aber in den Kreis der Eingeweihten, die sich in dem 
Tempel oft mit Hochmut gegen das nicht zugelassene Volk 
abschlossen, selbst aber gern die ihnen zuteil werdenden 
Annehmlichkeiten genossen. Dabei wird es in Ägypten auch 
vorgekommen sein, wie es aus Israel berichtet wird, daß 
die Priester in ihrer Begehrlichkeit und Verwöhntheit ihren 
Anteil vom Opfertier vorwegnahmen, womöglich noch ehe 
die Gottheit mit dem Fett befriedigt war. Davon schwei¬ 
gen die Grabsteine, die sich an die Priester des heimat¬ 
lichen Tempels mit der Bitte wenden, das Opfergebet für 
den Grabherrn zu sprechen; sie waren es ja, bei denen die 
Kenntnis für die richtige Darbringung vorausgesetzt wer¬ 
den durfte. Priester waren auch die Ärzte, die eine von 
den Göttern gelehrte Heilkunst ausübten, mehr oder weni¬ 
ger gemischt mit Zaubereien, die auch die kluge Göttin Isis 
bei dem Göttervater Re zusammen angewendet hat. Der 
Gott, der den Namen ihres Sohnes Horus trug und „ Ober¬ 
arzt im Hause des Re" war, ist in Letopolis (unterägyp- 





tischer Gau II) heimisch. Aber der Mittelpunkt der ärzt¬ 
lichen Schulen, aus denen die medizinischen Papyrus mit 
ihren Anweisungen für Feststellung und Behandlung von 
Krankheiten hervorgegangen sind, war der Tempel der 
Göttin Neit von Sais (unteräg. Gau V), dessen Oberprie¬ 
ster „Der größte der Ärzte" hieß. Als Uza-Hor-resnet, 
Hoherpriester von Sais, am Hofe des persischen Groß- 
\ königs Darius I. (um 500 vor Chr.) war, sandte dieser ihn 

nach Sais zurück, um dort die „7-talle des Cebenshauses " 
für die Ausbildung der jungen Ärzte neu einzurichten. 

/ 

Der einfache Qiäubige 

Die großen Tempel mit ihren weiten Höfen und erdrük- 
lcenden Säulenhallen waren nicht der Ort stiller Andacht, 
die der einfache Mann suchte, und das feierliche Ritual, das 
täglich hinter den hohen Tempelmauern vollzogen wurde, 
brachte ihm keine Erbauung. Die steinernen Tempel, im 
Grundriß dem Palast des Königs aus Ziegeln verwandt, 
waren die Wohnung der ewigen Götter, zu denen er selten 
ein inneres Verhältnis gewinnen konnte (Tafel 7—8). An 
Festtagen hatte er wohl Zutritt zu dem Hof, der von Säu¬ 
lengängen umgeben war, in denen die Statuen verdienter 
Bürger standen und nun das kirchliche Volksfest sich ab- 
spielte (Tafel 15). Aber die Kaste der Priesterschaft blieb 
ihm fern, und seinesgleichen fand er in dem Bezirk des 
, mächtigen Amon von Karnak höchstens bei den weltlichen 

Gehilfen, etwa in dem Geflügelhof an der Südseite des 
Heiligen Sees, wo die Gänse und Enten für das Gottes¬ 
opfer und die Verpflegung der Priesterschaft gezogen wur- 
1 den. Ein ihm vertrautes Heiligtum war vielmehr jene kleine 

Kapelle im Fruchtland neben dem Felde, auf dem er sein 
Gemüse und seine Fruchtbäume bewässerte (Abb. 57). Dort 
I wohnten die kleinen Gottheiten wie die „ Schöne (föt- 

tin des Jhrones " und „Die Schöne, die Segen spendet", die 
zwar der großen Isis zugerechnet wurden, aber dem ein- 

12 Roeder, Pharaonenreich 


177 








fachen Mann näher standen als die erhabenen Gestalten 
der Tempel. Hier durfte er sich wohl einmal nachts nieder¬ 
legen zu dem Tempelschlaf, bei dem der Gott ihm im 
Traume seinen Willen offenbarte. Dort draußen in den ab¬ 
gelegenen Kapellen wurden Heilige verehrt, die einst Men¬ 
schen gewesen waren, wie bei Kaw (oberäg. Gau XI) zwei 
alte Gaugrafen. In den einsamen kleinen Heiligtümern war 
der Aufenthalt der volkstümlichen Gottheiten, die nicht in 
den Kreis der alten Gottheiten aufgenommen waren, wie 
des Nilpferdes Ta-weret „Die Qroße" , griechisch Thueris 
(Abb. 58), halb als schwangere Frau dargestellt, und des 
krummbeinigen Zwergengreises Bes mit seinem Tierschwanz, 
die beide den Frauen in fröhlichen wie in schweren Stun¬ 
den beistanden. In der Einsamkeit weilten auch die guten 
Geister, auf die die Lebenskraft des Menschen zurückging, 
die mit seinem Tode nicht erlosch. Sie waren die Seelen 
der Abgeschiedenen, aber auch die geheimen Kräfte, die in 
dem fruchtbringenden Wasser des Nil, in Bäumen und 
Felsen zutage traten. Die Handwerker in der Totenstadt - 
auf der Westseite von Theben (oberäg. Gau IV) riefen ylI | 
wohl auch den Stadt- und Reichsgott Amon an; aber dann 
war es eine besondere Form, die sie als ihren Gott an¬ 
sahen. In demselben Sinn schrieb Apion, der im 2. Jahr¬ 
hundert nach Chr. als Rekrut im römischen Heer 
diente, an seinen Vater von dem Osiris-Apis, 
dem großen Gott Sarapis der Griechen: „Jdj 
danke dem JJerrn Sarapis, daß er mich gerettet 
bat, als ich auf See in Qefahr war/ 1 Zur gleichen 

Abb. 58. In einer Figur aus Lapis lazuli ist die Göttin Ta- 
weret „Die Große", griechisch Thueris, als tragendes Nilpferd 
dargestellt, in halb menschlicher Gestalt, die Schützerin der 
Frauen. Auf dem Kopfe trägt sie eine Krone aus waagerech¬ 
ten Widderhörnern, darauf zwei Straußenfedern. Eine Höhlung 
zwischen den Beinen enthält eine goldene Röhre mit einem 
Stück Stoff von einem Gewand. Die Figur ist die Weihung 
einer offenbar wohlhabenden Frau, die sidi durdi ihr Gebet 
und Opfer an die hilfreiche Göttin eine glückliche Entbindung 
sichern wollte. Museum Berlin, Nr. 20 599. 




179 











Zeit siegelte man Urkunden mit einem Stempel, auf 
dem die alten Götter Sarapis, Harpokrates und Hermes 
(Thot) dargestellt waren, dazu das Nilpferd, griechisch 
Athena genannt, und der widderköpfige Har-schaf (Har- 
saphis) von Hnes (Herakleopolis, oberäg. Gau XX). 

In eine Persönlichkeit von innerlicher Frömmigkeit 
können wir durch zehn Lieder eines zu Unrecht verurteil¬ 
ten Beamten hineinsehen, der unter Ramses II. (Dyn. XIX) 
nach Nubien verbannt worden war, anscheinend auf Betrei¬ 
ben eines erfolgreichen Gegners. Seine Lieder haben die 
Form der üblichen Götterhymnen, in denen mythologische 
Anspielungen gehäuft sind. Eingestreute Gebete suchen zu 
der Allmacht der Gottheit vorzudringen und dem Gläubigen 
einen Anteil an den Ausstrahlungen des göttlichen Geistes 
zu erwirken. Die Erkenntnisse des übersinnlichen Ge¬ 
schehens sind ihm Offenbarungen seines Gottes gewesen, 
die ihm eine mystische Erfahrung bedeuteten. In diesen 
Bekenntnissen öffnet der Mensch sich willig der Gnade der 
höchsten Mächte, denn, wie Augustinus sagte: „nemo credit 
nisi volens", nur freiwillig entsteht der wahre Glaube. Bei 
unserem ägyptischen Dichter dringt gelegentlich ein feiner 
Natursinn durch, der mit phantasievollem Verständnis 
Himmel und Erde, Tiere und Pflanzen beobachtet hat, am 
liebsten das große Tagesgestirn, den mächtigen Sonnengott: 
„Du erwachst schön, der du Finsternis und Dunkelheit 
vertreibst i der alle Menschen auf ihren "Matten auf weckt 
und die Schlangen in ihren Löchern." „Die Schlafenden 
allesamt verehren deine Schönheit, denn dein Licht leuchtet 
auf ihr Angesicht. Sie sagen dir, was in ihren Merzen ist, 
daß du sie dich wieder sehen lassen mögest. Qehst du an 
ihnen vorüber, so umgibt sie Dunkelheit, und jedermann 
liegt in seinem Sarge." Ein zweites Lied an den „Hohen, 
dessen Lauf man nicht kennt, der das Licht schuf und die 
Dunkelheit vertrieb, als die Erde in Wolken lag, der die 
Finsternis vertrieb, in der die Qesichter versdnvinden", 
endet mit einem Anruf und Gebet, dem man die eigenen 


Erfahrungen des Dichters anmerkt: „Du bist der Richter 
des Rechts, der keine Bestechung annimmt, der den Armen 
erhebt, der die Waise beschützt: Qib, daß der Arm des 
Feindes abgewehrt werde! Laß den Schwadoen heil sein, 
du Wasir (Kanzler)!" Das fünfte und sechste Lied sind 
Gebete an Osiris, nach der Lehre von Busiris (unterägypti¬ 
scher Gau IX) die Erde, die alles Leben trägt: „Wenn du 
dich bewegst, so erzittert die Erde." Die Bäume und Ka¬ 
näle, die Paläste und Tempel, die Äcker und die Gräber: 
„sie liegen allesamt auf deinem Rückgrat, aber du klagst 
nicht: ich bin zu schwer belastet! Du bist Vater und Mut¬ 
ter der Menschheit,- sie leben von deinem Atem, ihre 
Speise ist das Fleisch deines Leibes." „Dir werden die 
Heilkräuter der "Überschwemmung gebracht und die Pflan¬ 
zen des Qottesfeldes, und das Qeflügel, das in den Dickich¬ 
ten ist, und die Fische in ihren Hetzen." Zum Schluß wie¬ 
der die bittere Lebenserinnerung: „7 ch sage dir alle diese 
Verleumdungen, ich bin verfolgt mit Lüge. Mein Amt ist 
geraubt, ich bin von meinem Platz verdrängt. Möchtest du 
dieses Unheil von mir vertreiben!" 


GLAUBE UND ABERGLAUBE 

Die einfachen Gläubigen, die uns in ihr persönliches 
Empfinden hineinsehen lassen, kommen aus verschiedenen 
sozialen Schichten. Sie gehören nicht den regierenden 
Beamten an und nicht den höheren Graden der Priester, 
sondern ihren Gehilfen. Unter König Amenophis III. 
(Dyn. XVIII) hatte in Memphis (unteräg. Gau I) Ptah- 
mose, der Hohepriester des Ptah, einen Diener Ptah-anch, 
den er, gewiß weil er eine gute Stimme hatte, zum „Ober¬ 
sten der Sänger des Ptab-Fempels" ernannte. Durch seine 
Kollegen in den Werkstätten, die dem Hohenpriester als 
dem „größten der Leiter des Handwerks" unterstanden, 
konnte Ptah-anch sich nun eine kleine Pyramide arbeiten 


180 


181 



lassen, auf der er selbst als kniend betende Statue wieder¬ 
gegeben ist und in einem Relief bilde Wasser und Weih¬ 
rauch spendet vor seinem hohen Gönner, der in der Tracht 
des Hohenpriesters mit seinen Stäben als Würdezeichen 
auf dem Stuhle sitzt. Auf einer knienden Statue mit einem 
Denkstein, zu deren Vollendung allerdings sein Leben und 
seine Mittel nicht ausgereicht haben, richtet er in groben 
Hieroglyphen an die Priester des Ptah-Tempels die übliche 
Bitte aus seinem Grabe: „Spendet mir Brot und Wasser!" 

In den Eigennamen der Männer und Frauen er¬ 
kennt man, wie die Eltern das neugeborene Kind in eine 
enge Beziehung zu der Gottheit ihrer Stadt gestellt haben; 
der Geist der Gottheit sollte den Kindern durch ihren Na¬ 
men zuteil werden. Der Name war aber auch mit der Per¬ 
son seines Trägers durch eine geistige Macht verbunden; 
wer den Namen eines Menschen durch einen Zauber band, 
beherrschte ihn selbst dadurch. Dieser magischen Kraft des 
Namens waren die Eltern sich bewußt, und sie gaben ihren 
Kindern deshalb Namen, denen eine erprobte Gewalt inne¬ 
wohnte. So heißen sie „(jeliebt von Qott . . . ." (Meri- 
Amon, Meri-Ptah, Meri-Re), oder „ Sohn des C}ottes 
(Si-Amon, Si-Ptah), oder „Todhter der Qöttin . . . (Sat- 
Hathor, Sat-Bastet), oder „Der zum Qott .... Qehörige" 
(Amoni, Hori, Thoti), oder „Der Qott .... gibt ihn (sie)" 
(Pete-Amon, Tete-Amon). Ein Mann heißt „Der Löwe" 
Pa-moj, griechisch Phmois; ein anderer „Der wild blickende 
Löwe" Ma-husa, griechisch Miysis oder übersetzt Leonides 
(von leon „Löwe") nach dem Löwengott der Stadt Leonto- 
polis (unteräg. Gau XI). Neben den großen Gottheiten der 
Tempel erscheinen die kleinen Götter des Volkes, z. B. in 
dem Namen Sa-n-Im-hotep „Sohn des Im-hötep", griechisch 
Senimüthis; oder der Schicksalsgott Schaj in „Der (Er¬ 
gebene) des Sdhicksals" Pa-Schaj, griechisch Psais und über¬ 
setzt Agathos Daimon „Quter Qeist" . An die frohen Feier¬ 
tage der Volksfeste erinnert der kleine Dionysios „Diener 
des Dionysos ", ägyptisch P-sa-n-neb-tiche „Der Sohn des 


182 


Herrn der Trunkenheit" , griechisch gesprochen Psenneb- 
tiche. 

Die Ägypter haben an ihrem Kultgerät, aber auch 
an weltlichen Gebrauchsgegenständen, gern einen Schmuck 
aus der Tier- und Pflanzenwelt angebracht. Man darf 
darin nicht nur eine ästhetische Form weltlicher Herkunft 
sehen, sondern fast immer steht eine religiöse Bedeutung 
dahinter. Die verwendeten Tierköpfe sind gar nicht als 
Köpfe von Tieren irgend welcher Art gemeint, sondern, 
wie das sie umrahmende Götterhaar, lang und dreiteilig, 
zeigt, sind Gottheiten mit Tierkopf dargestellt. Der Kopf 
eines Falken mit Götterhaar an einem Halskragen, Räu¬ 
chergerät oder kultischen Speer bedeutet also den Sonnen¬ 
gott, der wegen seiner Allgegenwart überall angemessen 
ist. Der Kopf einer Katze (oder Löwin) an dem Tanzgerät 
der Frauen bedeutet die Göttin Bastet, die Herrin der aus¬ 
gelassenen Freude; ebenso die hockende Katze oder ausge¬ 
streckt auf der Seite liegende Katze an dem Sistrum, der 
Rassel der Tänzerin im Harem oder Tempel. Der goldene 
Ziegenbock, der als Griff an einer silbernen Weinkanne 
hochspringt, schnuppert zwar über den Rand hinweg an 
dem verlockenden Inhalt, läßt aber den Genießer doch 
wohl an den Schützer der sinnlichen Freuden denken, der 
sich in Mendes (unteräg. Gau XVI) als Ziegenbock offen¬ 
bart. Der Sinn des Brettspiels, bei dem man zwei gegne¬ 
rische Herden von „Hunden" (Spielsteinen) auf „Häusern" 
(Feldern) gegeneinander kämpfen ließ, war, das Durch¬ 
wandern der „Häuser" des unterirdischen Totenreiches, wie 
sie in dem Buche Am-Duat „Was in der Unterwelt ist" ge¬ 
schildert werden. Bei einem solchen Brettspiel hatte Thot 
dem Monde fünf Tage abgewonnen und aus ihnen die 
fünf Schalttage gemacht. Thot, griechisch Hermes, der Gott 
der Zahlen und der Schrift, galt als Erfinder des Brett¬ 
spiels, das von Alexander dem Großen aus Ägypten nach 
Indien gebracht wurde und als „Alexanderspiel" (Schach) 
nach Europa gekommen ist. 


183 



Wie sehr übersinnliche Kräfte mit den alltäglichen 
Vorgängen verbunden wurden und wie stark man von ihnen 
die Wirkung eines Wunders erwartete, sieht man überall 
an dem Verhalten der Ägypter. In der Zeit der Pyramiden¬ 
erbauer (Dyn. VI) waren schon Schriftzeichen für die ein¬ 
zelnen Bruchteile des Scheffels (Hohlmaß) in Gebrauch, 
die zusammengesetzt das mystische Uzat-Auge des Falken 
Horus ergaben (Abb. 59). Die sechs Teile des Horus-Auges 
wurden an je einem Tage hinzugefügt („angefüllt"), bis es 
vollständig war, und dann war es der Mond, der als Voll¬ 
mond erstrahlte. Der ägyptische Bauer, der nach der Ernte 
auf seiner Tenne die Körner von der Spreu sonderte, in¬ 
dem er sie im Zugwind hochwarf, stellte neben den Ge¬ 
treidehaufen eine Schale mit Wasser und ein kleines Ge¬ 
flecht, das aus Halmen mit herabhängenden Ähren her¬ 
gestellt war (Dyn. XVIII). Eine solche „Kornbraut", ara¬ 
bisch Arüsa, ist bei den ägyp¬ 
tischen Fellachen bis heute 
üblich, und auch jetzt noch 
stellt man Wasser für „die 
Qeister unter der Erde" hin 
und legt Brot als Speise für 
die worfelnden Arbeiter in 
das Getreide, um diesem Korn 
und Segen zu verschaffen und 
die nächste Ernte zu verbes¬ 
sern. Die Hieroglyphe Anch 
„Leben", eines der stärksten 
Symbole in der Hand der Götter, Könige und Zauberer, 
wurde nach griechischen Berichten bei der Zerstörung des 
Sarapeions von Alexandria (unteräg. Gau V) als Amulett 
gefunden, dem Kreuz der Christen ähnlich, als „kommen¬ 
des Leben" gedeutet. In leichter Umgestaltung über das 
Henkelkreuz hinweg lebt das Henkelkreuz „Leben" 
fort in dem T-Kreuz des Ordens der Antoniter, die mit 
ihm gegen Krankheiten kämpften. Von dort gelangte es 


vor 1736 in das Wappen der Universität Gießen, die es 
heute noch als T führt. 

Wenn man einen bedeutungsvollen Schritt vorhatte, auch 
eine festliche Veranstaltung, so tat man gut, sich dafür einen 
günstigen Tag auszusuchen, der nicht mit einer üblen 
Vorbedeutung belastet war. Priester und Zauberer, die 
eine rituelle Handlung vorbereiteten, schlugen in dem Ka¬ 
lender der guten und schlechten Tage nach, um einen un¬ 
bedenklichen zu ermitteln; er sollte frei sein von Konstel¬ 
lationen der Gestirne, die einen ungünstigen Einfluß auf 
die seelische Verfassung der Beteiligten ausübten. Bei die¬ 
sen wie bei anderen Fragen eines Glaubens, der ursprüng¬ 
lich auf mystischen Erfahrungen beruhte, ist oft die Ent¬ 
artung zum Aberglauben eingetreten, der zur vulgären 
Magie herabsinkt und nur noch die äußeren Formen des 
Kultes oder Rituals bewahren will. Schalttage galten im¬ 
mer als schlecht, und an ihnen sollte man nicht arbeiten. 
In dem einen Buch sind von den 360 Tagen 190 ganz gut, 
132 ganz schlecht, 38 gemischt, d. h. etwa in der ersten 
Hälfte gut, in der zweiten schlecht. In dem anderen Buche 
ist die Zahl der guten Tage viel höher. Als Begründung 
für die ungünstige Bedeutung des 22. Thot, an dem man 
keine Fische essen, nicht einmal seine Lampe mit Fischtran 
anzünden durfte, wird angegeben: an diesem Tage habe Re 
Feinde vernichtet, die zu Fischen wurden, während ihre 
Seelen als Vögel zum Himmel flogen. Eßverböte waren 
auch außerhalb der Tagewählerei häufig, besonders für 
Priester und in Verbindung mit Heiligtümern. Zu den Vor¬ 
schriften über die heilige Insel Abaton in dem ersten Kata¬ 
rakt (Gau I) gehörte es, daß in einem Umkreis von über 
40 Ellen nach Süden, Norden, Westen und Osten hin keine 
Vögel und keine Fische gefangen werden durften. Der Ver¬ 
storbene hatte im Totengericht bei dem Bekenntnis seiner 
Unschuld auch zu versichern, er habe weder das Geflügel 
der Götter noch die Fische ihrer Teiche gefangen (Toten¬ 
buch, Kap. 125). Wenn man sich bei einem Gastmahl ver- 



Abb. 59. Das heilige Uzat-Auge, 
in Teile zerlegt, clie Bruchteile 
eines Scheffels bedeuten. 


184 


185 


gnügte, ließ man gegen Ende des Festes eine aus Holz ge¬ 
schnitzte Mumie in einem kleinen Sarge umhertragen und 
den Gästen mit den Worten zeigen: „Blicke auf diesen, 
trinke und sei fröhlich, denn ein solcher wirst du sein r 
wenn du gestorben bist/' Dieses volkstümliche Memento 
mori steht auf einer anderen Ebene als der Glaube an die 
Auferstehung des Osiris. 

Gebete der einfachen Gläubigen sprechen nicht viel von 
den großen Gottheiten der Tempel. Statt dieser bestimm¬ 
ten Gottheiten rufen sie lieber nüter „den Qott " an, wobei 
sie zuweilen den Gott ihres Heimatgaues meinen, oft auch 
den Allherrn und Sonnengott. In anderen Fällen träfe man 
die Absicht des Betenden besser, wenn man nüter nur 
„Qott" übersetzte, denn er war, ohne an einen bestimmten 
Gott zu denken, erfüllt von der Anbetung eines höchsten 
Wesens, das alles lenkt; er betete zu „Jenes Namen, der 
so oft genannt, dem Wesen nach blieb immer unbekannt" 
(GOETHE, Prooemion). Der eine versicherte: „Ich tat die 
Wahrheit dem Herrn der Wahrheit, indem ich wußte, daß 
er sich darüber zu jeder Zeit freut". Ein anderer: „Mein 
Abscheu war es, Lüge zu sprechen." Ein dritter bekannte 
seine Sünden vor Isis. Ein Unbekannter berichtete auf einer 
kleinen Fayenceplatte billiger Arbeit mit ungeschickten 
Schriftzeichen das Erlebnis seiner Bekehrung: „Ich ging 
gegen Amon an, indem ich sündig war, ich fand aber, daß 
ich meinen Vater nicht kannte. O ihr Qötter von Ober¬ 
und Unter-Ägypten! Der Herr der Wahrheit erhört den, 
der Amon anbetet, und er vernichtet den, der gegen ihn 
streitet." Von solchen Worten persönlicher Frömmigkeit, 
die keineswegs von literarisch Gebildeten stammen, be¬ 
sitzen wir eine ganze Reihe auf Denksteinen von der West¬ 
seite von Theben (oberäg. Gau IV). Sie sprechen von ihren 
Sünden und von der Fürsorge der Götter; die Büßer, die 
ihre Verirrung bekennen, preisen die Macht und die Güte 
des Gottes, der sie gezüchtigt hat, um sie zur Sinnesände¬ 
rung zu bringen und sie durch Verzeihung zu erretten. 


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Der Wunsch des Betenden ist es immer, daß die Gott¬ 
heit ihn „erhört". Um den magischen Zwang auszuüben, 
malt man ein paar Ohren auf Weihungen mit Gebeten. 
Ein Gott hat 77 Ohren und 77 Augen, ein anderer heißt 
„Hörendes Ohr", und mancher führt das Beiwort: „der 
das Qebet erhört", wie Ptah von Memphis. Einen Knaben 
hat man, wahrscheinlich in Hermopolis, genannt „Jhot er¬ 
hört" , von ihm, dem Herrn von Hermopolis, wird die Mut¬ 
ter wohl das Kind erfleht haben. Mit dem gleichen Wunsche 
hat sich gewiß eine Frau in Theben (Dyn. XX oder später) 
an die längst verstorbene und göttlich verehrte Königin 
Jah-möse Nofret-ari (Dyn. XVIII) gewendet, die den Bei¬ 
namen hatte „die die Qebete erhört", und darauf weisen 
auch die auf dem Denkstein angebrachten menschlichen 
Ohren hin. Um seinem Gebet den gewünschten Erfolg zu 
sichern, bereitete der Gläubige sich in würdiger Weise vor, 
zuerst durch Waschung des Körpers und reine Kleidung. 
Dann durch die richtige Haltung, stehend oder kniend, die 
Hände flach ausstreckend oder zu den Göttern erhebend; 
es gibt eine Reihe verschiedener Gebetshaltungen, die in 
Schriftzeichen oder in Darstellungen auf den Denksteinen 
wiedergegeben sind. 

Die Gebete richten sich oft an die Gottheiten der weit¬ 
hin berühmten Tempel, geben ihnen aber persönliche 
Züge, zuweilen fern von dem Dogma. So erfleht der Be¬ 
tende von Re Hor-achti, dem Sonnengott von Heliopolis 
(unteräg. Gau XIII), zu dem ihn sein „Herz nach Helio¬ 
polis treibt": „Strafe mich nicht wegen meiner vielen Sün¬ 
den, denn ich bin einer, der sich selbst noch nicht erkannt 
hat, ich bin ein törichter Mensch, der am Jage seinem 
Munde folgt wie ein Rind dem Qras." Amon, der Staats¬ 
gott des Mittleren und Neuen Reichs in Theben (ober¬ 
ägyptischer Gau IV), ist nur nebenbei der „Xönig", als der 
er in den prunkvollen Bildern der Tempel thront. Der 
schlichte Betende ruft ihn an als den „hohen Mil auf den 
Bergen, den Herrn der Jische, reich an Vögeln" , als den 




187 





„ Mastbaum , der jeden Wind auffängt" f als den „Hirt, der 
die Rinder zur Weide treibt ", als den „ Steuermann , der 
das Wasser kennt". „Wer dido, Amon, nidot kennt, dessen 
Sonne geht unter; wer dich aber kennt, ist erleuchtet." 
Für den kleinen Mann, der auch vor Gericht gegen den 
Reichen nicht sein Recht erhalten kann, ist Amon „der 
Wasir der Armen": „Leihe dein Ohr einem, der im Qeridot 
allein steht, weil er arm ist, sein Qegner aber reich!" Der 
bedrängte Beamte und ehrgeizige Schreiber wendet sich an 
seinen Schutzgott Thot von Hermopolis (oberäg. Gau XV), 
den „herrlichen Ibis, du Qott, nach dem Hermopolis sido 
sehnt: komm zu mir, damit du mich führst!" „‘Mein Haus 
freut sich, seit Qott in es eintrat; es gedeiht und ist wohl¬ 
versehen, seit mein Herr es betrat." „7hot, du süßer 
Brunnen für den, der in der Wüste durstet. Der du das 
Wasser hinführst an einen fernen Ort, komme und errette 
mich, den Schweigenden!" 

Solche Gebete, in denen das Bewußtsein der eigenen 
Persönlichkeit mit der gewollten Wiedergabe einer vertief¬ 
ten Beobachtung der Natur verbunden ist, gehören zu der 
veränderten Geistigkeit des Neuen Reichs, das der Indi¬ 
vidualität eine stärkere Betonung als die alte Zeit 
erlaubte. Es drängte den Sünder, sein Vergehen zu be¬ 
kennen, und er forderte von seinem Gott die Vergebung 
und Rechtfertigung. Die Grundlagen dieser volkstümlichen 
Einstellung sind dem ringenden Gläubigen immer vertraut 
gewesen. In der Mitte des 2. Jahrtausends vor Chr. haben 
die Ägypter sich dann zu einer literarischen Fassung ihrer 
Empfindungen und zu einer Niederschrift in poetischer 
Form durchgerungen. In den Dogmen waren die Priester 
immer unduldsam, aber aus ihrem Kreise sind viele Ge¬ 
danken in die Lieder frommer Poeten aus dem Volke hin¬ 
eingeströmt. 


188 


ZAUBEREI UND EROTIK 


Mit den Sorgen und Gefahren, die das tägliche Leben 
mit sich brachte, wagte der einfache Mann nicht an die 
großen Gottheiten der feierlichen Tempel heranzutreten; 
sie gehörten einem erhabenen Kreise an, der weit über ihm 
schwebte und mit einem schwierigen Zeremoniell umgeben 
war. Er suchte andere Wege, um zu den geheimnisvollen 
Kräften zu gelangen, die ihm helfen, aber auch schaden 
konnten. Wie der Jäger der Urzeit die Tiere, die er er¬ 
legen wollte, mit Beschwörungen an den Felsen oder auf 
sein Tongefäß malte, so hat später der bäuerliche Grund¬ 
herr seinen Acker mit der Getreideernte und seine Was¬ 
serläufe mit dem Wildgeflügel an die Wand seines Grabes 
malen oder meißeln lassen, um sich ihren Genuß für das 
Jenseits zu sichern. Das war nicht ohne Zauberfor¬ 
meln möglich, deren Wirkung die Bilder zur Wirklichkeit 
werden ließ. Die Macht des zauberkräftigen Wortes zeigte 
sich ja täglich an den Gräbern bei dem Sprechen des Opfer¬ 
gebetes, das den Verstorbenen das Totenopfer an Speise 
und Trank in Wirklichkeit zuführte. Bilder von Gottheiten, 
Tieren oder Symbolen waren nicht nur Abbilder, sondern 
sie konnten zu lebendigen Mächten werden. In Armant 
(oberäg. Gau IV) hängte man sich einen kleinen steinernen 
Kopf des dort verehrten Stieres Buchis um den Hals, um 
seiner Kraft teilhaftig zu werden. Ein Spruch, dessen Wir¬ 
kung erprobt war, wurde auf ein Stück Papyrus geschrie¬ 
ben, und dieses zusammengebunden getragen (Abb. 60); 
genau ebenso bindet sich der Beduine der arabischen Wüste 
heute noch Koransprüche in einer Ledertasche an seinen 
Oberarm. 

Wenn „der Nekromant die schrecklichsten Beschwörun¬ 
gen anfängt", wie Goethe es Benvenuto Cellini in dem Ko¬ 
losseum von Rom bei einer Geisterbeschwörung erleben 
läßt, dann brauchte er dabei allerlei Gerät und altehr¬ 
würdige Formeln, die auch einen Teil der Religion bildeten. 


189 



o ^ 



Abb. 60. Zauberstab aus Elfenbein mit Schutzsymbolen und heiligen Tieren. 
Zwischen zwei zauberkräftigen Symbolen sa „ Schutz" schreitet auf gerichtet 
wie ein Mann ein Pavian, der in der einen Hand das sa hält, in der 
anderen einen Napf mit brennender Flamme, wie der Zaubeter ihn bei 
Beschwörungen verwendete. Dann das Tier des Gottes Setech, das hier 
einem Windhund mit dem Kopf eines Ameisenbären ähnelt; sein sonst 
gerader Schwanz, ein Pfeil, ist wegen des beschränkten Raumes gebogen. 

Zuletzt ein Uzat-Auge. 


Thot Trismegistos „Der dreimal Qrößte" selbst hat, als 
das Schiff des Sonnengottes bei seiner nächtlichen Fahrt 
durch die Unterwelt auf eine Sandbank geriet, Zauber¬ 
formeln gesprochen, um es wieder flott zu machen. Isis, die 
kluge Zauberin, konnte durch ihre Beschwörungen den be¬ 
fruchtenden Regen in die sonst unfruchtbare Wüste brin¬ 
gen, und an einen berühmten Zauberer, den Herrn der 
Dämonen, wandte man sich mit einem Brief, der mit einer 
Zaubertinte geschrieben sein mußte, angefertigt mit Blut 
eines Esels, Falken und Aales. Aus der Urzeit, in der die 
Elefanten noch bis an die Grenze Ägyptens kamen, stammt 
ein Zaubergerät, das sich noch durch Jahrtausende gehal¬ 
ten hat: ein gebogenes Stück Elfenbein mit eingeritzten 
Bildern von Löwe, Panther, Nilpferd und Schlange, dazu 
phantastische Wesen und Symbole, wie der naive Volks¬ 
glaube sie erfand (Abb. 60, 61). Durch gute Rechner unter 
den Zauberern kamen später Zahlenspielereien hinzu. So 
enthält eine kleine Platte aus rotem Jaspis auf der Bild¬ 
seite den auf einer Lotosblüte hockenden Knaben, durch 
sein Lutschen und die Geißel in der Hand kenntlich als der 
kleine Harpokrates, der Sohn der Isis, der an die aus einer 


Lotosblüte aufgestiegene Sonne der Urzeit erinnert. Er ist 


190 


1 / 


Abb. 61. Zauberstab aus Elfen¬ 
bein mit Tieren und Symbolen, 
die der Zauberer in seinen ge¬ 
heimnisvollen Sprüchen anrief. Am 
Anfang ein Pantherkopf, am Ende 
ein Schakalkopf, dazwischen un¬ 
wirkliche Gestalten. Ein Panther 
mit überlangem Halse, dann ein 
wie eine Frau aufgeriditet stehen¬ 
des Nilpferd (ähnlich Abb. 58), 
und ein hockender Löwe. Zuletzt 
das Uzat-Auge des Falken, ein 
Zauberschutz gegen den bösen 
Blick. 


V\0 umgeben von Tieren, jedes 

\v\YtC, \\ * n ^ er h e *% en Dreizahl: 

Käfer, Ziege, Falke mit 
Menschenkopf (die Seele 
lw\ des Menschen), Krokodil 

vgN und Schlange. Auf der 

Rückseite der Platte stehen 
sechs Wörter untereinan¬ 
der, Namen von Dämonen, 
schon in griechischer Schrift, wie Ghabrach, Phnyro, Böch 
usw.; zählt man die Zahlenwerte zusammen, die die ver¬ 
wendeten Buchstaben haben, so kommt man auf 9999, 


191 


| ^ sf es 





1 


und das ist doch gewiß eine Zahl, die ihre Zauberwirkung 
ausüben mußte. 

Mit solchen erfundenen Namen gewalttätiger Dä¬ 
monen und mit anderen geheimnisvollen Andeutungen, 
auch mit Anspielungen aus dem Leben der Gottheiten, 
von denen der Zauberer selbst die eine oder andere dar¬ 
stellen wollte, schmückte er seine Sprüche aus. Mit seinen 
Beschwörungen drang er gegen einen herankommenden 
Gegner vor, den er von seinem Schützling abwehren wollte. 
Diese Schadenzauber gegen einen Feind stammen aus der 
Urzeit, als noch jeder gegen alle zu kämpfen hatte. Man 
übte sie aus, indem der Magier an einer Nachbildung des 
Gegners aus Wachs, Ton oder Holz eine Beschädigung an¬ 
brachte und nun durch seine magischen Formeln die Über¬ 
tragung auf den Gegner selbst bewirkte. So brachte man 
dem Feinde Wunden, Krankheiten bei und veranlaßte 
schließlich seinen Tod auf übernatürliche Weise aus der 
Ferne. Als später der Staat gegen feindliche Völker 
kämpfte, meißelte man Reliefbilder von ihrer Niederwer¬ 
fung an den Tempelwänden ein oder stellte den Pharao 
auf steinerne Statuen von gefesselten Ausländern. Der 
arabische Schriftsteller Kalkaschandi weiß noch, daß die 
Ägypter eine Strafe über die in den Tempeln abgebil¬ 
deten Figuren fremder Völker verhängten, die etwas gegen 
sie unternahmen. Dem einzelnen Menschen konnte der 
böse Blick schaden, gegen den die Südländer Europas sich 
heute noch durch Gebärden und Handbewegungen schützen. 
Die Ägypter nannten ein Kind „Ab wehr ex des sdhledhten 
Auges" und hängten den wehrlosen Kleinen Amulette 
um den Hals, teils Götterbilder, teils Schutz verleihende 
Symbole wie Anch „Leben", Ded „Dauer" oder Was 
„glück". Auf einer Holztafel sind sieben heilige Horus- 
Augen „Uzat" eingeritzt, und ein Spruch gegen das Wer¬ 
fen des schlechten Auges, in der der weise Ibis Thot, die 
kluge Isis mit ihrer Schwester Nephthys, der vielseitige 
Falke Horus und die grimmige Löwin Sachmet angerufen 



Jafel 16 


192 












werden. Menschen, die einen bösen Blick werfen, sollen 
vernichtet werden wie der Drache Apophis, den die Götter 
vernichteten, als er dem strahlenden Sonnengott Re den 
Weg versperren wollte. 

Anrufungen an Götter und Dämonen sowie Formeln 
mit Zauberkraft sind zu allen Zeiten in die religiöse Lite¬ 
ratur auf genommen worden. In den Pyramidentexten der 
Könige des Alten Reiches (Dyn. V—VI) stehen neben den 
Sprüchen für das Seelenheil des zum Himmel aufsteigen¬ 
den Pharao auch Beschwörungen gegen Krokodile und 
Schlangen. Ebenso in den Kapiteln des Totenbuches des 
Neuen Reiches (Dyn. XVIII—XXI), deren Worte wunder¬ 
tätig wirken sollen, um dem Leichnam seinen Kopf wieder 
anzusetzen oder ihn gegen Würmer zu schützen. Im Neuen 
Reich ist der „Magische Papyrus Harris" in Theben nieder¬ 
geschrieben worden, eine große Sammlung mit einer gan- 
zen Reihe von Sprüchen gegen Krokodile im Wasser/ an¬ 
dere wenden sich an Huruna, den Schutzpatron der Bauern, 
der das Vieh auf dem Felde und das Korn schützen soll 
gegen Entführung und Raub. Neben die demotisch ge¬ 
schriebenen Zauberbücher in der ägyptischen Sprache aus 
der Zeit der Ptolemaios-Könige treten dann die griechischen 
Zauberpapyrus, in denen die ägyptischen Gottheiten ge¬ 
mischt werden mit griechischen und jüdischen Elementen. 
Der ägyptische Gott Setech wird als Typhon (griechisch) 
zum Satan, und die Menschheit wird angerufen als „ alle 
Atensdhen, Ägypter, Qriedhen, Syrer, Äthiopier und jeder 
Stamm und jede Rasse". Die Gnosis braute eine noch stär¬ 
kere Mischung, in der Abraxas beschworen wurde, um den 
Menschen zu helfen. So lebt die ägyptische Welt der Göt¬ 
ter und mystischen Symbole mit ihrer Zauberkraft auch 
in der koptischen Magie der christlichen Zeit fort. In 
einem christlichen Liebeszauber tritt „der Pavian, der große 
Jbowt" (Thot) noch als väterlicher Freund der £si (Isis) 
auf, die sich über den Verkehr ihres Gatten Vsire (Osiris) 
mit ‘Nebthö (Nephthys) beschwert. Zaubertafeln mit grie- 


13 Roeder, Pharaonenreich 


193 






chischen Beschwörungen aus frühchristlicher Zeit kennen 
den ägyptischen Gott Setech mit Eselskopf als Seth, und 
seine Diener, die Sethianer, haben als gnostische Sekte ein¬ 
mal einen bestimmenden Einfluß auf christliche Gemeinden, 
besonders in Rom, ausgeübt. 

Ein großer Teil der ägyptischen Zaubersprüche aller 
Zeiten dreht sich um die Erotik, wie es selbstverständ¬ 
lich ist bei einem naturnahen Volke, dem Zeugung und 
Geburt so wichtig sind wie Speise und Trank und wie 
das Gedeihen und die Fortpflanzung seiner Tiere. Was in 
der Urzeit sein Staunen erregt und seinen Trieben ge¬ 
dient hatte, das schuf der Ägypter sich in der höher ent¬ 
wickelten Lebensweise mit allem Raffinement einer ver¬ 
feinerten Kultur. Die Gestalt mächtiger Götter wie des 
ithyphallischen Min (oberäg. Gau IX und V) gab durch das 
Aufrichten des Zeugungsgliedes ein Beispiel seiner männ¬ 
lichen Kraft. Im Delta verehrte man in Mendes (Gau XVI) 
den Widder eben wegen seiner erstaunlichen Zeugungs¬ 
kraft, die den Menschen den erwünschten Kindersegen ver¬ 
hieß. Der volkstümliche Zwergengreis Bes, ein Schützer 
der Frauen, hat zuweilen einen riesigen Phallus, um ihnen 
die Liebesfreuden eindringlich anzudeuten. Bei der Zer¬ 
stückelung der Leiche des Osiris durch seinen bösen 
Bruder Setech war sein Phallus in den Nil gefallen und 
von Fischen gefressen worden, die deshalb für immer ver¬ 
flucht wurden. Sich selbst schwächte in dem Volksmärchen 
der göttliche Heros Bäta, dessen Glied ein Wels ver¬ 
schluckte. Als dem Bata dann eine schöne Frau von den 
Göttern zugeführt wurde, ließ er einen Tropfen aus der 
Blüte eines Baumes, in den er sich verwandelt hatte, in 
ihren Mund dringen und schwängerte sie, so daß sie einen 
Knaben gebar, der dann König wurde. Der Grieche Hero- 
dotos hat um 450 vor Chr. bei Festfeiern in ägyptischen 
Dörfern Frauen mit einem Bilde des Dionysos (Osiris) be¬ 
obachtet, das ein Glied nicht viel kleiner als der übrige 
Leib hatte; sie bewegten es durch Ziehen an einer Schnur, 


während ein Flötenbläser voranging und sie den Gott be¬ 
sangen. 

Auch die Göttinnen waren den Trieben der Liebe 
unterworfen, und der großen Hathor, der Herrin der Freu¬ 
den, brachte man Wein in bronzenen Schalen dar, wohl 
weil man wußte, wie sie beide zusammen gehören. Sätet, 
die wilde Nubierin in dem ersten Katarakt, heißt auf einer 
Opferschale aus Granit mit zwei Hathor-Köpfen in dem 
Tempel auf Elephantine: „ die die "Männer bezwingt", und 
der weihende König „ schenkt dir Bier, um dein Merz täg- 
lidh zu erfreuen". Sätet ist eine Pfeilschützin wie Artemis, 
aber nicht als jungfräuliche Jägerin, sondern mit orienta¬ 
lischer Sinnlichkeit „ mit süßer Liebe, Fürstin der Trauen, 
Merrin der Mädchen, Fürstin der Männer". Die sieben 
Hathoren helfen den Frauen bei der Geburt; ebenso Sel- 
ket „Öffnerin der Xehle", der der Skorpion zugewiesen 
ist, dann der Isis angegliedert. Das tragende Nilpferd, einer 
schwangeren Frau ähnlich, läßt die Milch aus den Brüsten 
fließen. Neit von Sais (unteräg. Gau V), eigentlich eine Ur- 
göttin, hatte schon den kleinen Harpokrates, das Kind der 
Isis, in ihrem Deltadickicht gewartet; sie stand auch irdi¬ 
schen Frauen bei. Diese Göttinnen, die den Frauen in ihren 
Nöten halfen, verschafften ihnen aber auch die verbotenen 
Freuden der Liebe. Der nach Ägypten strafversetzte Römer 
Juvenalis (60—-140 n. Chr.) verspottet in seiner gepfef¬ 
ferten Satire VI die römische Dame Hippia, die dem Fech¬ 
ter Sergius in den Tempel von Kanopus (unteräg. Gau V) 
nachreiste, und eine andere, die sich „bei dem Hurentem¬ 
pel der Isis" erwarten ließ. 

Die Ägypter kannten die steigernde Wirkung einzelner 
Pflanzen, und dem ithyphallischen Min, dem Gott von 
Koptos (oberäg. Gau V) ist der Lattich geweiht, der hoch¬ 
schießende Salat mit dem weißen Milchsaft; Min hat ihn 
nach einer mythologischen Erzählung gegessen, um seine 
Zeugungkraft zu erhöhen. Von ihm haben die Menschen 
es gelernt, allerlei Pflanzen als Aphrodisiacum zu ver- 


194 


195 



wenden/ die heutigen Ägypter glauben, reichliches Essen 
von Salat steigere die Fruchtbarkeit. Rezepte der 
medizinischen Papyrus gaben zu diesem Zweck bestimmte 
Drogen an, meist Pflanzenwurzeln oder getrocknete Blüten 
und Harze, die auch heute noch auf dem Drogenmarkt in 
Kairo in dem gleichen Sinne empfohlen werden. Welche 
Zaubermittel mit ihnen zusammen angewendet wurden, 
kann man nur ahnen. Aber es spricht schon deutlich genug 
für sich selbst, wenn in den Hausruinen vieler ägyptischer 
Städte kleine Tonplatten mit Relief bildern nackter und 
schön frisierter Frauen gefunden sind, ausgestreckt liegend, 
bereit zu dem Liebesgenuß, als dessen Folge sie schon den 
Knaben neben sich liegen haben (Abb. 62). Auf einer sol¬ 
chen Platte stehen neben der Frau zwei breitbeinige Zwer¬ 
gengreise Bes, ständig die geheimen Helfer der Freuden. 

Begehrliche Ägypter beiderlei Geschlechts haben Lie¬ 
beszauber versucht, um den noch nicht gewonnenen 
oder wieder entfremdeten Menschen an sich zu fesseln. In 
Hawära, am Eingang zu dem Fajjüm (oberäg. Gau XXI), 
ist ein Papyrusblatt, das gerollt und mit der rohen Tonfigur 
eines Mannes zusammengebun¬ 
den gefunden wurde, mit einer 
griechischen Beschwörung als Lie¬ 
beszauber zur Gewinnung eines 
Mannes beschrieben (Abb. 63). 
Ein Zaubertext für einen Mann, 
der sich eine Frau gefügig machen 
will, ist neben das grob gezeich¬ 
nete Bild eines Zauberers mit 
Tieren in koptischer Sprache ge¬ 
schrieben, jetzt alles verblaßt 
und durch Infrarot-Strahlen wie- 


Abb. 62. Frau auf dem Bett, bereit zu 
dem Liebesgenuß. Neben ihr der er¬ 
wünschte Sohn. 



Abb. 63. Der zusammengerollte Papyrus ist in 
25 griechischen Zeilen beschrieben mit einem Lie¬ 
beszauber, der die Liebe des Ammonios zu Helene 
herbeiführen soll. Dabei ist noch ein Serapiakos 
im Spiele und eine Sklavin. An den Papyrus ist 
die rohe Tonfigur eines Mannes gebunden, offen¬ 
bar des Ammonios, dessen Herz erweicht werden 
sollte. Das Ganze stellt eines der häufigen Zauber- 
mittel dar, durch die eine Frau die Liebe eines 
von ihr begehrten Mannes gewinnen wollte. Der 
Versuch scheint fehlgeschlagen zu sein, da das 
Ganze ungeöffnet geblieben ist. 

der sichtbar gemacht. Andere Liebes¬ 
zauber stehen auf Bleitafeln. Die 
Gnostiker haben den Abraxas, den 
„Retter der Weltordnung ", als hahnen- 
köpfiges Scheusal mit einem Phallus als 
Schnabel dargestellt. Bei den Lehren 
der Gnosis spielte Ei und Same eine 
bedeutende Rolle in der kosmogoni- 
schen Theorie wie in der kultischen 
Praxis, und sie nötigte die einen Gläu¬ 
bigen zu naturwidriger Enthaltsamkeit, die anderen zu 
zügelloser Ausschweifung. Was sich in niedrigen sozialen 
Schichten als groteske Entstellung oder als sinnliche Hin¬ 
gabe auswirkte, führte bei einer Vertiefung des Glaubens 
in der Dichtung zu milderen Vorstellungen, in denen die 
uralten Motive der Erotik nur noch angedeutet waren. Das 
poetische Bild einer Hochzeit des Mannes, oder besonders 
der Frau als Braut, mit dem Gott spielt noch in das christ¬ 
liche Nonnentum hinein, sogar bis in die protestantischen 
Kirchenlieder des 17. Jahrhunderts. 

FESTFEIERN UND MYSTERIEN 

Ereignisse des Familienlebens und Zusammenkunft mit 
Freunden oder Berufsgenossen waren die häufigsten Veran¬ 
lassungen zu den kleinen Festlichkeiten im engeren Kreise. 
Aber wir dürfen aus den lebhaften Schilderungen der 



197 


griechischen Zeit wenigstens insoweit rückwärts auf die 
pharaonische schließen, daß wir uns die Kultgemeinschaften 
der verschiedenen „Wachen" (griechisch Phyle) der Laien¬ 
priester aus religiösem Anlaß auch bei Geselligkeit ver¬ 
einigt denken. Der Hergang war weltlich, und es gab Musik 
und Tanz. Hinter einer solchen Veranstaltung, deren Kosten 
unter Leitung eines Vorstehers gemeinsam getragen wur¬ 
den, stand ein religiöser Sinn, bei der „Geselligkeit des 
Herrn Sarapis" gewiß die Auferstehung des Osiris zu 
neuem Leben; das dabei in der Abrechnung genannte „Blut 
eines Kalbes" mag dazu gedient haben, seinen Tod an¬ 
schaulich vorzuführen. Der Herold, der Trompeter und 
besonders der Komödiant und die beiden Athleten mit 
ihren drei Gehilfen waren zusammen mit dem „Vorleser" 
als Ansager zu dramatischen Vorführungen verpflichtet, und 
daß sie sich auf den Osiris-Mythus bezogen, sagt das Auf¬ 
treten des „Hundeköpfigen", d. h. eines Mannes, der den 
Gott Anubis mit Hundekopf darstellte. Städtische und 
dörfliche Kreise hatten dabei ethische Ideale wie unsere 
Logen, und wenn sie bei dem gemeinsamen Mahle ihrer 
Gottheiten gedachten, haben sie ihnen gewiß nicht weniger 
gläubig gedient als die christlichen Gemeinschaften, die sich 
zur Feier des heiligen Meßopfers vereinigen. Diese Ver¬ 
anstaltungen familiärer Festlichkeiten haben auch heute 
noch in Ägypten einen ähnlichen Hergang. Gustave Flau- 
bert schrieb am 15. Januar 1850 in einem Brief aus Kairo, 
„die Beschneidungen und die Hochzeiten scheinen nur Vor¬ 
wände für Vergnügungen und musikalische Veranstaltungen 
zu sein", und die Tänze „haben einen viel zu feierlichen 
Charakter, als daß sie nicht von den Tänzen des alten 
Orients kommen müßten, der immer jung bleibt, weil sich 
darin nichts ändert". 

Eine feierliche Beisetzung eines wohlhabenden 
Mannes hat sich wie ein Drama in mehreren Akten ab¬ 
gewickelt, von denen jeder seine eigene Bedeutung hatte. 
Das Totengericht vor der Beisetzung, die Fahrt im Boot 

198 


über den Nil, das Einlegen in das Grab am westlichen 
Wüstenrande waren Vorführungen, bei denen gemietete 
Mitwirkende wie Schauspieler aufzutreten hatten. Das 
Ritual der Öffnung des Mundes, der Augen und der Ohren, 
durch das der Leiche die Fähigkeit zum Essen, Sprechen, 
Sehen und Hören wiedergegeben wurde, zeigte den Zu¬ 
schauern in 107 Vorgängen, wie die Mumie (ursprünglich 
eine Statue) durch Räucherung mit Weihrauch und Be- 
sprengung mit Wasser gereinigt, dann gesalbt, geschminkt, 
geschmückt und (in Fortwirkung der urzeitlichen Vergött¬ 
lichung des Pharao) mit königlichen Abzeichen versehen 
wurde, während man inzwischen einen Ochsen, zwei Ga¬ 
zellen und eine Gans schlachtete, die als Opfergaben dar¬ 
gebracht wurden. Der Sinn dieser Vorführungen, die mit 
ähnlichem Ritual in Babylonien üblich waren, war die Rück¬ 
führung der Seele in den Körper und die Beschenkung mit 
den Wohltaten der Sonne, die ihm auch in dem Jenseits 
zuteil werden sollten. Zu den Tänzen bei der Totenfeier 
im Hause, bei denen Weltliches sich dem Religiösen zu¬ 
gesellte, gehörte ein Spiel eines Mannes mit vier Mädchen, 
die „die vier Winde des Himmels" darstellten und sich 
unter ihrem Druck in verschiedenen Stellungen beugten. 
Die Totenliturgie einer Frau Artemis, in ptolemäischer Zeit 
mit schon halb demotischer Schrift von einem Priester 
niedergeschrieben, gab die Anweisungen für ein religiöses 
Festspiel an der aufgebahrten Mumie, bei dem der Sieg 
des Horus und die Auferstehung des Osiris von Schau¬ 
spielern mit Masken auf geführt wurden. 

Andere F e s t s p i e 1 e mit religiösem Hintergrund haben 
dynastischen Charakter. Bei den großen Ereignissen seiner 
Herrschaft ist der König von den Göttern umgeben und 
geleitet. Eine Bildfolge, vermutlich aus Heliopolis (unter- 
ägyptischer Gau XIII), zeigt, wie Ramses II. bei seinei 
Krönung zunächst von zwei Göttern an den Händen ge¬ 
führt wurde; es sind gewiß die Landesgötter von Ober¬ 
und Unter-Ägypten, von denen der eine (Horus) einen 

199 




Falkenkopf hat. „Atum, der große Qott, Herr des großen 
Hauses" (Palast des Weltherrschers), auf dem Throne als 
Göttervater sitzend, empfing und stellte ihn dann der Welt 
vor, während im Hintergründe die Könige, Vorfahren aus 
der Zeit vor der Einigung des Reiches, knieten, die „Seelen 
von Pe" (Buto, unteräg. Gau VI) bzw. die „Seelen von 
Hedhen" (oberäg. Gau III), als Männer mit Falken- bzw. 
Schakalkopf. In einer bebilderten Handschrift sind aus¬ 
führliche Anweisungen für die Vorführungen bei der Thron¬ 
besteigung Sesostris I. (Dyn. XII) aufgezeichnet, die in den 
Handlungen wie in den Worten auf Zeremonien aus den 
ersten Dynastien zurückgehen. Die Krönung des Königs 
fand statt zwischen dem Ableben seines Vaters Amon-em- 
het I., dessen Seele gen Himmel gefahren war, und dessen 
Beisetzung. Der junge König zog auf dem Staatsschiff durch 
die heiligen Orte, an denen die Götter den Horus als 
Nachfolger seines Vaters Osiris eingesetzt hatten, und der 
jeweilige „Qott der Stadt" empfing den Pharao, dem über¬ 
natürliche Kräfte verliehen wurden. Mit den herbeige¬ 
rufenen Priestern und Hofleuten wurde ein Königsmahl 
gehalten, das mit einem Totendienst für den verstorbenen 
Pharao verbunden war, an den uralten Ahnenkult anknüp¬ 
fend. Einzelne Szenen dieser Vorführungen kann man sich 
mit verteilten Rollen vorgelesen denken, wie es um die 
Osterzeit vor der Grabeskirche in Jerusalem durch die 
Priester geschieht mit dem Leben und Sterben Jesu. Andere 
sind aber sicher dramatisch aufgeführt worden, wobei die 
Götter und heiligen Tiere durch Männer mit Masken dar¬ 
gestellt wurden, wie heute noch bei Tänzen von Negern 
mit gehörntem Stierkopf; die Mysterienspiele vor den mit¬ 
telalterlichen Domen geben uns eine Vorstellung von der 
Verbindung der mythischen Vorgänge mit dem Heiligtum. 
Wenn der Pharao dreißig Jahre geherrscht hatte, feierte er 
sein erstes Jubiläum. Die Könige der V. Dynastie, die sich 
selbst als leibliche Söhne des Re (Sonne) bezeichneten, 
vollzogen das festliche Ritual in einer Kapelle des Tempels 


des Sonnengottes, den sie westlich von Memphis (unter¬ 
ägyptischer Gau I) auf dem Wüstengebirge mit einem 
Obelisken errichtet hatten (Abb. 23), dort ehrten ihre 
Großen sie mit Fußwaschung, Huldigung und mit einem 
Opfer vor dem allmächtigen Herrn der Welt. Ramses III. 
beging sein Jubiläum im Beisein der Götter von Ober- und 
Unter-Ägypten, die in ihren Kultstatuen von dem Wasir 
(Kanzler) selbst unter Begleitung des jeweiligen Hohen¬ 
priesters zusammengeholt waren. 

Die eigentlichen Feiertage des Volkes waren die Göt¬ 
terfeste in den Tempeln. Sie begannen mit dem Neu¬ 
jahrsfest am 1. Tage des 1. Monats „Phot", wenn das erste 
Steigen des Nils gemeldet war, und liefen durch die vier 
Monate der „Tibersdhwemmung, Achet" hindurch, bis mit 
dem ersten der vier Monate „Projet, Wachstum" das Hak- 
ken des Ackers und die Segnung des Feldes einsetzte. Die 
vier Monate der „Ernte, Schömu" brachten dann die Feiern 
der Gottheiten der Ernte und Fruchtbarkeit. Durch das 
ganze Jahr wurde der ägyptische Bauer von seinen Göttern 
geleitet, und in jedem Monat, von denen viele ihren Namen 
nach dem in ihnen gefeierten Fest trugen, opferte er ihnen 
mit der Bitte um Erfolg der Arbeit, die dann gerade zu 
verrichten war. Die religiösen Feiern waren mit Lustbar¬ 
keiten gemischt, bei denen es recht weltlich herging; als 
die Soldaten des siegreichen Königs Thut-mose III. auf dem 
Feldzug in den Häusern der Städte Palästinas „Wein in 
ihren Keltern liegend wie Tiber sdhwemmungs wasser" fan¬ 
den, da fühlten sie sich „alle Page betrunken und mit öl 
gesalbt wie bei den Testen in Ägypten ". 

Der Schauplatz der kirchlichen Volksfeste war der 
heilige Bezirk um das eigentliche Gotteshaus herum, das 
auf einem freien Platze lag, von einer Mauer umschlossen 
mit nur einem einzigen Zugang mit einem Pylon (Tor) in 
seiner Mittelachse. Wenn an einem Feiertag dieses Tor 
geöffnet wurde, strömte die Menge in die Gartenanlagen 
des Parkes hinein. Vor Sonnenaufgang begann die Fest- 


201 



feier, denn die Begrüßung der auf gehenden Scheibe war 
die erste Freudenkundgebung der Gläubigen. Dann folgten 
die Prozessionen der Götter, die einander besuchten. Wur¬ 
den Opfer dargebracht, so fiel immer etwas für die Menge 
ab; wer Brot und Fleisch von der Spende für den Gott 
erlangen konnte, verzehrte es beseligt in dem beglückenden 
Gefühl einer inneren Verbindung mit dem Leibe seines 
Herrn. Die Priester sangen alte Hymnen, und das Volk 
fiel wenigstens mit den Anrufungen der Gottheiten in den 
Litaneien ein, wenn es auch die Lieder selbst nicht ver¬ 
stand. Die Einzelheiten der Festfeiern hingen von der ört¬ 
lichen Überlieferung ab, und diese folgte dem Wesen des 
Gaugottes, der in dem betreffenden Tempel beheimatet war. 
Der Park des heiligen Bezirkes mit seinen Teichen war ein 
willkommener Aufenthalt für die Volksmenge, die unter den 
Bäumen an den heißen Sommertagen Schatten fand und 
unter ihrem Schutze auch die Nacht zubringen konnte. Bei 
nächtlichen Feiern mit Fackeln und Lampen wurde ein Kreis 
von Auserwählten „in das Qeheimnis eingeführt ". Sie be¬ 
traten durch den hohen Pylon den offenen Vorhof des 
Tempelgebäudes, der von einem Säulengang umgeben war. 
In ihm, dem „Hofe des festes", wurden die Opfer dar¬ 
gebracht und der Auserwählte von Stufe zu Stufe allmäh¬ 
lich immer weiter in die geheimen Lehren und ihre Bedeu¬ 
tung eingeweiht, bis die Mysten, allerdings nur in kleiner 
Zahl, endlich in den inneren Tempel mit seinem Säulen- 
saal Zulaß erhielten. 

Die Einführung des Mysten in die höheren Grade hat 
sich durch lange Zeit hingezogen, vielleicht durch Jahre, in 
denen er sich durch gute Werke und fromme Stiftungen 
zu betätigen und seine ethische Reife zu bewähren 
hatte. Aus den Eingeweihten in die Mysterien, mit denen 
sich später griechische Philosophie mischte, sind Lehren 
hervorgegangen wie die der Hypatia in Alexandria; ihre 
Darstellung der menschlichen Seele, des Jenseits und der 
mystischen Versenkung in das Ur-Eine übte eine zwingende 

202 


Wirkung auf die Hörer aus, so daß ihr auch Christen zu¬ 
liefen, bis sie 415 von christlichen Fanatikern gesteinigt 
wurde und mit den ägyptisch-griechischen Mystikern der 
einheimische Glaube verschwand. Inzwischen hatten die 
hellenischen Mysterien viel aus dem ägyptischen Geistes¬ 
gut nach Griechenland übernommen, auch dort von der 
Staatskirche mit Mißtrauen betrachtet, wenn nicht gar be¬ 
kämpft, und ebenso mit dem Geheimnis der Schweigepflicht 
umgeben, so daß eingeweihte Griechen wie Herodotos und 
Plutarchos nur mit zurückhaltender Scheu von den ägyp¬ 
tischen Kulten sprechen und den tieferen Sinn der heili¬ 
gen Handlungen durch Schweigen verhüllen. Kinderlose 
Frauen der heutigen Fellachen, die an drei aufeinander¬ 
folgenden Freitagen (dem muslimischen Sonntag) von den 
Datteln der Palme an dem Grabe des heiligen Schech Sajjid 
essen, dürfen auf dem ganzen Wege zu und von ihm nicht 
sprechen, wenn sie nicht des Erfolges ihres Gebetes ver¬ 
lustig gehen wollen; Schweigen ist auch hier ein Bestandteil 
des Ritus, der das erwünschte Kind bringen soll. Wie das 
Schweigen zu den Pflichten des Mysten bei seiner Einfüh¬ 
rung in die Geheimnisse gehört, hat Schikaneder in seiner 
„Zauberflöte" als entscheidendes Motiv benützt, und Mo¬ 
zarts Musik hat die weihevolle Stimmung des Gläubigen 
(Tamino), der ein guter Mensch werden will, in Gegensatz 
zu der lustigen Komödie des verständnislosen Materialisten 
(Papageno) gestellt. Coethe (Eins und Alles) hat den Weg 
durch die Mysterien gekannt: 

„Teilnehmend führen gute Geister, 

Gelinde leitend, höchste Meister, 

Zu dem, der alles schafft und schuf." 



DIE ÖRTLICHEN GEHEIMKULTE 


Unter den Priestertiteln jedes Gaues findet sich „ Oberster 
des Geheimnisses" , und damit ist ein Priester gemeint, der 
in die Mysterien eingeweiht war, sie kannte und leitete. 
Das war offenbar keineswegs bei jedem Priester der Fall, 
besonders nicht bei denjenigen, die als Verwaltungsbeamte 
in dem Tempelbesitz tätig waren, weltliche Aufgaben er¬ 
füllten oder das Priesteramt nur als Pfründe durch könig¬ 
liche Gnade zugewiesen erhalten hatten. Unsere Kenntnis 
der Mysterien der einzelnen Tempel ist begreiflicherweise 
gering, da sie ja absichtlich geheim gehalten worden sind 
und ihr Hergang nur den Eingeweihten bekannt wurde. Was 
uns aus später Zeit darüber verraten wird, darf zwar nicht 
ohne weiteres auf die pharaonische übertragen werden, 
enthält aber noch uralte Vorstellungen und Gebräuche, die 
als Volksglaube fortlebten und sich allmählich auch in den 
von der Priesterschaft getragenen Kulten durchsetzten. 
Aus dem Wesen seiner Gottheit heraus hat jeder Gau sein 
eigenes Mysterium entwickelt, in dem ihr Wirken drama¬ 
tisch vorgeführt wurde, um dem Gläubigen seine Fragen 
nach dem Wesen des Göttlichen zu beantworten. Im fol¬ 
genden greife ich einige Orte heraus, über die wir Nähe¬ 
res erfahren. 

Sais. Kambyses, der als persischer Großkönig 525 vor Chr. 
Ägypten eroberte, erwies in Sais (unteräg. Gau V) dem 
Tempel der Neit, der Mutter des Sonnengottes Re, dem 
Heiligtum des von ihm niedergeworfenen Pharao, die 
Ehre, an seinen Mysterien teilzunehmen, die wohl die 
dortige Kosmogonie mit einer Entstehung der Sonne aus 
dem Urmeer dar stellten. Als der Grieche Herodotos um 
450 vor Chr. Sais besichtigte, hat man ihm einen See 
als Schauplatz der Mysterien gezeigt und ihm Mittei¬ 
lungen über die nächtliche Vorführung der Leiden des 
Osiris gemacht; aber über diese Passionszeit und die dann 
gefolgte Auferstehung „ bewahre ich Stillschweigen , obwohl 


mir bekannt ist, wie es sich mit den Einzelheiten davon 
verhält". In der „Nacht der brennenden Lampen" wurden 
von der Festversammlung viele Lampen brennend unter¬ 
halten, nicht nur in Sais, sondern in ganz Ägypten, so daß 
das ganze Volk an der „ Nacht des Opfers" teilnahm. 
„Weshalb diese Nacht erleuchtet und so hoch geehrt wird, 
darüber berichtet eine heilige Sage" — was Herodotos hier 
verschweigt, ist das Mysterium von Osiris und Isis. 

Jemet, das östliche B uto. In der Hauptstadt von Gau XIX 
an dem östlichen Rande des Delta, ließ der Priester Gemnef- 
Llor-bok, „der das Geheimnis von Per-Jemet (Buto) kennt", 
zu ptolemäischer Zeit ein ägyptisches Gedicht, ähnlich alexan- 
drinischen Versen, in Hieroglyphen auf einen Denkstein 
meißeln, ohne die vorher beliebten Anspielungen auf ägyp¬ 
tische Mythologie und ohne ein Bild der ägyptischen Gott¬ 
heiten. Sein Glaube und seine Poesie hatten schon eine 
griechische Durchdringung erfahren, aber er wandte sich 
doch nach alter Weise an die Priester, die gleich ihm 
„Oberste des Geheimnisses" waren, weil sie die teils monat¬ 
lich bei Vollmond, teils im Laufe des Jahres an den hohen 
Feiertagen stattfindenden Feste kannten. An ihnen konnte 
bei Vollmond die Stadtgöttin Uto, als Schlange, Landes¬ 
göttin von Unter-Ägypten, den Gläubigen Kinder verschaf¬ 
fen. Dabei setzte sich an dem Fest des Horus der Zeu¬ 
gungsgott Min mit seinen Anhängern durch, obwohl sie 
von einer Schar der Gläubigen vertrieben werden sollten. 

Für den Fall der Mißernte kannte man Anrufungen des ßA 
Min, der als Herr der Fruchtbarkeit bewirken konnte, daß J1 
„alles Getreide wächst und das Grün gedeiht in der Zeit 
ihrer Blüte". Dann wurden die jagenden Beduinen aus der 
östlichen Wüste herbeigerufen, um an den Gräbern der 
Vorfahren zu opfern und zu beten, da ja der Ahnenkult 
unlösbar verbunden ist mit der Verehrung aller guten 
Geister. 

Bubastis. Die Holzfigur einer Frau, deren Nacktheit ihren 
erotischen Charakter beweist, trägt um den Hals an 



205 




DIE ÖRTLICHEN GEHEIMKULTE 


Unter den Priestertiteln jedes Gaues findet sich „Oberster 
des Geheimnisses" r und damit ist ein Priester gemeint, der 
in die Mysterien eingeweiht war, sie kannte und leitete. 
Das war offenbar keineswegs bei jedem Priester der Fall, 
besonders nicht bei denjenigen, die als Verwaltungsbeamte 
in dem Tempelbesitz tätig waren, weltliche Aufgaben er¬ 
füllten oder das Priesteramt nur als Pfründe durch könig¬ 
liche Gnade zugewiesen erhalten hatten. Unsere Kenntnis 
der Mysterien der einzelnen Tempel ist begreiflicherweise 
gering, da sie ja absichtlich geheim gehalten worden sind 
und ihr Hergang nur den Eingeweihten bekannt wurde. Was 
uns aus später Zeit darüber verraten wird, darf zwar nicht 
ohne weiteres auf die pharaonische übertragen werden, 
enthält aber noch uralte Vorstellungen und Gebräuche, die 
als Volksglaube fortlebten und sich allmählich auch in den 
von der Priesterschaft getragenen Kulten durchsetzten. 
Aus dem Wesen seiner Gottheit heraus hat jeder Gau sein 
eigenes Mysterium entwickelt, in dem ihr Wirken drama¬ 
tisch vorgeführt wurde, um dem Gläubigen seine Fragen 
nach dem Wesen des Göttlichen zu beantworten. Im fol¬ 
genden greife ich einige Orte heraus, über die wir Nähe¬ 
res erfahren. 

Sais. Kambyses, der als persischer Großkönig 525 vor Chr. 
Ägypten eroberte, erwies in Sais (unteräg. Gau V) dem 
Tempel der Neit, der Mutter des Sonnengottes Re, dem 
Heiligtum des von ihm niedergeworfenen Pharao, die 
Ehre, an seinen Mysterien teilzunehmen, die wohl die 
dortige Kosmogonie mit einer Entstehung der Sonne aus 
dem Urmeer darstellten. Als der Grieche Herodotos um 
450 vor Chr. Sais besichtigte, hat man ihm einen See 
als Schauplatz der Mysterien gezeigt und ihm Mittei¬ 
lungen über die nächtliche Vorführung der Leiden des 
Osiris gemacht; aber über diese Passionszeit und die dann 
gefolgte Auferstehung „bewahre ich Stillschweigen, obwohl 


204 


mir bekannt ist, wie es sidh mit den Einzelheiten davon 
verhält". In der „Nadjt der brennenden Lampen" wurden 
von der Festversammlung viele Lampen brennend unter¬ 
halten, nicht nur in Sais, sondern in ganz Ägypten, so daß 
das ganze Volk an der „‘Nacht des Opfers" teilnahm. 
„Weshalb diese Nacht erleuchtet und so hoch geehrt wird, 
darüber berichtet eine heilige Sage" — was Herodotos hier 
verschweigt, ist das Mysterium von Osiris und Isis. 

Jemet, das östliche Buto. In der Hauptstadt von Gau XIX 
an dem östlichen Rande des Delta, ließ der Priester Gemnef- 
Hor-bok, „der das Geheimnis von Per-Jemet (Buto) kennt", 
zu ptolemäischer Zeit ein ägyptisches Gedicht, ähnlich alexan- 
drinischen Versen, in Hieroglyphen auf einen Denkstein 
meißeln, ohne die vorher beliebten Anspielungen auf ägyp¬ 
tische Mythologie und ohne ein Bild der ägyptischen Gott¬ 
heiten. Sein Glaube und seine Poesie hatten schon eine 
griechische Durchdringung erfahren, aber er wandte sich 
doch nach alter Weise an die Priester, die gleich ihm 
„Oberste des Geheimnisses" waren, weil sie die teils monat¬ 
lich bei Vollmond, teils im Laufe des Jahres an den hohen 
Feiertagen stattfindenden Feste kannten. An ihnen konnte 
bei Vollmond die Stadtgöttin Uto, als Schlange, Landes¬ 
göttin von Unter-Ägypten, den Gläubigen Kinder verschaf¬ 
fen. Dabei setzte sich an dem Fest des Horus der Zeu¬ 
gungsgott Min mit seinen Anhängern durch, obwohl sie 
von einer Schar der Gläubigen vertrieben werden sollten. 

Für den Fall der Mißernte kannte man Anrufungen des ßA 
Min, der als Herr der Fruchtbarkeit bewirken konnte, daß Jl 
„alles Getreide wächst und das Qrün gedeiht in der Zeit 
ihrer Blüte". Dann wurden die jagenden Beduinen aus der 
östlichen Wüste herbeigerufen, um an den Gräbern der 
Vorfahren zu opfern und zu beten, da ja der Ahnenkult 
unlösbar verbunden ist mit der Verehrung aller guten 
Geister. 

Bubastis. Die Holzfigur einer Frau, deren Nacktheit ihren 
erotischen Charakter beweist, trägt um den Hals an /s f 



205 




einem Bande eine hockende Katze von grüner Farbe, 
also aus Bronze zu denken. Dadurch stellt die Trägerin 
sich unter den Schutz der Bastet, der Katzengöttin von 
Bubastis (unteräg. Gau XIX), und sie will der geheimnis¬ 
vollen Kräfte des Zeugens und Empfangens teilhaftig wer¬ 
den. Frauen, die zu den Feiertagen nach Bubastis zogen, 
gingen zu Freudenfesten und zu ausgelassenem Liebes- 
genuß; der religiöse Ursprung trat ebenso weit zurück wie 
bei dem rheinischen Karneval, ehe das „carne vale" („fleisch, 
lebe wohl!"] den Aschermittwoch brachte. Herodotos hat 
die Volksmengen beobachtet, die auf den Kanälen des Del¬ 
tas nach Bubastis fuhren, ausnahmsweise ohne Kinder, 
die Männer Flöte blasend, die Frauen mit dem Sistrum 
rasselnd. Fuhr ihr Boot an einer Stadt vorbei, so lockten 
sie die Frauen am Ufer heran und hoben die Kleider hoch. 
Siebenhunderttausend Menschen kamen an diesem Fest zu¬ 
sammen und dabei wurde mehr Wein verbraucht als wäh¬ 
rend des ganzen übrigen Jahres. 

Papremis. Herodotos ist während eines Tempelfestes mit 
Gottesdienst in einer Stadt gewesen, die er Papremis 
nennt, deren Lage aber unsicher bleibt; sie war dem Ares 
geweiht, also dem Schow, der Deltaform des oberägypti¬ 
schen Himmelsträgers An-hüret (Gau VIII), wie die unter¬ 
ägyptische Stadt Sebennytos (Gau XII) an dem dritten 
Mündungsarm des Nils. Da in der Stadt und dem Gau 
von Papremis die Flußpferde verehrt wurden, möchte man 
sie entweder in die Mitte des Deltas mit schwer zugäng¬ 
lichen Flußarmen verlegen, oder in die Gegend von Tanis, 
der Stadt des Setech (unteräg. Gau XIV), der sich in ein 
Nilpferd verwandelt hat. In Papremis hat man Herodotos, 
obwohl er Grieche war, Zutritt zu dem rituellen Schauspiel 
gewährt, wie man heute ein ausländisches Mitglied einer 
Loge zu der symbolischen Arbeit der Maurer zulassen 
würde. Er hat dabei gesehen, wie eine Schar von mehreren 
Tausend Männern, sämtlich mit Keulen bewaffnet, sich in 
zwei Parteien gliederte, die einen als Verteidiger des Tem¬ 


206 


pels, die anderen als Angreifer, um das Götterbild in 
seinem vergoldeten Schrein auf einem Wagen wieder in 
den Tempel zurückzufahren. Bei dem Kampf zerschlugen 
sie sich die Köpfe; daß daran niemand stürbe, hat Hero¬ 
dotos seinem Erzähler nicht geglaubt. Die religiöse Ekstase 
wird die verzückten Gläubigen aber doch wohl ebenso weit 
getrieben haben wie ihre muslimischen Nachkommen, die 
sich ihrem Zikr für Allah hingeben, bis sie bewußtlos um¬ 
sinken. 

Busiris. In der Hauptstadt des IX. Gaues von Unter- 
Ägypten erwuchs die Legende von Anzeti Osiris. Er war 
gleichzeitig ein gütiger König, der zusammen mit seiner 
Gattin Isis und ihrem Sohne Horus ein Beispiel für das 
vorbildliche Familienleben gab, ein Herr der Unterwelt, in 
der die Toten wohnten, der still ruhende Erdgott und das 
befruchtende Nilwasser, das im Frühjahr die Saat zum 
Keimen brachte, endlich auch das nach dem Wintertod 
wieder aufwachende Leben, das als Sinnbild des Guten 
sich gegen alle bösen Mächte durchsetzte. Um diesen viel¬ 
seitigen Mythus, dessen innere Widersprüche man durch 
naturnahe Handlungen verdeckte, haben sich die Mysterien 
von Busiris gebildet. In ihnen kam zum Ausdruck, was das 
Familienmitglied, der Bauer und der auf Erlösung Hoffende 
gesucht hat. In einem Akt der dramatischen Vorführungen 
klagten Isis und Nephthys an der Leiche des Osiris ihre 
eintönigen Litaneien von seinem Leiden, während gute Gei¬ 
ster ihm die Totenwache hielten. Die gemeinsame Toten¬ 
klage, bei der sich alle Männer und Frauen die Brust 
schlugen, hat Herodotos beobachtet: „welchem Qott zu 
Ehren sie dies tun, darf ich jedodh nicht sagen". In einem 
anderen Akt sammelte Isis die Teile der Leiche des Osiris, 


die sein Mörder Setech in alle Gaue verstreut hatte, und 
Anubis, der treue Hund, fügte als Mann mit Hundekopf 
den Körper wieder zusammen. In einem dritten war die 



Gestalt des Osiris aus Erde geformt, und nun wurde er 


als Acker mit Körnern besteckt, die aus ihm aufgingen und 


207 


E=(| f=a. 'S? fcv l=| 


durch ihr Grünen das wiedererwachende Frühjahr brach¬ 
ten (Abb. 21); dabei schildern die begleitenden Reden, wie 
die Rinder das Feld pflügen und das neun Tage lang 
rinnende Wasser den Segen des Nils verkündet. Dann 
wieder kämpfte Horus, der herangewachsene Sohn des 
Osiris, gegen Setech, rächte seinen Vater und trat als 
„König der Lebenden" die Nachfolge des Osiris an. Die 
Szenen der Mysterien, in denen sich Menschenschicksale 
und Naturgeschehen spiegeln, sind ethisch ausgedeutet 
worden, besonders durch das Eindringen griechischer Phi¬ 
losophie: Osiris war das „Qute (neubelebte) Wesen ", Se¬ 
tech wurde zum Satan. Diese Deutungen verbanden sich 
mit der Auferstehung im Jenseits, und die Seele, die das 
Totengericht überstanden hatte, wurde durch den freund¬ 
lichen Osiris zur Sündenvergebung und zum ewigen Heil 
geführt. So bedeuten die Mysterien von Busiris eine Ver¬ 
innerlichung des Glaubens, der seinen volkstümlichen Sinn 
auch noch in der mythologischen Verbrämung beibehalten 
hat, die ihm allmählich in steigendem Maße zuteil gewor¬ 
den ist. Busiris als Stadt hat einen starken Einfluß auf das 
religiöse Empfinden nicht ausüben können, da es politisch 
unbedeutend blieb. Aber seine Lehre ist in die großen 
ägyptischen Tempel ausgestrahlt, zuletzt in das griechische 
Alexandria; dort gingen aus der Legende des Osiris die 
Mysterien des Sarapis hervor, der den Osiris mit dem 
Stier Apis von Memphis in sich vereinigte, und neben dem 
seine Gattin Isis in ihrer Umgestaltung zur Weltgöttin 
stand. In die ständig erweiterten und örtlich veränderten 
Szenen der Mysterien des Osiris wurden immer mehr Gau¬ 
gottheiten und die hilfreichen Geister des Volksglaubens, 
wie der Zwergengreis Bes und das Nilpferd Ta-weret 
(Toeris), einbezogen, die auf ihre Weise dem Gotte in 
seinem Leiden beistehen und ihm zum endlichen Triumph 
verhelfen sollten. 

"Memphis. Die in Gau I von Unter-Ägypten bodenstän¬ 
digen Götter haben ihre eigenen Feiertage gehabt, zunächst 


208 


Ptah, der Herr der Stadt Memphis. An seinem Fest hat in 
Dynastie XIX der Priester Anchef-n-Hör, „Oberster des 
Geheimnisses der Wathor, Wer rin von Pep-jehu“ (heute 
Atfih in dem benachbarten oberäg. Gau XXII) teilgenom¬ 
men: „ich habe Ptah getragen bis zur Wöbe meiner Arme " 
(d. h. so hoch meine Arme es erlaubten). Damals hat auch 
ein „Pest des Sokar" stattgefunden, das im Alten Reich in 
jedem 6. Jahr begangen worden ist. Es bezog sich wenig 
auf Sokar als Totengott in der westlichen Wüste, sondern 
hatte als Höhepunkt einen „Umzug um die Mauern der 
Festung Memphis, verbunden mit dem „Aufhacken des 
Bodens ", das der König selbst vollzog, und dem „Auf- 
richten des Pfeilers Ved". Mit diesem Symbol des Osiris 
und dem fruchtbringenden Acker spielen die Mysterien von 
Busiris hinein, von denen man hier vorführte, wie Isis und 
Nephthys den in Memphis ertrunkenen Osiris aus dem 
Nil zogen. Das Fest des Sokar nach dem Zeremoniell von 
Memphis ist so berühmt gewesen, daß zwei hohe Beamte 
der XVIII. Dynastie an ihren Grabwänden in Theben den 
Hergang in Bild und Wort gezeigt haben. An dem Umzug 
durch die Felder kann eine große Volksmenge teilgenom¬ 
men haben wie bei der Prozession an dem Fronleichnam. 
Nachdem man vier Tage lang den Tod des Osiris beklagt 
hatte, begann nach der „Göttlichen Macht" in der Morgen¬ 
dämmerung des „Pest des Sokar", an dem man unter lau¬ 
tem Jubel den wiedergefundenen Osiris begrüßte. Der Ruf 
„Wir haben ihn gefunden!" wird nicht weniger erlöst ge¬ 
klungen haben als der „Christ ist erstanden!' 1 in der Oster¬ 
nacht der rumänischen Kirche. 

Abydos. Der einheimische Ortsgott von Abydos (ober¬ 
ägyptischer Gau VIII) war der Hund Chenti Amentiu 
„Erster der Westlichen", und ihm, einem Totengott, zu 
Ehren sind die Feste der Stadt gefeiert worden. Bei einem 
solchen hat der Bildhauer Si-Re in Dynastie XII an einer 
Prozession des Chenti Amentiu teilgenommen. Seinem 
Schutze waren die Gräber der Könige aus Dynastie I—III 


14 Roeder, Pharaonenreich 


209 





<n>«* anvertraut, die aus Gau VIII stammten und sich in dem 
jj westlichen Friedhof des Gaues bestatten ließen. Als dann 
Osiris von Busiris (unteräg. Gau IX) nach Abydos über¬ 
tragen wurde, wanderten seine Feiertage und seine Myste¬ 
rien mit dem Leiden und der Auferstehung des Gottes ein. 
Osiris trat an die Stelle des Chenti Amentiu, und unter 
Sesostris III. (Dyn. XII) hat der Schatzmeister I-cher-nofret 
die Schreine mit den Götterbildern in dem Tempel von 
Abydos erneuert; dabei durfte er als ein „ Oberster des 
Geheimnisses" die Figur des Osiris mit Gold und Edel¬ 
steinen versehen. Bei dem „Auszug" (Prozession) hat er 

W sich in der Schar des Wolfes Wep-wawet von Siut 
\ (Gau XIII) beteiligt, die die Feinde des Osiris von seiner 
Neschmet- Barke ab wehrte; die Teilnehmer an dem Fest¬ 
spiel waren also in zwei Parteien gegliedert, die einen 
Kampf gegeneinander auf führten. Ein weiterer Kampf hat 
sich auf Schiffen abgespielt, als Osiris über den Nil ge¬ 
fahren wurde, um in der westlichen Wüste bei Peker 
bestattet zu werden. Der Wep-wawet dieses Festspiels wird 
ebenso hergerichtet gewesen sein wie „die beiden Wölfe ", 
die bei einem anderen Umzug als Führer gedient haben, 
und wie der Totengott Anubis mit dem Hundekopf, der 
die Leiche des Osiris balsamiert hat: sie wurden durch 



einen Mann dargestellt, dem ein Helm mit der Maske eines 
Hundekopfes aus Pappe oder Ton aufgesetzt war. 

Hieben. Die verschiedenen Gottheiten der einzelnen Orte 
des IV. oberägyptischen Gaues haben ihre besonderen Feste 
gehabt, die vorzugsweise dem Gaugott Montu galten. Er 
hatte einen Kult in Madu (heute Madamüd), über dessen 
Ablauf wir durch eine Abrechnung aus Jahr 3 des Königs 
Sobek-hötep (Dyn. XIII) unterrichtet sind. Am 27. Tage des 
2. Monats der Überschwemmung holte ein Beauftragter des 
Pharao die Statue des Montu, begleitet von den Frauen 
des göttlichen Harems, in den Säulensaal des Palastes, 
in den Bauern ein Rind pflichtmäßig, ein weiteres frei¬ 
willig als Opfer brachten; der gesamte Hofstaat erhielt 


210 


Festzulagen. Am 17.—18. Tage des 3. Monats der Über¬ 
schwemmung wurde ein weiteres Fest des Montu gefeiert, 
bei dem 70 hohe Beamte an der Hoftafel verpflegt wurden, 
während die königliche Familie mit ihrem Hofstaat geson¬ 
dert speiste. Auf die Vorführungen bei dem Fest, die in 
der Abrechnung nicht erwähnt werden, kann man schließen 
durch Zahlungen an Handwerker, die vielleicht den Fest¬ 
platz hergerichtet haben, an Polizisten und Wächter für 
die Absperrung der Volksmenge. Die Kapelle der „Sänger 
mit der Harfe" und der „Sänger mit der Hand " (d. h. den 
Takt klatschend) mag auch Götterhymnen vorgeführt haben; 
aber der „£adher" hat seinen Lohn gewiß als Hofnarr 
erhalten. 

Einen nicht ganz so weltlichen Eindruck machen die Fest¬ 
feiern der beiden Tempel am Nil, obwohl Gesang und Tanz 
auch bei ihnen nicht fehlt. Wenn Amon von Theben am 
Neujahrstage in seinem Tempel von Karnak seine Opfer¬ 
gabe angenommen hatte, wurde er, d. h. seine Statue, aus 
dem Allerheiligsten, in einem Schrein auf ein tragbares Boot 
gesetzt, und auf den Schultern der Priester begab er sich in 
feierlicher Prozession nach dem Nil auf sein prunkvolles 
Schiff. In ihm wurde er etwa 2j^ km weit stromauf nach dem 
Tempel von Luksor, der „Südlichen Kapelle" gefahren, auf 
dem Lande begleitet von einer großen Schar von Priestern, 
Soldaten, Musikern und jubelndem Volk, das von den 
Hymnen der singenden Priester nicht viel verstanden haben 
wird. In Luksor wurde Amon in das Innere des Tempels 
getragen, um die Tänze der Damen des göttlichen Harems 
entgegenzunehmen, die aus dem heiligen Rhythmus wohl 
in den leidenschaftlichen übergegangen sein werden, auch 
wenn die Tänzerinnen den höchsten Kreisen angehörten, 
gelegentlich sogar Prinzessinnen waren. Wenn der König 
nicht seine Stiftung durch den Hohenpriester darbringen 
ließ, erschien er selbst bei dem Fest zum Opfer vor Amon. 
Am Abend machte Amon seinen Rückweg von Luksor nach 
Karnak wieder zu Lande und zu Wasser mit dem gleichen 


211 



Aufwand an Menschen und an Festlichkeit wie bei dem 
Hinweg am Morgen. Bei diesem „Schönen lest von Opet" 
besuchte Amon seinen Harem im Süden, wie er an anderen 
Feiertagen seine Gattin Mut in ihrem Heiligtum in Karnak 
dicht neben dem seinigen besuchte. Das Götter fest wurde 
durch die Teilnahme der Menge zu einem Volksfest mit 
weltlichen Freuden, die man gründlich auskostete. Ein Um¬ 
zug mit einem Boot des Ortsheiligen Jüsuf Abul-Haggäg 
hat sich bei den muslimischen Bewohnern von Luksor bis 
auf den heutigen Tag erhalten, wieder begleitet von Mit¬ 
gliedern der kirchlichen Brüderschaften, von Musikern, Sol¬ 
daten, Tänzern und Sängern. 

Als die Grafen des IV. Gaues Könige von Ober- und Unter- 
Ägypten geworden waren, strömten aus dem ganzen Reich 
Kulte in die Hauptstadt Theben hinein, und Feste orts¬ 
fremder Gottheiten wurden gefeiert. Graf Jah-möse, „ Ober¬ 
ster des Geheimnisses des Hauses des JAorgens“ unter 
König Thut-mose III. (Dyn. XVIII), für dessen morgen- 
liche Fußwaschung er zu sorgen hatte, war „Leiter des 
festes der B astet" (der Katzengöttin von Bubastis in dem 
unteräg. Gau XIX), und „Leiter des festes aller Götter". 
In seinem Grabe (241) in Theben hat er eine Festfeier mit 
Musikanten dargestellt, neben denen ein Lautenspieler 
singt: „Wie stark ist Amon, der geliebte (jott, wenn er in 
Opet-asut (Karnak) erscheint, seiner Stadt, der Herrin des 
Lebens!“ Drei Frauen klatschen in die Hände und singen: 
„Alle, alle Leute des Hauses des Amon sind in festfreude. 
Er ist gut, Amon-Re, und er ist es, der den Herrscher liebt!" 
Das sind gewiß Verse aus Liedern, wie sie wirklich von 
dem Volke bei seinen kirchlichen Festen gesungen worden 
sind. Feierlicher Eindruck und rhythmischer Schwung wird 
erst durch Melodie und Wiederholung einzelner Glieder 
bewirkt worden sein. 

Gnu III. Die Städte südlich von Theben haben für ihre 
bodenständigen Gottheiten auch gewiß besondere Kult¬ 
feiern mit eigenartigen Festveranstaltungen gehabt. In 


212 


Dynastie XIII ist Hor-em-chawef, Hoherpriester des Horus 
von Nechen, der Stadt auf dem Westufer von Gau III, in 
die Residenz befohlen worden, damals nahe dem Fajjüm 
(Gau XXI), um eine dort angefertigte Statue des „Horus 
von Nechen zusammen mit seiner JAutter Isis, der seligen", 
in einem Schiff stromauf nach Nechen zu bringen. Ein Bild 
eines liegenden Falken aus Kupfer mit goldenem Kopf ist 
in Nechen gefunden worden und könnte das damals von 
dem König gestiftete sein. Isis ist hier nicht einheimisch, 
sondern durch den Osiris-Dienst hereingetragen, der sich 
im Alten Reich von Busiris aus über das ganze Niltal ver¬ 
breitet hat. Ebenso ist ein Lied an Isis in den Kult von 
Gebelen (auf dem Westufer weiter nördlich) eingedrungen, 
in dem es bei einer Prozession gesungen wurde, als die 
Göttin in ihr Schiff stieg, um über den Nil zu fahren. 
Mindestens siebenmal erklang der Anruf: „Komme zu 
mir, Isis, zum Schutze!", dem eine Zeile mit einem Gebet 
der Gläubigen folgte. Solche Litaneien konnten leicht als 
Wechselgesang zwischen einem Priester und dem Chor des 
Tempels vorgetragen werden. 

Edfu. Mit der Hauptstadt des II. oberägyptischen Gaues 
treten wir dicht an die Grenze von Nubien heran, aus dem 
Horus, der Falke und die Sonne von Edfu, gekommen sein 
soll. In dem reichen Mythenkranz von Edfu hat er ver¬ 
schiedene Züge in sein Wesen aufgenommen, die ihn in 
wechselnder Gestalt bestimmte Erlebnisse haben lassen. In 
den Kämpfen der Urzeit war der Falke Horus der Schutz¬ 
gott des südlichen Ober-Ägypten, und er stritt mit Setech 
um die Oberherrschaft (Abb. 34, 35). Diese Vorgänge 
sind die Grundlage zu einer mythologischen Erzählung, in 
der Horus und Setech ihre Streitigkeiten teils mit Worten 
vor dem Allherrn und der Neunheit der Götter ausfechten, 
unterbrochen durch tragische oder komische Zwischenfälle, 
Überlistung durch Isis als schöne Frau sowie ein pädera- 
stisches Abenteuer; teils mit Gewalt im Kampf zu Wasser 
von Booten aus oder verwandelt in Nilpferde. Der Mythus 


213 


ist durch nachträgliche Überarbeitung in eine Form ge¬ 
bracht, in der, wenn sie auch in Theben gestaltet worden 
sein mag, deutlich die Götter des Deltas in den Vorder¬ 
grund gerückt sind, besonders Osiris von Busiris (Gau IX) 
als Vater des Horus und Herr der unterirdischen Mächte, 
dann Ptah von Memphis (Gau I) und vor allem der All¬ 
herr Atum und seine Neunheit von Heliopolis (Gau XIII). 
Vielmehr in dem Legendenkreis von Edfu bleibt der My¬ 
thus von dem jugendlich kämpferischen Sonnengott Behedti, 
der dem Schiff des über den Himmelsozean fahrenden All¬ 
herrn Re Hor-achti den Weg freimacht. Der Kampf ist auf 

- -v die Erde verlegt, und aus den Wolken und dem Gewitter- 

nrir drachen Apophis, die die Sonne verdunkeln wollen, sind 
Flußpferde und Krokodile im Nil geworden, die Horus 
Behedti immer wieder mit seinem Speer ersticht. 

Diese Ereignisse des Götterlebens hat man in Edfu in 
großem Umfange zu dramatischen Vorführungen gestaltet. 
In einer Szene kommt die Göttin Lanze und bringt dem 
Horus seine magische Lanze, die ihm An-hüret, der 
Lanzenwerfer unter den Göttern, angefertigt hat als eine 
Waffe, die sicher den Feind durchbohren wird; der Chor 
bekräftigt die Aussicht auf den zukünftigen Sieg des Horus 
durch ein Lied auf den tapferen Kämpfer. In mehreren 
anderen Szenen tötet Horus das Nilpferd, in das Setech 
sich verwandelt hat, ermutigt von seiner Mutter Isis, die 
ihm geschmiedete Waffen aus der Werkstatt des Ptah 
(griechisch Hephaistos) von Memphis gebracht hat, ebenso 
wie Thetis für ihren Sohn Achilleus vor Troja. In einem 
Prolog ist der Schauplatz das Delta, aus dessen Städten 
Busiris (Gau IX) und Buto (Gau VI) Texte und Bilder nach 
Edfu gebracht sein mögen. In Busiris läßt Thot als voraus¬ 
schauender Leiter des Unternehmens das Schiff landen, 
auf dem Isis mit dem starken Jüngling Horus landet, der 
nun gegen seine Feinde ziehen soll, besonders das große 
Nilpferd „ Stier der Sümpfe". Die andere Szene spielt auf 
einem Boot an der Insel Chemmis in den Sümpfen bei 



214 


Buto, wo Horus verborgen auf gewachsen ist. Der von 
seiner Mutter aufgestachelte Jüngling greift das Nilpferd 
an, und Isis mit den besorgten Bewohnern des Himmels 
ermutigen Horus, wie die Götter der Hellenen es taten, 
als ihre Schützlinge sich vor Troja bekämpften. Die Szenen 
des Dramas von Edfu geben keinen folgerichtigen Aufbau 
der Handlung, sondern stehen, ihre verschiedene Herkunft 
verratend, zuweilen als selbständige Auftritte nebeneinan¬ 
der, gelegentlich sogar sich widersprechend. 

Es gab eigene Götterspiele, die bestimmte Szenen in er¬ 
weiterter Form vorführten, z. B., gewiß im Delta verfaßt, 
die Schicksale des Horus-Kindes, das von einem Skorpion 
gebissen, von Isis mit Wehgeschrei beklagt, dann aber von 
dem zauberkundigen Thot und der Skorpiongöttin Selket 
geheilt wird. Dem Einzelspiel dieser Hauptpersonen folgt 
ein Chor der Einwohner und der Ammen von Buto, die in 
die Hände klatschend einen Tanz vorführen, bis der kleine 
Horus von dem Allherrn Re und von seinen Eltern Osiris 
und Isis in ihren Schutz genommen wird. Besondere Freude 
müssen die ägyptischen Zuschauer, wie die spanischen an 
Stierkämpfen, an der Bezwingung des Nilpferdes des Se¬ 
tech und der großen Schlange des Apophis gehabt haben. 
In immer neuen Fassungen werden Setech und Apophis 
vernichtet; eine Niederschrift mit den Anweisungen und 
Reden für eine solche Vorführung heißt: „ Das Geheimnis 
des Rituals der Niederwerfung des Wütenden , verfaßt für 
den Jempel des Osiris". Auf einer Holzplatte saitischer 
Zeit rühmt sich der Stifter: „Jdh habe die 47 Bücher von 
der Vernidjtung des Apophis gelesen", durch seine Kennt¬ 
nis glaubte er wohl einen besonders kräftigen Zauberschutz 
zu besitzen, der im Jenseits alle Gegner vor ihm nieder¬ 
werfen konnte. 

Philae. Der südliche Beginn des ersten Kataraktes ist, wohl 
erst in der Spätzeit, Schauplatz von Mysterien des Osiris 
und der Isis geworden, die hierher aus Busiris und Abydos 
übertragen sein werden. Mag den Anlaß die großartige 




215 


Abb. 64. Denkstein eines Mannes grie¬ 
chischer Zeit, der in die Mysterien 
der Isis von Pnilae ein geweiht war. 
Die Göttin, deren Kopf unter grie¬ 
chischem Einfluß in Vorderansicht ge¬ 
zeichnet ist, sitzt nach ägyptischer 
Weise auf ihrem Thron und säugt ihren 
kleinen Sohn Harpokrates („Jtorus das 
Kind"). Der Myste, in einem Gewand 
nach griechischem Schnitt, steht vor 
ihr mit einem Palmzweig, dem Sym¬ 
bol der Mysterien der Isis. Uber dem 
Himmel schwebt die geflügelte Sonne, 
von der zu ihrem Schutze zwei 
Schlangen herabhängen. 


Felsenlandschaft gebildet haben (oberäg. Gau I), oder der 
Wunsch, die ägyptische Kolonie auf dem Boden von Nubien 
(Kap. VI) auch in religiöser Hinsicht fest an das Mutterland 
zu binden, die stillen Festfeiern in dem Tempel der Isis 
auf der Insel Philae und die Bestattung des Osiris auf der 
nahen Insel Biga und endlich seine Wiederauferstehung 
entwickelten sich im Gegensatz zu den lauten Kulten der 
Nubier zu den eindrucksvollsten Festfeiern von ganz Ägyp¬ 
ten (Abb. 64). Aus den Darstellungen und Inschriften der 
Tempel von Philae und Biga wird der Verlauf der heiligen 
Handlungen mit vielen Einzelheiten bekannt, später mit 
nubischen Gebräuchen durchsetzt (unten S. 240). In einer 
unter Kaiser Hadrian (117-—138 nachChr.) eingemeißelten 
Inschrift ist uns ein Erlaß des Götterkönigs zum Schutze 
des Grabes des Osiris auf Biga erhalten, den Thot, der 
Schreiber der Götter, selbst aufgezeichnet hat. In ihm ist 
festgelegt, wie die Stille der heiligen Insel (griechisch Aba¬ 
ton) gewahrt und die Opfer und Gebete auf ihr darge¬ 
bracht werden sollen. 



216 


LEBENSWEISHEIT UND ETHIK 


Das Ziel aller religiösen Vorschriften ist es, den Men¬ 
schen zu gutem Handeln zu veranlassen, und die Ägypter 
haben diese Aufgabe ihres geistigen Lebens mit der Nüch¬ 
ternheit erfaßt und durchgeführt, die ihrer inneren Ein¬ 
stellung auch sonst eigen ist. Der Grieche Platon hat seine 
lebensklugen Männer die Grundsätze der Moral erörtern 
lassen, um die guten Handlungen von allen Seiten zu 
beleuchten. Der ägyptische Weise dagegen hat Anweisun¬ 
gen gegeben, wie man handeln muß, um den ethischen 
Grundsätzen gerecht zu werden. Weise der Vorzeit sind 
es gewesen, die eine „ Unterweisung der Belehrung" oder 
„Lehre der Erziehung" auf gestellt haben, und in zahlrei¬ 
chen Beispielen zeigen, wie der Mann, besonders der des 
Lebens noch unkundige Jüngling, sich zu verhalten habe, 
wenn er als vortrefflicher Mensch gelten will. Das hat nicht 
nur Bedeutung für sein Ansehen auf dieser Welt, sondern 
auch sein Seelenheil im Jenseits hängt davon ab, wenn 
die Taten im Totengericht gewogen werden. 

Der König, durch sein Amt der Sohn aller Götter und 
Göttinnen, mit der Anwartschaft auf die völlige Vergött¬ 
lichung nach seinem Tode begabt, ist von früh bis spät 
durch religiöse Vorschriften umgeben, die sein Handeln 
regeln. Erwirbt ein Pharao sich durch Befolgung dieser 
moralischen Gesetze den Ruf eines guten und rechtschaf¬ 
fenen Herrschers, so dankt es ihm die Nachwelt durch 
Lobpreis des untadeligen Fürsten, und die Götter nehmen 
den zu ihnen Aufgefahrenen in ihre Mitte auf. Die In¬ 
schriften der großen Tempel sind voll von Versicherungen 
der Könige an den dort heimischen Gott: „J<h habe -Ägyp¬ 
ten nah dem Wunsche der Qötter eingerichtet und es mit 
Tempeln bebaut" , oder er habe seinen Untertanen alles 
Gute erwiesen. Der Gott erwidert ihnen mit der Anerken¬ 
nung: „Ich bin dein Vater", oder „Ich wende mein (jesiht 


i 


217 


nah Süden (bzw. ‘Norden, Westen oder Sonnenaufgang), 
und ich tue Wunder für dich " (folgen die Gnaden- 
erweisungen). Die stillschweigende Voraussetzung für das 
Geschenk der Götter ist das einwandfreie Verhalten des 
Pharao — aber einen Zweifel daran lassen die Tempel¬ 
inschriften und das Dogma der Priesterschaft nicht zu. 

Die Großen des Königs und die Schar der Beamten seiner 
Regierung sind am Ende des Alten Reichs in der litera¬ 
rischen Fassung Männer von ethischem Eigenwert gewor¬ 
den, die ein religiöses Idealbild zu erfüllen hatten. 
In den Lebensbeschreibungen, die sie in ihrem Grabe haben 
an die Wand meißeln lassen, rühmten sie sich: „Ich war 
ein Vater der Waisen und ein Qatte der Witwen und ein 
Shutz der frierenden. Ich gab Brot dem Hungernden und 
Kleider dem Nackten". Der Zusatz: „3ch begrub den, der 
keinen Sohn hat", weist auf die Pflicht jedes ägyptischen 
Sohnes hin, für eine würdige Bestattung seines Vaters zu 
sorgen und ihm ein ruhiges Jenseits zu verschaffen. „Jch 
redete für einen Mann, ohne daß er es wußte", heißt im 
Stillen Gutes tun. Wie ein guter Beamter, Schreiber und 
Gelehrter handeln soll, läßt eine poetische Verherrlichung 
erkennen, deren Verse mit religiösen Anspielungen sind: 
„Du bist einer, der ein Qottesvater (Priester) ist, ein Ober¬ 
ster des Geheimnisses. Du trägst den Wedel in deiner 
Rehten und das königliche Leinenband in deiner Linken. 
Die Hand des Schow shützt dih, der du deinen Herrn 
verklärst." Ferner ein anderer: „Du bist einer, der weit an 
Shritten ist an dem Jage des festes des Sokar, wenn du 
das Volk von fa-meri (Ägypten) zu deinem Herrn gelei¬ 
test, die Geißel in der Hand haltend." Und ein dritter: 
„Du bist einer, der das Vzat-Auge der Mut, Herrin des 
Himmels, umarmt an dem ersten fage, an dem man sie 
auf dem See von Ashru (in Karnak) fährt." 

Sprichwörter, die im Laufe einer Schilderung an¬ 
geführt werden, spiegeln in literarischen Texten die volks¬ 
tümliche Ethik wieder. Eines lautet: „Es gibt kein Zögern 


in fa-meri " (Ägypten), d. h. man soll mit Wohltaten nicht 
zurückhalten. Ein anderes: „Wenn es ein Befehl Gattes ist, 
so geshieht es." 

Schreibt ein gebildeter Mann einen Brief, so stuft er 
die Formeln seiner Höflichkeit ab, je nachdem ob er an 
einen hohen Vorgesetzten berichtet, einem Verwandten 
oder Freunde Mitteilungen macht oder einem Untergebenen 
Anweisungen erteilt. Aber immer sind Wünsche für das 
Wohlergehen des Empfängers damit verbunden, die, wenn 
nicht aus einem freundlichen Herzen, so doch aus einer 
guten „Lehre der Erziehung" kommen. Der Brief eines 
hohen Beamten an einen ihm unterstellten Verwaltungs- 
sekretär beginnt: „Graf Montu-hotep begrüßt den Shrei- 
ber Jah-möse von (der Verwaltung des) Pen-jati, mit Leben, 
Heil, G esun dheit, sowie der Qnade des Amon Re, Königs 
der Götter (in Theben), und des Atum, Herrn von Onu 
und des Re Harahte (in Heliopolis), und des fhot, Herrn 
der G°ttesworte, und der Seshat, Herrin der Shrift (in 
Hermopolis), und deines heiligen Gottes, der dih liebt — 
sie mögen dir Qnade und Beliebtheit geben und fühtig- 
keit an jedem deinem Platze! Also:" (folgt eine dienstliche 
Anweisung über einen Hausbau). Ein vollständiger Brief 
zwischen zwei gleichgestellten Beamten lautet: „Hori begrüßt 
seinen Herrn Jah-möse mit Leben, Heil, G es undheit, so¬ 
wie mit der Qnade des Amon Re, Königs der Götter, und 
des Ptah, Südlih seiner Burg (in Memphis), und des fhot, 
Herrn der Qottesworte (in Hermopolis), und der Götter 
und Göttinnen, die in Opet-asut (Tempel von Karnak in 
Theben) sind — sie mögen dir Qnade und Beliebtheit 
geben und fühtigkeit an jedem deinem Platze! Also: Wie 
ist dein Zustand ? Wie geht es dir? Siehe mir geht es 
gut!" (Ende des Briefes!). In einem griechisch geschrie¬ 
benen Brief bittet der Schreiber zunächst die Götter um 
Segen für den Empfänger, und dabei ruft er neben anderen 
Gottheiten auch den Daimon des Empfängers an/ das er¬ 
innert an die ständige Begleitung des Königs und des Pri- 


218 


219 


vatmannes in ägyptischen Gräbern durch seinen Xa (Seele) 
als seinen guten Geist. 

Weisheitslehren wie die geschilderten und ihre 
Auswirkungen sind nicht nur aus Ägypten bekannt. Lehr¬ 
hafte Bücher des Alten Testaments der Israeliten, grie¬ 
chische Betrachtungen und römische Satiren schlagen ähn¬ 
liche Töne an, deren Melodien und Rhythmus zuweilen 
mit den ägyptischen Zusammengehen. Das Alter der ägyp¬ 
tischen „Lehren", deren Verfasser meist im Alten Reich 
gelebt haben, macht es zweifellos, daß sie zuerst die lite¬ 
rarische Fassung gefunden haben, die andere Mittelmeer¬ 
völker bei ihnen kennenlernten und dann in einer eigenen 
Gestaltung ausbildeten, die ihrer Geistesrichtung gemäß war. 
Geschichtlich gesehen, sind die ägyptischen Lehren die von 
einer hochentwickelten Kultur ausgestalteten Vorstellungen 
einer Urzeit, in der Heiligkeit, Sittlichkeit, Gesetz und 
ethische Bindungen zuerst entstanden waren. Damals hatte 
der Glaube an die Beseeltheit der ganzen Natur auch die 
sozialen Gliederungen und Organisationen mit übernatür¬ 
lichen Kräften erfüllt und die einen als geweiht geachtet, 
die anderen als unrein verdammt. Mit der Bildung von Fa¬ 
milie, Stamm und Staat entwickelte sich für die Gesell¬ 
schaftsklassen eine Moral, die ihre literarische Fassung er¬ 
hielt und in der die religiösen Begründungen fortwirkten, 
nunmehr von dem Tabu zu einer gelehrten und ästheti¬ 
schen Weisheit hochgezüchtet. 

Auf den Wasir (Kanzler) Ptah-hotep des Königs 
Asosi (Dyn. V) geht die Lehre zurück, in der er einen jun¬ 
gen Beamten, seinen „Sohn" (Schüler?), zu einem Aufstieg 
vorbereitet, oft mit religiösem Hintergrund, denn „es ist 
der Befehl Qottes, der ausgeführt wird". „Wer (die Lehre) 
befolgt , wird von C}ott geliebt ; Qott haßt aber den , der 
nicht auf sie hört. Andere Anweisungen an seine Kinder 
von ähnlicher Tonart hat der Wasir unter König Huni 
(Dyn. III) gegeben; sie waren so fördernd, daß einer der 
belehrten „Söhne" namens Ka-gemni, von dem fol¬ 


genden König Snofru (Dyn. IV) zum Vorsteher der Resi¬ 
denz und Wasir ernannt wurde. Der gelehrige Schüler 
hatte die Mahnung der „Lehre für Ka-gemni" befolgt, 
sich bescheiden zurückzuhalten, im Reden wie im Essen. 
Von einem einfachen Mann kommt die „Lehre des D wawef, 
Sohn des Cheti", die er für seinen Sohn Pepi schrieb, als 
dieser zur Residenz in das „Klaus der Bücher" fuhr, also 
auf die Hochschule gehen sollte. Seine Vorschriften für das 
Verhalten im täglichen Leben, besonders den Handwerkern 
gegenüber, laufen auf ein Lob der gelehrten Berufe hin¬ 
aus. In ihnen allein waltet der Schutz der Götter: Renen- 
wetet, die Göttin der Ernte, und Mesechnet, die Förderin 
der Geburt, geben dem „Schreiber" Nahrung und helfen 
ihm zu Kindern seiner Kinder. In die höchsten sozialen 
Schichten hinauf führen die Lehren, die von einem König 
als sein politisches Testament für seinen Sohn und 
Nachfolger verfaßt sind. Wir kennen mehrere aus 
Dynastie XI—XII, die im Geist der Literatur des Mitt¬ 
leren Reiches geschrieben, aber fast ein Jahrtausend lang 
bis in das Neue Reich hinein als Vorbild verbreitet worden 
sind. Zwar ist der König „als Qott erschienen ", aber er 
hat seinen guten Vorfahren zu folgen, die Götter zu ehren 
und ihnen zu opfern, denn „Qott kennt den , der etwas 
für ihn tut". Immer wieder wird vor Verstellung und 
Heuchelei gewarnt, denn „Qott kennt jeden ‘Namen ", und 
er „tötet seine Jeinde und bestraft seine Kinder wegen 
ihrer bösen Qedanken". Wehe dem Sünder im Jenseits 
bei dem Totengericht „an jedem Jage , an dem man den 
Bösen richtet , in der Stunde, in der man das Urteil fällt": 
dann sind die Richter nicht milde, und der Ankläger ist ein 
Weiser. „Nach dem Jode bleibt der Mann.allein übrig , 
und seine Jäten werden neben ihm auf gehäuft" ohne Be¬ 
schönigung, selbst wenn er der König war. 

In der „Unterweisung des Ani" aus dem Neuen Reich 
belehrt dieser seinen Sohn Chonsu-hötep, wie er sich zu 
verhalten habe, um es zu einem angesehenen Mann in Amt 



und Besitz zu bringen. Wenn man auch nicht aus einer 
angesehenen Familie kommt, so kann man doch durch ge¬ 
wissenhafte Regelung aller Handlungen auf steigen. Man 
frevle niemals gegen Fürsten, sei taub gegenüber vertrau¬ 
lichen Mitteilungen, und man reize keinen wütenden Vor¬ 
gesetzten durch freche Antworten. Von dem Pöbel halte 
man sich fern, noch mehr von hergelaufenen Dirnen, und 
von verheirateten Frauen lasse man sich nicht verlocken, 
sondern heirate jung, damit die Familie groß wird. Aber 
die Kirchenfeste soll man feiern und eifrig opfern, auch 
die Totenopfer für die Eltern, und sein Gebet spreche man 
im Verborgenen, nicht laut. Für das eigene Seelenheil sorge 
man frühzeitig durch Anlage eines Grabes. Wer Gottes 
Zorn fürchtet, preist ihn, und er gibt Brot den Armen. Der 
Sohn versprach zwar die Lehren seines Vaters anzuneh¬ 
men, bat aber trotz seiner Zerknirschung doch, ihm nicht 
noch mehr Vorschriften zu machen. Der unerbittliche Vater 
aber wehrte jedes Klagegeschrei ab: „Jdh werde dich bän¬ 
digen, wie man wilde Piere zähmt oder einen Barbaren 
Ägyptisch lehrt." 

Am Ende des Neuen Reichs ist die „ Lehre des Lebens 
und "UnterWeisung des Ueils" verfaßt, mit der Amon-em- 
Opet, Schreiber der Ernte in Ägypten, beamtet als ein 
„wahrhaft Schweigender in Abydos" (oberäg. Gau VIII), 
stammend aus Ipu (Achmim, Gau IX), wo er sich auch 
sein Grab angelegt hatte, in 30 „Häusern" (Sprüchen) 
seine Lebenserfahrung weitergibt an seinen Sohn Hor-em- 
macheru, der in den geheimen Gottesdienst den Min in 
Ipu eingeführt war. Hier und dort werden die praktischen 
Anweisungen durch eine religiöse Begründung bekräftigt: 
der Schreiber hüte sich, die Ordnung zu übertreten, denn 
„D er Pavian sitzt in Chmunu (oberäg. Gau XV), und sein 
Auge durcheilt die beiden Länder!" Der Kornmesser möge 
keine falschen Listen schreiben, denn „Vas Auge des Re ist 
das richtige Maß, und sein Abscheu ist es, wenn jemand 
etwas von ihm wegnimmt!" Der ertappte Fälscher wird 

222 


dann „im Pempel einen Lid zu leisten" haben. „Qott allein 
lebt in seiner Vollendung, aber der Mensch lebt in seiner 
r Unvollkommenheit„Ls gibt keine Vollendung als nur 
durdfj Qott, aber es gibt auch keine Unvollkommenheit vor 
ihm." „Der Mensch ist Lehm und Stroh, aber Qott ist sein 
Maurer, er reißt täglich ein und baut es wieder auf." Die 
Lehre des Amon-em-Opet ist in das Buch „Sprüche Salo- 
mons" des Alten Testaments übergegangen als „Dreißig 
Sprüche als Rat und Belehrung". Der dort angerufene 
„Qott" ist der israelitische Jahwe, während in seiner ägyp¬ 
tischen Vorlage das Wort nüter allgemein mit „Qott" oder 
mit „Der Qott" übersetzt werden kann, wobei der Gläu¬ 
bige an einen bestimmten, zunächst seinen Stadtgott, ge¬ 
dacht haben mag. 

Die alten Lehren klingen weiter in Niederschriften von 
Ägyptern in griechischer Sprache. Im 3.—4. Jahr¬ 
hundert nach Chr. hat ein Schüler in seinem Heft eine 
Schilderung, des idealen Lebens abgeschrieben, die in dem 
einheimischen Geist des Niltals verfaßt ist: Der wahre Be¬ 
ginn der Weisheit, das sind die Bücher, und ein Leben 
ohne Bücher ist kein Leben. Drei Geißeln gibt es: das 
Meer, das Feuer und das Weib/ die Grausamkeit einer 
Frau wiegt die einer Löwin auf. Der Geist in uns ist der 
Gott, der am meisten vorausschaut. Der vorbildliche Mann 
muß immer eine hohe Seele zeigen, aber Hochmut ist das 
größte LInglück. Der größte Schatz ist ein zuverlässiger 
Freund, aber Verleumdung kann ein Leben zerstören. 

DER ZWEIFLER UND SPÖTTER 
UNTER DEN GLÄUBIGEN 

Der gläubige Ägypter vertraute auf die Güte seiner Göt¬ 
ter, und er erwartete seine Rechtfertigung im Jenseits. 
Aber er sah im täglichen Leben doch manches, das ihn an 
der Richtigkeit der Dogmen, der Verheißungen und der 
Lehren zweifeln ließ. Gewiß war der König im Besitz 

223 


r 


überirdischer Kraft und Weisheit, und er war den Göttern 
ähnlich, zu deren Himmel er einst auffahren sollte. Aber 
man wußte doch, daß er früher einmal ein gewalttätiger 
General war, oder daß er durch ein Orakel aus dem Kreise 
der Prinzen ausgewählt worden war, oder man hatte von 
seiner Ermordung durch eine Empörung im Palast gehört. 
Wer die religiösen Texte kannte, wußte von den Dä¬ 
monen, die sich der Himmelfahrt des Pharao entgegen¬ 
stellten, und es hat nicht erst der römischen Parodien auf 
den Kaiserkult bedurft, um den Spott der Ägypter über 
die göttliche Majestät ihres Herrschers zu wecken. 

Der gläubige Ägypter wußte aus allen „ Unterweisun¬ 
gen", daß die Götter die Guten belohnen und die Bösen 
strafen. Aber wenn er doch nur zu oft das Gegenteil be¬ 
obachten mußte, kam ihm die Frage nach der Gerechtigkeit 
der Götter. Manchen Anweisungen der „Belehrungen " liegt 
unausgesprochen eine solche Skepsis zu Grunde. Eben¬ 
so glaubte der Gläubige der Freuden sicher zu sein, die 
ihm seine Götter für das Jenseits verhießen; aber ihn packte 
doch ein leiser Schauder, wenn er an seinen Tod dachte. 
Dann wurde er zur Mumie: „Der seine Beine zum Sdbrei- 
ten zu offnen pflegte, ist nun gefesselt, eingewickelt und 
gehemmti er schläft in dem abgelegten Qewand von gestern ". 
Vor diesem Schicksal war niemand sicher, und man warnte 
vor dem Tod als Räuber: „Sage nicht: idh bin noch zu 
jung, als daß er mich holen könnte, weil du deinen Jod 
noch nicht kennst. Der Jod kommt und raubt das 'Kind, 
das noch auf dem Schoß seiner Mutter sitzt, ebenso wie 
den Mann, wenn er ein Qreis geworden ist." Frau Ta- 
Imhötep, die 42 vor Chr. in Memphis starb, kennt auf 
ihrem Grabstein die Grausamkeit des Schicksals: „Der Jod, 
dessen Marne ,Xomm!‘ ist, ruft alle zu sich, und jeder 
kommt sogleich zu dem Unsichtbaren, dessen Macht sich 
niemand entziehen kann. Er raubt den Sohn aus dem Arm 
seiner Mutter lieber als den Alten, der (schon) in seiner 
Mähe umhergeht." Das Jenseits ist ein finsteres und was¬ 


serloses Land, und wer konnte sagen, ob wirklich frische 
Luft und strahlender Sonnenschein dorthin dringen? Wenn 
die kniende Witwe an der Leiche des aufgebahrten Gatten 
klagte, sollte sie nach allen Verheißungen dessen sicher 
sein dürfen, daß er es dort drüben gut hat. Aber gelegent¬ 
lich tauchen auch aus ihrem Munde und der Klagefrauen 
Worte über das Jenseits auf, die ganz anders lauten als 
das übliche Lob seiner Freuden; so in Theben (oberägyp¬ 
tischer Gau IV): „Wehe dir, der du reich an Leuten warst! 
Er geht an allen seinen Angehörigen vorüber, und er eilt 
zu dem Lande der Ewigkeit und der Jinsternis, in dem es 
kein Licht gibt." Oder im oberäg. Gau XVI: „Das Haus 
derer im Westen, es ist tief und finster. Micht gibt es eine 
Jür, nicht ein Jenster in ihm. Micht gibt es Licht, um es 
hell zu machen. Micht gibt es Mordwind, um das Herz zu 
erfrischen. Micht geht die Sonne dort auf, und sie liegen 
täglich dauernd im Unstern." Dort singt eine Klagefrau 
von dem Toten, dessen „Zustand elend ist", nachdem er 
in den Westen gegangen ist: „Miht gibt es jemand, der 
sein Ergehen berichten könnte, denn er ruht ja an seiner 
einzigen Stätte der Ewigkeit in Jinsternis." Ähnlich ver¬ 
zweifelt man in Sakkära auf dem Boden von Memphis 
(unteräg. Gau I): „Du findest nicht einen einzigen von 
ihnen (den Toten), der dir eine Machricht über sich erzäh¬ 
len würde." 

Ein pessimistischer LInterton kommt in manchen 
Totentexten aus dem Mittleren und Neuen Reich an die 
Oberfläche, und er ist nicht vereinzelt und gewiß eine 
volkstümliche Denkweise. Der Ägypter ist trotz aller Zau¬ 
berformeln des Erfolges seiner Gebete und Beschwörungen 
nicht sicher, und deshalb singt der Harfner bei dem Gast¬ 
mahl: „Die Qötter (Könige), welche früher waren, ruhen 
in ihren Pyramiden, ebenso die Edlen und Weisen, bestattet 
in ihren Pyramiden. Die einst Häuser bauten, ihre Stätten 
sind nicht mehr, als wären sie nie gewesen. Miemand kommt 
wieder von dort, daß er uns berichte, wie es ihnen ergeht, 


224 


15 Roeder, Pharaonenreich 


225 


und daß er unsre Merzen beruhige, bis auch wir zu dem 
Orte abscheiden, zu dem sie gegangen sind. Der Osiris, 
dessen "Herz still steht, erhört ihr Schreien nicht, und 
keinen Menschen ruft die Jotenklage aus dem Qrabe zu¬ 
rück. Siehe, niemand nimmt seine Qüter mit sich und noch 
keiner kehrte zurück, der dorthin gegangen ist!" Diese 
Wehklage, die in eine fröhliche Festfeier hineingerufen 
und von dem Vorzeigen einer kleinen Nachbildung einer 
Mumie begleitet wird, wie Herodotos von dem Manerös- 
Liede berichtet, klingt in eine Aufforderung zum Genuß 
der gegenwärtigen Stunde aus: „Jeiere den frohen Jag und 
ruhe nicht an ihm!" 

Ebenso lehrte der hebräische Prediger Salomo (9, 5): 
„Die Joten wissen gar nichts und haben keinen Lohn mehr, 
denn ihr Gedächtnis ist vergessen, so daß man sie weder 
liebt noh haßt nodh beneidet, sie haben keinen Anteil 
mehr auf der “Welt an allem, das unter der Sonne ge¬ 
schieht." Auch hier schließt die Aufforderung an, die der 
ägyptische Weise gegeben hatte: „Jß dein Brot mit Jreu- 
den und trinke deinen Wein mit gutem Mut, denn dein 
Werk gefällt Qott." Eine dem ägyptischen Volksglauben 
verwandte Einstellung liegt bei Seneca, dem römischen 
Spötter um 54 nach Chr. zugrunde, der in seiner Satire 
Apocolocyntosis auf Kaiser Claudius diesen durch das Ur¬ 
teil einer Götterversammlung, die Karikatur einer Senats¬ 
sitzung, vom Himmel abweisen und nach dem Orkus schik- 
ken läßt. Auf dem Wege dorthin belauscht er in Rom auf 
dem Forum seine eigene Totenklage, wird aber in der 
Unterwelt durch ein Totengericht, die Parodie eines römi¬ 
schen Prozesses, zu harten Strafen verurteilt. Ebenso wie 
der Harfner bei dem Gastmahl und andere ägyptische 
Skeptiker mit ihm weiß Lukianos, der kritische Spötter in 
Athen um 200 nach Chr., daß alle irdischen Schätze auch 
dem Fürsten nicht zu der jenseitigen Seligkeit verhelfen; 
deshalb wird bei ihm nach der Überfahrt über den Styx in 
die Unterwelt dort der Tyrann, der sein Volk ausgesaugt 


226 


hat, dadurch bestraft, daß er nicht vergessen darf, während 
der schuldlose Philosoph und der gutmütige Schuster in 
die Gefilde der Seligen eingehen. 

Neben den üblichen Hymnen auf die Macht der Gott¬ 
heiten begegnet uns gelegentlich die Auffassung, daß sie 
keineswegs allmächtig sind, sondern dem Willen der Men¬ 
schen gehorchen müssen. Unabhängig von der Theologie ist 
die urzeitliche Magie, neben dem Wunder des Glaubens 
liebstes Kind, zu einer Kunst geworden, durch die der 
Zauberer selbst die Götter unter seinen Willen zwingt — 
oder es wenigstens versucht. Die Grenzen zwischen Prie¬ 
ster und Magier haben sich dabei verwischt, und wie der 
Kranke schwankt zwischen Heilmittel und Beschwörung, so 
wendet der Gläubige sich an die Götter bald durch Gebet, 
bald durch magische Kraft. So sind die Zauberformeln voll 
von volkstümlichen Vorstellungen, die auf dem urzeit- 
lichen Götterglauben beruhen, aber in die Theologie der 
Priester nicht aufgenommen worden sind. 

Der Zauberer gibt vor, ein großer Gott zu sein, und be¬ 
schwört dadurch die kleineren Dämonen, ihm gefügig zu 
sein. Grabbesitzer bringen im Alten Reich gern eine Dro¬ 
hung an: „Wer sich gegen dieses (Grab) vergehen sollte, 
gegen ihn das Krokodil im Wasser, gegen ihn die Schlange 
auf der Erde!" Solche Verwünschungen setzen die IßÜ 
Beherrschung von Gewalten voraus, denen der Mensch 
sonst unterworfen ist. Auch die Götter selbst werden her¬ 
abgerufen, um der Absicht der Verfluchung zu dienen, so 
daß der General Osorkon (Dyn. XXII), Hoherpriester des 
Amon von Theben, einen Erlaß schließt: „Wer diesen Befehl 
verletzen wird, den ich erlassen habe, soll dem Schwerte des 
Amon-Re verfallen, und die Jlamme der Mut in ihrem Zorn 9) 
soll sich seiner bemächtigen." Tef-nacht, Gaugraf von Sais W\ 
(Gau V), der unter dem nubischen König Pianchi um 720 
vor Chr. das westliche Delta beherrschte, fügte einer Stif- I j 

tung von Acker an den Tempel der Neit von Sais die Dro- ^ 

hung hinzu.- „Wer es (diesen Erlaß) bestehen läßt, dessen 


227 



Sohn sott an seiner Stelle bestehen, ein Sohn nach dem 
anderen, und nicht soll sein Name zugrunde gehen bis in 
alle Ewigkeit. Wer sie (die Bestimmungen) aber bewegt, 
gegen den sollen die Seelen (Ba) der Neit sich erheben bis 
in alle Ewigkeit , und nicht soll sein Sohn an seiner Stelle 
eingesetzt werden. Der Esel soll ihn begatten und seine 
Trau und seine Kinder. Er soll in die Tlamme des Mundes 
der Sachmet geraten und in die Vernichtung durch den All¬ 
herrn und die Qötter insgesamt. Wer aber diese Schenkung 
an Neit vermindert, dem sollen sie (die Seelen) seine An¬ 
gehörigen und sein Haus durch Teuer vermindern, und 
seine Kinder sollen ihn nicht aufnehmen!" Diese Verwün¬ 
schungen sagen, was der Ägypter für das diesseitige und 
das jenseitige Leben wünschte und was er fürchtete, und 
sie beruhen auf der Vorstellung, der Mensch könne die 
Geister zwingen. 

Der Tonart religiöser ägyptischer Texte liegt es nicht, von 
den Gottheiten irgend etwas auszusagen, das ihre Macht 
beeinträchtigt. Eine Einschränkung spielt aber in 
die mythologischen Erzählungen schon mit dem häufigen 
Ereignis herein, daß Gottheiten sich bekämpfen; denn das 
geht nicht ohne Schädigung ab. Ein Spruch der Pyramiden¬ 
texte (§ 2169 — 2175 ) empfiehlt dem König Nofer-ka-Re 
(Dyn. VI), sich nicht an Osiris, den Herrn des Totenreichs 
im Westen, zu halten, sondern an Geb, den Erdgott des 
östlichen Deltas: „O dieser Noser-ka-Re, der Mund der 
Erde öffnet sich dir, Qeb redet zu dir-. >Du sollst nicht 
wandeln auf diesen westlichen Wegen, denn die dort wan¬ 
deln, kehren nicht zurück. Du, dieser Nofer-ka-Re, du sollst 
aber auf diesen östlichen Wegen wandeln zusammen mit 
den Qefolgsleuten des Ref" Dieser Spruch ist in Heliopolis 
von Priestern des Re Atum bearbeitet worden, die die vor¬ 
handenen Gegensätze im Delta benützten, um Geb gegen 
das finstere Reich des Osiris auszuspielen und den verstor¬ 
benen Pharao in den Schutz des Lichtgottes Re, des Herrn 
der sonnigen Welt, zu bringen. Das sagt ein anderer An¬ 


ruf (§ 145 ) noch deutlicher: „Re Atum möge dich nicht 
dem Osiris überliefern , er (Osiris) soll sih dein Herz niht 
aneignen, und er soll nicht Macht über dein Herz ge¬ 
winnen!" Aus dem Kreise der Verehrer des Geb im öst¬ 
lichen Delta muß auch ein dritter Pyramidentext (§ 1264 
bis 1279 ) hervorgegangen sein, der sich gegen die ganze 
Familie des Osiris wendet. Er beginnt mit einem Lied von 
fünf gleich gebauten Versen aus dem Munde des Geb: 
„Weiche zurück, und du bist fern, du, den Horus (bzw. 
Osiris, Jsis usw.) reinigt und den Setech (bezw. Nephthys, 
Thot usw.) schützt." Später folgt ein Lied von acht eben¬ 
falls gleich gebauten Versen, die das als lebendes Wesen 
gedachte Grab des Königs vor der Osiris-Familie als vor 
bösen Göttern warnen: „Casse Osiris (bzw. Horus, Setech, 
Thot, Jsis, Nephthys usw.) nicht kommen in diesem seinem 
bösen Kommen, öffne ihm deine Arme nicht!" In der zwei¬ 
ten Hälfte jedes Verses folgt ein Anruf an die betreffende 
Gottheit, der sie abwehrt und an einen Ort verweist, an 
dem sie beheimatet ist. Eine solche Gegnerschaft gegen die 
angesehene Familie des Osiris kann nur in alter Zeit in 
einer Gegend entstanden sein, die in politischem Gegensatz 
zu Busiris (Gau IX) stand und den Götterkönig Geb als 
Schützer des irdischen Landesherrn ansah. Das war im 
östlichen Delta (Gau XX) der Fall. Die hierin liegende 
Verhöhnung des mächtigen Götterkreises von Busiris ist 
nichts anderes als was Elia (I. Kön. 18 , 27 ) den Priestern 
des Baal zurief, als sie von ihrem Gott nicht erhört wur¬ 
den: „Ruft lauter!" mit dem spöttischen Zusatz: „vielleicht 
schläft er, und man muß ihn auf wecken." 

Immer wieder dringt in die alten Totentexte der Ägyp¬ 
ter die Gegnerschaft zwischen den Göttern ein. So 
wagt sich der Spötter, der ein Gegner von Heliopolis (unter¬ 
ägyptischer Gau XIII) gewesen sein muß, mit seiner Über¬ 
hebung bis an die höchsten Götter heran, gegen die er, wie 
er meint, über Machtmittel verfügt. „Re hat keine Macht 
über mich, denn ich bin es, der seine Luft wegnimmt. Atum 


228 


229 


hat keine Wacht über mich, denn ich begatte seinen Win¬ 
tern." Der vergöttlichte Tote dünkt sich so gewaltig, daß 
er den Gottheiten drohen kann: wenn sie ihm und den 
anderen Toten nicht helfen, sollen sie keine Opfer bekom¬ 
men! Wie hier der verstorbene König die Götter zwingen 
will, so tut es auch der Zauberer in seinen Beschwörungen. 
Erhört der Gott die Wünsche des Menschen gar nicht, so 
nötigt man ihn dazu durch ein paar Ohren, die man auf 
dem Stein mit dem Gebet anbringt. Freilich, wie weit der 
beschworene Dämon dem Druck des Zauberers nachgibt, 
kann er nicht voraussehen. Als, schon in christlicher Zeit, 
ein Jüngling in Memphis (unteräg. Gau I) einen Liebes¬ 
zauber änwendete, den er als besonders wirksam von 
den Priestern des Aesculap (ägyptisch Im-hotep) erhalten 
hatte, schrie der Dämon aus dem Mädchen heraus: „Wie 
trefflich habe ich die Leute in Wemphis durch 7räume ge¬ 
narrt!" 

Die skeptische Kritik ägyptischer Freigeister hat zu Pessi¬ 
mismus und Resignation geführt, und diese Stimmungen 
sind den Literaten des Niltals nicht fremd geblieben. In 
einem Zwiegespräch von vielen Strophen ringt ein 1 e b e n s - 
müder Mann mit seiner Seele, die den Tod fürchtet, 
weil sie dann körperlos umherirren muß. Die Seele ist dem 
Ägypter eine selbständige Lebenskraft (Ka, Ach oder Ba 
genannt), die für ihn wie ein Schutzgeist wirkt und in Sta¬ 
tuen und Reliefs wie sein Doppelgänger dargestellt wird. 
Der gequälte Dichter will in den Tod durch Feuer gehen, 
um seinem Jammer ein Ende zu machen. Er sucht seine 
Seele zu überreden, bei ihm auszuharren, weil die Götter 
ihn im Totengericht gewiß rechtfertigen werden. „Ich werde 
meine Seele zum Westen gelangen lassen ebenso wie die 
Seele eines (Reichen), der in seiner Pyramide beigesetzt ist 
und bei dessen Bestattung ein Sohn gestanden hat." Die 
Seele warnt den Lebensmüden vor dem Grab: „es bedeutet 
Jammer, es bedeutet 7ränen bringen , es bedeutet den Wann 
betrüben , es bedeutet den Wann aus seinem Klause holen 


230 


und (als Leiche) auf den Wüstenberg werfen ", und ruft 
ihm den bei festlichen Stunden üblichen Vers zu: „Polge L™J 
dem frohen 7ag und vergiß die Sorge!" Der Seele mi߬ 
lingt nun ihr Versuch, den Mann umzustimmen durch eine 
Erzählung von der Errettung eines tüchtigen Bauern, der 
sich mit seiner Familie auf einem Gewässer mit Krokodilen 
in Lebensgefahr befand. Da rezitiert er seiner Seele vier 
Gedichte von strenger strophischer Gliederung. Das erste 
von acht Versen beginnt in jeder ersten Zeile mit den 
Worten: „Siehe, mein Warne wird verwünscht" , und dann 
folgt ein Vergleich mit etwas Abscheulichem, wie: „mehr 
als der Qeruch von Jas an den Sommertagen, wenn der 
Klimmei heiß ist", oder: „mehr als der eines Weibes, wenn 
ihrem Qatten eine Lüge über sie gesagt wird." Das zweite 
Gedicht beginnt jede der 16 Strophen mit der Frage: „Zu 
wem spreche ich heute?" und antwortet dann mit einer 
Klage über schwere Erlebnisse, wie „Wan ist habgierig ge¬ 
worden, und jeder nimmt den Besitz seines Wachsten weg ", 
oder: „Ls gibt keine gerechten mehr, die Sr de ist Böse- 
wichtern überlassen". In dem dritten Gedicht begrüßt der 
Lebensmüde seinen letzten Freund mit den Worten, die 
jeden der sechs Verse beginnen: „Der 7od steht heute vor 
mir" , und dann folgt als Vergleich ein freudiges Ereignis: 

„als ob ein ‘Kranker wieder gesund wird und nach der 
Krankheit wieder ausgeht ", oder: „wie der Duft der Lotos- 
blüten, wenn man auf dem Zlfer der 7runkenheit sitzt." Njp' 
Die drei Verse des vierten Gedichts preisen den Erlösten, 
der in das Totenreich eingeht: „Wer dort ist , wird ja sein 
ein Bewohner des Sonnenschiffes" oder ein Genosse des a 
Re, der nun nicht mehr unterdrückt wird. Der Ausgang 
des Zwiegesprächs ist unsicher; in den letzten erhaltenen 
Worten verspricht die Seele dem Verzweifelnden: „Wenn 
du den Westen (das Totenreich) erreichst und dein Leib 
der Sr de verbunden wird r so will ich mich niederlassen, 
wo du ruhst , damit wir eine gemeinsame Stätte haben." 

Ein ähnliches Streitgespräch zwischen Mors und Vita als 


231 


Dialog zwischen den redenden Gestalten „Jod" und 
„Loben" hat der römische Dichter Quintus Ennius (ge¬ 
boren 239 vor Chr. in Süd-Italien) verfaßt. 

Dem Zwiegespräch des Lebensmüden mit seiner Seele 
sind verwandt die Klagen des Cha-choper-Re-sonb, ge¬ 
nannt Anchu, Priester in Heliopolis (unteräg. Gau XIII) 
unter Sesostris II. (Dyn. XII). Er wünscht sich ein Herz, 
das ein „Qenosse seines Herrn" sein soll, und bedrängt 
dieses Herz, nicht immer zu schweigen, sondern ihm zu 
helfen. Er jammert: „Das Land ist in Elend, Jrauer ist an 
jeder Stätte, Städte und Dörfer klagen" , denn „Die Ab¬ 
sichten der Qötter sind gestört, und ihre Bestimmungen 
werden übertreten." Manche dieser Klagen rühren an die 
Frage des hebräischen Buches Hiob: weshalb herrschen die 
Bösen, während es den Guten schlecht geht und noch dazu 
ihr Lohn im Jenseits unsicher ist? Es ist der gleiche Geist 
des pessimistischen Skeptikers, aus dem beide Dichtungen 
hervorgegangen sind und der sich auch in Ägypten nur bei 
kritischen Individualisten hervorwagte, schon in einer Epoche, 
die den Späteren noch als die alte Goldene Zeit galt, aber 
eben fern von der glanzvollen Macht der Tempelkulte und 
von den durch ihre Priester bestimmten Dogmen. 

Die Zeit, auf die die ägyptischen Schilderungen sich be¬ 
ziehen, sind die Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch 
des Alten Reiches (Dyn. VII—X), die dem König Snofru 
(Dyn. IV) durch die „'Weissagungen des Hofer-rehu " ver¬ 
kündet wurden, als er weise Worte zu hören verlangte. 
Man führte ihm den Priester Nofer-rehu aus Heliopolis 
(unteräg. Gau XIII) vor, der in dem Tempel der Bastet in 
Bubastis (Gau XVIII) als Vorleser angestellt war, und die¬ 
ser Seher prophezeite dem König eine Zukunft, in der die 
Asiaten aus der östlichen Wüste in das Niltal hinabsteigen 
würden, das Wild alles Grün am Flußufer abfressen und 
das ganze Land durch Kampf zugrunde gehen würde. 
Dann gibt es nur noch Haß zwischen den Menschen, Ge¬ 
rechtigkeit wird durch Gewalt verdrängt, und „die Sonne 


232 


steht am Himmel wie der Mond-, man weiß nicht mehr, 
daß es Mittag wird, und kein Qesidlot wird mehr hell". 
Schließlich wird aber ein König (Amon-em-het I. [Dyn. XII], 
unter dem die Weissagung verfaßt ist) kommen, der „das 
Recht wieder an seine Stelle setzt und das Unrecht ver¬ 
jagt". Er wird am Ostrande des Delta die „Mauer des 
Herrschers" bauen, um die Beduinen aus der Wüste abzu¬ 
wehren/ dann sollen sie, wie es ihnen bestimmt ist, wieder 
„um Wasser betteln, damit sie ihr Vieh tränken können." 

Vielleicht noch in der Zeit innerer Zerrissenheit ent¬ 
standen sind die „Mahnungen des Jpu-wer , der als Ver¬ 
walter der Kornspeicher eines Königs ohne Macht im Delta 
lebte, also wohl eines Fürsten über mehrere der östlichen 
Gaue. Die Asiaten haben das reiche Delta überschwemmt, 
und „die Jremden sind überall zu Ägyptern geworden". 
Der Weise klagt in sechs Gedichten. Das erste hat zahl¬ 
reiche Verse mit dem Beginn „Es ist doch so, daß", und 
nennt dann auch den Zorn der Götter als Grund für die 
bösen Zustände: „Die Jrauen sind unfruchtbar und sie 
werden nicht mehr schwanger , Chnum (der göttliche Ge¬ 
burtshelfer) bildet keine Menschen mehr wegen des Ver¬ 
falls des Landes." Die ägyptischen Schiffe „fahren heute 
nicht mehr nach Keban" (Gebal, dem Hafen Byblos an der 
Küste von Palästina, von wo sie Holz und Harz der Ze¬ 
dern des Libanon für die Bestattung der Leichen holten); 
„was sollen wir nun tun, um Zedern für unsere Mumien zu 
bekommen?" Auch die beiden folgenden Gedichte, deren 
Verse mit „Sehet nun, es ist ..." bzw. mit „Zerstört 
ist ..." beginnen, enthalten Klagen: „Das Land ist durch 
wenige sinnlose Leute seines Königtums beraubt", und die 
Leichen der alten Pharaonen sind in ihren Särgen geplün¬ 
dert: „was die Pyramide verbarg, ist leer geworden". 
Nachdem die folgenden Verse mit „Vernichtet die Jeinde 
der herrlichen Hauptstadt!" die Erhebung der guten Be¬ 
amten vorbereitet haben, bringt das fünfte Gedicht mit 
„Qedenket daran, daß ..." die Erinnerung an die ruhige 



233 



Zeit, als „der Priester den Jempel sauber hielt und das 
Qotteshaus gereinigt war wie TWildh, als man den Horizont 
(des Gottes Tempel) mit Duft erfüllte und die Opferbrote 
dauern ließ". Mit dem sechsten Gedicht: „Schön ist es 
dann, wenn ..." setzt als Schlußbild die glückliche Zu¬ 
kunft ein: „wenn die Hände der JAensöoen Pyramiden 
bauen und Peidhe graben und Qärten mit Bäumen für die 
Qötter anlegen." 


234 


Kapitel VI 


DIE WIRKUNG AUF DAS AUSLAND 

NUBIEN UND DER SUDAN 

Die Grenze zwischen Ägyptern und Nubiern nach Rasse 
und Sprache liegt heute nördlich von dem ersten Katarakt, 
so daß dieser schon ganz von Nubiern bewohnt wird (Abb. 1). 
Vermutlich ist es niemals anders gewesen, vielleicht auch 
nicht in der Urzeit, in der beide Völker eine einheitliche 
oder wenigstens ähnliche Kultur hatten, auch in der Religion, 
in der das afrikanische Element die Grundlage bildete. Eine 
Entfremdung zwischen beiden Völkern trat ein, als sich im 
Norden des Niltals und im Delta eine höhere Kultur ent¬ 
wickelte, die Ägypter ihre Staaten bildeten und diese 
schließlich zu einem mächtigen Reich zusammenschlossen. 
Da vermochte Nubien mit seiner Inner-Afrika stärker ver¬ 
hafteten Bevölkerung nicht mehr zu folgen, und es blieb 
auf der Stufe stehen, die Ägypten während seiner vorge¬ 
schichtlichen Zeit eingenommen hatte. Als die Ägypter dann 
mit ihren Kaufleuten, Soldaten und Beamten das obere Nil- 
tal sich angliederten, blieb Nubien für sie eine Kolonie, 
deren Bevölkerung „elende Barbaren" genannt und als 
Unterworfene behandelt wurde. Ein König Ramses schickte 
einen verurteilten Beamten durch Strafversetzung nach 
Nubien, genau wie der römische Kaiser Augustus den 
Dichter Juvenalis wegen seiner boshaften Satiren nach 
Syene (Aswan im ersten Katarakt); die Lieder beider 
Dichter sind trotzdem erhalten geblieben. 

In dem I. Gau Ober-Ägyptens „Bogenland" lag der 
Hauptort auf der Insel Elephantine, wo der von Ägypten 
eingeführte Gott Chnum als Widder mit den beiden nubi- 
schen Göttinnen Sätet und Anüket die mythischen Nil¬ 
quellen bewachte, die schwierige Schiffahrt durch die Stru- 


235 


del des Kataraktes schützte und die im Niltal vordringen¬ 
den Nubier oder die aus den beiden Wüsten einfallenden 
Beduinen abwehrte. Südlich dieser Garnison und Beamten- 
stadt, die als ägyptischer Fremdkörper in das nubische Land 
eingelagert war, verlockte die geringe Fruchtbarkeit des 
hier ganz schmalen Niltals niemals zur Besiedlung. Für die 
Ägypter war es Durchgangsgebiet, in dem sie ihre Kara¬ 
wanen und Nilfahrer mit bewaffneter Hand schützen mu߬ 
ten. Ihre Polizeiposten und Festungen, die sie seit dem 
Alten Reich hier unterhalten haben, waren im Namen 
ägyptischer Gottheiten besetzt, und die Tempel, die 
von den Pharaonen in dem armen Lande auffallend zahl¬ 
reich und prächtig angelegt wurden, zeigten die Gottheiten 
in den Gestalten des ägyptischen Glaubens. Freilich steht 
hinter den ägyptischen Gestalten meist eine nubische Vor¬ 
stellung, und die volkstümlichen Götter der Nubier sind 
von den Ägyptern auf genommen worden/ sagen sie doch 
sogar von ihrem großen Falken Horus Behedti, dem Sonnen¬ 
gott in Edfu (Gau II), er sei aus Nubien eingewandert. 
Hinter Sonnengöttern, die uns unter dem ägyptischen Na¬ 
men Re Hor-achti entgegentreten, verbergen sich nubische; 
Falken sind als Horus an mehreren Orten zwischen dem 
ersten und zweiten Katarakt verehrt worden, und ein leben¬ 
der Falke wurde noch in christlicher Zeit auf der Insel 
Philae gehalten. Statuen liegender Löwen, mit denen 
Ramses II. vor zwei Tempeln in Nord-Nubien die Zu¬ 
gangsstraße säumte, haben als Greife einen in Ägypten 
ungewöhnlichen Falkenkopf. 

Andere ägyptische Gottheiten in Nubien haben sonstige 
bodenständige Züge. Eine Löwin, Tefenet genannt, ist von 
einem Pavian aus dem Lande Punt im fernen Süden ge¬ 
holt worden, und ihr zu Ehren als Hathor sind die ausge¬ 
lassenen Freudenfeste der Liebesgöttin im ersten Kata¬ 
rakt gefeiert worden, Thot, der kluge Pavian, hockt in 
Dakka unter einer mächtigen Sykomore, die in dem engen 
Niltal Nubiens weithin sichtbar ist/ sein Orakel wurde in 


236 


römischer Zeit von den Blemyern, den Beduinen der nubi- 
schen Wüste, befragt (Tafel 12). Dedwen im zweiten Kata¬ 
rakt (Wadi Haifa) ist ein nubischer Gott, dessen Namen 
die Ägypter nicht verändert haben. Ebenso Mandul in 
Kalabscha, „groß an Liebe " und „sehr groß unter den 
Jremdvölkern", ein einheimischer Sonnengott, noch in 
christlicher Zeit besungen. In dem Tempel von Dandür 
wurden die Heiligen Pete-Isis und Pa-Hor verehrt, ur¬ 
sprünglich vielleicht ertrunkene Weise ägyptischer oder 
nubischer Herkunft, in die nubische Götterwelt ebenso ein¬ 
gegliedert wie die Heiligen „Schech" des Islam, deren Grä¬ 
ber in Nubien noch stärker auf fallen als in Ägypten. 

Ramses II. (Dynastie XIX) stattete die nubischen Orte 
zwischen dem ersten und zweiten Katarakt, die Sitz eines 
ägyptischen Beamten oder Offiziers waren, mit Tempeln 
aus, die er den Reichsgöttern weihte: Amon von Theben, 
Re Hor-achti von Heliopolis und Ptah von Memphis. In 
dem Allerheiligsten des Felsentempels von Abu Simbel 
sitzen, aus gewachsenem Felsen gehauen, Statuen aller drei 
Götter zusammen mit Ramses II. selbst. Hier und in an¬ 
deren nubischen Tempeln ist der Kult des vergöttlichten 
Pharao zu seinen Lebzeiten wie eine nationale Repräsen¬ 
tation des Ägyptertums gezeigt worden/ das war schon 
früher geschehen, als Thut-mose III. (Dyn. XVIII) in den 
Festungen des zweiten Katarakts Sesostris III., den Er¬ 
oberer dieser Gegend in Dynastie XII, als Gott der Tempel 
verehren ließ. Hauptgott in Abu Simbel war der Sonnen¬ 
gott, gewiß in Aufnahme eines nubisch-beduinischen Kul¬ 
tes,* in einer kleinen Kapelle am Nordende des Felsen¬ 
hanges vollzog der Priester das Ritual, am Morgen nach 
Osten gewendet zu der zwischen den beiden Türmen des 
kleinen Pylons aufgehenden Sonne, am Abend nach Westen 
gewendet zu der Felswand, hinter der die Sonne unterging, 
in jeder Stellung begleitet von zwei Pavianen. Der Bau des 
Felsentempels von Abu Simbel ist von dem Statthalter Oni, 
Prinz von Kusch (Nubien), geleitet worden, der aus Hnes 



237 




(oberäg. Gau XX) stammte und die Anbringung eines Re¬ 
liefs mit dem Bilde seines heimischen Gottes Har-schaf mit 
Widderkopf veranlaßte. Sein Nachfolger Setaw, Prinz von 
Kusch, war auch „Vorsteher der Qotdländer des Amon", 
wie er in einer Felseninschrift auf der Insel Sai zwischen 
dem 2. und 3. Katarakt angibt; das aus den nubischen 
Bergwerken kommende Gold floß damals nicht mehr aus¬ 
schließlich in das Staatsmonopol des Pharao, sondern zu 
einem guten Teile in den Tempel des Amon von Theben 
(oberäg. Gau IV), dessen Verwaltung ein immer mächtiger 
werdendes Eigenleben entfaltete. 

Der Hohepriester des Amon von Theben hatte Nubien 
so eng an seinen Tempel angeschlossen, daß beide mit¬ 
einander verbunden blieben, als der Hohepriester Hri-Hör 
(Dynastie XXI) den letzten der schwach gewordenen 
Ramses-Könige absetzte und Ägypten in zwei Hälften zer¬ 
fallen ließ. Er beherrschte den Südstaat im Namen des 
Amon und überließ den Nordstaat den libyschen Heer¬ 
führern, die von Hnes (oberäg. Gau XX) aus ihre Stellung 
in den Städten des Deltas befestigten. In dem Südstaat er¬ 
langte bald das frische Volk der Nubier die Übermacht 
über die ermattenden Ägypter. Theben wurde zu einem 
geistlichen Fürstentum des Amon unter Führung einer Prin¬ 
zessin, bald aus nubischer Familie, bald aus der libyschen 
des Nordstaates. Die regierende Dame ernannte ihre Nach¬ 
folgerin durch Adoption, und die „Könige" von Ägypten 
sorgten dafür, daß als „ Anbeterin des (jottes " oder als 
„Hand" oder „Qattin des Qottes " in den Amon-Staat die 
gewünschte Prinzessin einzog. Der Schwerpunkt am oberen 
Nil hatte sich nach Napata unterhalb des 4. Kataraktes ver¬ 
lagert, wo von mächtigen Tempeln aus durch den Mund 
der einheimischen Fürsten der „Amon des Heiligen Berges" 
(Gebel Barkal) gebot, ursprünglich vielleicht nur der Orts¬ 
heilige eines Felsenberges, aber zu einem Genossen und 
Nachfolger des Amon von Theben entwickelt. Das Fürsten¬ 
geschlecht hat sudanesisches Blut gehabt, vielleicht nur als 


238 



Abb. 65. Amon von Theben, in dem Tempel von Napata (Süd-Nubien) als 
Löwe mit Widderkopf verehrt. Vor ihm steht anstelle einer menschlichen 
Gestalt der Name eines nubischen Königs, ebenso wie der eines ägypti¬ 
schen Pharao gestaltet als Palastfassade mit dem Königsfalken Horus, der 
hier die Krone von Unter-Ägypten trägt. 


Beimischung zu einer Familie von ägyptischem oder liby¬ 
schem Ursprung. Ihre Staatskirche war ägyptisch, und sie 
glaubten die ägyptischen Götter in reinerer Form zu ver¬ 
ehren als die Ägypter selbst, deren Entartung sie ver¬ 
achteten. Als in römischer Zeit Meroe (gegenüber Napata) 
zur Hauptstadt eines nubisch-sudanesischen Reiches erhoben 
wurde, hatte Amon, gleichviel ob als Mann oder als Löwe, 
immer noch seinen Widderkopf, gekrönt durch die Sonne 
mit Uräus (Schlange) (Abb. 65). Auf meroitischen Schmuck¬ 
sachen erscheint als ständiges Motiv der Widderkopf mit 
abwärts gebogenen Hörnern, darauf die Sonne mit Federn. 
Ferner die innerafrikanische Gestalt des Zwergengreises 
Bes und der Kopf der Hathor mit ihren schweren Haar¬ 
flechten, beide die üblichen Beigaben an verziertem Gerät 
ägyptischer Damen. 

Am Ende der ägyptischen Spätzeit würde in dem ersten 
Katarakt, dessen gefährliche Stromschnellen dem Schutze 
der drei Gottheiten der Insel Elephantine (am Nordende) 
anvertraut waren, die kleine Insel an seinem äußersten 
Südende durch einen selbständigen Kult bedeutungsvoll. 
Dort war von den steilen Granitfelsen der Ufer die stille 



239 


„Insel der Jsis" umgeben, auf der die Ägypter ihre Göttin 
mit ihrem Gatten Osiris, angesiedelt hatten. Diese Insel 
Philae (ägyptisch Pilalc), und neben ihr Biga, wurden zu 
einem Schauplatz der Mysterien, die in der Einsam¬ 
keit einer eindrucksvollen Gebirgslandschaft die Passions - 
zeit und die Auferstehung des königlichen Osiris vorführ¬ 
ten. Diese Mythen und geistlichen Schauspiele hatten mit 
dem nubischen Glauben eigentlich nichts zu tun; aber ein¬ 
heimische Vorstellungen und Gebräuche mischten sich in 
sie hinein, bis die Nubier und die aus der Wüste hinzu¬ 
kommenden Blemyer die „Jsis, Herrin der heiligen Jnsel" 
als ihre eigene Göttin ansahen. Als zwei nubische Fürsten 
südlich des ersten Kataraktes in Dabüd und Dakka Kapel¬ 
len bauten, während die Könige Ptolemaios in Ägypten 
herrschten, weihte Azecher-Amon ihre eine Hälfte dem 
Amon von Dabüd, ihre andere der Isis von Philae/ und 
Ark-Amon (griechisch Ergamenes) verehrte neben dem 
Thot von Pnubs (Dakka) die Isis von Philae. In dem 
Felsenkessel, der bei Kertassi durch den Betrieb eines Stein¬ 
bruches in dem nubischen Sandsteingebirge entstanden war 
und einen fast unheimlichen Rahmen für die Aufführung 
der Mysterien darbot, trat die einheimische Göttin Srup- 
tichis zurück gegenüber der Isis von Philae, als deren 
Diener die Eingeweihten einen kleinen Blumenstrauß in 
Stabform wie ein Abzeichen ihrer Genossenschaft trugen. 
An den abgelegenen Orten von Nord-Nubien ist der auf¬ 
erstandene Osiris als Leben spendender Gott des Frühlings 
bis in das 6. Jahrhundert hinein begrüßt worden, als Ägyp¬ 
ten längst christlich geworden war und die Isis-Mysterien 
von braunhäutigen Fanatikern literaturloser Völker die 
merkwürdigen Überbleibsel eines tiefen Geheimnisses be¬ 
wahrten. 

Es gab damals große Tempel der nubischen Gottheiten 
in dem engen Flußtal südlich des ersten Kataraktes, in 
ägyptischem Stil erbaut und in dem Kolonialgebiet ebenso 
wie in dem Mutterlande mit einem Kultus ausgestattet, der 

240 


im Namen der römischen Kaiser vollzogen wurde. Der 
Tempel des nubischen Gottes Meru, griechisch Mandulis, 
bei Kalabscha ist ein mächtiger Bau mit einem weiten Hof 
hinter hohen Pylontürmen, zu dessen Füllung die Gläu¬ 
bigen von weither aus dem armen Tal zusammengeströmt 
sein müssen (Tafel 15). An dem Südende der Dodeka- 
Schoinos, dem Zwölf-Meilen-Lande umittelbar oberhalb 
des ersten Kataraktes, das die Römer besetzt hielten und 
der Verwaltung Ägyptens angegliedert hatten, lag der statt¬ 
liche Tempel von Dakka an einer Stelle des Niltals, an der 
die römische Besatzung der Festung Pselcis sich dank dem 
Zurücktreten der Wüstenberge entfalten konnte (Tafel 16). 
Dort wurde die heilige Sykomore verehrt, die der ägyp¬ 
tischen Siedlung ihren Namen Per-nubs „Haus der Syko¬ 
more" gegeben hatte; unter ihr saß der Pavian, das Tier 
des weisen Gottes Thot, das dort dem Volk Orakel er¬ 
teilte (Tafel 12). 

DIE WESTLICHE WÜSTE UND DIE LIBYER 

Eine der Grundlagen des ägyptischen Volkstums sind die 
Libyer, die westlichen Nachbarn des Niltals, die die 
ganze Wüste der Sahara als Nomaden durchziehen und in 
der fruchtbaren Gebirgslandschaft der Küste des Mittel¬ 
meeres schon seit früher Zeit zu Bauern und Städtern ge¬ 
worden sind, dort mit Weideland und ölbäumen. Die krie¬ 
gerischen Libyer haben in ihrer hamitischen Sprache den 
Ägyptern eine einfache Wüstenreligion dargeboten, die der 
ihrigen urverwandt war. Wenn in Felsenbildern der Sahara 
ein Schaf mit der Sonne zwischen den Hörnern, ohne In¬ 
schrift schwer datierbar, auftritt, so weiß man zunächst 
nicht, ob hier ein Einfluß aus Ägypten vorliegt oder ob 
nicht die beduinischen Sonnenanbeter ihrem Herdentier 
dieselbe Heiligkeit zugeschrieben haben wie die ägyptischen 
Bauern (Abb. 4 b). Die Libyer haben keine der ägyptischen 
gleichwertige Kultur entwickelt, aber sie haben überall eine 

16 Roeder, Pharaonenreich 


241 


Bereitschaft zur Aufnahme ägyptischer Gottheiten, Sym¬ 
bole und Kunstformen gezeigt, aus der Gräber und kleine 
Heiligtümer mit ägyptischen Anklängen von der Küste bis 
tief in die Sahara hinein hervorgegangen sind. Die öst¬ 
lichen Stämme der libyschen Nomaden haben immer enge 
Fühlung mit dem Niltal gehabt, nicht nur als gefürchtete 
Räuber, sondern auch durch Besiedlung des westlichen 
Randes des Fruchtlandes im Niltal. Im Delta haben sie in 
der Urzeit dem Gau V von Sais ihre Pfeilschützin als Ur- 
göttin Neit, die Mutter der Sonne, gegeben, und die dor¬ 
tige Rassenmischung hat anregend gewirkt, denn aus Sais 
ist in der Frühzeit ein Fürstentum hervorgegangen, und in 
der Spätzeit die XXVI. Dynastie der Psametik, die eine 
Renaissance der ägyptischen Religion und Kunst herauf¬ 
führten. Libysche Häuptlinge wurden aus wilden Jägern, 
die in der Wüste bis nach Ober-Ägypten und Nubien hin¬ 
auf schwärmten, zu ägyptischen Generälen, die als Dyna¬ 
stie XXII den Thron der Pharaonen bestiegen, die einen 
noch mit ihren libyschen Namen Schoschenk oder Osorkon, 
andere angepaßt als bekehrte Diener der ägyptischen Göt¬ 
ter und kluge Freunde ihrer Priester. In Ägypten haben 
die libyschen Pharaonen dem Amon gedient und ihm präch¬ 
tige Tempel errichtet, als ob er immer ihr Herr gewesen 
wäre. Die Damen, die unter dem Schutze der nubischen 
Könige des Südstaates (Dynastie XXV) zum Rang einer 
Herrscherin des klösterlichen Fürstentums des Amon von 
Theben erhoben wurden, waren zum Teil libysche Prin¬ 
zessinnen, blutsmäßig vielleicht nicht ganz fremd der nubi¬ 
schen Dynastie, die aus den in den Sudan geflüchteten 
ägyptischen Prinzen hervorgegangen oder aus der Wüste 
libyschen Einschlag erhalten haben mag. 

Was die aus der Wüste nach Ägypten einfallenden 
Libyer an Gottheiten mitbrachten, haben die Ägyp¬ 
ter zwar aufgenommen, aber doch gelegentlich als fremdes 
Geistesgut bezeichnet. Im Delta wohnt außer der Neit von 
Sais ein Falke in dem „ Westgau " III, ausdrücklich „Horus 


242 


der 7ehnu" (Libyer) benannt. Die als Kuh aus dem Felsen 
heraustretende Hathor, die in Theben Hfcrrin des Toten- 
reiches auf dem Westufer war, ist eine libysche Göttin, in 
einem demotischen Text „ jene Herrin von Libyen, Hatbor, 
der der Westen anvertraut ist" , in griechischer Sprache war 
ein Ägypter „ Priester der Aphrodite in Libyen". Der große 
Gott der Libyer war Asch oder Scha, der in der ägyp¬ 
tischen Gestalt des Setech von Nubt (Ombos, oberägyp- 
tischer Gau V) oder von Schas-hötep (Gau XI) erschien, 
auch dort zusammen mit einem Falken „Herr von Libyen ". 
Dieser Setech ist der „Herr der Wüste", ein Kämpfer mit 
phantastischem Schmuck, und seinen Schutz erfleht, wer 
mit einer Karawane in die Oasen reist, in denen er dem 
Setech in seinen Tempeln opfert. 

Unser Wort Oase beruht auf der griechischen Wieder¬ 
gabe oasis des ägyptischen wahet „ ‘Niederung ", mit der die 
ganze feuchte Senke in der unfruchtbaren Sandwüste ge¬ 
meint war, in der man durch Quellen oder Brunnen Was¬ 
ser zur Berieselung des Lehmbodens entnehmen konnte. 
Den Ägyptern hingen die Oasen der libyschen Wüste als 
ein einheitliches Gebiet in der weltlichen wie kirchlichen 
Verwaltung zusammen mit den benachbarten Gauen des 
Niltals. Der Gaugraf von Ipu (Achmim, oberäg. Gau IX) 
unter Ptolemaios XIII. war gleichzeitig Befehlshaber der 
beiden Oasen Charga und Dachla, zu denen von seinem 
Gau aus ein Karawanenweg führte (Abb. 1). Die östlichste 
ist die „Qroße Oase", arabisch al-chäriga, mit mehreren 
volkreichen Ortschaften besetzt, ursprünglich mit einem 
Kult des Setech. Dieser wird in Hibet, griechisch Hibis, 
dem Hauptort der Oase Charga, verdrängt durch Amon, 
dem dort zur Zeit des persischen Großkönigs Darius ein 
Tempel erbaut wurde mit Liedern der acht Urgötter des 
nahen Chmunu Hermopolis (Gau XV). Die Abrechnung 
der Stadt „Hibet der südlidhen Oase" war früher von 
einem Beamten in Tine (Gau VIII) betreut worden. So 
sind viele Städte in Mittel-Ägypten in enger Verbindung 




243 



mit der Oase Charga gewesen, und sie haben ihre Götter 
dorthin übertragen. Freilich, für den Bewohner des reichen 
Mittel-Ägypten war eine Versetzung nach Charga wie eine 
Verbannung, und dorthin verbannte Ägypter haben das 
Orakel des Amon in Karnak durch den Hohenpriester an- 
gerufen, um ihre Begnadigung und Rückkehr in das heimat¬ 
liche Niltal zu erreichen. 

Die westliche Oase D ä c h 1 a ist im Altertum als ein 
Teil der Großen Oase Charga angesehen, von ägyptischen 
Beamten der benachbarten Gaue als „ Vorsteher der Wüsten" 
verwaltet und auf ihren Zügen besucht worden. Der Schutz 
der Toten ist auch hier dem Osiris anvertraut, und in der 
Wandmalerei eines Grabes in der Oase Dächla, die schon 
in ägyptisch-griechischem Mischstil ausgeführt ist, steht 
Anubis mit Hundekopf an der Bahre mit der Mumie, wäh¬ 
rend Isis und Nephthys bei der Totenklage mit der Hand 
gegen ihre Stirn schlagen. Von zwei Denksteinen aus der 
Oase Dächla berichtet der eine, aus der Zeit eines Königs 
Schoschenk (Dyn. XXII), von zwei Entscheidungen des 
Tempels des „Setech, “Herr der Oase " über den Besitz der 
Quellen und Brunnen, von denen die Bewässerung des 
Ackers und damit das Leben der Anwohner abhing. In 
Jahr 5 hatte Nes-su-Bastet, Priester des Setech, die „ Quelle 
des Re" für sein Feld als einen ererbten Besitz beansprucht. 
Der libysche Prinz Wajuhasata, Sohn des Großen der 
Beduinen, befragte deshalb den Gott Setech, der ein ab¬ 
lehnendes Orakel erteilte. 14 Jahre später, im Jahr 19, ver¬ 
kündete „ Setedb , der große Qott " eine neue Entscheidung: 
die Quelle sei das ererbte Eigentum des Nes-su-Bastet. 
Prinz Wajuhasata bestätigte ihm den Besitz der Quelle, die 
er wohl auch inzwischen dauernd für sein Feld ausgenützt 
haben wird. Nes-su-Bastet hielt die Entscheidung in einem 
Denkstein mit Bild und Inschrift fest, den er in dem Tem¬ 
pel des Setech in der Oase Dächla aufstellte. In dem Bilde 
opfert Prinz Wajuhasata, der auch „Prophet der ftathor, 
yterrin von flot-bawet " (oberäg. Gau VII) war; unter den 


244 


Gottheiten steht Hathor, in ihrer Hand das Sistrum, das 
Symbol ihres Gaues, haltend. 

Der zweite Denkstein, aus Jahr 24 des Königs Scho¬ 
schenk III. oder IV., legt eine Entscheidung fest, die Nes- 
Thot, großer Fürst der libyschen Beduinen, gefällt hat vor 
„ Setech , groß an Kraft , Sohn der Nut". Diese war bean¬ 
tragt von Hor-en-ta-buja, Schatzschreiber in der Oase 
und Beamter des Tempels des Setech, zu Gunsten eines 
anderen Rechnungsschreibers und 2. Propheten des Setech, 
der einen Anspruch auf täglich 40 Brote und 5 Kuchen 
aus den Opfergaben des Tempels für seinen persönlichen 
Haushalt erhob. Fürst Nes-Thot, dessen Name ihn als 
einen Gläubigen des Gaugottes Thot in Hermopolis 
(Gau XV) kennzeichnet, bestätigte den Anspruch „bis in 
alle Ewigkeit " und fügte eine schwere Verfluchung hinzu: 
„Wer den Befehl auf lösen wird , den soll Amon Re s Mach¬ 
ten, und Sachmet soll ihn verbrennen, sie sind feinde des 
Osiris , Herrn von Abydos, er und sein Sohn in alle Ewig¬ 
keit." Der libysche Fürst glaubte also an die ägyptischen 
Götter und wußte, daß ohne Osiris niemandem die ewige 
Seligkeit zuteil wird. 

Weiter nördlich lag die Kleine Oase Bahrija, ägyptisch 
„ Die nördliche Oase Desdes". Ferner an dem Wüstenweg 
von Dächla zu ihr die Oase Faräfra, ägyptisch „Das Land 
der Kuh". über die Wüste verstreut liegen noch kleinere 
Senken, heute zum Teil gar nicht mehr bewohnt. Aber an 
vielen von ihnen sind neben Kulturboden in Ruinen Sied¬ 
lungen oder Gräber vorhanden, die die antiken Bewohner 
als Diener der ägyptischen Götter erkennen lassen. In 
einem Grabe bei Bahren, über 200 km westlich von Bahrija, 
ist der Totenherrscher Osiris als königliche Mumie an die 
Wand gemalt; Anubis mit Hundekopf betreut den Toten, 
und die Himmelsgöttin Nut breitet ihre Arme aus, um ihn 
aufzunehmen. In al-Kusair, 140 km westlich von Alexan¬ 
dria und 35 km südlich der Küste, steht in einem kleinen 
Tempel der Sockel mit einer griechischen Weihinschrift für 


245 


Isis, gewiß zu einer Statue der hier verehrten Göttin. 
Fruchtbarkeit und Besiedlung dieser Senken waren im 
Altertum stärker als heute; das zeigt ihr allgemeiner Name 
in den hieroglyphischen Inschriften: „Feld der Bäume", 
dessen Götter zusammen mit den „(füttern von Femhu" 
(Libyen) ihre Gaben zu Isis und ihrem Sohn Horus 
brachten. 

In dem äußersten Nordwesten liegt, etwa 500 km west¬ 
lich des Niltals, die Oase S i w a, ägyptisch Kenmet oder 
Za, deren griechischer Name „Oase des Amon" die Er¬ 
setzung bodenständiger Gottheiten durch den Staatsgott 
des Neuen Reiches zeigt. In dem Namen Setech-ar-das 
eines Fürsten der Oase lebt ihr alter Schutzgott weiter, 
und man wird diesen in dem Heiligtum von Siwa, dessen 
Grundriß von dem eines ägyptischen Tempels abweicht, 
nicht vergessen haben. Dort sprudelte eine heilige Quelle, 
und ein Orakel wurde ohne ein Götterbild von einem Fe¬ 
tisch „Omphalos, umbilicus" erteilt, einem Stein, der den 
Nabel der Erde darstellte. Gräber von eigenartiger Raum¬ 
gestaltung ähnlich den Felsengräbern bei Alexandria, viel¬ 
leicht nach libyscher Sitte, enthalten hieroglyphische Gebete 
an Osiris von Abydos und an Thot als Anwalt des Ver¬ 
storbenen in dem Totengericht. An die Wand des Grabes 
des Pa-Thot, Sohnes des Nes-Thot, eines gelehrten „Schrei¬ 
ber des Qottesbuches" , deren Weisheit von dem Gaugott 
Thot in Chmunu (Hermopolis, oberäg. Gau XV) herge¬ 
leitet ist, sind als Götter gemalt: der thronende Osiris von 
Abydos als König des westlichen Totenreiches, und hinter 
ihm als Frau mit Kuhkopf „ Hathor, Fürstin des Westens, 
große Qöttin, Herrin des Himmels, Fürstin aller Qötter". 
Als der Makedonier Alexander 331 vor Chr. nach der Er¬ 
oberung Ägyptens mit wenigen Begleitern den Zug nach 
Siwa wagte und dort in den Tempel des Amon eingeführt 
wurde, begrüßte der jugendliche König der Sitte gemäß 
den greisen Priester mit „Vater" und fragte, ob ihm die 
Herrschaft über die ganze Erde zuteil werden würde. 


246 


„Darauf ging der Priester zum Qehege t die Männer hoben 
den Qott auf (es war ein mit Smaragden und anderen Edel¬ 
steinen geschmückter Felsblock), und sie wurden durch ge¬ 
wisse geregelte Zeichen der Stimme in Bewegung gesetzt 
(wie durch die wiederholten Rufe ,Allah 6 bei dem reli¬ 
giösen Zikr der heutigen Muslim). Da antwortete er, der 
Qott werde ihm zuverlässig den Wunsch erfüllen." 

DIE ÖSTLICHE WÜSTE UND VORDER-ASIEN 

In der östlichen („Arabischen") Wüste zwischen dem 
Nil und dem Roten Meer haben immer hamitische 
Nomaden gezeltet, die den Ägyptern urverwandt sind und 
zu der ägyptischen Religion den einfachen naturnahen 
Glauben des Wüstenbewohners beigetragen haben. Sie 
haben Felszeichnungen hinterlassen, die auch für die spä¬ 
tere Zeit noch die gleiche Jägerkultur erkennen lassen wie 
für die Urzeit. Die Ägypter der pharaonischen Zeit sind 
mit ihnen in Berührung gekommen durch den Betrieb der 
Steinbrüche und Bergwerke, die aus einem abgelegenen 
Wadi (Felsental) mit geringer Vegetation und nahezu ohne 
Wasser die kostbaren Rohstoffe aus dem „Lande des Qot- 
tes " zu Tage förderten. Feste Karawanenwege in die öst¬ 
liche Wüste bildeten sich besonders an dem Bogen des Nil¬ 
tals heraus, der am weitesten nach Osten ausbiegt (Gau V), 
heute bei Kena, im Altertum bei Koptos, dessen Gott Min 
der „Herr der Wüste" war und von Reisenden als Schützer 
angerufen wurde (Abb. 1). Hier wurden nach Ägypten die 
Waren eingeführt, die in dem Hafen am Roten Meer (heute 
Koser) auf dem Seewege aus dem tropischen Lande Punt 
angekommen waren, wo Amon, Hathor, eine große Schlange 
und andere guten Geister die Ägypter mit den Erzeug¬ 
nissen des Sudan versorgten. Auf einer urzeitlichen Statue 
des Min von Koptos sind in zartem Relief Muscheln ange¬ 
bracht, die in seinem Namen an dem Roten Meer ge- 


247 



wonnen waren. Den Karawanenweg von Edfu (Gau II) zu 
den Bergwerken, für die Sethos I. (Dyn. XIX) einen Brun¬ 
nen anlegen ließ, stellte er unter den Schutz des Gaugottes 
Horus von Edfu und der anderen Gottheiten seines Staa¬ 
tes. Die von Elephantine nach Osten laufende Straße wurde 
neben Amon von Sätet und Anuket, den beiden Göttinnen 
der Insel (Gau I), behütet. 

Der Ostrand des Nildeltas bedeutete für die Ägypter 
die Nachbarschaft mit den Semiten, die als Nomaden 
die weite Wüste von Arabien her bis über den Sinai und 
die Verbindung nach Palästina bevölkerten. Wieder trat 
hier eine Wüstenreligion an die Ägypter heran, diesmal von 
einem rassefremden Volke, das ägyptische Sprache und 
Kultur nur durch gelegentliche, aber wiederholte Einwan¬ 
derungen beeinflußt hat. Unter den Gottheiten des öst¬ 
lichen Deltas sind einige, die nach Gestalt und Inhalt den 
asiatischen nahestehen, wie Bastet von Bubastis (GauXVIII), 
die Katze mit ihren Liebesfesten nach syrischer Sitte. Sopdu, 
der Grenzgott (Gau XX) und Herr der Wüste, erschien 
als vollbärtiger Mann mit seinen Antilopen (Abb. 66). 
Setech von Tanis (Gau XIV) wurde wie ein Asiat darge¬ 
stellt und deshalb von den Hyksos, die aus Vorder-Asien 
einfielen und Ägypten eroberten (Dynastie XV—XVI), zu 
ihrem Staatsgott bestimmt und wie ihr eigener Schutzgott 
angesehen. Dadurch wurde Setech, der schon als Mörder 
des guten Königs Osiris belastet war, ganz zum Gott des 
Auslands, zu dem bösen Unhold aus der Fremde, dem 
syrischen Donnerer, dem man gern alles Wilde zuschrieb, 
wie die Gewitter, das salzige Meerwasser, den unfrucht¬ 
baren Sand der Wüste und auch den ethischen Frevel. Auf 
einem Siegelzylinder vorderasiatischer Art zeigt die Ab¬ 
rollung den Hyksos-König Chendi vor einem Gott mit der 
oberägyptischen Krone wie Reschef; auf einem anderen 
steht der Hyksos ohne königliche Abzeichen vor dem Gott 
mit dem Kopfe des Setech-Tieres und der unterägyptischen 
Krone. Beide Rollsiegel haben eine Randverzierung mit der 


248 



Abb. 66 . Zwei Wüstengötter auf einem Tempelrelief des Königs Sahu-Re 
(Dynastie V): Setedi mit dem Kopf eines Tieres und der Beischrift „Nubti" 
(von der Stadt Nubt, oberäg. Gau V). Der vollbärtige Sopdu (aus unter¬ 
ägyptischem Gau XX) mit einem Kopfschmuck von zwei geraden Federn 
und der Beischrift: „Herr der Wüsten". Beide sind kampfeslustige Götter 
der Beduinen und tragen deshalb außer dem Was-Zepter (ursprünglich 
Krückstock der Kameltreiber) und dem Ancli (Henkelkreuz) „Leben" ein 
Kriegsbeil als Waffe. 

Spirale der Mittelmeervölker als weiteres Zeichen der Kul¬ 
turmischung. 

Die ihnen benachbarte Halbinsel des Sinai haben die 
Ägypter kaum als Ausland angesehen. Dort waltete ihre 
„Hathor, Herrin des ^Malachit", deren Bergen sie schon in 
der Urzeit das Kupfer abgewannen. Wieder zogen sie 
unter dem Schutze des Gottes mit dem Kopf des Setech- 
Tieres dorthin, der „Anti, Herr des Ostens" genannt wurde, 
und das gewonnene Kupfer war in den Pyramiden texten 
„das Erz, das aus Setedh hervorging" . Wenn auch Thot 
von Hermopolis (oberäg. Gau XV) im Sinai als „Herr der 
Jremdländer " Opfergaben von König Chufu (Dyn. IV) 



249 




Abb. 67. Denkstein aus den Kupferberg¬ 
werken der Sinai-Halbinsel. Einheimische 
Diener der ägyptischen Götter haben Ptah 
von Memphis (unteräg. Gau I) in die 
Wüste übertragen und ihm in der Sinai- 
Schrift das Beiwort „Gott des Bergwerks" 
gegeben. Ptah ist nach ägyptischer Art als 
stehende Mumie auf hohem Sockel darge¬ 
stellt, mit dem Was-Zepter in den Händen. 

empfängt, so werden wohl Berg¬ 
leute aus seinem Gau dort an- 
gesetzt worden sein. Denksteine 
mit der Sinai-Schrift, die von 
dortigen Semiten den ägyptischen 
Hieroglyphen nachgebildet war, beteten nicht nur ihre ein¬ 
heimische Baalat an, das Vorbild der ägyptischen Hathor, 
sondern stellten auch den Ptah von Memphis in seiner 
Kapelle dar als „Qott des Bergwerks" (Abb. 67). 

Von Syrien waren die Ägypter durch einen Wüsten¬ 
streifen getrennt, der von dem Sinai her für etwa 200 km 
an das Mittelmeer herantritt und zu einer Verbindung durch 
Karawanen nötigt. In Palästina breitete sich dann ein 
reiches Tiefland mit Äckern, Früchten, ölbäumen aus, be¬ 
grenzt durch den Libanon mit seinen Zedern, von denen 
man Holz für Bauten, Geräte und Särge erhielt, dazu das 
für die Leichenbehandlung in großem Umfang nötige Öl. 
Die semitische Bevölkerung war zu einem Teile nicht nur 
seßhaft geworden, sondern verfertigte auch wertvolle Waren 
wie Gefäße aus Ton und Metall, Stoffe für Kleider und 
Leichen. Mit den Gegenständen kamen auch ihre Herstel¬ 
ler und deren Gottheiten in das Niltal, darunter Schützer 
von Städten oder Fürstentümern, die Ortsgottheiten waren 
wie in den Gauen Ägyptens. Die Ägypter nahmen sie als 
fremde Genossen, gelegentlich sogar als Ebenbilder ihrer 
eigenen Gottheiten auf und stellten sie ähnlich den ägyp¬ 
tischen Gaugottheiten dar, wohl mit ihren asiatischen Sym¬ 
bolen, aber doch angeglichen an die Götterwelt des Niltals. 
So wurde der Baal der Semiten dem ägyptischen Setech 



250 


ähnlich, der syrische Reschef (Teschup) hielt Schild und 
Lanze wie ein Ägypter, und Istar erschien als Hathor. Von 
den Göttinnen wurden auch Anat von Kanaan, Astarte auf 
ihrem Pferd und die Schützerin der Stadt Kadesch auf 
ihrem Löwen den Ägyptern vertraut. Dafür wanderte Isis 
nach Syrien und fand ihre Genossin Hathor in Byblos an 
der Küste, an die einst die Leiche des Osiris angetrieben 
worden war. In den Häfen von Phönizien, in denen man 
die Auferstehung des Frühlingsgottes Adonis wie die des 
Osiris feierte, waren ägyptische Gottheiten wohlbekannt, 
und die Gräber der Stadtfürsten von Byblos muten an wie 
ägyptische. Die Weltlehre des Sanchuniathon von Byblos 
ist eine phönizische Umgestaltung der ägyptischen Schöp¬ 
fungsgeschichte des Thot von Hermopolis (oberäg. Gau XV), 
der als Taaut den Himmel gestaltet und die Schriftzeichen 
erfunden habe. 

Von den Völkern Syriens nimmt Israel eine beson¬ 
dere Stellung Ägypten gegenüber ein. Sein Aufenthalt in 
dem Lande Gosen (Gau XIV) und der Auszug über die 
Nordspitze des Roten Meeres sind untergeordnete Ange¬ 
legenheiten der politischen Geschichte, die uns aber durch 
Berichte über Religion und Gebräuche Ägyptens Beobach¬ 
tungen aus der Zeit des Neuen Reiches vermitteln. Ihr ge¬ 
hört der Siegesbericht des Königs Mer-en-Ptah (Dyn. XIX) 
an, in dem neben anderen syrischen Völkern auch Israel 
als unterworfen genannt wird. Josef hat einen ägyptischen 
Namen erhalten: Zed-pa-nüter-ef-anch „Der Qott sagt: er 
lebt!" und seine Versucherin ist die Gattin des Pete-pa-Re 
(Potiphar) „£r ist es, den Re gegeben hat". Die Religion 
Israels enthält in ihren bodenständigen Grundlagen, die aus 
der Zeit vor der Durchführung des Monotheismus stam¬ 
men, von Amoritern und Philistern beeinflußt, zahlreiche 
Anklänge an ägyptische Vorstellungen. In Palästina wur¬ 
den Felsen und Bäume verehrt, die kultische Reinheit wurde 
durch Waschung und Räucherung bewirkt, und aus Ägyp¬ 
ten war das goldene Kalb entlehnt. In der hebräischen 


251 



Literatur entwickelten sich Liebeslieder, Weisheitssprüche 
und moralische Unterweisungen ähnlich den ägyptischen, 
teilweise unmittelbar aus ihnen entnommen. In den Psalmen 
entstanden Sonnenhymnen und aus dem schuldbewußten 
Herzen des Gläubigen Lieder an seinen Gott, von dem er 
Erlösung erhofft, beides ebenso in Ägypten, als ob es im 
Sinne der Zeit gelegen hätte. 

Zu den weiter entfernt liegenden Ländern Vorder- 
Asiens haben die Ägypter nur lose und zeitlich be¬ 
schränkte Beziehungen gehabt, so daß eine religiöse Beein¬ 
flussung hier nur in Einzelheiten stattgefunden haben kann. 
Aus dem Lande der Chatti in Klein-Asien ist die silberne 
Figur eines Gottes in rein menschlicher Gestalt nach 
Amarna (Dyn. XVIII) gekommen, und in dem Vertrag 
Ramses II. (Dyn. XIX) mit dem Chatti-König sind die 
asiatischen Gottheiten beschrieben, wie sie in Reliefs dar¬ 
gestellt sind, oft auf Löwen oder auf Bergen stehend. Das 
Ansehen der Pharaonen hat gelegentlich die Reise weiser 
Priester und Ärzte aus den ägyptischen Tempeln nach 
Vorder-Asien veranlaßt. Als Ramses II. die Tochter des 
Fürsten von Beeilten in Naharain (Zweistromland) gehei¬ 
ratet hatte, wurde ihre Schwester, die den semitischen 
Namen Bent-resch trug, wahnsinnig, und ihr Vater erbat 
Hilfe aus Ägypten. Da die Heilung durch einen aus Ägyp¬ 
ten entsandten Weisen nicht gelang, befragte Ramses II. 
in Theben den großen Gott „Chonsu in Jheben Nofer- 
hötep" durch Orakel. Dieser genehmigte die Entsendung 
der Statue seines Helfers „ Chonsu, Ratgeber in Jheben, 
der die (feister vertreibt" nach Bechten, und dort gelang 
die Heilung durch den dem Gott viermal verliehenen 
Schutzzauber. Nachdem das Götterbild drei Jahre und 
neun Monate in Bechten zurückgehalten worden war, er¬ 
schien dem Fürsten der Gott im Traum, als goldener Falke 
aus seiner Kapelle heraus und am Himmel nach Ägypten 
fliegend, so daß der erschreckte Fürst die Statue schleunigst 
mit zahlreichen Gaben nach Ägypten zurückschickte. In 

252 



Abb. 68. Grabstein eines Persers, der in Ägypten den dortigen Glauben 
angenommen hat und sich nach ägyptischer Art hat beisetzen lassen, ln 
der Umrahmung durdi die Tür einer ägyptischen Kapelle (mit Hohlkehle 
und Schlangenfries) zeigt ein Bild den Augenblick, in dem die Mumie 
im Boot über den Nil zum Friedhof gefahren wird. Ein Sohn sitzt im Bug 
mit einer Opfertafel, ein anderer an dem Steuerruder. Ein Priester mit der 
Maske eines Hundes betreut die Mumie in der Rolle des Totengottes Anu¬ 
bis. Zwei andere mit Masken als Kopf eines Falken (Horus) bzw. eines 
Ibis (Thot) halten persische Sonnenschirme, während die Seele des Verstor¬ 
benen mit ausgebreiteten Flügeln und einem Palmzweig zwischen ihnen schwebt. 

der alten Kultur von Mesopotamien gibt es viele Ähnlich¬ 
keiten mit Ägypten, auch in religiöser Hinsicht, bei denen 
man schwanken kann zwischen Urverwandtschaft und 
Übertragung. Ägyptische Schieferpaletten aus Tempeln der 
Frühzeit zeigen die babylonischen Fabeltiere mit den lan¬ 
gen Hälsen, ein gleichzeitiger Messergriff die Gilgamesch- 

253 





Gruppe des zwei Löwen packenden Mannes, und beiden 
Religionen ist die Vergöttlichung des Königs gemeinsam, 
der auch als Löwe oder Stier dargestellt wird. Aber alle 
diese Fälle bleiben Einzelheiten, die jeder Religion den ihr 
eigenen Charakter gelassen haben. Ein Fremdkörper ist 
auch das Reliefbild der Sonne mit Uräus (Schlange) und 
des ägyptischen Gottes mit hoher Federkrone, das neben 
einer keilschriftlichen Inschrift auf einen Ziegel in Der, 
einer Grenzfestung im östlichen Babylonien, eingegraben 
ist. Viele Vorder-Asiaten, von deren Kolonie in dem Frem¬ 
denviertel von Memphis wir wissen, mögen als Sklaven 
nach Ägypten gekommen sein (wie die mittelalterlichen 
Mamluk), brachten es aber zu Wohlstand und Einfluß, 
wurden auch Beamte (wie Joseph bei dem Pharao). Auf 
Denksteinen haben sie sich in ihrer einheimischen Tracht 
darstellen lassen, verehren aber die ägyptischen Gottheiten 
und lassen sich nach ägyptischer Weise in Sarg und Grab 
beisetzen. Anubis mit dem Hundekopf steht auch an ihrer 
Bahre wie an der des Osiris (Abb. 68). 

DAS NÖRDLICHE MITTELMEER 
UND DIE GRIECHEN 

Der Norden war für die Ägypter im 2. Jahrtausend 
vor Chr. keine Gegend, die ihnen geistigen Gewinn bieten 
konnte. Die dortigen Völker Ha-nebu wohnten auf Inseln 
und waren nur zu Schiff zugänglich, langwierig, solange 
man nur an der Küste entlang fuhr, noch nicht quer über 
das hohe Meer. Wohl bestand ein reger Verkehr, und der 
Handel brachte seltene Steine und Metalle. Angehörige 
der „ Seevölker " dienten als Söldner in Ägypten, ihre Vet¬ 
tern fielen auch als Räuber in das Niltal ein. Aber die 
ägyptische Religion hat dabei keine Anregungen erhalten. 
Nur eine Insel hatte eine höhere Kultur, mit der es einen 
Austausch lohnte: Kreta, dessen lebendige Kunst auch auf 
das Reich der Pharaonen Eindruck gemacht hat. Dorthin 


zogen ägyptische Priester, die mit dem Sistrum, das in 
Ägypten nur die Frauen im Tanz schüttelten, dem Kultus 
eine geheime Weihe zu geben wußten und wohl schon bei 
den Grundlagen zu Mysterien mitgeholfen haben. Durch 
alle Küstenländer von dem Schwarzen Meer über Grie¬ 
chenland und Italien bis an die Alpen sind Bronzefiguren 
des ägyptisch-syrischen Gottes Reschef verbreitet, der in 
der über den Kopf erhobenen rechten Hand die Lanze 
schwingt. Steinerne Käfer (Skarabäus), am Fingerring oder 
am Halsband getragen, sind als Schutz verleihendes 
Amulett mit ägyptischen Götterbildern und Symbolen 
über ganz Vorder-Asien und die Küstenländer des Mittel¬ 
meeres verbreitet worden. Die Zauberwirkung dieser 
Gegenstände muß groß gewesen sein und den Fremden 
etwas von der geheimen Magie der Ägypter vermittelt 
haben. 

Das erste europäische Kulturvolk, mit dessen völlig an¬ 
dersartiger Lebensauffassung und Religion die Ägypter 
sich auseinanderzusetzen hatten, waren die Griechen. 
Als hellenische Söldner im 7. Jahrhundert vor Chr. aus 
Griechenland und griechischen Kolonien in Asien und Ita¬ 
lien nach dem Niltal kamen, mit ihren eisernen Panzern 
und Waffen eine gefährliche Macht, hatte die ägyptische 
Regierung, wie immer argwöhnisch und mißtrauisch gegen 
das Ausland, die Fremden auf abgeschlossene Siedlungen 
beschränkt, ähnlich China und Japan im 19. Jahrhundert 
nach Chr. Mit den willkommenen Waren der Hellenen 
strömte ihr Geist herein, und aufgeklärte Ägypter wand¬ 
ten sich gern ihrer freieren Kunst, ihrer Betätigung des 
Bürgers und ihrer lebensfrohen Gastlichkeit zu, die dem 
Diener der Pharaonen wie eine Fanfare der Freiheit er¬ 
klingen mußten. In religiöser Hinsicht brauchte der Ägyp¬ 
ter keine Bedenken zu haben, die griechischen Gebräuche 
etwa bei dem Totenopfer für seine Angehörigen anzuneh¬ 
men. Reliefs in den Tempelhöfen zeigten ihm den König 
Ptolemaios aus makedonischem Blut und von hellenischer 

255 


Bildung in griechischer Tracht vor den ägyptischen Gott¬ 
heiten betend und opfernd (Tafel 17), (ebenso wie der 
in Wien erzogene Chediwe Ägyptens aus albanisch-türki¬ 
scher Familie öffentlich an jedem Freitag Mittag an dem 
muslimischen Gebet in einer Moschee Kairos teilnahm). 
Die griechischen Philosophen und Schriftsteller von dem 
altehrwürdigen Herodotos bis zu Plutarchos, dem Priester 
der Mysterien, und zu den römischen Dichtern, die ihre 
Bildung den hellenischen Gelehrten verdankten, versicher¬ 
ten übereinstimmend, die griechischen Gottheiten seien im 
Grunde die ägyptischen, für viele sei die Herkunft aus 
dem Niltal bekannt, und die Geheimkulte seien die glei¬ 
chen, über verschiedene Länder verbreitet wie in der Neu¬ 
zeit die Logen. Der griechische Dionysos sei eigentlich der 
ägyptische Osiris, Demeter seine Gattin Isis/ der kluge 
Hermes sei der weise Thot von Hermopolis, und Aphro¬ 
dite keine andere als die lebensfrohe Hathor von Dendera. 
über allen throne als Götterkönig Zeus wie Amon Re von 
Theben. Auf die dem Volke, wenn auch nicht den Prie¬ 
stern geläufige Gleichheit der Götter baute Ptolemaios I. 
Soter seinen vorausschauenden Plan, als er Sarapis, den 
Herrn der dunklen Unterwelt, aus der griechischen Kolo¬ 
nie Sinope am Schwarzen Meer holen ließ und ihn in 
Memphis, das im Gegensatz zu dem griechischen Alexan¬ 
dria die Hochburg des nationalistischen Fanatismus geblie¬ 
ben war, als den Osor-Apis erklärte, die Vereinigung des 
Totengottes Osiris mit dem Stier Apis. Ägypter und Hel¬ 
lenen feierten nun den gleichen Gott, auch in den geheimen 
Mysterien, indem die einen an ihren Osiris-Apis als könig¬ 
liche Mumie und als Stier dachten, die anderen an das voll¬ 
bärtige und lockenumwallte Haupt des göttlichen Vaters 
Sarapis aus ihrem eigenen Blut. 

Die Ägypter haben an ihrer Bestattung auch in 
griechischer Zeit festgehalten. Der Körper wurde durch 
Harz, Pech und stark riechendes öl wenigstens für eine 
gewisse Zeit erhalten, damit die Seele zu ihm zurück¬ 


kehren konnte. Der Leichnam wurde wie früher mit Bin¬ 
den und Tüchern umhüllt und erhielt über dem Kopf eine 
Maske, allerdings nun nicht mehr aus Pappe mit dem 
schlichten langen Haar des Osiris und mit seinem geraden 
dünnen Götterbart, sondern einen lebensvollen Kopf aus 
Gips in griechischem Stil, naturgetreu modelliert mit dem 
Vollbart und dem Lockenhaar des lebenden Mannes, oder 
als jugendliches Frauengesicht mit aufgelockertem Haar 
und reichem Schmuck, wie die Dame sich zu Lebzeiten gern 
gezeigt hatte. Andere Leichen erhielten eine Holzplatte vor 
den Kopf, auf die das Gesicht des Verstorbenen in lebens¬ 
wahrer Wiedergabe gemalt war. Hier zog das Bewußtsein 
der eigenen Persönlichkeit im Gewände der hellenischen 
Lebenslust in den ägyptischen Totenkult ein, ohne daß an 
dem Glauben an das Jenseits gerüttelt wurde. In der Göt¬ 
terwelt wurde Isis mit einem griechischen Gewände be¬ 
kleidet, und die anderen Gottheiten erhielten griechische 
Namen, veränderten mit der äußeren Gestalt auch etwas 
von ihrem Inhalt. Im Ganzen bedeutete aber der allmäh¬ 
liche Übergang zu der griechischen Religion für die Ägyp¬ 
ter nicht einen Bruch mit ihrem Glauben, sondern nur eine 
Anpassung an die Gegenwart. Sie waren innerlich doch 
viel zu sehr Afrikaner, als daß sie von den Hellenen mehr 
angenommen hätten als was ihnen gemäß war. Die grie¬ 
chische Religion Ägyptens ist im Grunde eine Umkleidung 
des uralten ägyptischen Volksglaubens mit hellenischem 
Gewände. 

Die ältere griechische Literatur läßt das Staunen 
erkennen, mit der das jugendliche Volk der Hellenen auf 
die alte und fein durchgebildete Kultur des Niltals blickte 
und auf die ihnen wunderlich erscheinenden Äußerungen 
des ägyptischen Glaubens. Homeros singt von Ägyptens 
Hauptstadt Thebai (oberägyp. Gau IV) und ihren hundert 
Tempeltoren. In die Festgesänge des Pindaros (Mitte 
5. Jahrh.) ist die Kenntnis von der Zeugungskraft des hei¬ 
ligen Ziegenbockes von Mendes (unteräg. Gau XVI) ge- 



256 


17 Roeder, Pharaonenreich 


257 





drangen. Um 450 vor Chr. hat Herodotos aus der griechi¬ 
schen Kolonie Halikarnassos in Klein-Asien Ägypten be¬ 
reist, um für die Niederschrift seines Geschichtswerkes 
eigene Anschauung zu gewinnen. Der jonische Reisende war 
ein gebildeter Mann und guter Beobachter, in seiner Hei¬ 
mat in die Geheimkulte eingeweiht, so daß er auch in 
Ägypten an ihren Feiern teilnehmen durfte; er dankte 
seinen Gastgebern dafür durch rücksichtsvolle Bewahrung 
der Geheimnisse. In seiner Schilderung gab er wieder, was 
er an Städten, Tempeln und Königsgräbern von dem Delta 
bis nach Elephantine im ersten Katarakt hinauf gesehen 
hat, wie die heiligen Tiere gehalten und geehrt wurden, 
wie man die Leichen zu Mumien herrichtete, und weshalb 
die Ägypter die frömmsten aller Menschen seien. Er sagte 
das alles seinen Lesern nicht ohne Absicht, denn sie wußten 
ja selbst, wie viel das alte Wunderland der Pyramiden und 
Sphinxe zu ihrer Bildung beigetragen hatte. Die Myste¬ 
rien in Eleusis (westlich Athen) wurden von Priestern 
aus der Familie des sagenhaften Eumolpos, Sohn des 
Poseidon, geführt, der seine Weihen in Ägypten erhalten 
haben sollte. Das Frühlingsfest der Thesmophorien für die 
Getreidesaat in Athen war von den Töchtern des Danaos 
aus Ägypten mitgebracht und bei den Frauen der urzeit- 
lichen Pelasger eingeführt worden. Das Orakel, das in Do- 
dona in Epirus (nordwestliches Grenzgebiet gegen Alba¬ 
nien) aus dem Rauschen der Eichen und dem Gurren der 
Tauben erteilt wurde, war nach Aussage der Priesterinnen 
durch eine schwarze Taube aus der oberägyptischen Haupt¬ 
stadt Theben dorthin übertragen worden. In Delphi, am 
Fuße des Parnassos, stand das Orakel in Zusammenhang 
mit einem uralten Kult der Erde, und ein Felsstein wurde 
als Fetisch Omphalos „‘Nabel der Erde " bewahrt; auch 
Festfeiern erinnerten an Ägypten durch ihren Gegensatz 
zwischen der erdgebundenen Ekstase, nächtlichen Frauen¬ 
tänzen und brausender Musik auf der einen Seite, und der 
stillen Feierlichkeit des beruhigenden Lichtgottes Apollon 

258 


mit seiner erhebenden Veredlung auf der anderen Seite. 
Auf den nördlichsten Inseln des Ägäischen Meeres, beson¬ 
ders auf Samothrake, pflegte man Mysterien, die den ein¬ 
heimischen Kulten von Thrakien (Balkan-Halbinsel) und 
Klein-Asien nahe standen; ihre Schöpfer Kabeiros und 
Kadmos wanderten auf das griechische Festland aus nach 
Thebai in Boiotien, wohin sie mit anderen ägyptischen Sym¬ 
bolen auch die Gestalt des Sphinx (Löwe mit Königskopf) 
brachten, umgestaltet zu einem weiblichen Rätsel von ge¬ 
fährlicher Verführung. 

Alle diese Einflüsse der ägyptischen Religion auf die 
hellenische Welt waren den griechischen Schriftstellern 
wohlbekannt, und sie gaben in ihren Arbeiten Hinweise 
auf eine Fülle von Landsleuten, die auf ägyptischen Hoch¬ 
schulen studiert oder von bestimmten Priestern gelernt hat¬ 
ten, teils Gesetzeskunde und Astrologie, Mathematik und 
Geographie, teils Lebensweisheit und Einsicht in die Ge¬ 
heimnisse. Inzwischen waren die ägyptischen Gottheiten, 
oft mit griechischer Umgestaltung aus Alexandria, über 
Hellas nach Italien getragen worden, wo die Römer auf 
der Suche nach dem „Unbekannten Qott" begierig den 
Ritus der Mysterien aufnahmen. Isis, die schlichte Gottes¬ 
mutter am Nil, vereinigt mit dem Himmel und der Urkraft 
der Hathor, war ihnen zu ihrer eigenen Göttin geworden, 
die ihre Schiffahrt schützte, ihre Familie segnete und die 
Wünsche der Erlösungsreligion erfüllte. In den Isis-Tempel 
der Landstadt Pompeji bei Neapel waren Standbilder der 
ägyptischen Götter eingezogen, die man von den Ufern 
des Nil zusammen mit seinem heiligen Wasser herbeige¬ 
schafft hatte; in der nahen „Villa der Mysterien" suchten 
die Eingeweihten nach einer inneren Verbindung mit den 
überirdischen Herrschern des Lebens. 

Wer damals Weltgeschichte darstellen wollte, durfte an 
der Weisheit der Ägypter und an ihrer Kenntnis der ver¬ 
borgenen Dinge nicht vorübergehen. So begann Diodoros, 
ein Historiker aus einer griechischen Kolonie auf 

259 


Sizilien, seine „Qesdhidote der Menschheit " mit Ägypten, 
und er reiste 59 vor Chr. dorthin, während Ptolemaios XIII. 
Neos Dionysos, genannt Auletes „Der Tlötenbläser" , König 
war und die römischen Legionen schon ihre Vorboten an 
den Nil geschickt hatten. In den Deltastädten und in dem 
Tempel des Ptah in Memphis (unterägypt. Gau I) hat er 
Mitteilungen über die ägyptischen Götter erhalten, von den 
Pyramiden nahm er einen überwältigenden Eindruck mit, 
und in Theben (oberägypt. Gau IV) bewunderte er an dem 
Ramesseum den königlichen Totentempel, den er aber nur 
teilweise besichtigen durfte. Er sah mit eigenen Augen, wie 
Ägypter die Wohnung eines Römers stürmten und ihn 
schließlich ermordeten, weil er eine Katze getötet hatte, 
sogar nur aus Versehen. Der griechische Geograph Stra- 
bon (gestorben 23 n. Chr. in Rom) gab in seiner „Beschrei¬ 
bung der Sr de" auch eine genaue Schilderung Ägyptens 
mit sachlichen Angaben über alle Sehenswürdigkeiten. Sie 
beruhen auf eigenen Beobachtungen, die er auf der Fahrt 
nilaufwärts bis nach Syene (Aswan, Gau I) gemacht hatte. 
Von dort ist er mit einem Wagen auf der noch heute üb¬ 
lichen Touristenstraße an dem Katarakt entlang gefahren, 
um den Tempel der Isis auf Philae zu besuchen; in ihm 
fand er noch die Verehrung des heiligen Falken vor. In 
Arsinoe im Fajjüm (oberäg. Gau XXI) hatte er vorher die 
Fütterung des heiligen Krokodils gesehen, in Memphis 
(unteräg. Gau I) den Apis, beides als Vorführung für 
fremde Reisende; in Abydos (oberäg. Gau VIII) ließ man 
diese in dem Tempel des Königs Sethos I. schlafen, um 
ihnen Traum-Orakel zu erteilen. Bis Syene ist auch Prinz 
Germanicus aus der Kaiserlich-römischen Familie gereist, 
um die Altertümer des Niltals zu besichtigen. 

Plutarchos, in Griechenland 46 nach Chr. geboren, dort 
in die Mysterien eingeweiht und Priester in Delphi, 
schrieb ein Buch „Tiber Jsis und Osiris ", in dem er die ihm 
bekanntgewordenen religiösen Vorstellungen und Kultge¬ 
bräuche der Ägypter von seinem Standpunkt als griechischer 

260 


Philosoph aus ieutete. Er fußte auf Angaben griechischer 
Gelehrter, die in Memphis, Sais und Heliopolis (unter¬ 
ägyptische Gaue I, IV, XII) bei den Priestern ihre Studien 
gemacht hatten, und übermittelt uns beispielhafte Einzel¬ 
heiten über die damalige Auffassung der ägyptischen Theo¬ 
logen von ihren Gottheiten. Seine Begründungen für die 
ägyptischen Mythen und Kultvorschriften sind allerdings 
zuweilen mehr griechisch als ägyptisch gedacht. In Syene 
lebte wenig später der Dichter Juvenalis (60—140 n. Chr.), 
aus Rom strafversetzt an den ersten Katarakt des Nils 
wegen seiner Satiren, in denen er die Leichtfertigkeit römi¬ 
scher Damen bloßstellte, die den Tempel der Isis für ihre 
Liebesabenteuer benützten. Er erlebte es, wie die Bewoh¬ 
ner von Tentyra (Dendera, Gau VI) und Ombus (Nubt, 
Gau V) in Ober-Ägypten sich gegenseitig bekämpften und 
töteten, weil jeder von beiden die Götter der Nachbarn 
beschimpft und ihre heiligen Tiere geschändet hatte. Zu 
der gleichen Zeit stiftete in der Landstadt Velitrae südlich 
Rom der angesehene Bürger Titus Sextius mit dem Bei¬ 
namen Africanus einen Obelisken mit einer hieroglyphi- 
schen Inschrift in den dortigen Tempel; er hatte wohl in 
Afrika gedient und am Nil die heiligen Symbole des ägyp¬ 
tischen Kultus kennen gelernt, die er auch für seine Lands¬ 
leute als wertvoll ansah. 

Allmählich drang das Christentum nach Ägypten 
ein, und damit war für die Verteidiger der ägyptischen 
Götter eine neue Lage gegeben. Schüler der griechischen 
Philosophie wie der syrische Neuplatoniker Jamblichos in 
seinem Buche „Uber die Mysterien" hielten aber an ihnen 
fest; es will von Abammon, einem ägyptischen Priester in 
hohem Range, geschrieben sein. Nach ihm verfügt der 
höchste Gott Demiurgos über acht Mächte mit wunder¬ 
lichen Namen und mystischen Aufgaben, hinter denen man 
nur mit Mühe die ägyptischen Götter der pharaonischen 
Zeit erkennen kann. Mit ihnen sind wohl die Urgötter 
Amon und Ptah gemeint, der Schöpfer Chum, der auf- 

261 


erstehende Osiris und der weise Thot, neben denen geistige 
Kräfte und Dämonen wirken. Durch ihre Vertiefung in das 
Seelenleben des gläubigen Suchers näherten die Gedanken¬ 
gänge sich den christlichen. Aber bis in das 5. und 6. Jahr¬ 
hundert sind stille oder auch fanatische Schwärmer an den 
Nil gezogen, um das ersehnte Heil für ihre Seele dort 
durch Nachdenken oder Ekstase zu gewinnen. Wehmütig 
klagten sie über die schwindende Aufnahmefähigkeit für 
die mystische Verklärung, und mit aufrichtiger Trauer sahen 
sie, die kaum noch etwas von den Hieroglyphen und von 
den auf Papyrus geschriebenen Texten der Ägypter ver¬ 
standen, die Zeit voraus, in der niemand mehr die steiner¬ 
nen Inschriften entziffern könne, um ihnen die Unsterb¬ 
lichkeit für alle Ewigkeit abzugewinnen. 

DIE AUSEINANDERSETZUNG 
MIT DEM CHRISTENTUM 

Merkwürdige Nachrichten von einem neuen Glauben 
kamen nach Ägypten aus dem benachbarten Palästina 
(Abb. 1). Dort war unter den Propheten des Volkes Israel 
ein Mann namens Jesus (griechisch für das hebräische 
Jehoschua, Josua „Jahwe hilf!") aus der Stadt Nazareth 
in dem Berglande Galiläa aufgetreten, der sich für den 
Sohn des Gottes der Juden ausgab. In Jerusalem hatten 
die empörten Priester des jüdischen Tempels ihn vor Ge¬ 
richt gezogen, und der römische Statthalter, der ihnen und 
der aufgewiegelten Volksmenge nachgab, hatte den ihm 
gleichgültigen Propheten wie üblich an das Kreuz schlagen 
lassen mit dem Spottnamen „König der Juden". Die An¬ 
hänger seiner Sekte sorgten für die heimliche Bestattung 
und verkündeten, nun sei der seit langem erwartete Mes¬ 
sias des jüdischen Volkes, der sich griechisch als der Chri- 
stos „D er Qesalbte" bezeichnet hatte, zum Himmel auf ge¬ 
fahren und sitze dort zur Rechten des höchsten Gottes und 


beherrsche mit ihm die Welt, bis der jüngste Tag mit 
seiner Abrechnung kommen werde. 

Die Ägypter horchten auf. Daß der König dieser 
Welt ein Sohn des höchsten Gottes war und nach seinem 
Tode gen Himmel fuhr, um dort sein Herrscheramt an der 
Seite seines göttlichen Vaters auszuüben, das hatten die 
Priester der ägyptischen Tempel immer schon gelehrt. Und 
wenn ein jugendlicher Gott gewaltsam getötet war, von 
Frauen und Angehörigen beklagt, nach kurzer Zeit wieder 
zu neuem Leben auf erstand, so daß die Totenklage durch 
eine jubelnde Festfeier abgelöst wurde, — war nicht das 
Schicksal ihres Osiris ähnlich gewesen und lehrten nicht 
die geheimen Mysterien ihrer Isis eine ähnliche Erlösung 
durch das Leiden ihres Gottes? 

Die fremden Kaiser, die von dem fernen Rom aus als 
Nachfolger der Pharaonen das Niltal beherrschten, waren 
Götter wie jene und erhielten auch schon bei Lebzeiten 
eine Verehrung mit Opfergaben. Das war aber nur den 
Großen des Reiches zuteil geworden. Hier wurde nun 
dem einfachen Mann ein Weg zum Himmel geboten, den 
ihm die Selbstaufopferung des Gottessohnes geebnet hatte. 
Die Teilnahme an dem neuen Himmelreich war durch 
etwas zu erwerben, das der ägyptische Volksglaube auch 
schon gefordert hatte: Bekenntnis der Sünden, Reue und 
Buße. Man sah die Gläubigen dieser neuen Lehre allem 
Glanz des äußeren Lebens entsagen, und ihre Heiligen 
zogen als Einsiedler in die Wüste, um dort in stiller Ver¬ 
senkung zu beten und sich die Anwartschaft auf eine ewige 
Seligkeit zu gewinnen. Diese Ekstase mutete wie eine Fort¬ 
setzung der Geheimlehren an, in denen der Myste im Jen¬ 
seits die Tore nacheinander zu durchschreiten hatte, damit 
er von Raum zu Raum immer weiter gereinigt und gehei¬ 
ligt würde, und er die sündige Unreinheit immer weiter 
von sich abstreife. Daß die Sünder dem Rachen des Höllen¬ 
hundes anheimfielen, wußte man nur zu gut aus den Schil¬ 
derungen des Jenseits in den ägyptischen Totentexten; des- 


262 


263 


halb waren alle Selbstbekenntnisse auf den Grabsteinen 
voll von Versicherungen der Schuldlosigkeit und der guten 
Taten. Hier kam nun ein neuer Prophet, der für diese stets 
beteuerte und neu zu erweisende Sündlosigkeit ein glück¬ 
seliges Leben nach dem Tode verhieß. Begierig griffen die 
Ägypter in ihrer Not des seelischen Schiffbruches nach 
diesem Rettungsanker. In dem neuen Glauben sahen sie 
die Erfüllung ihrer ständigen Sehnsucht, und bald mischte 
sich der Christös mit dem alten Soter „ Retter " und dem 
vergöttlichten Pharao zu einem Götterkönig, in dessen Ge¬ 
folgschaft sich gläubige Scharen in Menge einfanden. In 
den Sprüchen der Zauberer, die unverändert die vertrau¬ 
ten Ratgeber des kleinen Mannes waren, erschienen neben 
den ägyptischen Göttern nun Michael, Gabriel und andere 
Erzengel des jüdischen Volkes. 

Einige Sinnbilder der neuen Lehre waren den 
Ägyptern aus ihrem einheimischen Glauben vertraut. Ihre 
allumfassende „Isis, die Mutter des Qottes" r wie sie in 
den Inschriften der Tempel hieß, kam nun zu ihnen als 
eine neue Gottesmutter, eine geheimnisvolle Maria, selbst 
eine Himmelskönigin im blauen Mantel mit Sternen. In 
der ältesten Lehre der syrischen Kirche stand neben ihr 
ein jugendlicher Gott, zu dem sie sagte.- „Mein Sohn und 
mein Geliebter, an dem ich mein Gefallen finde". Nach 
der späteren Lehre hatte sie ihrem Kinde ohne irdische 
Liebe das Leben gegeben, und nur von dem höchsten 
Gotte her, dem Schöpfer der Sonne, konnte der befruch¬ 
tende Strahl auf die unberührte Frau gefallen sein. Ihr 
Sohn wurde als kleines Kind gedacht und dargestellt, wie 
er, die Erdkugel in der Hand, das Licht in die Welt hin¬ 
aus strahlen ließ. Ähnlich hatten die Ägypter den kleinen 
Horus auf dem Schoße seiner Mutter Isis dargestellt, und 
kaum ein anderer Gott war in dem ganzen Niltal so volks¬ 
tümlich geworden wie dieser Knabe Harpokrates, nach 
ägyptischer Symbolik die aufgehende Sonne. Nun wies 
das Kind Jesus mit seinem leuchtenden Licht den Weg 

264 


zum Himmel und zu der Glückseligkeit im Jenseits. Alle 
diese Bilder und Verheißungen mußten den Ägyptern wie 
eine alte Lehre ihres eigenen Volkes in neuer Verklärung 
erscheinen, so daß die von dem Suchen nach dem ewigen 
Heil der Seele erfüllten Menschen des Niltals schneller als 
andere Völker der Religion aus Palästina zufielen. 

Die Kopten (christlichen Ägypter) haben in ihrem 
Christentum die moralistische Seite stark entwickelt und 
die Spekulationen über das Wesen des Jenseits vielseitig 
ausgemalt, waren aber den philosophischen Gedanken der 
griechischen Theologie weniger zugänglich. Auf boden¬ 
ständigen Grundlagen haben sie den Kult der Märtyrer 
und Heiligen übertrieben ausgebildet und gepflegt. Die 
Teilung in Gerechte und Ungerechte nach der christlichen 
Lehre fand bei den Ägyptern ein Echo in der Vergeltung 
der guten und bösen Taten nach ihrer eigenen religiösen 
Literatur und ihrem Volksglauben. „J dh bin die Wahrheit 
und das Leben" als Worte des neuen Propheten knüpften 
an Begriffe der ägyptischen Religion an, die seit dem 2. Jahr¬ 
tausend vor Chr. lebendig waren. Die Mysterien der Isis 
mit dem auferstehenden Osiris bildeten dem suchenden 
Ägypter eine Brücke zu den christlichen Verkündigungen. 
Bei nächtlichen Festfeiern in dem Tempel der Kore in 
Alexandria, die sich um den Osiris als den Heiland Soter 
„ Retter " drehten, wurde ein Götterbild aus der unter¬ 
irdischen Krypta geholt und in Prozession gezeigt; dieser 
Umzug bedeutete: Kore (Jungfrau) hat den Aion (Ewig¬ 
keit) geboren! Die Eingeweihten dieses Mysteriums mußte 
das neue Weihnachts-Evangelium vertraut anmuten. 

Der koptischen Kirche standen in ihren Anfängen andere 
Glaubensgemeinschaften gegenüber, die zeitweise so mäch¬ 
tig waren, daß es fraglich erschien, ob sie oder das junge 
Christentum die größere Macht über die Gemüter be¬ 
säßen und behalten würden. Dazu gehörten die Manichäer, 
deren Lehre der afrikanische Kirchenvater Augustinus zu 
einer frühen Zeit seines Lebens anerkannt hat. Auch sonst 

265 



sind die Bücher des Mani (3. Jahrhundert) zu den Mön¬ 
chen und bis zu den Bischöfen vorgedrungen. Die Gno¬ 
stiker haben in koptischer (ägyptischer) Sprache 
eine große Literatur hervorgebracht, in der heidnische 
Elemente verschiedener Herkunft mit christlichen gemischt 
sind. Die mystische Ergriffenheit der Gnosis beruht zu 
einem guten Teile auf den Mysterien der Isis und des 
Osiris. Gnostische Amulette aus Ägypten lassen die gro¬ 
teske Verzerrung erkennen, bis zu der die einheimischen 
Gottesvorstellungen in der Hand dieser verirrten Gläubigen 
entstellt waren: ägyptische Götter leben fort in ihren Bil¬ 
dern mit einem falkenköpfigen Mann, der mit einer Lanze 
sticht, oder mit einem schakalköpfigen Gott, der einen 
Bogen hält und einer Keule schwingt, ferner mit einem 
Gott mit Widderkopf, auch mit einem ithyphallischen Gott; 
die heiligen Tiere der alten Religion erscheinen in hocken¬ 
den Pavianen, einem großen Käfer und dem schreitenden 
Nilpferd. Auf Amuletten aus Stein und auf Papyrus wer¬ 
den Dämonen der Gnosis mit geheimnisvollen Namen an¬ 
gerufen wie Joerbeth, Jobolchoseth; der letztere ist zusam¬ 
mengesetzt mit dem griechischen Seth (ägyptisch Setech), 
der als selbständiger Gott von überaus großer Macht auf- 
tritt, zu Typhon und dem Esel abgewandelt. 

Die heidnischen Elemente, die in das junge Christen¬ 
tum übergingen, lebten besonders in allen denjenigen Be¬ 
tätigungen weiter, die auf dem Volksglauben beruhten, 
und dieser wurzelte so tief, daß er den theologischen Strö¬ 
mungen nicht so leicht nachgab. Das kommt in Zaubern 
aus der frühkoptischen Zeit zum Ausdruck. Eine Beschwö¬ 
rung, die ein Orakel fordert, beginnt mit einer „ Anbetung 
an Vsire (Osiris), König der Dewet (Unterwelt), Herr der 
Bestattung, dessen Kopf in Tme (oberäg. Gau VIII) ist r 
dessen Puß in Nö (Hieben) ist r der in Eböt (Abydos, 
oberäg. Gau VIII) ruht, der in dem Sdhatten der Sykomore 
von JAeroe (in Süd-Nubien) ist, dessen Ruhm in Pa-scba- 
löm (Jerusalem) ist, dann folgen Anbetungen an gnostische 


Dämonen Althaböt, Sabaöth, Althomai, und an christliche 
Heilige, unter die aber wieder „ Phowt (Thot von Hermo- 
polis, oberäg. Gau XV), der zweimal Qroße, der Weise 
unter den männlichen Qöttern" eingemischt ist. Ein Zau¬ 
berer, der einen mächtigen Gott zu Hilfe rufen will, wen¬ 
det sich neben den „Cherubin des Lichtes" an „Re der 
Amente " (Sonne der Unterwelt), damit „Petbe, der in dem 
‘Nun (Urozean) ist", zu ihm komme. In einem Zauber¬ 
text, der bei Kindern gegen Bauchweh angewendet werden 
soll, ruft Horus, der kleine Sohn der Isis, drei „Dämonen 
Agrippas" herbei, von denen der dritte zu seiner Mutter 
Esi (Isis) gehen soll, damit sie ihn von seinen Leibschmer¬ 
zen heile. In Rom ist eine griechische Verfluchungstafel 
gefunden, auf der ein Zauberer sich den Geist eines von 
dem Bösen Typhon geholten (vorzeitig gestorbenen) Man¬ 
nes zur Hilfe verschreiben will, um seinen Feind Niko- 
medes in die Unterwelt zu senden: „Der große Osiris, 
der die Qewalt und Herrschaft hat über die Qötter des 
Potenreiches, befiehlt dir: ^Übernimm den Nikomedes, 

. diesen gottlosen Prevler, denn dieser ist es, der die 

Papyrusanlage des Osiris verbrannt und das Pleisdh der 
Pische gegessen hat! 1 " 

Teil des Rituals der antiken Tempel aus der Zeiten¬ 
wende sind mit Tracht und Gebräuchen in die gottesdienst¬ 
lichen Handlungen der christlichen Kirche übergegangen 
und werden in der katholischen Kirche dauernd angewen¬ 
det. Wer die Feierlichkeit eines Pontifikalamtes auf sich 
wirken läßt und die Erklärung der einzelnen Vorgänge 
kennt, sieht etwas von dem Glanz ägyptischen Tempel¬ 
dienstes in neuer Belebung. Als der Papst an die vermauerte 
Tür von St. Peter in Rom klopfte, um das Heilige Jahr 
1950 zu eröffnen, tauchten in den Handlungen wie in den 
gesprochenen Worten und den gesungenen Hymnen antike 
Vorstellungen wieder auf, wie gläubige Ägypter sie ge¬ 
pflegt haben. Die Mönche des Klosters Beuron, die den 
ägyptischen Stil zum Schmuck ihrer Kirchen und Geräte 


267 




verwenden, glauben darin einen erhabenen Ausdruck ihres 
religiösen Gefühls zu sehen. Religiöse Vorstellungen, wie sie 
dem ägyptischen Volksglauben gemäß waren, sind in die 
protestantischen K i r c h e n 1 i e d e r des 17. Jahrhunderts 
übergegangen und werden heute noch gesungen. Zu ihren 
ständigen Vergleichen gehört, daß der zum Himmel auf- 
gefahrene Christus von seinem Throne aus Erde und Meer 
beherrscht. Er wird aber auch als die Himmelssonne an¬ 
gerufen, die Licht und Wahrheit verbreitet, um dem Gläu¬ 
bigen innere Klarheit zu bringen. Der Kampf des Christus 
gegen den Teufelsdrachen wird ausgemalt wie der des 
ägyptischen Sonnengottes gegen die Apophis-Schlange. Da¬ 
neben steht das dem Ägypter wohlbekannte Bild des guten 
Hirten, der für seine Schafe leidet; aber auch Jesus selbst 
ist ein „£amm QoUes “. Leiden, Tod und Auferstehung 
werden mit ähnlichen Bildern besungen, wie man sie in den 
Mysterien des Osiris gefunden hatte. Das erdrückende Ge¬ 
fühl der eigenen Sündhaftigkeit wird hier wie dort er¬ 
leichtert durch das Eintreten der Gottheit. Von den zur 
Persönlichkeit gewordenen Gestalten des christlichen Glau¬ 
bens erhält Maria in alten Litaneien Züge, die in Hymnen 
an Isis ausgesprochen sind: Königin des Himmels, Lenkerin 
der Sonne, Herrin von Mond und Sternen, die als „stella 
maris" den Reisenden beschützt und den Frauen in ihrer 
Not hilft. Das Kind auf dem Schoß seiner Mutter war als 
Harpokrates, Sohn der Isis, ein den Ägyptern vertrauter 
Mittler zu der höchsten Gottheit; nun wurde es zu dem 
christlichen Heiland. Die Kirchenlieder verwenden ihre 
poetischen Bilder nicht einzeln, sondern häufen sie in dich¬ 
ter Menge an. Ein einziger Vers nennt seinen Gott „Imma¬ 
nuel" (hebräisch): Lebensfürst, Gnadenquell, Himmels¬ 
blume, Morgenstern, Jungfrausohn, Herr aller Herren; 
wobei in jedem Wort ein neues Bild steckt, von der mensch¬ 
lichen Gestalt des Herrschers bis zu Wasser, Blume und 
Stern. Eine andere Strophe bringt in jeder Zeile einen 
neuen Vergleich: Hirt der Schafe, Haupt der Glieder des 


Körpers, der richtige Weg zum Himmel, der Frieden 
schenkende Fürst, der Glaube als umschlingende Rebe. In 
der gleichen Weise haben ägyptische Hymnen die poeti¬ 
schen Bilder gehäuft, mit denen der Gläubige die Macht 
und Güte seines Gottes anschaulich machte. 

Die letzte Auswirkung ägyptischen Geistes liegt bei den 
Mystikern der Gegenwart in Europa und Amerika. 
Aus den Kreisen der Freimaurer sind Bücher hervorge¬ 
gangen, in denen die Symbolik der ägyptischen Gottheiten 
Licht werfen soll auf die Hintergründe des Weltgeschehens. 
Harpokrates, der Säugling mit dem Finger im Munde, ist 
dort zu einem Geist geworden, der den Eingeweihten 
durch seine Gebärde Schweigen gebietet. In der Anthropo¬ 
sophie werden ägyptische Vorstellungen bewußt gepflegt, 
auch das Fortleben der Seelen in den Gestirnen. Andere 
Mystiker haben sich an das ägyptische Totenbuch ange¬ 
schlossen als an „Das geheime Buch", das die Tore zum 
Jenseits öffnet und den Schlüssel der tieferen Erkenntnis 
darbietet. Es ist nicht eben viel von ägyptischem Geist, das 
darin fortlebt. Aber es zeigt auch seinerseits die Bedeu¬ 
tung der Glaubensvorstellungen und Kultformen der Ägyp¬ 
ter für jeden, der über theologische Dogmen hinweg zu 
den Tiefen persönlichen Erlebens Vordringen will, wie sie 
in echtem Volksglauben überall vorhanden sind. 





LITERATURVERZEICHNIS 


TAFEL-NACHWEIS 


Vollständige Übersichten über die ägyptische Religion sind in 
vielen Sprachen veröffentlicht. Die zuletzt erschienenen Bücher 
sind: 

Erman, Adolf Die Religion der Ägypter , 3. Aufl. (Berlin 1934); 

Mercer, Samuel A. B. 7he religion oft ancient Sgypt (Lon¬ 
don 1949). 

In ihnen ist die ältere Literatur angegeben, die nur teil¬ 
weise als selbständige Bücher herausgegeben ist; rich¬ 
tungweisende Darstellungen sind als Teile von Sammel¬ 
werken erschienen, wie: 

L a n g e, H. O. Die Ägypter, in: Chantepie de la Saus- 
saye Lehrbuch der Religionsgeschichte (Leipzig 1905). 

Die französischen Werke betreffen meist nur Einzel¬ 
gebiete, sind aber bedeutungsvoll wegen ihrer Vergleiche 
auf völkerkundlicher Grundlage, besonders von G. 
M a s p e r o und Al. M o r e t. 

Wertvolle Materialsammlungen sind enthalten in den 
Enzyklopädien, besonders: 

Roscher Lexikon der griechisch-römischen Mythologie, 

P a u 1 y Realencyclopädie des klassischen Altertums, 

Die Religion in Geschichte und Qegenwart, 

E b e r t Reallexikon der Vorgeschichte. 

Für die religionsgeschichtliche Beurteilung des ägyptolo- 
gischen Materials befrage man mit Vertrauen: 

Van der Leeuw, G(erardus) Phänomenologie der Religion 
(Tübingen 1933). 

Die letzte Zusammenfassung einer Kritik von theoreti¬ 
scher Seite her ist: 

Spa n n, Othmar Religionsphilosophie auf geschichtlicher Grund¬ 
lage (Wien 1947), 


1. (Farbtafel.) In dem Allerheiligsten einer Kapelle betet 
Frau Ta-Mut-anch, Tochter eines Priesters des Gottes 
Montu von Theben, vor dem falkenköpfigen Sonnengott Re 
Hor-achti und dem Atum von Heliopolis (unteräg. Gau XIII) 
mit der Doppelkrone. Man sieht durch die äußere und 
innere Tür in die Kapelle hinein; die geflügelten Sonnen 
über den Tempeltoren wehren die Bösen ab, die das Heilig¬ 
tum entweihen könnten. Grabtafel, Ausgang des Neuen 
Reichs, Holz mit Bemalung auf Stuck, Höhe 41 cm. Agfa- 
color-Aufnahme nach dem Original in Ttildesheim, Peli- 
zaeus-Museum Nr. 2127 . 

2. Das Wüstental Bibän el-muluk „Tore der Könige", auf der 
Westseite von Theben, mit einer überragenden Bergspitze 
der Kalksteinfelsen, auf der die Götter wohnen. Jach 
Theodore M. t> avi s 7he tombs of Tlarmhabi and 
Jouatankhamanou (London 1912 ) pl. III. 

3. Blick in Ober-Ägypten quer über das Niltal auf das Frucht¬ 
land und die Wüste des gegenüberliegenden Ufers. Nach 
privater Aufnahme. 

4. Ombos (Kom Ombo, oberäg. Gau I), Sockel einer Tempel¬ 
wand aus der Zeit des „Autokrator Kaisaros" Augustus 
(30—14 vor Chr.). Zwei fette Männer in Gestalt der Gau¬ 
götter bringen ihre Gaben vor den Herrn des Tempels; zuerst 
der Gott „Großes Grün" des Mittelmeeres, dann der Gott 
„Seeland" des Fajjum (oberäg. Gau XX). Nach einer Auf¬ 
nahme für das Wörterbuch der ägyptischen Sprache in Berlin. 

5. König Chaf-Re (Dyn. IV) als Sphinx (Löwe mit Königskopf) 
bewacht den Zugang zu seiner Pyramide (im Hintergrund, 
mit erhaltener Bekleidung der Spitze) auf der Hochfläche der 
Wüste bei Giza nahe Kairo. Für die Darbringung von 
Opfern steht zwischen den Tatzen ein Altar. Dahinter der 
Denkstein mit der Erzählung von dem Prinz Thut-mose 
(Dyn. XVIII), dem der Sphinx als Sonnengott im Traum 
erschien. Nach einer privaten Aufnahme. 

6. Sphinx Ramses II. (Dyn. XIX) vor dem (jetzt verschwun¬ 
denen) Tempel des Ptah in Memphis, der auch schon von 
Häusern unter Laubbäumen und Palmen umgeben war. 
Nach einer privaten Aufnahme. 

7. Abydos, Tempel von König Sethos I. (Dyn. XIX) für die 
Verehrung des Osiris und anderer Gottheiten sowie für 


270 


271 


seinen eigenen Totendienst. Blick aus dem überdachten Saal 
mit eng gestellten Säulen in einen oben geöffneten Hof. An 
den Säulen und Wänden opfert der Pharao vor Gottheiten. 
Nach einer Aufnahme für Lehnert & Landroch, "Kairo. 

8. Blick von dem westlichen Wüstengebirge in Theben auf den 
Totentempel Ramses II. („Ramesseum") mit den Priester¬ 
wohnungen, Werkstätten und Magazinen innerhalb seines 
rechteckigen Bezirks. Dahinter das Fruchtland des West¬ 
ufers mit den Statuen des Königs Amenophis III. (Dyna¬ 
stie XVIII) vor seinem jetzt verschwundenen Totentempel. 
Im Hintergrund der Nil und das Ostufer mit den Tempeln 
von Karnak und Luksor. Nach einer privaten Aufnahme. 

9. Innenseite des Tores in der Umfassungsmauer (jetzt ver¬ 
schwunden) um den heiligen Bezirk des Amon-Tempels von 
Karnak auf der Ostseite von Theben. Auf der Hohlkehle 
wehrt die geflügelte Sonne mit zwei Uräus-Schlangen die 
Feinde ab. In den Bildern opfert König Ptolemaios vor den 
Gottheiten von Theben und anderen Städten. Nach einer 
alten Photographie. 

10. Der el-Bahri auf der Westseite von Theben: Totentempel 
der Königin Hat-schepsut (Dyn. XVIII) mit Terrassen vor 
den Kalkstein wänden eines Kessels des Wüstengebirges. 
Links der Totentempel der Könige Montu-hotep II. und III. 
(Dyn. XI) mit einer Pyramide auf Terrassen. Ergänzte 
Zeichnung von Professor T>r. ing. lAvo "Hölscher. 

11. Osiris, der Totengott in Mumiengestalt von Busiris (unter¬ 
ägyptischer Gau IX), hier als Gott von Abydos (oberägyp¬ 
tischer Gau VIII) mit der oberägyptischen Krone mit 
Straußenfedern und Widdergehörn, vorn der Uräus (feuer¬ 
speiende Schlange), wird geschützt von seiner Gattin Isis. 
Diese ist durch ihren Kopfschmuck (Sonne zwischen Kuh¬ 
hörnern) gekennzeichnet und breitet ihre geflügelten Arme 
aus. Die Handlung ist einem mythologischen Ereignis ent¬ 
nommen (dem Schutz der Leiche des Osiris durch Isis bei 
seiner Verfolgung durch den bösen Setech), spiegelt aber 
auch das ideale Familienleben wieder mit der treuen Für¬ 
sorge der Frau über den Tod des Gatten hinaus. Gruppe 
aus Bronze in der Ägyptischen Abteilung (Nr. 13 778) der 
Staatlichen Museen in Berlin. Nach einem Photo der ägyp¬ 
tischen Abteilung. 

12. Unter einem großen Laubbaum (Ziziphus spina Christi 
Willd.), der in dem engen Niltal bei Dakka in Nubien 
weithin sichtbar und berühmt war, hockt der heilige Pavian, 
das Tier des weisen Gottes Thot, des Herrn von Dakka. 
Von rechts her schreiten auf ihn Gottheiten zu in der Ge¬ 
stalt der Gaue (wie Tafel 4), die ihm ihre Gaben bringen; 
der erste mit einem Wasserkrug und einem Rind. Relief in 
dem Tempel des Thot bei Dakka. Eigene Aufnahme. 


13. Hathor, Totengöttin der Westseite von Theben, als Kuh, 
die aus den Felsen des Wüstengebirges heraustritt. Wei¬ 
hung des Königs Amenophis II. (Dyn. XVIII) in einer Ka¬ 
pelle bei Der el-Bahri, durch die der vor der Kuh schrei¬ 
tende König sich ihren Schutz in seinem jenseitigen Leben 
erwerben wollte. Lebensgroße Statue aus bemaltem Sand¬ 
stein, Länge 2,25 m, jetzt im Museum in Kairo. Nach 
Edouard Naville Jhe XI th dynasty temple of D eir 
el-Bahari I (London i907f pl. XXXI. 

14. Der Grabherr betet vor dem Totengott Osiris, der als 
Mumie mit Krummstab und Geißel in seiner Kapelle thront. 
Unten bringen Diener des Grabherrn die Gaben (Rinder¬ 
kopf, Papyrusstengel, Wasserkrug) für die auf gehäuften 
Totenopfer (geschmückte Krüge, Gänse, Brote, Rinder¬ 
keule), die der Mann rechts durch Besprengen mit Was¬ 
ser weiht. Theben, Grab Nr. 69 des Menena unter König 
Thut-mose IV. (Dyn. XVIII), Wandmalerei auf Stuck. Nach 
einer Aufnahme für Lehnert & Landroch in Kairo. 

15. Der offene Hof des Tempels von Kalabscha (Nubien), vorn 
abgeschlossen durch den Pylon mit zwei Türmen (oben ab¬ 
getragen). Durch das Tor des Pylons sieht man über den 
Nil hinweg auf das jenseitige (östliche) Ufer mit den Sand¬ 
steinfelsen der Wüste. Bei den kirchlichen Festen wurde die 
Volksmenge in den Hof eingelassen, um an Prozessionen 
und Vorführungen teilzunehmen, soweit diese nicht den 
Mysterien der Priester in den Innenräumen des Tempels 
Vorbehalten waren. Nach Aufnahme der Nubien-Expedition 
der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 

16. Dakka in Nubien, Wand des Tempels mit Relief des 
„Autokrator Kaisaros" Augustus (30—14 vor Chr.) als 
opfernder Pharao. Blick nach Westen auf die Reste des 
Fruchtlandes, das jetzt durch den Wüstensand überdeckt 
ist. Nach eigener Aufnahme. 

17. Ombos (Kom Ombo, oberäg. Gau I), Tempelrelief: König 
Ptolomaios IX. Euergetes II. (146—117 vor Chr.) in grie¬ 
chischem Mantel, hinter dem seine Schwester Kleopatra 
und seine Gattin Kleopatra stehen, empfängt als Pharao 
das Siegesschwert und die Halle des Regierungsjubiläums 
von dem falkenköpfigen Horus mit der oberägyptischen 
Krone. Nach einer Aufnahme für das Wörterbuch der ägyp¬ 
tischen Sprache in Berlin. 


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18 Reeder, Pharaonenreich 


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Weitere Bände der Sammlung Völkerglaube 


Weitere Bände der Sammlung Völkerglaube 


Hellenische Mysterien und Orakel 

von Thassilo von Scheffer 

Als berufener Kenner des klassischen Altertums führt Thassilo 
von Scheffer in diesem Buch zu jener dunkleren Welt des an¬ 
tiken Glaubens, die mit der Verehrung der olympischen Götter 
nicht gleichzusetzen ist. In den geheimen Kulten, an den Weihe¬ 
stätten der Orakel blühte die echte Religiosität des hellenischen 
Volkes. So enthüllt dieses Buch Geheimnisse von Kultur und Volks¬ 
tum, die bisher selbst den Fachkreisen weniger vertraut waren. 
183 Seiten, mit 8 Bildtafeln, Jtalbleinenband D!M 5,60 

Götter der Südsee 

von Hans Nevermann 

Heute, wo die ursprüngliche Religion Polynesiens mehr und 
mehr zurücktritt, gewinnt die zusammenfassende Darstellung 
Nevermanns besondere Bedeutung. 

„Es ist ein besonderer Vorzug, daß Nevermann zeigt, wie innig 
diese Religionen verflochten sind mit der so eigenartigen Um¬ 
welt und wie jede Kulthandlung und jeder Ritus darin seinen 
Ursprung hat." ( freie Deutsche Presse, Coburg) 

219 Seiten, mit 8 Bildtafeln, Ttalbleinenband DJA 5,60 

Glaube und Welt des Islam 

von Ernst Diez 

In souveräner Darstellung erweckt Diez ein farbiges Bild von 
den Kräften, die auch heute dem Islam innewohnen. Die un¬ 
heimliche Kraft einer Religion wird lebendig, die schon mehrere 
Male beinahe zum Sieg über das Abendland geführt hätte. 
„Diez und Nevermann schreiben aus großer Kenntnis von Land 
und Leuten oft geradezu spannend von diesen uns so fremden 
Religionen." (Die Qemeinde, Lübedk) 

197 Seiten, mit 8 Bildtafeln, Vlalbleinenband D?A 5,60 


Die Ostkirche 

von Metropolit Seraphim 

Der 1950 verstorbene orthodoxe Erzbischof von Deutschland 
gibt zusammen mit anderen Theologen eine knappe Erklärung 
der Dogmen und des gesamten geistlichen Lebens des östlichen 
Christentums. Neben dem „Anderssein" wird auch das große 
Gemeinsame deutlich, das den Westen heute noch mit der Ost¬ 
kirche verbindet. 

„Mit reichem und schönem Bildmaterial ausgestattet, gewährt 
diese Schrift über Geschichte, Dogma und Bedeutung der ortho¬ 
doxen Kirche des Osten einen ausgezeichneten Überblick." 

(frankfurter Allgemeine Zeitung) 
„Das Buch hält sich in wohltuender Weise frei von Polemik 
und erfüllt seine Aufgabe als Selbstdarstellung der Kirche des 
Ostens." (Xath. Beobachter, Xöln) 

„Die Tiefe und geistige Schönheit der Orthodoxie wird uns von 
den besten Theologen dieser Kirche veranschaulicht. Möge dieses 
„Bekenntnis" orthodoxen Glaubens uns helfen, die Ostkirche 
immer mehr verstehen zu lernen." (Der Lutheraner, Frankfurt) 

339 Seiten, mit 1 farbtafel und 12 Xunstdrucktafeln. 
Jialbteinenband DJA 10,80 


Antiker Volksglaube 

von Eduard Stemplinger 

Aus allen Quellen im griechischen und lateinischen Schrifttum 
hat der Verfasser die Äußerungen des Volks- und Aberglaubens 
in der antiken Welt zusammengefaßt, die noch heute in vielen 
Bräuchen lebendig sind. 

„Außer durch die Abbildungen weiß der Autor durch seine 
Darstellung die Ergebnisse seiner weitgreifenden Forschungen 
aufs anschaulichste zu ordnen und auszubreiten. Wer auszieht, 
das Gruseln zu lernen, wird von all diesen Unholden, Gespen¬ 
stern Fetischen, Dämonen und grausigen Bräuchen ebenso be¬ 
friedigt werden wie der Leser, der um vertiefte Erkenntnis, um 
Einsicht in untergründige Zusammenhänge bemüht ist." 

(Süddeutscher Rundfunk) 

247 Seiten, mit 8 Bildtafeln, Vtalbleinenhand DAi 8 ,— 


W. SPEMANN VERLAG STUTTGART 


W. SPEMANN VERLAG STUTTGART 



Weitere Bände der Sammlung Völkerglaube 

Glaubensstufen des Judentums 

von Friedrich Thieberger 

Auch das Judentum hat eine große Entwicklung durchgemacht 
bis es zu der Ausformung kam, wie wir sie etwa aus der Zeit 
des Makkabäertums kennen. Der Verfasser, der zum Freundes¬ 
und Schülerkreis von Martin Buber gehört, gibt im ersten Band 
des Werkes „Glaubensstufen des Judentums" eine Darstellung 
dieser Entwicklung bis ins erste christliche Jahrhundert. Die 
Weiterentwicklung der jüdischen Religion in der Diaspora des 
Morgen- und Abendlandes wird im zweiten Band folgen. 

Jn Vorbereitung 

Mani und die Manichäer 

von Wilhelm Hengstenberg 

Zum erstenmal in deutscher Sprache wird eine umfassende Dar¬ 
stellung des Manichäertums gegeben, die erst durch die Funde 
der letzten Jahrzehnte im zentralasiatischen Turfan und in Ägyp¬ 
ten, neben den polemischen Zeugnissen der Gegner, unmittel¬ 
bare manichäische Überlieferungen auswerten kann. Die Stif¬ 
tung des Mani hat als manichäische Kirche trotz blutiger Unter¬ 
drückung in beispiellosem missionarischem Eifer sich nach Westen 
und Osten gewandt und im 6.—8. Jahrhundert von Spanien bis 
nach Zentralasien und China hinein eifrige, zum Märtyrertum 
bereite Anhängerschaft gefunden. Sie hat sich in den Sekten 
der Paulikianer, durch die Katharer in der Provence bis weit 
in die mittelalterliche Zeit erhalten und unauslöschbare Spuren 
in der Geschichte der christlichen Kirche und Kultur hinterlassen. 

7 n Vorbereitung 


W. SPEMANN VERLAG STUTTGART 






Bibliotheque Sc. Hist. 


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